Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1975 (14.8.1924)
- Date
- 1924-08-14
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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«fette* «Men, 'ttim&üg ■-N_• Wiener Mor^enzseitunA. Set merttanische Präsident verhandelt mit den New-Vorler Wische» Lrgonksationen. '» In einem Interview mit dem New-AoMr Vertreter der I. T. A. äußerte sich der gegenwärtig m den Vereinigten Staaten weilende mugewMte Präsident der Republik Mexiko, Calles, zu der Frage einer Einwanderung jüdischer Flüchtlinge nach Mexiko dahin, Mexiko würde errre starke jüdische Einwanderung mit Freuden begrüßen. Die mexikanische Regierung will die Eiwwanderung nicht allein von landwirtschaftlichen Arbeitern, sondern auch von Industriearbeitern und anderen jüdischen Schichten gestatten. Präsident Calles sagte, er verhandle gegenwärtig >ntit der Exekutive des amerikanisch-jüdischen Kongresses, der EmigmntenMssgesellschast H i ß und den jüdischen Arbeiterorganisationen in der Frage der Einwanderung der heimatlosen jüdischon Flüchtlinge nach Mexiko. Das Angebot des Präsidenten Calles lautet: Das a m e r i k a n i s ch e Judentum garantiert die Srmm:« vM zwei Millionen Dollar, die für die Ansiedl-rrng der jüdischen -Flüchtlinge nötig sind. Die mexikanische Regierung will ihmrsiits das notwendige Land für eine jüdische landwirtschaftliche Siedlung m großem Stil zur Verfügung stellen, ferner den neuen Von Gruard Sas. Egj»awim^7TgnMrgTWrTTrnB~B 1. Der ehrenwerte Jonaühar: Blust, LLerinspeNor des amerikanischen Mäßigkeitsvereiues Nieder mit dem Alkohol!, hatte an diesem Abend auf seinem JnsPÄtionsrmrdgang volle zwrimrdvierzig Wirtshäuser au-Msucht und d-as mörderische Gift, womit die Menschen körperlich und seelisch zugrunde gerichtet werden, überall persönlich un>tersucht. Dissen Jnfpe'?- tionsru.ndgang absolviert^ der psirchtgetreue Mann mindestens viermal rm Wtonat, was auch deshalb nottvendig war-, um noch mehr rn seiner ULberzsugu-ng bestärkt zu werden, daß der Verein, dessen begeisterter Führer erist, eine überaus segensreiche Ausgabe vollbringt. Beim Verlassen des zweiMrdvier-igsten Bcmrdmghauses bemerkte Jonathan Blust in denn Graben, der sich längs der Straße hrnzag, einen Mann. Sowohl die Nächstenliebe wie auck das Gefühl der Brüderlichkeit, welche foe'imt Verlassen des xaicruiLolerzigsten Wirtshauses in der menschlichen Brust geroohrrffch lvbhast erwachen, der-anlatzte beirrahe den Helden der großen Idee, sich neben sirnen betrunkenen Mitmenschen' zu lege». aber dieses edle Gsfichl wurde in seinem Jnnem rn-n eluorn noch edleren Gesichl nidergkämpft: vom strengen P lich.'borvaßrftin. Er eilte daher zur nächsten Te-lephonstelle, rich die RottungsgeseLlschast an und besohl dem heranrasend^u Wagen: ^Befördern S'.e den Miunn in das Palais des Vereines Hücker mit dem Mlohoi! Aber bchut am, damit er nicht er- 4,e'Inifchell Handwerker dieses Gewerbe nicht betrieben. Daher l-önt matt auch nichts von Zunftstreitigkeiten, von denen die endereu jüdischen Innungen nicht verschont blieben. Die?tn.)e!ezeirheilen der jüdischen Metallhandwerker waren so wichtig, daß dte „Synoden", die aulonomen Vertretnngsllüyer der polnisch-litauischen Juden, sich damit beschäftigen raupten. Sa bestimmte im 17. Jahrhundert die litauische Synode, daß jüdi'che Gelbgießer keine Leuchter für Kirchen machen tü.seu. Wen.n sich nun trotzdem so viele Beleuchtungskörper jüdifcl^'l Gepräges in Kirchen und Klöstern befinden, so erk.'ä'.r such dies daraus, daß die Gemeinden Ostens nach den Kosüle'.runr.'hen um di; Mitte des 17. Jahrhunderts voll-!.::rt-uen verarmten und genounoen waren, ihre werivollm Kuusrg.'getsttände ihren Geldgebern, den Geistlichen und Ade-! m, an Z^'UungSsiatt zu geben: letztere wiederum schenkten diese G^erstände.häufig den Kirchen. Die kunstgewerblichen Er^en.gnisse der östlichen Inden Ware.! M'.ch ein unchtffer Exportartikel; bei den Messen u:ro Morsten in Leiosta, Breslau und Frankfurt a. d. 'Oder w: den die Gelbgießerarbeiteu an die deutschen Juden verkauf:. Nicht nur in bestimmten Familien war das Knnstgewerbe sch'st.!'. rs war auch in bestimmten Orten konzentriert. In € .'ffj.’.flyeit war es vornehmlich Brody, wo Kupfer, Messing und G'ld verarbeitet wurde, in Kolomea und Ottynia s!.',nc.lstierte man sich auf Hffses (Mcmdleuchter), in Kuty (r.i: Luster. In Lissa in ischsen erzeugte man Gewürzbuchsen in Filigrantechnik, Becher und Sedergeschirr, in .0,'i.grrßpolen ragten Ost Work und Lublin durch ihren Ge narbet leiß hervor. Biele dieser Erzeugnngsorte waren schon i:r der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, was Güte der Erzeugnisse anbelanst, stark zurückgegangen, manche aber, wie las jüdische Handwerkerstädtchen Sassow bei Zloczow, das schöne Atharoth lTallisborten) und Chanukkahlampen erzeugte, bewahrten ihre handwerkliche Blüte noch bis zum Kriegslwgin-n. Die letzte Erwerbung des Jüdischen Museums gibt einen einzigartigen aufschlußreichen Ueberblick über die hier in Umrissen geschilderte Entwicklung des jüdischen Kunstgewerbes ivl europäischen Osten. Siedlern die Bod« nsteuer vollkommen erlassen und die Fahrtspefen reduzieren, ferner den Kolonisten auch sonst helfend zur Seite sichen. Die Mexikanischen Konsulat in der ganzen Welt würden angewiesen loevden, kewerlei Gebühren für Einreisivisa Von 'den jüdischen Emigranten enlgegenzunehnten. Der Präsident Calles sagte, er hoffe, die Juden würden die » Großindustrie Mexikos, .insbesondere die Kleiderindu strie, in einer Weise aufbaUen, daß Mexiko keinen Import me'hr bsnöt!- gen wird. Wie erinnerlich, war schon voriges Jahr von einem amerikanische Angebot betreffend eine jüdische Siedlung in Mexiko die Rede. Damals hieß es, die Regierung 'wolle nur vorgebildete jüdische Landwirte ins Land kommen lassen. Daß das Land ArbsitSkräfte bwucht, steht a-ußer' Zweifel; die bisher bestehenden Anbeitsverhältnisse lassen freilich eine Einwanderung nicht rätllch erscheinen. Tis jüdischen Flüchtlinge in Beharabien. Das Haupibnrean der Jca in Rumänien teilt mit, daß die Regie rurrg die Ausenchaltsfrift für die jüdischen Flüchtlinge in Be ß a ra b ie n, die am 1. d. abgelaufen war, bis Ende die s e's I ah res Verla n g e r t hat. wacht, denn ,schrecklich ist's -den Leu zu wecken, aber noch schrecklicher, das schlchende besoffene Schwein". Die Ncttungsleute beförderten daher den im Graben Liegender! so sanft wie der Wind die Nosenblätter an den angegebenen Ort, bloß in der Hand des einen Beamten blieb ein Büschel Haare zurück, als er den Schopf des Schlafenden etwas energischer anfaßte. Der Herr Oberinspvktor guckte von Zeit zu Zeit hinein, ob er aus seinem -süßen Schlummer schon erwacht sei, was aber erst nach 43 Stunden eintraf, worauf der Unbekannte zunächst fragte: „Wo bin ich?" „An einem sicherer: Orte!" erwiderte Mister Bluff, chm sanft zulächelnd. ,Jn dem gaftsreundlichen Haus des Vereines Nieder mit dem Alkckhol! „Dann bitte ich um eine Flasche Sherry, um den löblichen Gr-u'.rd'sätzen des Vereines Genüge leisten zu können..." Mister Bluff schüttelte sein im Dienste der Idee kahl gewordenes Haupt: „Gechrter Herr! Sie irren sich schr, denn die Bestimmung des Vereines ist nicht so aufzufassen, wie Sie es tum. Im Gegenteil: Mr führen einen evhabenen Kamps gegen -den schrecklichsten Fluch der- Menschheit. Wir wollen den Dvachen, der aus seinen neun Mäulern das Gift in die Welt fpert, niederrrn'gen." Da sprang der U-rrlbe-kannte auf und wollte entsetzt davon eilen, über Jorrachan machte ihn mit einem ffinlken Dschiu- Dschitsu-Gris-f rasch z-ahm. „Nur gemach, mein Freund! Es freut uns zu sehr, Sie gefunden zu haben, als das wir Sie so leicht wieder entsckMps'M ließen. Wir haben mit Ihnen gar Großes vor. Was, das sollen Sie binnen fünf Minuten ev'fahren. Folgen Sie mir, bitte, in das Arbeitszimmer unserer hochverehrten Präsidentin Miß Dorochea Phipps!" 2. Jonathas Bluff beeilte sich tatsächlich, seinen Schützling vor die Präsident in des Ber>eirres zu bringen. Das Aeußere dev letzteren körrnen wir nicht beschreiben, -da Hre ganze Gestalt und auch ihr Kopf in die bekannte Form der MifsionSfchwestern erngehüllt war. Bon ihrem Alter wollen wir nicht sprechen, denn die Damen lieben es Nicht, wenn davon geiprochen wird, auch dann rncht, wenn sie die Sechzig bereits überschritten haben. Bon ihrem Gesicht aber war weiter nichts zu sehen als di<> mächtige schwarze Brille. Ihr Blick jedoch war derart schavr, daß er selbst durch das schwarze Glas dev Brille bis in die Nieren des vor ihr Stehenden drang. „Hochverehrte Frau Präsidentin!" begann Jonathan Bluff, auf seinen Schützling weisend, „hier steht Unser künftiges Heil, von dem ich Ihnen bereits soviel Schönes und Gutes erzählt habe. Wersen Sie einen Blick äuf dieses bedauernswerte menschliche Wrack, Miß Dorothea! Wa8 hat das schreckliche Gespenst, der Alkohol, aus ihm gemacht! Er fft nur mehr Haut und Knochen. Seine Kme schlottern, seine Zähne klahver-n. Die Härrde zittern ihm derart, daß er Bäumt imstande ist, etwas zu ergreifen: eine Wonne ist es, diesen Menschen zu betrachten, sehr verehrte Frau Präsidentin! Denrr ein besserer Behelf für urrsere Propaganda ist uns noch nicht zur Verfügung gestanden. Was glartben Sie, Miß, wenn wir den Mann auf unsere Vortragstourrree Nitnehmen und ihn aus dem Podium zeigen: Hier die Wirkungen des schrecklichen Giftes! Wie werden sich da die Leute drällM, unserem Vereine beizutreten!" Die Präsidentin nickte zustimmend. Mister Bluff aber wendete sich nun an das Medium der Pr-opaganda: „Wie Heißen Sie, geehrter Freund?" „Ich heiße William Drill," laut-cic die - Antwort. „Doch werde ich kurz nur Willy genannt." Jonathan zog die Llugenbrauen zusamnrert. Die Präsidentin schoß durch -ihre Augengläser einerr gistigen Blick ans Willi um. Die hatten geihofft, daß sich der gesunderr-e Schatz " 14. August 19&4 ' - \ r- Nr. 197« seines Nanrens nicht werde erinnern können, wie das U notorischen TrjiUkern gewöhnlich der Fall ist. „Könntm Sie uns Ihre Lckbensgeschichte erzählen?" ,Jch kann das in drei Worten ausdvücken, wir Meneniuö Agrippa in seinem Kriegsbericht: Ich kam, sah «da! MirtLhaus und beisi-egte nicht meinen Durst." ,ßv verwechM Mepenvus Agrippa mit Hamribal/ flüsterte Jonathan der PrWderrtin zu. „Dichev große Herv Mrer hatte seimvze-it nach Karthago depeschiert: Ich kam, sas und wuvde besiegt!" Diesem Jrrtnm hatte es unser Frerrnd Willy zu derdanken, daß ex von dem Verein ein sehr vorteilhaftes Anbot erhielt. Für jedes Auftreten, bei welchem er als abschreckendes Beispiel zu gelten hatte, bckk-am ev ein Honorar von 160 Dollar, autzerdenr einen halben Liter Whisky, einen halben Liter BraM) und einen halben Liter Allasch, welche Getränke er verpflichtet war, vor dem Vortrag zu konsumieren. „Könnte ich nicht auch einen halben Liter Msinch trinken," fragte William, „den trirrike ich nämlich schr. gerrr". ,Jn Gottes Namen! Trinken Sie auch noch einen halben Liter Msinch. Ter Mäßdglk-eitsverem fft in dielser Hinsicht nicht kleinlich." 3. So geschah es, daß Willy Drill in die Dienste des Der-' eines trat, welcher mit chm auch sofort eine Propagandavundreffe antrat. Und Jonathans Prophezeiung ging in Erfüllurrg: noch nie waren die Be-mühungen des Vereines Nieder mit dem Mchol! von einem derartigen Erfolg gekrönt gewesen. Als das Publikum Willy, das Opfer des vecheereuden Giftes sah, wie er zitternd aus dem Podium stand, wo das ausgezeichnete Medium mitunter sogar von Krärnpserr befallen wurde und aus 'offener Szene zusanr>menstülzte, da überlief ei-n kalter Schauer die Zuhörer und sie toter: auf der Stelle ein feierliches Gelübde, fortan keinen Tropfen Alkohol mehr zu tvittken. Die JMssarrten deS Vereines hatten alle Hände voll -u tun, um die Mitigliedertayen emzukassieren. Die Gaschausbesitzer hingegen versuchten, ihn mit wahnsinni>gen Gummen p bestechen, damit er Jonathan im Stiche lasse und nie wieder das Podium betrete. Aber Wrllq Drill ließ sich nicht bestechen. Aber Wunder über Wunder! Das berühmte Medium machte rrmerhalb eiüigrr Monate eine übermschende Metamorphose durch, die sich weder Miß Dorothea noch Mister Jonachan erklären konnten. Unser Freund William zitterte näinr-lich schon nicht mchr, sondem stand wie die Mche auif dem Podium. Auch sein Mck irrte schon nicht mehr unstet umher. Seine Wangen glühten im rosigen Rot, gleich denen einer vauslbäckiM Jungsvau, und er begann dick zu werden, wie ein Missionär, der von Kannibalen fürs Festmahl gemästet tvird, um dam, mit Speck bespickt oder in saurer. Sauce gebeizt, ausigetischt zu werden. „Was fft denn mit Ihnen los, Freund?" erkruzdigle sich endlich Jonathan Bluff. ,Die fangen ja an, kerngesund zu werden." ,Mö fft es Mffter, gestand William aufrichtig. „Und ich habe das nur Ihrer ausgezeichneten Propaganda zu verdanken. Ihre Vorlesungen haben aus mich. derart gswivkt, daß ich gelckbte, in Hinkunft keinen Tropfen Alkohol mehr.zu trinken." „Und der halbe Liter Brandy, Whisky und so weiter, die Sie vor Beginn irnserev Vortrüge zu konsumieren hatten?" „Ich hübe diese insgeheim -immer'mit Milch vertauscht, da ich von Ihnen hörte, daß diese für die Gesundheit am zutrüglichstsn wäre." Miß Dorotheas schwarze Brille schoß gowittechaifle Blitze, während Jonathan Muff wütend aufftampfter „Unerhört! Dann halben Sie uns ja schändlich betrogen! Die haben das Vertrauen unseres Vereines schmählich mißbraucht! Mav'ch hinaus!" Und er beförderte unsere Freund Willy Drill mit einer energischen Bewegung derart zur Tür hinaus, als wäre er niema-ls im Palais Nieder mit dom Alkohol! gewesen. 4. Uttd William nahm sßitte unterbrochene TMgkett wieder auf. Der biedere Jarrathatt Bluff fand ihn eines Tages, anläßlich eines JttslMionsrundjganges, wieder im Straßengrüben. Im ersten Moment kam et in Versuchung, ob er ihn doch nicht wieder für den Prspagandadienst aktze-ptiere-n sollte. Dann besann -er sich äiber. eines Besseren. Er konnte zu dem Manne, der -den Vertrag so ni-ciderträcht-Ig gebrochen hatte und unter der Wirkung seiner VorlvsNrrg^! gcheilt worden war, kern Vertrauen mchr haben. Und er überließ Ihn seinem Schicksal --- denn, was zum Teufel sollte er mit einem geheilten MkohoWex beginnen? (Einzig aiutorisierte-U-eberfetzutrg aus deck Ungarischen von Mavils Mezer. Reue ÄaMenWerWe an der polulsch« rusiischen Grenze. (^igendienst der „Wiener MorgenjeilUttg".) Warschau, 18. August. In den letzten Togen sind n. e ü e r l t o Ä a n d e n ü b e r f ä l l e au der P o ln-isch-ruslsischeu Grenze in WolhYnien vorgrkolnrmen. So wurde in der Gegetch von Krzenmniec ein Eueres Dorf voll bew-affneten Banditen, die -mit M o s ch t n e n g e w e h r e n ausgerüstet waren, überfallen. Die Büttdlten Plünderien das Tors aus urrh flüchteten mit den geraubten Pferden nach Sowjetrußland. Die sofort eingesetzt Bevso.lgu>n-g idnrch sdie Geu«darlNtierie blieb >errgebrrrsloL.