Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1975 (14.8.1924)
- Date
- 1924-08-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Rr. 1975 ' *Jim Donners tag _ Vertrsuensvvtnm slir die neue jusoslawisÄe Regierung. Belgrad» 13. August. (Avala). Nach fünftägiger Debatte über die Regierungserklärung hat die Skupschtinä heute vormittag8 der n e u e n N e g i e r u n g mit 169 gegen 114 Stimmen das Vertrauen votiert. Dafür stimmten die Demokraten, die slowenische Volks- Partei, die bosnischen Muselmanen, die Rad ie-P artet, die Agrarier, die süd serbischen Muselmanen und die Deutschen, dagegen die Radikalen und die unabhängige» Demokraten. In den Arbeiten der Skupschtina tritt nunmebr wegen der ParlamentSferten eine U n t e r b r e ch u n g ein, die wahrscheinlich b i S E n d e A u g u st d a u e r n w i r d. LenMnads „schwerster" Hochderratssall. (Eigendienst der ,Wiener Morgenzeitang".) Berlin, 13. August. Vor dem StaatSgerichtslhofe Kum Schutze der RsPublÄ in Leipzig ist heute der große H o chb-erratsprorzeß gegen mehrere Angehörige der Reichswehr, die Wafft« ** die Komnmniisten aus den Beständen der Reichswehr M Putischtzwecken' albgegelben hatten, zu Ende geführt worden. Der Staatsgerichtshof hat in dielsem Prozesse außergewöhnlich hohe Strafen verhängt. Zwei Reichswehrsobdaten wurden zu acht Jahren Zuchthaus, mehrere andere zu sielbeu und sechs Jahre n, wieder andere zu ein bis vier Jahren Gefängnis vemrieilt. Der Vorsitzende des Prozesses erklärte in der Begvimdung, daß dieser' Prozeß den schwersten Hochverratsfall/ darstelle, mit dem sich der Staatsgerichtshof bisher zu beschäftigen hatte. Er lbedauerte, daß es nicht gelungen sei, dir eigentlichen Schuldigen in der Kommuuistenzentralle zu fassen und unschädlich zu machen: (Und die Waffenlieferungen an die rechtsradikalen Putschisten?) Die Auslage gegen Weltuer. (Eigendienst der „Wiener Movgenzeitung".) Budapest, 13. August. Die Erhebung der Anklage gegen den aus der Emigration heimgekehrten Sozialistensührer Jakob W e l t n e r erregt in freisinnigen und sozialistischen Kreisen größtes Aussehen. Die sozialdemokratische .Partei steht auf dem Standpunkt, daß Weltner in eine Falle gelockt worden sei. Die Staatsanwaltschaft hat, wie „Pesti Naplo" erfährt, seinerzeit dem Verteidiger Weltners bindende Zusagen gemacht, daß gegen Weltner keinerlei Verfahren schwebe und daß er ruhig in die Heimat zurückkehren könne. Allem Anschein nach wurde nunmehr ein Druck von höherer politischer Stelle auf die Staatsanwaltschaft ausgeübt, damit sie die strafrechtliche Verfolgung Weltners aufnehme. Der Abbau bei de» Budupefter Raulen. (Eigenbericht der „Wiener Morgenzeitung".) Budapest, 13. August. Gestern fand im Festsaal der Advokatenkammer eine Massenversammlung der Bankbeamten statt, an welcher iiber 2000 Bankangestellte teilnahmen. In der Versammlung wurde festgestellt, daß es derzeit tn Ungar« 6O0O stellenlose Bankangestellte gibt. Es wurde beschlossen, Wiener MoipienLeklung._■ eine Deputation zur Negierung zu entsenden, die die Beschwerden der Beamtenschaft und ihren P r otestgegenben t ü ck s ichtSlosen Abba« bei den Budapester Banken vortragen wird. “ Inland. Das Augustbudget. Das Defizit nur 5,5 Millionen Goldkronen. Wie die Korrespoudenz Herzog erfährt, war -der -um 7. d. von ihr veröffentlichte Voranschlag der Bundeseinnahmen Pro August zu niedrig eingeschätzt. Rach der nun vorliegenden genaueren Berechnung werden für den Monat August die Einnahmen nicht 43,7 Millionen Goldkronen, sondern 47,2« Millionen betragen, so daß das Defizit nicht neun, sondern rund fünfeinhalb Millionen Goldkronen beträgt. . Da« Prekstreibereigesetz wird ausgehoben. Ein neuer Entwurf. Die Regierung hat schon vor längerer Zeit die Aufhebung des alten Preistreibereigesetzes in Aussicht gestellt. Vor einigen Tagen ist nun der Entwurf eines neuen Gesetzes den interessierten Körperschaften vorgelegt worden. Der neue Gesetzentwurf hebt beinahe alle im alten Gesetz angeführten Tatbestände der Delikte auf, doch werden neue, den momentanen Wirtschaftsverhältnissen angepaßte Tatbestände ausgenommen. Bis zum 30. September müssen die interessierten Körperschaften der Regierung ihr Gutachten abgegeben haben. Amerlkaulsche Bankiers iu Wien. Gestern sind die bekannten amerikanischen Bankiers Gordon Marter und Hugh Baker der National City Bank in New-Dork aus Prag hier eingetcoffen. Sie werden nach kurzem Aufenthalt über die Schweiz wieder nach den Vereinigten Staaten zurück'--hren. Der Wöllersdorser Skandal. Das Strafverfahren in der Wöllersdorser Affäre ist, wie berichtet, eröffnet worden. Die Namen der Personen, gegen die es sich richtet, wurden dabei nicht genannt. Wie verlautet, handelt es sich um folgende Liste: Georg Al der, Direktor Neuhöfer von der Wöllersdorser Werke-A.-G., Leon S k l a r z, Direktor N e u m a n n von der Metallum- A.-G., Franz P i t n e r, Mitglied des Vollzugsausschusses der Wöllersdorser Werke-A.-G. und Generaldirektor B r a n d e l. Zuschriften an die RedMon sowie «nverlangr einlangenöen Manuskripten walle man stets Rückporto beilegen» da sonst eine Beantwortung» beziehungsweise Rücksendung nicht erfolgen kann. 14. August 1924 > tte S Tagesbericht. Furchtbare Ueberschwemmungslatastrovhe in Wm. 50,000 Personen ertrunken, 2000 Ortschaften unter Wasser Aus.Schanghai wird gemeldet: China wird ge< genwärtig von großen Ueberschwemmungen heinrgesuchh die eine beträchtliche Zahl an Opfern fordern; Nördlich und westlich von Tientsin stehen schon 200G Ortschaften unter Wasser. Tausende von Flüchtlingen . sind auf dem Wege nach Peking. In Kalgan sind 4006 Personen ertrunken. Die Ausdehnung der Zer. störung nimmt furchtbare Dimensionen an. Die Ge. samtzahl der Ertrunkenen beläuft sich schätzungsweise auf 60.000, die der Geschädigten aus mehrere Millionen. ein Weltrabbinat. Vorschlag des Oberrabbincrs Kuk. Der Oberrabbiner von Palästina Abraham Kuk, der sich gegenwärtig in den Vereinigten Staaten aufhält, -hat dem Bureau des Hauptrabbinats, wie I. T. A. mitteilt, telegraphisch mitgeteilt, daß er nicht, wie er beabsichtigt hatte, schon in dieser Woche die Rückreise nach Palästina antreten werde, sondern sich entschlossen habe, bis nach dem Sukkothfest, das heißt bis Ende Oktober in Amerika zu verbleiben. Oberrabbiner Kuk traf am 19. März in Begleitung der Rabbiner Schapiro und Epstein aus Litauen in New-Iork ein. Der Zweck der Rabbinerdelegation war, dem amerikanischen Zentralhilfskomitee in der Kampagne zur Aufbringung von einerMiIlion Dollar zugunsten der jüd i s ch e n Lehranstalten im Ausland zur Seite zu stehen. Während seines Aufenthaltes ’ in dm Vereinigten Staaten wohnte Oberrabbiner Kuk der 22. Jahresversammlung der Unionher orthodoxenRabbiner in Amerika bei und entwickelte hier den Gedanken, daß' das Hauptrabbinat Palästinas, das von der britischen Regierung offiziell anerkannt ist, zu einem Weltrabbinat durch Einbeziehung der größten Gelehrten der Welt erweitert werden soll. Diese Anregung wurde ausgenommen und es wurde beschlossen, daß das Hauptrabbinat in Palästina die geistliche Behörde des gesamten Judentums sein solle. Die Versammlung setzte ein Komitee ein, das für die Errichtung eines angemessenes Heims für das Hauptrabbinat in Jerusalem, das alsdann zum Weltrabbinat proklamiert werden solle, Vorsorge zu treffen hätte. Oberrabbiner Kuk erklärte, sein Vorschlag ziele vorläuftg noch nicht darauf hin, das alte Shnhetz r i o n in Jerusalem wieder ins Leben zu rufen; dafür fei gegenwärtig noch keine Möglichkeit vorhanden, das Weltrabbinat solle nur ein Anfang sein..; . '"H?! 6ln russischer Torvedoboot gesunken. Berlin, 13. August. Nach einer-Meldung des ,/Lokalanszeigers" ist aus dem Schwarzen Meere ein russisches Torpedoboot auf eine explodierende Mine gestoßen. Das Schiff sank in wenigen Minuten. Die 15 Mann staÄe Besatzung ist ertrunken. Jüdisches Kimstsetverbe im Lste«. Von Dr. Paul I. Diamant. Jüdische Museen, die als ein wichtiger Faktor im jüdischen Kulturleben angesehen werden müssen, gibt es erst seit wenigen Jahren. Sie dienen im positiven Sinne zur Veranschaulichung der Kultu-r vergangener Zeitalter, aber auch ebenso verdienstvoll im negativen Sinne zur Widerlegung alter Vorurteile, der angeblichen Scheu des Judentums vor bildlicher Darstellung der--lebendigen Dinge und der angeblichen Unfähigkeit der Inden zur künstlerischen und kunstgewerblichen Betätigung in vergangener Zeit. Der bisher falsch Unterrichtete sieht mit Staunen, wenn er ein reichhaltiges jüdisches Museum betritt, mittelalterliche Handschriften mit herrlichen Miniaturrivalereien verziert, findet allenthalben Darstellungen, selbst plastische von Menschen und Tieren und in Fülle kunstgewerbliche Gegenstände aller Art. Freillch gab es in dar Vergangenheit vereinzelte Stimmen von Zeloten, die sich gegen die malerische und plastische Darstellung von Lebewesen richteten, aber doch nur insoweit, als sie aus den Synagogen den ablenkenden Einfluß der Kunst fernhalten wollten. Dcis Wiener Mische Museum, 1893 von Baurat Wilhelm S t i a ß n y .gegründet, ist das älteste seiner Art und hat in jeder Dozichung vorbildlich gewirkt. Es enthält erlesener Kunstgut und kulturhistorisch wichtige Objekte, leider aber auch vieles Kurioses, Skurriles und Dinge, die man unhöflich, aber aufrichtig als Bodenkram bezeichnen muß. Es hat seit dem Tode feines Begründers und verständnisvollen Ausgestalters stets an Geldmitteln gefehlt, die eine zielbewußte Propaganda nicht leicht, aber doch hätte aufbringen können. Die Sammlungen wurden meistens nur durch gelegentliche Geschenke vermehrt und so mußte man es erdulden, daß das „Museum" von Getauften und Baldgetaußten zur Ablagerungsstätte lästig gewordener und im Wege sichender Familienstücke mißbraucht wurde. Das „Jüdische Museum" wurde zur „Israelitischen Reliqnienkammer". Die Sammlung hat in den letzten 16 Jahren außer dem Goldschmidt'schen Legat und der vor wenigen Wochenvon dem Schreiber dieser Zeilen durch Unterstützung -einiger Gönner erworbenen kunstvoll bemalten Seder-Weinflasche keinen nennenswerten Zuwachs erholten. Nun ist aber endlich in erfreulicher Weise eine umfangreiche Neuerwerbung zu verzeichnen. Vor wenigen Tagen ist es dem Kuratorium, an dessen Spitze Hosrat Dr. S. Frankfurter steht, gelungen, eine große Sammlung jüdischer M e t a l l a r b c i t e n des 16. bis 19. I a h r h u n d e r t s zu erwerben, -die bereits der öffentlichen Besichtigung zugänglich ist. Schon ein -flüchtiger Ueber-blick beweist, daß die Neuerwerbungen durch Umfang und kunsthistorische-m Wert hervorragen und nicht nur eine Bereicherung des Jüdischen Museums, sondern auch des ganzen öffentlichen Kunstgutes bedeuten. Die zahlreichen neuerworbenen Stücke — Luster, Leuchter, Chanukah- 1 lampen und Wandleuchter — zeigen fast durchwegs das Gepräge polnisch-jüdischer Kunstübung und bieten auch dem Laien gute Gelegenheit, sich von der Kunstfreude und dem Gewerbefleiß, der im Osten herrschte, zu überzeugen. Die kunstgewerbliche Behandlung von Metall bei den Juden des Ostens geht bis in das 16. Jahrhundert zurück. Es waren um diese Zeit Einwanderer aus Deutschland und Italien, die diese Art Kunstgewerbe pflegten. Die Stücke dieser Zeit zeigen — was insbesondere bei den Chanukalampen zu beobachten ist — guten Renaissancestil, manche auch noch die Erinnerung an den spanisch-maurischen Mischstil. Im Laufe der kommenden Zeiten trat nun eine eigenartige Entwicklung ein. Ein scheinbarer Verfall machte sich bemerkbar, die Hochkunst verschwand, es entwickelte sich eine primitive, doch sehr anziehende Volkskunst. Die Ursache dieser eigenartigen Entwicklung zum Primitiven und Folkloriftischen sind mannigfache; Es mögen aber folgende die wesentlichen gewesen sein. Das Fehlen neuer Vorbilder und.Anregungen in dem damals kulturarmen Osten, der Mangel an Wien und vollkommenen Werkzeugen und vor allem die seelische Abgeschlossenheit infolge äußerer Gedrücktheit. Man darf nie vergessen, daß das 17. und 18. Jahrhundert der Höhepunkt des jüdischen Mittelalters waren. Die innere und äußere Unmöglichkeit, im gwßen künstlerisch zn wirken und den reichlich vorhandenen Kunstsinn in Monumentalbauten, Plastik und Malerei auszuleben, drängte sie dazu, in diese Kleinkunst ihre Seele und Kunstempfinden zu legen. Durchwegs verständlich ist es nun, daß dieser unterdrückte Zug ins Große sich bei fast allen jüdischen Metallarbeiten des Ostens — im Gegensatz zum holländifch- Miischen Kunstgewerbe — in einer sonst unerklärlichen Monumentalität Vortäuschen sollender Metalloerschioendung äußerte, die sich in der Verwendung sonst sinnloser Ausbuchtungen und schwülstigen Zierate zeigte. Begreiflich auch, daß der starkausladende und kraftvolle Barockstil, der, wenn auch reichlich verspätet, doch noch den Weg in den jüdischen Osten fand, schnell Aufnahme fand und in der Folgezeit bis ins 19. Jahrhundert in Verwendung blieb. Bei weitem geringer war der Einfluß des Rokokostils und der Empirestil hat nur geringe Spuren hinterlassen. Man hört manchmal die Vermutung, daß im Mischen Kunstgewerbe altorientalische Einflüsse sortwirken. Nach dem U eberblick, denn wir bisher gewonnen haben, ist diese Vermutung irrig. Die Juden erweisen sich — abgesehen von den Einflüssen ihrer ererbten Literatur — im Kunstgewerbe und auch sonst durchaus als europäisches Volk. Die wenigen vielleicht nachweisbaren orientalischen Stileinflüsse kommen über den Kaukasus und die Krim und gehen auch nicht auf die jüdische Vorzeit, sondern wahrscheinlich auf s a s s a n i d is ch e Vorbilder zurück. Die einzige sonstige Spur allorientalischer Beeinflussung ist bezeichnenderweise auch eine literarische. Ter Psalmvers, der von der Jagd nach Gerechtigkeit spricht, war den mittelalterlichen Handschriftenillustratoren Vorwand und Anlaß, häufig Jagdszenen darzustellen, und diese Malereien waren nun in späteren Jahrhunderten Vorbilder für die jüdischen Gclbgirßcr. Die nur im Orient vorkommenden Tiere, Löwe, Leopard n. a., welche die mittelalterlichen Illustratoren von Angesicht zu Angesicht nicht zu sehen bekamen, stellte ntan — so wie die nichtjüdischen Illustratoren es taten — nach dem in Alexandrien entstandenen, im Mittel-alter weit verbreiteten Tierbuch „Physiologus" dar, das in späteren Zeiten die nie gesehenen. Tiere kaum mehr erkennbar zeigte. Daher erklärt es sich, daß die zur Verzierung der Metallavbeiten verwendeten Tiergestalten oft den Eindruck von Fabelgestalten machen. Häufig sieht man auch, daß der mißverstandene Tierkörper sich zum rein dekorativen Ornament fortentwicke-lt. Das jüdische Ku-nstgewerbe bildete auch einen wichtigen wirtschaftlichen Faktor im Osten. Die Handwerker waren tn starken Zünften organisiert, oft vererbte sich die Kunstübung durch Generationen vom Vater auf den Sohn. Juden waren tnc einzigen Gelbgießer in Polen, da die