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Wiener Morgenzeitung · 1924-08-13 · Heft 1974 (13.8.1924) · p. [Seite]

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1974 (13.8.1924)
Date
1924-08-13
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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LITERATURBEILAGE DER .WIENER MORGENZEITUNG' N ummer 22 ERSCHEINT JEDEN MITTWOCH 13. August 1924 'ADMINISTRATION, .WIENER MORGENZEITUNG*. WIEN, II., TABORSTRASSE 1-3 UNSER BUCH DER WOCHE Mystik, Wort, Glaube Aehnllch wie Grillparzer einmal meinte, der Kultus hätte den Unterricht erschlagen, beschuldigt Emil Brunner w einem umfangreichen Werke *über das Glaubensproblem*) die moderne Theologie des fortgesetzten Totschlages am Glauben. Sie setze das Wie an Stelle des Was und weise überhaupt Entartungen ln Hülle und- Fülle auf. Zu dieser gründlichen Abrechnung mit der protestantischen Theologie, die ihrerseits sich auf Schleiermacher beruft, und die er als den „Gegenwartswert Schletermachers“ bezeichnet, gelangt er durch eine eingehende und ln allen Tellen geistvolle Kritik Ihres Urhebers. Und das ist seine stärkste Seite. Brunners Buch bietet vielleicht das Endgültigste in der Schleiermacher-Llteratur; zugleich Kommentar und Kritik. Am tiefsten verstanden und im tiefsten verwundend. Er fordert geradezu den Abbau dieser Theologie, die er ein Mißverständnis und unfruchtbar schilt, als Erweis Ihrer bisher vermißten Ehrfurcht vor der Offenbarung, vor dem Wort und ruft zu Renern Ernstnehmen der Gottesfrage auf, wie dieses durch Augustin und Origlnes, Thomas und Abälard, Luther, Zwingli und Calvin in Ihrem mächtigen Einfluß auf ihre Mitwelt sich so großartig bewährt hat. Unsere Zeit findet in Ihrem religiösen und kulturellen Wirrwarr, ln Ihrer geistigen Heimatlosigkeit, nur noch ln der Religionsmischung des sterbenden römischen Kaiserreiches ein Analogon. Der Versuch einer Entwirrung führt, auf zwei letzte Arten von Gottes Verhältnis zurück: Mystik und Glaube. Die erstere kompliziert ihre Gefährlichkeit durch Ihr Verschwisteftsein mit dem Aesthetizlsmus. Für beide ist das „Erlebnis“ ihr Bekenntnis und die „Intensität des Gefühls“ ihr höchster Wert. Der Glaube hingegen Ist das Licht, der geschworene Feind des „mystischen Halbdunkels“. Heute wird er nur als Verlegenheit (daher die apologetische Orlentiertheit der Theologie) und als Last der Vergangenheit empfunden. Die moderne Theologie aber ist nichts als ein Kompromiß zwischen Mystik und. Glaube, Heldentum und Christentum, ein Hinken auf beiden Selten, das man als „gesunde“ oder „auf ein gesundes Maß reduzierte Mystik“ zu bezeichnen sich nicht scheut. Der Entscheidungskampf zwischen diesen beiden Mächten Ist unabweisbar und muß mit der Waffe der Besinnung ausgekochten werden. Diese wendet der Verfasser nun gegen Schleier* wacher, den „Kirchenvater des 19. Jahrhunderts“, den bedeutendsten Vertreter des Charakteristischen an der modernen Theologie, nämlich der Verbindung von Humanismus und christlichem Gedankenkreis an. Und so Ist denn der Nachweis der Gegensätzlichkeit zwischen Schleiermachers (immer in seinem theologischen Gegenwartswert genommen) romantischem Subjektivismus und der Glaubenswelt der Apostel und Reformatoren, der Unmöglichkeit eines Bündnisses der mystischen Immanenzphilosophie —- die eigene Provinz Im menschlichen Gemüte — und der Religion der Bibel, Gegenstand und Ziel der Untersuchungen Brunners. Und dieser Arbeit entledigt er sich mit ebensoviel Geschick wie vertrauenerweckender Offenheit. Er zeigt, daß Schielermachers Auffassung der Religion als Gefühl Im Gegensatz zu dem bisherigen Begriffsinhalt des Ptirwährhäliens bestimmter Lehren sich aus der Aufklärung und Ihrem Anthropologismus zwingend ergibt. Er verfolgt den Religionsbegriff Schleiermachers bis ln die letzten Feinheiten und stellt fest, daß dieser sich ln den „Reden“ von der späteren „Glaubenslehre“ nicht unerheblich unterscheidet. Brunner verweist aber auch auf die nahe Verwandtschaft der Definitionen, die die „Reden“ von der Religion geben, mit der,Mystik aller Zeiten und aller Völker, und folgert mit Recht daraus, daß Religion als Gefühl der Einheit mit dem Weltgrund und Verschmelzung mit dem Unendlichen gesehen, nichts anderes ist als vor- und außerchristliche Mystik. Was aber ist das Wort? Das Wort ist die Grundtatsachs des Geistes. Das Wort schafft den Geist und nicht umgekehrt. Es ist die Verbindung von praktischer Vernunft und Offenbarung und sein Besitz gibt dem Menschen der. Stempel der Gottesebenbildlichkeit. Wo der •■) Emil Brunner, lie: „Die Mystik und das W o r t." Der Gegensatz zwischen moderner Religionsauffassung und christlichem Glauben, dargestellt an der Theologie Schielermachers. Tübingen,. 1924. Verlag von J. C. B. Mohr (Paul Sieback). Mensch das Wort nachspricht, den Gedanken Gottes nach denkt, da ist Glaube. Daß Schleiermacher seinen Religionsbegriff aber mit dem spezifisch christlichen Erlösungsglauben in Beziehung setzt, bezeichnet Brunner als eine geschickt verkleidete „logische Ungeheuerlichkeit“, als eine „geradezu groteske Verletzung aller Denk- | gesetze“, als einen „verzweifelten Gewaltakt eines Menschen, der zugleich Mystiker und Christ sein will“. Das „Wort von Christus“ kann in seinem Gedankenkreis nur. eine Episode, eine Störung sein, wie - der Urheber dieses Wortes bei Schleiermacher ein modern veränderter Jesus, nicht aber der des biblischen reformatorischen Glaubens ist. Wenn nun Brunner in seinen ausgedehnten, aber überall interessanten Ausführungen den „jenseits der Geschichte" gedachten Jesus als den Träger des Wortes hinstellt, läßt er sich, wie es scheinen will, da« gleiche Zu schulden kommen, dessen er selbst Schleiermacher bezichtigt. Diese Evidenz, die allein als Wirklichkeitskriterium gelten soll, die Offenbarung, das Wort, das keinen anderen Beweis als sich selbst anerkennt, während die Mystik angeblich am Wort vorbeigeht, ist letzten Endes auch eine Art Mystik. So treibt auch er den! Teufel mit Beelzebub aus. Auch er nimmt eine „heimliche Einschiebung“ vor, zu der ihm seine glänzende Rhetorik, dieser ewige Vorzug und diese ewige Gefahr für Gedankendarstellungen, eine Art Mystik durch das Wort,. Hilfsdienste leistet. Den Primat von Wort und Offenbarung gegenüber Mystik und positivistischer Theologie. ohneweiters zugegeben, ist für den Sprung, in Wort uhd Offenbarung selbstverständlich das Wort von Jesus zu Sehen, nicht der geringste Grund einzusehen. VielmehrjJst seine eigene Gegenüberstellung der Eigenart der jüdischen Propheten in Ihrem Dienst am Wort und der angeblich „überprophetischen Vollmacht“ des Stifters des Christentums mehr deskriptiv, referierend, als dem unvoreingenommenen Denken zugänglich. Hierin ist auch Brunner der von ihm so heftig bekämpften Theologie nur ganz und gar einzugliedern, Nichtsdestoweniger wird auch der Nichtprotestant aus dem Buche Brunners sehr viel lernen. Sind doch die behandelten Fragen in Ihrer kulturellen'Allgemeinheit wirklich die am meisten ernstzunehmenden, unterschiedslos für alle gebildeten Menschen unserer Zeit. Dr. M, Rd. *r-nr iiMTiinr. MMMsW»... mm I ■■iiHtil»riffln ,■1111n -r-r-r—r--. verlange« Sie Von S WEM-ERfBUKUAV» I I. Bauernmarkt 8 StÖsSöftS ©s! DAS MODEBUCH Theorie des Films Zu den herkömmlichen Gestältungsformen der menschlichen Phantasie scheint sich eine neue geseilen zu wollen.1 der Film. Er stellt wie die Malerei fühlbare Gegenstände nnd Vorgänge in zweidimensionaler Reduktion dar (die Reduktion der Farbe auf Licht- und Schattenwirkung ist mit Rücksicht auf das der Lösung bereits nahegebrachte Problem der Farbenphotographie nicht in Betracht gezogen) und verstärkt die Wirkung der ganz auf den menschlichen Gesichtssinn eingestellten Darstellung dadurch, daß die Gegenstände bewegt werden. Der Film kombiniert also die reduzierte Raummit einer anscheinend totalen Zeit Wirkung des Dar gestellten; dies letztere ist das Unterscheidende und anscheinend Neue gegenüber den bisher geübten Formen der Gestaltung und ihren Kombinationen. Einschränkend ist jedoch festzustellen: diese bewegten Abbilder kommen durch eine Reihe rasch aufeinander folgender photographischer Aufnahmen zustande; die Bewegung wird also in eine wohl endlich e, aber für den Anschein der im Abbild kontinuierlichen Bewegung hinreichend^ große Zahl von B e w e g u n g s p h a s e n zerlegt. Also ist die vom Film wiedergegebene Bewegung auch eine reduzierte und es kommt nicht die totale Zeltwlrkung zustande wie etwa bei der Bühnenbewegung, sondern eine durch. R u h e m o m ent e unterbrochene. Dies ist wesentlich, weil sich daraus ergibt, daß gerade in diesem Punkt die Phantasie den freiesten Spielraum erhält; ebenso wie die Malerei in der Raumverkürzung den stärksten Behelf für die Phantasiewirkung hat, so hat ihn im Film die- — Wenn man so sagen darf — Zeit Verkürzung. Zugleich aber ist unbedingt festzustellen, daß der Film — die Technik kann wohl eine immer größere Zahl, aber nie die ausreichende Zahl von.-Phasenaufnahmen ermöglichen, welche das lückenlose Ineinanderfließen der Bewegungsphasen zur Gesamtbewegung ergeben würde — nie die wirkliche Bewegung sichtbar machen kann. Dies wird besonders deutlich bei Mundlbewegungen die der FMm wiedergibt; Rufe oder Gesangsszenen im Film haben Mundbewegungen, die nicht den wirklichen entsprechen, sondern denen die Zusammensetzung deutlich anzumerken ist; dasselbe kann man bei den im Film wiedergegebenen Geh- und Tanzbewegungen beobachten. ' Schon aus diesem technischen Umstand ergibt sich, daß von der Sichtbarmachung der menschlichen Gestalt, wie sie sich in Bewegung und Gebärde wirklich darstellt, nicht die Rede sein kann. Nicht einmal was die — leider durch den Geschmack der .Zeit sehr eingeschränkte — Pantomime, geschweige denn Was die Bühnendarstellung an Bewegung wiederzugeben vermag, kann der Film sichtbar machen. Nun bertht aber das Sichtbarwerden eines menschlichen Schicksalsablaufs, das Sichtbarmachen menschlich e r Tragik — soweit das Sehen allein für das Hervorbringen der tragischen Empfindung genügt — in der Bewegung, wie sie wirklich .ist. Oft schön hat das Fühlbarwerden des Zusammengesetzten, Eckigen in der Bewegung beim Film — und es ist auch bei den am sorgfältigsten aufgenommenen fühlbar — die tragische Wirkung zerstört, ja in ihr Gegenteil verwandelt. Besonders die sogenanhten Großaufnahmen im Film zeigen das am deutlichsten. - Aber was den Film für die Wiedergabe meftsOhliehet Tragik als unzulänglich erweist, ist in anderem Sinne geradezu unerschöpfliche Erweiterung des Betätigungsfeldes und Betätigungswillens unserer Phantasie. Der Schicksalsablauf ist dem Menschen eigentlich stets drückende Last und er liebt es, ihm in sefineir Phantasie ein Schnippchen zu schlagen, indem er ihn, | von der leichtesten Umbiegung bis zur grotesken Verzerrung, sozusagen karikiert. Keine andere Ausi drucksform ist so geeignet, diesem Zweck zu dienen, wie der Film; gerade durch die erwähnte Unzulänglichkeit, die hiefür zum Vorzug wird, und gerade dadurch, daß er des Wortes und der vollen Körperlichkeit enträt.Was die Groteske in Plastik und Malerei nur in beschränktem Maße erzielen kann, dafür bietet der Film durch seine reduzierte Bewegungswiedergabe Tausende von Möglichkeiten. Er kann die grotesken Gegensätze fühlbar machen, die im Ablauf des menschlichen . Schicksals oft zwischen dem Menschen und den Dingen bestehen, kann die Beziehung des Menschen zur Umwelt gerade dort, wo die Berührungsflächen beider Welten in merkwürdigen Formen ineinanderzahnen, erfassen und in göttliche Heiterkeit auflösen. Die Groteske ist die neue Möglichkeit, die der Film schafft. Den Zeitablauf willkürlich zu verändern — wofür schon rein technisch die Grundlage vorhanden ist — das allein bietet prächtige Gelegenheit für das Spiel der Phantasie ins Groteske. Das Primitivste in dieser Art ist leicht zu erproben: man unterbreche die Bewegungsphasen an irgendeiner Stelle, setze sie willkürlich zusammen, andere das Tempo, verkehre die Bewegung in der Wiedergabe durch umgekehrten Ablauf usw. und die Elemente der Zeitgroteske sind gegeben. Das Theater kann diese Möglichkeit fast gar nicht verwenden, und das Groteske nur im Wort und in der Herbeiführung einer — unbewegten, dabei stets vom Wort abhängigen —- Situation hervorbringen. Einiges in diesem Sinn kommt in der Opera buffa zum Ausdruck, welche die aus der zeitlichen Willkür entstehende Groteske — freilich im beschränkten Rahmen der musikalischen Gesetze — musikalisch malen kann. Für den Film ist der Rah* men geradezu unbeschränkt. «aftWIMIWlMI'Hlll IlMH Der WOCHE stets bei Wilhelm Braumüller ßt Söhn Wien, I. Graben 11 | BRAUCHST DU BÜCHER,! GEH ZU LÖWIT WIEN. I. ROTENTURMSTRASSS 22 _

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