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Wiener Morgenzeitung · 1924-08-13 · Heft 1974 (13.8.1924) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1974 (13.8.1924)
Date
1924-08-13
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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•y: v r “r? *< Nr. 1974 « Men, Mittwoch Wiener Moraenzeitrrng. 13. TuKust 1924 Seite 8 Aeußerungen der Lberbaurates Zng. Stöbert Stricker. Wie bereits gestern berichtet, hat der Präsident der österreichischen Zionistischen Organisation urrd Vizepräsident des Aktionskomitees Oberbaurat Robert Stricker am Montag einen Brief von Hans Herzl aus London erhalten, in welchem ihm der Sohn Theodor Hevzls von seiner Taufe Mitteilung macht. Ue-ber Befragen, ob er Hans Herzl naher gekannt habe, teilte uns Oberbaurat Stricker folgendes mit: „Meine Verbindung mit Hans Herzl, der bekanntlich in den letzten Monaten itt, einer Wiener Bank angestellt war, beschränke sich darauf, daß ich die englische Uebersetzung der Tagebücher Theodor Herzls, welche Hans Herzl selbst verfaßte, von ihm vorgelegt erhielt und ihre Herausgabe fördern wollte." „Welchen Eindruck empfingen Sie von der Person Hans Herzls?" „Während der Verhandlungen, die ich mit ihm über die Herausgabe der englischen Uebersetzung der Tagebücher führte, bekam ich den Eindruck, daß ich es mit einem psychisch abnormal veranlagten Mann« zu tun habe. Die Art, wie Hans Herzl die Bedingungen immer wieder änderte, zurückzog und neu stellte, bestärkten mich in diesem meinen Eindruck." „Hat Hans Herzl von seiner Absicht, zum Christentum überzutreten, bereits früher gesprochen?" „Anscheinend nicht; denn die wenigen Personen, mit denen er hier verkehrte und die mir ihn übrigens als einen schwer zu bchandslrcken Sonderling schilderten, hatten anscheinend keine Ahnung davon, was Hans Herzl beabsichtigte, denn sie erzählten mir wohl oft und viel über seine Extravaganzen verschiedenster Art, haben jedoch über seine Absicht, zpm Christentum überzutreten, nie etwas verlauten lassen. Während meiner durch die Aktionskomiteesitzung veranlaßten Anwesenheit in London habe ich mit verschiedenen Personen, die der Family Herzls nahestanden, darunter auch, mit Hanz Herzls früherem Vormund Joses C o w e n, gesprochen, doch hat keiner etwas von einem solchen Schritt erwähnt; dabei muß ich poch bemerken, daß ich nach dem 20. Juli in London weilte. Montag, wenige Tage nach meiner Rückkehr aus London, erhielt ich von Herzl folgenden ' 7. August 1924'/ Brief: « Hans Herzl Esqu. 2 Observatorh Gardens Cambden Hill * ' London.! i n Herrn '/ H- 1 Oberbaurat Ing. Robert Stricker. , Wien, 1. Bez., Universitätsstraße 6-78. Hochgeehrter Herr! Im Hinblick auf die von Ihnen zu treffende Entscheidung bezüglich der Herausgabe meiner englichen Uebersetzung der Tagebücher meines Vaters gestatte ich mir, Sie von meinem jüngst erfolgten Uebertkitt ins Christentum zu benachrichtigen. Ich hatte es für unrecht gehalten. Sie kn Unkenntnis einer Tatsache zu lassen, welche bei Ihren Entschlüssen stark ins Gewicht fallen dürfte, und zeichne, hochgeehrter Herr, Ihr ganz ergebener Hans Herzl." „Wird die Uebersetzung der Tagebücher erscheinen?" „Ueber das nunmehrige Schicksal dieser Uebersetzung, die nach dem Urteil der Fachleute eine tadellose Arbeit ist — unter den Begutachtern befindet sich auch der berühmte Romanschriftsteller Israel Zangwill, einer der besten englischen Stilisten, der die Uebersetzung außerordentlich lobt —, ist keine Entscheidung getroffen. Bei dieser Gelegenheit möchte ich darauf Hinweisen, daß die Mitteilung der Wiener Zeitung „Die Stunde", nach welcher die Erben Herzls, also HanS Herzl und seine beiden Schwestern,, große Gewinne aus den Erträgnissen der Werke Theodor Herzls, besonders aber der Tagebücher bezogen haben , sollen, leider nicht den Tatsachen entspricht. Ohne darüber urteilen zu wollen, ob ein Verschulden der Verleger voriliegt oder nicht, muß konstatiert werden, daß trotz der großen Verbreitung der Werke Herzls und des brennenden Interesses, das insbesondere seinen Tagebüchern entgegengebracht wird, die an die Erben Herzls abgelieferten Erträge verschwindend klein sind. Die Herausgabe der englischen Uebersetzung der Tagebücher dürfte unter anderem auch dadurch erschwert tver« den, daß jüdische Blätter in Amerika ohne jede Berechtigung und ganz bedenkenlos Ueber- .setzungen daraus in englischer Sprache bringen.". . Der französische Ingenieur Vaquier, der auf Grund eines Indizienbeweises von den Geschwornen des Giftmordes an der Besitzerin des Hotels zum „Blauen Anker" in der Umgebung Londons schuldig gesprochen wurde, aber bis zum letzten Augenblick seine Unschuld beteuerte, wurde heute morgens um halb 10 Uhr im Gefängnis von Wandsworth gehenkt. Eine nach Tausenden zählende Menschenmenge hatte sich vor dem Gefängnis angesammelt. Die Hinrichtung VaqüierS erfolgte unter besonders dramcHischen Umständen. Innenminister Henderfon hatte bekanntlich die Begnadigung des Mörders abgelehnt. Vorgestern wurde nach englischem. Rechtsbrauch das endgültige Todesurteil Vaquier in feiner Zelle durch den Direktor des Gefangenhauses von Wandsworth mittels Dolmetsches verlesen. Vaquier erlitt, als er sich um alle seine Hoffnungen betrogen sah, einen vollständigen Nervenzusammenbruch und mußte in den letzten zwei Tagen vor der Exekution von den Aerzten durch die stärksten Narkotika bei Bewußtsein erhalten werden. Raubmord und Hakenkreuz. Preyer, der Nationalsozialist. Wie berichtet, hat der in Wien verhaftete Mörder des Ms der Brrnnerstraße als Leiche aufgefundenen Saazer Arztes Dr. Siegel, der Handels angestellte Wilhelm Preyer ans Innsbruck, daS Geständnis abgelegt, daß er in einem plötzlichen Blutrausch die Tat begangen habe. Wahrscheinlich ist außer dieser psychischen Störung auch noch die Sehnsucht ncud}, der Brieftasche des Opfers maßgebend gewesen. Für alle Fälle aber ist es von Wert, sesttzustellen, daß dieser Preyer ein Hakenkreuzler ist. Er gehörte, wie die „Innsbrucker Volkszeitung" mitteilt, der dortigen Nationalsozialistischen Partei an und ist Mitglied des Sturmtrupps. Das Vorbild des Nvwvsad ist in Men Puntten erreicht und es fehlt eigentlich nur noch die Jrrenzelle als Krönung des Ganzen. Preyer prahlte des öfteren, daß er einen Gummiknüttel und einen Revolver habe, und ließ sich wiederholt hören: „Die Sozi werden wir schon ordentlich verprügln." Beim. Hitler-Putsch in München äußerte er sich: „Oh, wenn ich Geld brauche, fahre ich bloß auf einige Tage nach München, dann habe ,ich genügend „Schmatt".-Was zur Kenntnis der Hoffnungen beiträgt, die in den Kreisen des Preyer auf den Hitler-Putsch gesetzt wurden. Wilhelm'Preyer war vor einiger Zeit in Innsbruck wegen Die bst ah IS" zu 14 Tagen Arrest verurteilt worden und hatte das Ersuchen gestellt, die Strafe beim BezirHgericht in Schtv'az absitzen zu dürfen. Ende Juli trat Preyer dort die Sttafe an. Als man beim Bezirksgerichte in Schwaz von der Verhaftung Preyers in Wien erfuhr, war man darüber natürlich sehr verblüfft. Es stellte sich heraus, daß Preyer nach Schwaz einen gewissen Josef Nenner als Stellvertreter zum Absitzen der Sttafe hingeschickt hatte. .! .; Ae MMonörssöhne als Mörder. Ans Now-Aork wird uns berichtet: In verletzten Verhandlung des Mordprozesses gegen die Millionärssöhne Richard Loeb und Nathan Leopold legte der Verteidiger der Mörder, Rechtsanwalt Darrow, zahlreiche Röntgenaufnahmen der Drüsen und des Rückenmarkes der beiden Angeklagten vor. An Hand dieser Röntgenaufnahmen soll der Nachweis erbracht werden, daß .die be,iden jugendlichen Mörder mit Abnormitäten behaftete degenerierte Individuen seien, die für ihre Tat nicht verantwortlich gemacht werden können. Rechtsanwalt Darrow führte ferner eine Reihe von Studiengenofsen der beiden Mörder als Zcügen dafür, daß sowohl Loeb wie Leopold Bewunderer der Lehre Nietzsches waren. Sie hielten sich beide für „Uebermenschen" und Leopold erklärte bei einer Gelegenheit, daß „ein Uebermensch der Gesellschaft keine Verantwortung schuldig sei, wenn er einen Mord begehe". Dem Ausgang des Prozesses wird mit großer Spannung entgegengrsehen. Das Urteil soll schon in den nächsten Tagen gefällt werden. Las Wetter. Der gestrige heitere Hochsommertag soll wieder, wi: die Voraussage ankündigt, durch trübes, regnerisches Wetter abgelöst werden. , -\f \ Ende der New-Uorker Hitzwelle. New-Aork, 12. August. Die furchtbare Hitzwelle, die seit zehn Tagen über New-Aork brütete, hat vorgestern nach einem großen Gewitter ihr Ende gefunden. Am letzten Tag der großen Hitze starben vier Personen an Hitzschlag. Ein Eedbeben in Ungarn. Aus Budapest Wird uns berichtet: Heute nachmittags gegen 6 Uhr wurde in der B a r a n y a und im Komitat T o lna ein 10 Minuten währendes Erdbeben verspürt. Am stärksten war das Beben in M 0 h a c s, wo die Erdbewegungen von unterirdischen Stößen begleitet waren.■ Die Schwingungen verliefen von Süden nach Norden. Rückblick rn Ausblick. Das Ereignis des letzten Konzertes war das Bläservktett von Igor Strawinsky. Man weiß ja, wie Sttawinsky in seiner genialen Verbindung von Primitivität und Rafsinenwnt der typische Vertreter der musikalischen Dekadenz unserer Zeit ist, und wie er mit uur scheinbar einfachsten Mitteln höchste Kunsttechnik vereinigt. So mischt auch sein Oktett mit höchstem Raffinement die Bläserklänge, in seiner genialen Polyrhythmik enthüllt sich ein wahrer Ueberfluß an gleichzeitigen Rhythmen, die sich weiter verästeln und verzweigen und eine billige, fast banale Melodie verlebendigen. Russische Unterhaltungsmusik vom Pariser Boulevard, wie sie nur Sttawinskh zu schreiben vermag, elegant, kühl, geistvoll, Witz- und temperamcntsprühend. Iw seijner „kleinen Suite für sieben Instrumente op. 37" ahmt der Wiener Egon, W e l l e s z das Unnachahmliche Strawmskys .nach. Der Musikhistoriker in ihm beherrscht die verschiedenen Schulen und Stile und hat das Ziel einer objektiven Musik llar vor Augen. Mit dem feinen Geschmack und der Ueberkultur eines musikalischen Weltbürgers verteilt er, vorsichtig abwägend, Licht uitb Schatten, Wohl- und Mißklang, mit kluger Oekonomie der technischen und Ausdrucksmittel weiß er aufzubauein und wirkungsvoll zu steige cp, den Bach-Stil und die Kunst der alten Niederländer, Polyphonie und Heterophonie dem rein linearen Satz unserer Zeit dienstbar zu machen. Eine völlig ürtellektuielle Musik, die immer Anregend bleibt und eiuen imgemei.n starken äußeren Erfolg hatte. Wertvolle unproblematische Musik bot der Deutsch- Spanier Philipp Jarnach in seinem im Vorjahre in Donaüeschiugen uraufgeführten und auch in Wien bereits bekannten ztveisähigen Streichquartett op. 16, das mit regem romanischen. Klangsinn die Härten mildert und bei Nutzung dssr neuen tonalen Errungenschaften gleichwohl kein Loblied des Mißklanges singt. Darin ist er vielleicht moderner als andere Moderne, daß er sich bereits von Zwangsvorstellungen, vom Wust und Wüsten im Ausdruck befreit hat, und zum Lichte eines von konventionellen Fesseln befreiten Wohlklanges emporsiudet. Auch zwei französische Werke verraten, daß die Vorherrschaft des absoluten Mißklanges zu Ende geht: Darius Milhaud, noch vor kurzem ein Ueber-Schönberg, komponiert aufs feinste den Katalog einer Blmnenhandlung., Veilchen, Begonien,. Hyazinthen, Krokus usw. werden in knappen Versen charakteristisch vertont, der Duft der Blumen in zarten modernen Tonfarben eingefangen und so echtes Pariser Musikparfüm erzeugt, elegant und in elegantester Füllung. Ein parfümierter Expressionismus durchzieht auch die Vierzeiler des Juugfranzosen Georges Aurie in seinem „Alphabeth", kurzen Gedichtchen, die der Reihe nach mit den verschiedenen Buchstaben des Alphabets beginnen. Reizende, kleine, farbige Virtuosenstückchen, flott und amüsant, mit Tanzrhythmen durchsetzt, zeigen sie, daß auch kleine Dinge uns entzücken können. Ja, sie liegen unserer Zeit viel mehr als.die Mammutgebilde, wie auch die 1915 komponierten „Coplas" des Jungitalieuers Mario Castelnuovo-Tedesco beweisen. Coplas sind ursprünglich Solosätze, welche, mit Chorresrain wechselnd, in die an kirchlichen Festen gesungenen spanischen Chorlieder „Bilhanicos" eingelegt wurden. Die elf Coplas, welche wir hörten, sind volkstümliche lyrische Sätzchen voll südlicher spanischer Glut in ihrer Melismatik und in ihren Danzrhythmen und ähneln anderen alten Lied- und Tanzformen mit Chorresrain, wie dem Couplet und der Ballade, die ebenfalls in.der modernen Kunst gepflegt werden. Alle diese Bagatellen von Milhaud, Aüric und Castelnuovo-Tedesco stehen der Klein- und Feinkunft der Kabaretts nahe. Schließlich hörten wir noch ansprechende Klavierstücke der Tschechen Boleslav Vomack-a und K. B. Jirak, die wir beide vom Prager Musikfest her.' als. .melodiegesegnete ■ Musikanten. - schä'tzen.'/-Mnienttich Jirak zeigte sich in seiner Berceuse und im.Scherzando op. 24 als ein moderner slawischer Schumann. Auf das Konzert, bei welchem sich das Hindemith- Qu artet t, die Sängerin Marya Freund und der Kapellmeister Hermann Scherchen besonders hervortaten, folgte noch ein französisches Sonderkonzert, in welchem das Andenken Debussys geehrt und Werke des in Frankreich hochberühmten fast achtzigjährigen Gabriel F au re aufgeführt wurden. Von jüngeren Musikern war der kultivierte Claude D e l v i n c 0 u r t mit einer gemäßigt modemen Biolinsonate vertreten, welche eine zärtlich ritterliche Melodieprägung mit starkem Ausdruck und musterhafter Satztechiuk vereinigt, ferner Jacques Jbert, dessen wenig peinlichen Klavierstücke von Gil Marchez gespielt wurden. Ms Geiger glänzte Gabriel Bouillon, über alles Lob erhaben war Mme. Craiza in ihrem vornehm poetischen Liedvortrag. * Wenn wir auf das Musiksest zurückülickeu, so liegb der. Gewinn desselben weniger in einzelnen Weaen als in der klaren Erkenntnis über den.Werdegang der jungen Tonkunst. Es wurden 20 Künstler verschiedenster Nationen, ausgeführt und doch kein einziges ganz starkes Talent neu entdeckt. Vielleicht trägt daran auch die Jury schuldwelche sich ihre Arbeit leicht machte, indem sie es geflissentlich unterließ, neue Namen auf das Programm zu setzen, und die berejits bekannten Tondichter nicht mit ihren besten und neuesten Werken zu Worte kommen ließ. Immerhin erkannte man, daß die Wellen des Radikalismus nicht mehr so hoch gehen wie 'noch vor wenigen Jahren. An.Stelle, des Musikalischen Umsturzes um jeden Preis, der sich eine Zeitlaug nach dem Kriege auStoben mußte, bricht sich die Erkenntnis Bahn, daß Moderne und WvhNlang keine unbedingten Gegensätze sind. So wie die rüppelhaften Manie reu. der Nachkriegszeit auch in die Kunst eiudringen'

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