Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1973 (12.8.1924)
- Date
- 1924-08-12
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1973 Wien, Dienstag Gesichelter Afolg in London. Allgemeine Befriedigung. — Beginn der Handelsvertragsverhandlungen zwischen Frankreich und Deutschland. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) London, 11. August. Seit der Rückkehr Herriols aus Paris haben die Arbeiten der Konferenz eine .neue Forrn angenommen: Man berät nicht mehr einzeln und hinter geschlossenen Türen, sondern es findet nunmehr ein fortgesetzterdirekterMeinungsa n s t a u s ch zwischen den alliierten und deutschen Ministern statt. Die Stimmung in London ist eine allgemein befriedigte, alle Delegierten sind in gehobener Stimmung. Ministerpräsident H e r r i o t selbst kennzeichnete beute die Lage mit folgenden Worten: „Seit unserer Rückkehr aus Paris hat sich die Stimmung aus der Konferenz geändert und Frankreich zählt jetzt hier noch mehr Freunde als vorher. Nunmehr hat man das wahre Gesicht Frankreichs gesehen und seinen Fried c n s w i l l e n e r k a n n t. Jetzt hat sich ein Umschwung vollzogen. Der Erfolg der Konferenz ist gesichert." Heute vormittags traten die alliierten und die deutschen Minister zu einer Sitzung zllsammen. Der Bericht betreffend die Regelung der wirtschaftlichen Räumung des Ruhrgebietes wurde endgültig angenommen. Vorher hatte Herr io t dem Premierminister Mae Donald die Beschlüsse des französischen Ministerrates bezüdlich der Räumung des Ruhrgebietes. zur Kenntnis gebracht. Er erklärte M a c D o n a l d, da die französische öffentliche Meinung einzig und allein wegen der A b r ü st u n g Deutschlands beunruhigt sei, lege er Wert daraus, vor Abschluß der Konferenz einen Meinungsaustausch mit den deutschen Ministern zu pflogen, damit die Arbeiten der interalliierten Militäickontrollkommission unverzüglich wiederaufgenommen werden. Mac Donald stimmte dieser Anregung sofort zu, zumal er selbst, wie er sagte, einen solchen Vorschlag habe machen wollen. Aus diese Weise wird das Problem der Abrüstung Deutschlands in London behandelt werden. Auch bezüglich der Arnnestiefrage ist auf der Konferenz eine gangbare Regelung erzielt worden. Der Rat der Vierzehn hat den Bericht der Sachverständigen des Dawes-KoMitees entgegengenommen, der sich für den Schiedsspruch im Falle von Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Ueberweisungsfonds und der Investierung dieser Fonds in der deutschen Industrie ausspricht. Wie verlautet, wurde beschlossen, daß ein amerikanischer Bürger der Reparationskommission zugezogen werden soll, wenn irgend eine aus der Durchführung des Dawes-Bevichtes sich ergebende Frage vor die Reparationskommission kommt. Außenminister Dr. Strefemann stattete nachmittags H e r r i o t einen Besuch ah und hatte mit ihm eine lauge Besprechung über die Räumung des Ruhrgebietes. Wie verlautet, sei seitens Frankreich stir die Räumung der Nächste Juli in -Aussicht genommen worden. Die Deutschen hatten diesen Vorschlag abgelehnt und als TerrNin den Jänner 1925 beantragt. Elemente! hat seinerseits die Verhandlungen über den bea-bsichtigten Handelsvertrag Zwischen Frankreich und Deutschland mit «den deutschen Delegierten ausgenommen. An diesen Besprechungen nimmt Louch e u r, der zurzeit in London weilt, regen Anteil. Die Finanzminister werden am Tage nach der Auf- 'ISsung der Londoner Konferenz in Paris zußammentveten. Stürmische Ovationen für Herriot. Paris, 11. August. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Herriat hat gestern um 8 Uhr 45 Minuten die Rückre-rse nach London angetreten. Bei der Abreise würden dom Ministerpräsidenten große Ovationen dargebracht, die zugleich Kundgebungen für den Frieden 'waren. Bor dem Bahnhöfe St. Lazare wurde Herriot von einer großen Menge erlvartet, die ihn lebhaft begrüßte. Auf dem Wege zum Bahnsteig bildete die Menge ein dichtes Spalier. Ms Herriot erschien, durchbrach die Menge den Polizeikordon mit dem Ruse: ,,Es lebe der Friede! Es übe Herriot!" Der Ministerpräsident schien tief bewegt. In der Menge bemerkte man sehr v i e l e F r a u e n. Ver zerfall der vMischen Bewegung. Milllch«», 11. August. Der völkisch« Block hat, wie die „Münchener Neuesten Nachrichten" melden, in einer Sitzung der zuständigen Parteiinstanzen beschlossen, die völkischen Landtagsabgeordneten W i c senbacher und Frühaus aus der Partei auszuschließen. Durch einen weiteren Beschluß wurde auch der Ausschluß der Abgeordneten Essex und Woltarek wegen Schädigung des nationalen Gedankens ausgesprochen. Starke Mische kmigratiambewegung i« der Skraiae. Aus Kiew wird uns geschrieben: In den letzten Wochen ist der Emigrationsdrang in der hiesigen jüdischen Bevölkerung stark gewachsen. Durch die Verringerung der Einwandernngs quote nach Amerika herrscht unter, den bereits auf ihm Abreise nach Amerika Harrenden große Bestürzung. Nicht minder enttäuscht sind auch jene, die nach Kuba auswandern ' sollten. Letztens wurden mehreven febetf JiMn vM englischen KoMlat __Wiener Morgenzeitung._ Ae letzten Kurse. (Radiodienst der „Wiener Morgenzeitung".) ' London, 11. August. Devisenschlußkurser Wien 320.500, Berlin 19,15, Prag 163'/,. Bukarest 1000, New- Sjork 4,55'3/18, Paris 79,65, Brüssel 87.62'/,. Rom 100,68, Zürich 24.06, Madrid 33,71, Amsterdam 11,64'/«, Kopenhagen 27,821/,, Christlama 32,47'/,, Stockholm 17,06'/,. London, 11. August. Baumwolle schloß um 14 Uhr 16 Minuten September 16,19, Oktober 15,63, Jänner 15,28, März 16,32. London, 11. August. Effektenkurse : Tschechische Anleihe 99,—, Prager Auleibe 89.60, Skoda 87,68, Bankverein 8,—, Bodenkredit 18.—, Central-! Mining 11,06'/«, General Mining 12.—, DiamonS 17,—, DebeerS 12,—, Rio Tinto 36, Royal'Dutch 29,60. Shell 4,06'/«. Paris, 11. August. (Radio.) Effektenschlußkurse: Banque de France —, Pragobanka 405.—, Credit Lhonais 1603, Suez 18,945, Platine 825, Dabrotva 729, Banque Ottomane 770, Central Mining 886, Rio Tinto 27,28, Le Naphta ansie 409, Succeried Egypte 1015, CautschoueS fin —,—, Chartered 50,75, DebeerS ordin. 965, GoldfieldS 76,50, Huanchakas 335, Jägers Fontain 245,—, Malacca ordin. —, Maltzoff 445, Mexican Eagle 81.50, Padang —, Rand Fontain 70.50, Randmme 236.60, Silva plana —. Tanganyika 356,50, Tnbice soie Utah Ccpper 1468. Shell 330,-, Royal Dutch 23,900, Bnrmah —, Bakou 26,60. Bei Eröffnung war die heutige Börse sehr uneinheitlich. Da im Lause dieser Woche nur vier Bbrsentage stattfinden, zog sich die Spekulation ziemlich zurück. Durch das Sinken der englischen und amerikanischen Devisen wurde ein größeres Kaufangebot verursacht. Als sich am Schlüsse die Devisen etwas erholten, schloß die Börse in etwas festerer Haltung. Französische Staatspapiere haben jedoch wenig davon profitiert. a Parts- 11. August. Wechselkurse! London 80,—, New-York 17,658, Wien 24,875. Schweiz 380,60, Italien 79,30, Belgien 91,—, Prag 52,80. Aew.Dork, 11. August. Effektenbörse. Atchinson 104,27, Baltimore 52%, Canadian Pacific 150'/,, Greath Northern 65, Milwaukee 64,50, Northern Pacific 15,25, Union Pacific 143,25, Royal Dutch 43,76, Southern Pacific 95V». A«w-Bork, 11. August. (Radio.) Devtsenschlußkurte: Taggeld —, Wechsel auf London 4,56'/,, 60 Tage- Wechsel 4.62'/,. Paris 6.64, Amsterdam 39.25, Berlin 23%, Prag 2,95'/,, Silber —. Eimcisevisa nach Palästina ausgesobgt. Vor einigen Tagen ist dem Konsul von seiner Regierung die Weisung' ^gekommen, von nun an keine E im re i s e v i s a nach Evez Israel auszufolgen. Ans diese Werse sind mehrere Hunderte von Familien einer Ausreffemöglichkeit aus der Ukraine beraubt. Der gegenwärtige Emigrationsdrang kommt jenem im Jahre 1920 gleich, wo unzählige Tausende von Juden, ziellos aus der Ukraine flüchteten. Wenn sie auch jetzt von der Sewjetregierung regelrechte Päffe erhalten, so nützen ihnen diese doch wenig. In den letzten Wochen Haben über 15.0 0 0 Juden Reisepässe erhalten. Allerdings -handelte es sich in diesem Falle nur um nichtmilitärpslichtige Personen und Frauen. Die Sowjetregierung, die früher bei der Aussolgung von Reisepässen 'die größten Schwierigkeiten bereitete, hat in -letzter Zeit ihre Politik geändert, da sie allmählich zur Einsicht gelangen muß, daß die wirtschastliche Lage der Juden in Rußland noch nie so schlecht gewesen sei, wie in den letzten Monaten. Die Regierung ist nicht in der La-ge, die wirtschaftlich entwurzelten Juden allein zu beschäftigen und zieht daher deren Austvauderung vor. Russische Militsirvolirei überfällt ein jüdisches GrenMdtchen. Riga, 11. August. (I. T. A.) 60 Mann einer der russischen politischen Polizei G. P. U. (früher Tscheka) attachierten Mikitärabteilung drangen in das Städtchen Sebesch an der russisch-lettischen Grenze ein und begannen die jüdischen Läden und Wohnungen zu plündern. In dem Städtchen herrschte eine ungeheure Panik. Es spielten sich Szenen ab, die au richtige Pogrome erinnerten. Der Kreiskommqndant veranlaßt die Umzingelung und Entwaffnung der Militärbanditen. Dabei kam es zu einer gegenseitigen Beschießung. Die Tschekisten wurden schließlich überwältigt und unter starker Eskorte nach Pskow gebracht. 3tM>. Sie BMerS«»ddelezati«m in Wien. Wie die ,/Reichspost" meldet, ist 'der Tag der Ankunft der Völlkerbu ndkommission in Wien noch nicht fixiert. Sie wird keinesfalls vor Donnerstag erfolgen, da mnige der Delegierten Noch in London sestgehalten find. Eine Erklärung Dr. Grünbergers. Rom, 10. August. „Corriere d'Jtolia" veröffentlicht ein Interview mit dem Minister des Aeußern Dr. Grünb e r g e r, der unter Hinweis aus das bevorstehende Eintreffen der BölkerbuMommffsion in Wien betonte, daß diese Ko-mMission nicht nur die Möglichkeit halben werde, die Lage der Sta a tssin anzen zn beurteilen, sondern auch jene der gesamten österreichischen VoUswirtschast. Die letztere werde von den Fachleuten für durchaus gesund gehalten und das Urteil von Spezialisten wie jenen, die der Völkerbund nach Wien 'zu entsenden gddenkt, werde dazu beitragen, diese Ueberzeugung zil bestärken und zu verbreiten. Die Krise, die Oesterreich durchgemacht habe und die niemand Meugnen wolle, sei nichts anderes als eine Anpaissungskrise gewesen. Die Inflationszeit halbe im Bank- und Handels« w e s' e n eine gewisse Hypertrophie verursacht, die nach erreichter Staibilisiernng verschwinden mußte. Die Bilanz der Nationalbanlk, der Rückgang der Zahl der Arbeitslosen, die Verminderung des Defizits der Handelsbilanz und das Stengen der Spareinlagen seien Betveise dafür, daß O.'ster eich sich aus dem richtigen Wege bchinbe. 12. August 192^ . . teeflgy Tagesbericht. Prag ohne Wasser. Ein katastrophaler Rohrbruch. Aus Prag wird -uns gemeldet: Durch den Bruch; eines Rohres im Wasserwerk von K a r a n y, das ganz Groß-Prag mit Wasser versorgt, ist die Wasserzufuhr nach Prag für mindestens 24 Stunden vollkommen unterbrochen. Strafanreige gegen Baffano. Wie uns aus Brünn gemeldet wird, hat der Rechtsvertreter des Redakteurs Dr. Schütz des ,Münner Tagesbolen" ge-gen Bassano die Strafanzeige erstattet und außerdem eine Ehrenbeleidigungsklage eingebracht. Die Strafanzeige bezieht sich aus die Fälschung einiger Personaldokumente. Malariaepidemie in der Ukraine. Nach der offiziellen Statistik sind in diesem Jahre in der Ukraine 382.000 Malariakranke registriert worden: 1923 waren nicht ganz 100.000 Krankheitsfälle gezählt worden. Am stärksten wütet die Epidemie in den Gouvernements Jekaterinoslaw, Odessa und Charkow; besonders ist dort' die jüdische Bevölkerung von der Seuche bedroht. In der jüdischen Kolonie „Sede Menucha" wurden bis jetzt über 4000 Malariakranke registriert. Aus den Os-e- Ambulatorien in Cherson wird berichtet, daß sich dort im Monat Juli die Zahl der Besucher gegen den Vormonat verdreifacht. Unter den in den Ose-Ambulatorien Jekaterinoslaw im Monat Juli behandelten Kranken waren ü er 20 Prozent malariakrank. (I. T. A. Unfall eines Berkehrssiugzenses. Auf dem Fluge von Men nach Belgrad verbrannt. Aus Budapest wird gemeldet: Ein auf dem Fluge von Wien nach Belgrad befindliches Flugzeug der Gesellschaft „Franco Roumaine", das einen einzigen Fahrgast hatte, mußte wahrscheinlich infolge eines Motordcsäkts in Esepel landen. Kaum hatten der Pilot und der Fahrgast das Flugzeug verlassen, als dieses Feuer fing und gänzlich verbrannte. eine Ueberfchwemmnngskatastrophe in Nordchina. Ueber eine Million Mensche« obdachlos.—Tientsin in Gefahr. Die Bevölkerung der nordchmestschen Ebene ist von einer' Ueberschwemmung heimgesucht worden, über die in die eure-, päische Oeffentlichkeit im allgemeinen nur kurze Telegramme gedrungen sind und die eine der größten Katastrophen darstellt, von denen das Riesenreich in letzter Zeit ^troffen wuvde. Der Umfang der überfluteten Gebiete wird aus über 20.000 Quadratkilometer geschätzt. Das Usberflutungsgebiet umfaßt die weite Muvialebene, die sich westlich der großen Stadt Tientsin erstreckt und von zahlreichen, dem nahen Gebirge entspringenden Strömen durchsloffen wird. Das Hochwasier übertrifft die große Flut des Jahres 1917 und nur die damals errichteten Dämme haben bisher die Stadt Tientsin selbst vor der Ueberschwemmnng beschützt. Diese Dämme werden gegenwärtig in aller Eile ausgebessert und erhöht, allein die unaufhörlich fallenden Regengüsse erschweren diese Arbeit in höchstens'Maße und setzen naturgemäß auch die Festigkeit der neuen Ausschüttungen herab, so daß die Gefahr für Tientsin täglich wächst. Sollte das Steigen des Hochwassers nicht anchören, so wird denchinesischen Behörden nichts übrig bleiben, als die Dämme im Süden der Stadt durchbrechen zu lassen. Ueber 1000 Dörfer und kleine Städ.te sind, so viel bisher bekannt ist, überschwemmt und über eine Million Menschen wurde übdachlos. Ihr gesamtes Eigentum sowie ihre Ernte sind vernichtet, so daß für das nächste Jahr eine Hungersnot in diesen Gebieten zu befürchten ist. Zahlreiche Verluste an Menschenleben durch die Fluten sind zu beklagen und die erlittenen Entbehrungen haben ebenfalls zahlreiche Personen hingerafft. Es wurde eine Reihe von Wohlfcchrtseinrichtnngen geschaffen, um die Leiden der in Tientsin zusammengedrängten Obdachlosen zn mildern und die Großmächte dürsten voraussichtlich um die Bewilligung zur Einhobung eines Zuschlages zu den Zöllen ersucht werden, aus dessen Ergebnis ein Hilfsfonds für die von der Ueberschwemmnng Betroffenen errichtet werden soll. Auch aus anderen Provinzen werden große Ueberschwemmungen gemeldet, hauptsächlich aus der Provinz H o n a n, wo ebenfalls über eine Million Menschen obdachlos sein soll. Eine genaue Übersicht über die Schäden läßt sich jedoch schwer beschaffen. da die telegraphischen Verbindungen sowie der Straßen- und Eisenbahnverkehr mit diesen Landcsteilen zum Großreil unterbrochen sind. Dabei ist jedoch in Betracht zn ziehen, daß die Z e i t der großen Regen in Nordchina erst zur Häls e vorbei ist und daß daher noch starke Niederschläge zu erwarten sind, die naturgemätz zu einer Ausdehnung der Ueberschwemmungen, führen Werden. Die Eisenbahnen können den Verkehr nur un'-er großen Schwierigkeiten ausrechterhalterr, da die Strecken an vielen Stellen unterwaschen uu!d unpassierbar sind. Falls die Flüsse lveiter steigen sollten, ist eine völlige Unterbrechung des Bahnverkehrs zu erwarten. Orkan in Nordamerika. New-Iork, 12. August. Nach einer Meldung aus Chikago ist der mittler^ Westen der Vereinigten Staaten von einem Orkan heimgesucht worden. Es wurden zwölf Pev'oiien getötet und eine ganze Anzahl von Person " ' •' Schaden L beträgt einige Millionen Dollar,