Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1973 (12.8.1924)
- Date
- 1924-08-12
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2979076-2980834-2981056--20042-3007238- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Gelte f ’ . , Wlen, Dienstag_ baten nahmen Andenken, Professoren trugen ganze Museen fort; die Mittelmächte stellten Bergungskompagnien und Beutekommanden auf. Die Kultur war ein beliebtes Thema für Schriften gitr moralischen Eroberung, für Vorträge über Kriegsanleihen und gleichartigen Volksbetrug. An der Front ging es ungeschminkt zu, mit der Wahrheitsliebe, die dem rauhen Krieger eignet. Immerhin hebt sich Julius Sipos de Manofalva vorteilhaft ab. Er ist nicht in dem bergenden Dunkel der Revolution und Konterrevolution verloren gegangen. Er lebt und hoch in der Linken schwingt er den Becher mit freudigem Winken. Wie viele andere ziehen ungekannt und rühmlos ihre Bahn!' Sie könnten leicht aus ihrer bescheidenen Zurückgezogenheit gerissen werden. Ein öffentlicher Aufruf an alle Soldaten, die als Ordonnanzen den Generalen und Offizieren Mehl, Kaffee und Tischtücher ins Hinterland brachten, die mit den Taschenfeiteln Gobelins aus den Rahmen losten, an alle Kompagnieschuster, die der Frau Hauptmann Stiefelchen aus ärarischem Leder schnitten ,— ein solcher Aufruf würde wundervolle Neuigkeiten erbringen. Einfache, gemeine Soldaten, vom Feldwebel abwärts haben fteien Eintritt in die Ewigkeit gefunden. Sie sind gefallen oder, wenn sie so rettete:'., wie dies die Herren vom Stab getan, nach Kriegsrecht niedergemacht worden. General Julius Sipos de Markofalva ist im Februar 1922 aus ehrenrätlichem Verfahren hoch erhobenen Hauptes fortgegangen. Das war zu der Zeit, als die jüdischen Studenten in Budapest ihr Verhalten m der Kommunezeit rechtfertigen mußten und durch Prügel über den Wert christlichnationaler Kultur belehrt wurden; zu der Zeit, als die Horthy-Offiziere, die Ehrenräte jbe§ Generals Sipos, in ihren Kellern Jüdinnen schändeten und Juden folterten. Es war eine große Zeit und in dem Horthy-Staat dauert sie noch an. Der Advokat Kovacs wird eingesperrt und der General nicht. Der General ist eben ein Held und als solcher ein typischer Repräsentant der Turaner und Arier, die für die Kultur retten gingen. Wettere „Rettungen". . Aus Mailand wird uns gemeldet: Der Domprobst von Quero, Don Jnnocente Ferrazzi, veröffentlicht im „Corriere d e l l a Sera" eine Erklärung, aus welcher hervorgeht, daß das Altarbild von Palma Giovanne nicht das einzige Bald war, welches die ungarischen Truppen im Sommer 1918 aus der Kirche weg führten. Ferrazzi teilt dem Blatte mit, daß er anläßlich seiner Verhandlungen mit Dr. Kovacs in Quero den Budapester Rechtsanwalt in Gegenwart von Zeugen daran erinnerte, daß auch andere Bilder aus der Kirche von Quero fehlen, darunter ein sehr wertvolles, großes Gemälde von Da Ponte. Doktor KoväcS versicherte dem Probst, daß er voraussichtlich in der Lage sei, der Kirche auch dieses Gemälde aus Ungarn zurückzuverschaffen,- salls' Probst Ferrazzi sich entschließt, den Palma Giovanne zu erwerben. Probst Ferrazzi glaubt daraus schließen zu dürfen, daß der Budapester Rechtsanwalt auch von dem Schicksal des Da Ponteschen Gemäldes Kenntnis haben muß. Dr. Kovacs freigetassvn. ' Budapest, 11. August. Dr. Kovacs wurde heute vom Anklagcsenat aus freiem Fuß gesetzt. Gleichzeitig wurde das Strafverfahren gegen den Mitbeschuldigten Architekten Marko eingestellt, da es erwiesen scheint, daß beide im „guten Glauben" vorgegangen sind. Die Staatsanwaltschaft rekurriert. Ler Solvjet-MttariMW. Die „Baltische Presse" schreibt über den Ausbau der Sowjetstreitkräfte: Der Friedensstand der roten Armee beträgt 760.000 Mann Nach offiziellen Angaben. Davon bilden' 150.000 Mann eine Art Miliztruppe, ein Mittelding zwischen Armee- und Polizeiorganisation. Dieses Korps gehört mit zu den schlimmsten Auswüchsen des roten 'Militarismus. Ihm ist die Grenzbewachung über-' tragen, aber es verbindet damit zugleich die Organisierung von Aufklärungsbanden, die von Zeit zu Zeit die polnischen Grenzen überschreiten und geradezu einen Kleinkrieg von Raubcharakter führen. Außerdem ist dieser die Spionage nach innen und außen und die Unterdrückung etwaiger selbständigerer Regungen außerhalb und innerhalb der kommunistischen Partei anvertraut. Die rotrussische Armee besteht aus 18 Armeekorps Infanterie zu je 3 Divisionen und aus 5 Divisionen Kavallerie zu je 8 Brigaden. Die Hauptmacht dieser Truppen ist an den Westgrenzen, ein Teil im mittleren Rußland und ein Tell im nördlichen Kaukasus zusammengezogen. Sowjetrußland hat nunmehr die zweijährige Dienstzeit und hebt jährlich über 350.000 Rekruten aus. Der rote Generalstab rechnet damit, daß er bei einer Mobilisierung über 6 Millionen militärisch bereits ausgebildete Soldaten wird auf die Beine stellen können. Die Disziplin ist strenge und die Ausbildung des ' Offizierskorps besonders genau und gewissenhaft. Mit der Organisierung der Armee aber für kriegerische Aktionen geht eine Mobilisierung dar Bevölkerung hinter der Front für Heeres- und Kriegssragen Hand in Hand. Der Militarismus soll in breiten Volksmassen Sowejtrußlands popularisiert werden. Da-, rum haben die Sowjets jetzt zur Bildung von Zivilvereinen solchen Charakters gegriffen. Hierher gehört vor allem der „Dobrochim" und der „Dobrolot". Der „Dobrochim" soll alle Hebel in Bewegung setzen, um Ruß- Wiener IS. AiMst 1021 M. 1078, ÄU. 11WÄI 181 Die seit einigen Tagen i-it Wien verbreiteten Gerüchte von der Konversion Hans Herzls, 'des Sohnes Theodor Herzls, finden ihre Bestätigung. Hans Herzl ist aitn 20. Juli im Dominikanerkloster in Wien durch den D o m i n i k a n e r p a t e r Schlesinger, e■ neu Inoenslänimling, getauft worden. Unmittelbar nach der Zeremonie ist Hans Herzl nach London abgereist. Hans Herzl war bei dein Tode seines Vaters eben Bar mizwah geworden. Ms dem Döblinger Friedhof stand er bei der Leichenfeier neben David Wolffsohn, den Herzjl testamenta-rrsch zun: Vormund bestellt hatte. lands Kricgsrüstung durch eine gutarbeitende chemische Industrie und die Massenproduktion giftiger Gase, zu vervollständigen. „Dobrolot" besteht seit zwei Jahren, bezweckt die Popularisierung und Vermehrung der Luftrüstungen der Sowjets. Das Budget des „Dobrolot", einer mächtigen, heute fast ganz Rußland umfassenden Organisation, beläuft sich heute bereits auf 4 Millionen Goldrubel jährlich aus Mitglicdsbeiträgen. Der „Dobrolot"'hat 6000 Filialvercine im Lande und hat für die rote Armee bereits 100 Flugzeuge erbauen lassen. Der „Dobrolot" befaßt sich auch mit der Organisierung des Zivilflngwesens, das er bereits stark entwickelt hat. Besonderes Augenmerk hat der rote Generalstab in letzter Zeit der Flotte gewidmet. Auch hier sind große Fortschritte erzielt und die Flotte ist wesentlich ausgebaut worden. Zivilvercine im Stile des „Dobrochim" und „Dobrolot" sowie besondere „Flottentage" popularisieren und fördern den Ausbau der roten Flotte, die noch unlängst erst einige Kreuzer nach abgehaltenen Manövern auf eine Auslandssahrt geschickt hat. Genf, 11. August. Die englische Regierung beantragte soeben beim Generalsekretariate des Völkerbundes, daß die Frage der Grenzen des Irak, gemäß des Artikel 3 des Lausanner Friedensvertrages, die sogenannte Mossulsrage, auf die Tagesordnung der nächsten Völkerbundsratssitzung vom 29. August gesetz^werderr.-soll. / Uebrigens ist es nicht ausgeschlossen, daß die türkische Negierung nach der Ratifikation des Lausanner Vertrages ihr beim Abschluß des Vertrages abgegebenes Versprechen, in den Völkerbund einzutreten, noch erfüllen wird. Eine neue Spur in der Untersuchung. Wie der Jerusalemer Korrespondent der „Vossrschen Zeitung" meldet, wurden in den Taschen des ermordeten D e H: a n Papiere gesunden, die ihn persönlich sehr kompromittierten und die Auffassung, -daß es sich um ein politisches Attentat handelt, znrücktreten lassen. Genauere Angaben werden von der Psilizei verweigert, doch vermutet man nach den über der: Inhalt der Papiere durchgesickerten Andeutungen einen privaten Racheakt, welcher mit einer abnormalen Veranlagung de Haans zusammenhängt. , Sofia» 11. August. Die bulgarische Telegraphenagentur bezeichnet die von einzelnen Athener Blättern gebrachte Nachricht über einen arrgeblichen Angriff aufdas griechische Konsulaten P h i l i p p o p e l und über einen deshalb vom griechischen Vertreter in Sofia unternommenen Schritt als absolut falsch. Ebenso entbehre die Nachricht von der Proklamierung de8 B e l a g e r u u g 8 z u st a n d e S in Bulgarien jeder Begründung. . Wechsel im »nsarkschen NuanzmlMerium. (Eigendienst der /Wiener Morgenzeitung".) Budapest, 11. August. „Az Est" zufolge wird Johann B u d anfangs September das F: n a n z p o r t e f e u i l l e übernehmen. Baron K o r a n h i wird wieder als G esandter nach Paris gehen. Ritt RegierullgÄvmmMr für Budapest. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Budapest, 11. August. Wie „Ä Reggel" erfährt, hat Ministerpräsident Graf Bethlen gestern abends dem Abgeordneten der Regierungspartei, Dr. Zenö Bessenheh, das Amt eines RegierungAkommissärs der Hauptstadt Angeboten. Abgeordneter Bessenyey hat die Berufung a n gekommen. Seine Ernennung wird noch im Lause dieser Woche im Amtsblatt ve'rlautbart werden. Der gewesene Oberbürgermeister B a r r; y hat eine Berufung abgelchnt. Seit etwa 20 Jahren lebte Hans Herzl in England, wo et erzogen wurde. Bor wenigen Monaten kam er nach Wien «und trat in die Union-Bank als englischer Korrespondent ein. Am 20. Juli ist er, wie erwähnt, wieder nach London abgeveist.. , Er hat' von dort cm den Präsidenten der österreichischen Zionistischen Organisation. Herrn Oberbaurat Robert Stricker einen Brief gerichtet, m welchem er mitteilt, >daß er zum Christentum übergetreten sei. Dieser Brief ist gestern hier eingetvoffen. Herr Stricker stand mit den Anwälten der Familie HerzL wegen Herausgabe der Tagebücher Theodor HerzlS in englischer Sprache in Berbüldung. ■ mhjmmmbwu'i—«mm||i BiimiiHHiiiMMUHiiiiffli in»hihi iiiiiiinrniiBiifmiiTTTm nminnni Berlin, 11. August. Zur heutigen Versassungsseier der ReichSrcgierung hatte der Reichstag Flaggens ch m u ck angelegt. Zur Feier war auch der Reichspräsident erschienen. Die Eröffnungsrede hielt der Oberbürgermeister von Hamburg, Dr. P e t e r s e n. Im.: Vordergrund seiner Ausführungen stand der Satz, daßder 11. August der Tag des deutschen Volkes sei. „Weib wir den Frieden wollen", sagte Petersen, „bekennen wir, daß dieser auf die Dauer nur gesichert werden kann durch Achtung vor den angeborenen Rechten aller Menschen. Die deutsche Republik ist nicht die Schöpfung des zusammengebrochenen Volkes vym November 1918, sondern die der wiedererwachen*: den deutschen.Nation vom August 1919^ An Stelle des abwesenden Reichskanzlers ergriff! Reichsministcr Dr. I a r r e s das Wort. Er sagte, daß? die Weimarer Verfassung die des ganzen deutschen Volkes sei, deshalb von allen geachtet und gewahrt werden muffe.' Eine Rede des Gesandten Pfeiffer. i Bei der gestrigen Feier der deutschen Ver-sassnug in Wem j sprach der deutsche Gesandte, Dr. Pfeiffer, MherordoMchk; hoKsmlngsvolle Worbe, -die mit tiefer ErgÄffercheU angehöud tourden. Der Feber ging ein festlicher GotteLbienst für alle Be-! kenutmsse voraus. Im Tempel' in der Seitenstettengasfe, too-j Rabbiner Dr. Tcrglicht predigte, war die Gesandtschaft durchs ihren Rechtsanwalt, Justizrat Dr. Adler, vertreten. | Rach dom Gottesdienste versammelten sich die Vorstände! der wichsd-entschen Vereine und die hervorragendsten Mt-? gliäder der Kolonie im großen Fest s aale der Gesa nd ts ch a f t in der Metternichgasse.. Um halb 12 Uhr trat! Gesandter- Dr. Pfeiffer in tüe Mite der Gäste und hielteine Ansprache. Er gab der Hojffnnng Ausdruck, daß sich ifeta freundschaftlichen und herzlichen Beziehungen zwischen Vene! deutschen und der österreichische« Republik immer mehr pev,' tiefen. Er heiße die Gäste mit froher HoMmmg und HechenS-i lfveude wiMormnen. Die Berhandlungen, die Ar diese« Dag«: to: L ond -n gepflogen werden, erfüllen unS mit einer gewissen Zuversicht. Dem Redner erischsine es, als das Große, das m:-' gchmer Wertvolle, daß Ne Frage der Repavationeu und frer Pfänder hinübevgeizogen worden sind von der politischenj in die wirtschaftliche Sphäre. ES sei: schon viel ge-! lvonnen, wenn einmal für im allgemeinen gar nicht j statierbare Verfehlungen in Hinkunft nicht mehr deutsch« Staatsbürger mit MißhaMungen nnib Leiden bestrafte werden. Wohl sind die gegenwärtigen Stunden «och M-l voll, da das deutsche -Wirtschastsleben ^a^rmed«!vliegt, ArbeitsgelMrcheit vielfach nicht vorhanden ist, die Mb-' satzgebiete noch vielfach verschlossen sind; aber die Nebel be-i ginnen sich zu lichten. Die Verhandlungen, die in London pflogen werden, können uns mit Zuversicht erfüllen. Sie wäre größer, wenn es gelungen wäre, ein V ereinheitlichung deS' deutschen Willens zeigen. Ms die B'e r s a s s u n g von Weimar' im Jahre 1919 geschaffen wuvde, Wan es Kar, daß sie nicht die Träume echnllen könne, daß sie nicht allen EÄvertnn>gen entsprachen! könne. Sie te-ilte ihr Geschick mit allen' StaatsgvMdge!setzm,! wenn .man von den zehn Geboten Mosis >ci!vsieiht. Es gebe kein anderes Gesetzwevk, das nicht umgesormt wovden wäre 'im Verlaufe dev Begebenheiten. Was aber augostrebt werden muß, das sei die VereinheMchurdg des Willens. Das ist die Forderung der Stunde. Die Deutschen nmssen trachten, daß nicht das beschämende Schmchpiel der verflosienen 'JahvhMderte sich wiedecholt: daß die Deutschen politische Spaltungen zeigen. Die Männer, die ln London die Sache der Deutschen sichren, inmssen wissen, >daß hinter ihnen alle Dentischen stehen, die guten Willens sinld, destruktive Elemente ausgenommen. GesaM-er Dr. PfeiWr sprach die Hoissnung aus, daß die schon unterfertigten und die vvribevviteten Bevträge Dentschlaitd die Last der Besetzung v o n R h ei n n nd Ruhr nchnren werden, daß sich in den chemaligen Gegnern die U-obeyzengnng geltend macht, daß nt an ein Volk nicht durch Zwang Niederdrücken kann. Nur der natimraile'Gedanke fi'chrt zur wahren Inter- Nationalität. Erst, tvenn sich die Wieder eines Volkes enM LneinawdevsckMßen mvd national denken lernen, können fie sich zur wahren JntMMbionalität dürchrin>gen. National cs Denken und der Glaube an das eigene Volk > seien Grundibchingungen für den Aneinandcvschluß der VWer. 3Bve immer ncan.die Ursachen des Weltgaschchens betrachtet — ob als Wiel der KLD«. -0 mechanisches Geschehen. \M Wirkungen des Kräftoprallelogrammes — es ist die höchste Zeit, daß die Stunde M UMchwWges^ koumtt, denn die Wghr ist g^k.