Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1971 (10.8.1924)
- Date
- 1924-08-10
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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'*%?!*? P?P /jaj^* W^IA'F*" M. Ml Wien, Sonntag S J Schottm Alejchems „Schwer. Jude zu sein" (Schlußszene) in der Aufführung des New- Aorker jüdischen Kunsttheaters, im Vordergrund S t r a tz b e r g (Sjomka), rechts Morris Schwartz (David Schapiro), im Hintergrund FrM Appel und Iran <8ersten. KunWeatll und Thealettunst. Äkv Swo-Yorkr Mschm Künstlern zum Abschied.; Das eben beendete Gastspiel des New-AorLer jüdischen Kmrsttheaters gibt Anlaß, diese Erscheinung der Theaterkunst in zweierlei Hinsicht abzuwägenr Im HiEck auf die moderne jüdische Dheaterkunst, von der das Wiener Publikum Lisher drei markante Formen kennengelernt hat, und im Hinblick auf das Wiener Theaterleben. Um mit dem nächsten Umkreis zu beginnen —. Wien hat die unter der Führung von Morris Schwartz stehende Künstlerschar enthusiastisch ausgenommen; zu diesem warmen Enthusiasmus, der als erfrischendes und stets belebendes Ozon der Wiener Theaterlust Wannt ist, kommt in diesem Falle noch etwas arideres: das Auftreten der'Now-Torker jüdischen Künstler wirkte ebenso wie bisher alle. Darbietungen des modernen jüdischen Kunsttheaters, die der Freien jüdischen Volksbühne sowohl als auch' der Wilnaer Truppe, wie eine Offenbarung. Weniger fällt dabei der Umstand ins Gewicht, daß immer wieder die Entdeckung gemacht wird, deren man ja nachgerade überdrüssig fein könnte, die Juden spielten gutes Theater, als vielmehr die imMor wiederkehrende Bewunderung eines gut durchgeav'beiteteck Enfemblespieles. V,. - \ )/-v Wiener MorgenzeÄung.;spekulatäerlUNteMw^eiUe'völlige 'geistig^ Ersassutch der Materie nötig machen, witz>twa in AndrejeW -Die sieben ^Gehängten"; Hso.nders Dreist.tzer- NxstMWvynTLei- Ws.,,Schmates"'un^ Toners "„Hmkemann^ (in her letzten' i Aufführung Wes' StückM/dm ^er Schreiber -dieser Zeilen ' sah,„ war Hmkemguns Fvau^geradezu ein Aergernis):. ' Wem nun Äeses ZMnko' in dem' sonst guten Theater der New-Iorker unbemerkt blieb «und das technisch einwandfreie' Ensemblespiel allein ^in' Men Offenbarungsstimmung auslvste, so liegt dies haran,!^ß Wen der. wirkliche Be-? griff bed j— was wohl eher WtveffW düDe VMg^unbekannt ist. i Wien hat, lange bevor das Starshstem hier offiziell das Theäterwesen beherrschte,^ das Theüter^ als' Angelegenheit persönlicher Einstellungen zu einzelnen Schauspielern beitrachtet und für das Ensembletheater wenig ' Verständnis j gehabt (es verging lange Zeit, bis Bvahm hier'durchdringen konnte und seine Wiener Gastspiele waren in-der Periode, da Brahms Ertsemblekunst aus ihrer höchsten Stufe stand, ^leer)t' Die Legende vvm herrlichen'Ensemblespiel des alten Burgtheaters dürfte ebenso eine Journalistenerfindüng Estin, wie die ganzis übrige M-Men-Sentimenwlität. Der größte Teil der Wiener Kritik hat fein Sentimentsürd'as l Zufammenspiel des alten Burgtheaters in Sonn- und Fei- : ertagtznummern sich.ausleben lassen; aber dertchgliche.Kar- :mü-Gof oder jüdische NeböDmt, Welcher das Theaterreferat ,Zesorgt", hat nie darauf hingewiesen, welche schandbaren Aufführungen sich,um WLeistung dstses oder jenes „Prominenten" (so heißtdoch der jetzt gebräuchliche Ausdruck für Star) gruppieren, urü) so hat gerade die Tagschreiberei, welche '■ die' Mehrheitsmeinunig zu berücksichtigen hat, mit wenigen Ausnahmen zu der heute herrschenden Verlotterung' des Mener Theaterlebens beigetragen. Und nun hat sich durch eine jüdische Truppe aus New-Hork der eigenartige Zustand ergeben, daß , das Wiener Publikum weit mehr' Interesse für Ensemblekunst, mag. sie auch.nur technisch vollendet sein, zeigt als ihr die Kritiker zumuten, diese Desavouierung der „zünftigen" Beurteiler könnte den Theaterleitern sagen,' welchen Weg sie zu gehen haben. 10. August 1924 t 3 ft ■ Was hier so VewjWM wW, ist eine der primitivsten Kmndvoraussetzungen anständiger Theaterkunst; wenn die Erfüllung eines fundamentalen Anspruches, hier in Wien als Phänomen und Offenbarung gilt, so beweist dies nur, wie schlecht es um die Theaterckunst der. Stadt bestellt ist, die als Theaterstadt gerüAnt wich. Das New-Norkev jüdische Kunsttheater bringt ein Zufammenspiel, das technisch allen Anforderungen an das Theater'(und es sti nochmals betoyt, daß diest Anforderungen geradezu selbstverständlich sind) entspricht; auch was gewisse Stimmungen anlangt, so ist die Regie, >welche bei den New-Aorkern. arbeitet, imstande, gut Ringende Harmonie und Einheitlich-, keit der Stimmung hechorzurustn und feftzuhalten; dies bis zu der Grenze, wo für den, der Theater als nicht rein technisches Problem betrachtet, die Krönung jenes Baues liegt, welchen eine, gute Theatervorstellung darstellt: jene Seite nämlich, welche dem Zufammenspiel erst den vollen künstlerischen Wert. verleiht, die ge istig e, ist nicht die stärkste dieser vorzüglichen Mischen Künstlertruppe. Das schwache, geistige Gtrsemblespiel t-ät besonders bei den Aufführungen jener Stücke hervor, deren Problemstellung und ™ Die Ausführlichkeit, mit 8er hier die einzelnen Darbietungen der New-Zorker Künstler gerade im Hinblick auf ihre Einordnung in die moderne jüdische Theaterkunst besprochen wurden, macht es überflüssig, in diesem Punkte ins Detail zu gehen. Zusarnmerffafsend kann gesagt werden: Die Aufführungen der New-Aorker beweisen, daß die. so junge Mische Theaterkunst technisch bereits zur vollen Ausnützung aller Möglichkeiten gelangt ist. Geistig steht sie aus dem Boden eines an und für sich sehr gesunden, aber durch das Milieu, etwas zu sehr eingeengten- Natural: sm u s. Die seelische Grundstimmungdes Theaters der New-Vorker ist eigentlich — ebenso die des jüdischen Theaters überhaupt — eine romantische mit einer gewissen Neigung zur Sentimentalität. Darum ivaren auch die Aufführungen der Scholem Alejchem-Komödien (besser gesagt der szenisch gestellten Schilderungen Scholem Alejchems) dort, wo nicht die unzulängliche Bearbeitung des Stoffes störte, wie etwa in „Tewje, der Mlchmann", die besten; darum konnte auch die mit ein wenig RoiyanÄ und ein wenig Sentiment spielende Idylle von Perez Hirschbein „Der. Schmiedes. .Töchter" den .Höhepunkt des Gastspiels bilden! ' ' Me sehr noch die Begrenzung der schauspielsrischen Gestaltung durch das Milieu vorherrscht, welche dieser jungen Theaterkunst noch eine gewisse Unfreiheit gibt, beweist am besten die.Aufführung der „Gespenster", die (bis auf d:e bereits ausführlich besprochene Leistung von Frau Anna Appel, der umfassendsten weiblichen. Begabung dieses Ensembles; die ursprünglichste und seelisch'.'sie ist Frau Abramo witsch) jene Haltung vermissen ließ, Welche für jedes Theater, soll es über die Grenzen seines Ursprunges hinaus wirken, sozusagen unentbehrlichstes Requisit ist. Darsteller wie Paul Barat off, der mit dem Ensemble des Kunsttheaters nur in einem Stück (und leider in einem schlechten) vor das Wiener Publikum trat und in der nächsten Saison dem New-Norker Ensemble ganz angehören wird, können viel für die Entwicklung der jüdischen Theaterkunst bedeuten; ein Schauspieler wie Baratoff ist imstande, durch seine. geradezu vierdimensionale Kunst, die ins Metaphysische hinüberreicht, nicht nur einem' Ensemble, fordern auch dem jüdischen Theater überhaupt neue Wege der Entwicklung zu bereiten. Die große Geste des Theaters, seine Weltgeste, die dieser Künstler virtuos beherrscht, deutet die Richtung an, in welche die jüdische Theaterkunst gewiesen.wird, parallel mit der Entwicklung des Theaters überhaupt, das vielleicht ball) aus der Schaubühne wieder zu dem werden wird, was es einst ivar: V o l k s m h st e r,i u m oder —- Bölkermhsterium. ' ' , Die Arbeit der New-Aorkev Künstler, die von gläubigem Ernst beseelt ist, hat manches für die Entwicklung des jüdischen Theaters zur reinen Kunst getan; und, stolz darauf, daß eS wieder Wische Kunst ist, welche in dieser Stadt der geistigen Malariaatmosphäre etwas vom reinen, reinlichen Wesen der Kunstoffenbarung bot, rufen wir den New-Aorkern ein herzliches „Auf Wiedersehen" zu. Siegfried Schmiß. -j P. S. Eben erfahre ich, daß Lia Rosen ans jüdische Kunsttheater in New-Bork kommt und dort als erste Nolle die Leah in An-flis „Dhbuk" spielen soll. Dem jüdischen Kunsttheater und der jüdischen Dheaterkunst ist zu diesem Engagement herzlich zu gratuliere^ ' kin mbekanutes „Lied ohne Worte" Mendels» sohN'Barcholdtzs. kJ« einem alten Stammbuch^gestinden.) Die Monatsschrift „Die Musik" (Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart) veröffentlicht in ihrem Anguscheft ein unbekanntes ,^Sied ohne Worte" für Kklvier von Felix Mendeilssvhn-Bartholbh in einer getreuen Nachbildung der- Handschrift. Der Herausgeber Johannes Kahn hat es. in einem alten Stammbuch anfgeftöbert. ' Es handelt sich um ein wertvolles Musikstück, das von schwärmerischer Romantik erfüllt ist. Melodisch erinnert es ein wenig an das bekannte „Frühlingslied" von Gounod, doch ist natürlich an eine Beeinflussung des einen durch den anderen nicht zu denken. Ms Uebevschrift stcht ausdrücklich: ,Mn Lied ohne Worte", als Nachschrift: „An Fräulein Doris Löwe mit der Bitte um ein sreu-Miches Andenken. Felix MendelSschn-Bartholdh." ^, Doris Löwe war eine der Töchter des Wiener Hofschan-- spielers Ferdinand Löwe; da sie ihre ältere Schwester, die bekannte Sängerin Sophie Löwe, spätere Fürstin Liechtenstein, oft auf Kunstreifen begleitete -und dabei Mendelssohn im Jahre 1841 in-Berlin getroffen haben kann, ist die Niederschrift.wohl tot dieses Jahr zu setzen, ungefähr gleichzeitig mit der Drucklegung des vierten Heftes der „Lieder ohne Worte", A«r de» Aeater«. - V o l k 8 o p e r. Heute' „Die Fledermaus''. Morgen (Montag) „Die lustigen Weiber von W i n b f o r". Dienstag „De r M i kado". { Deutsches V.o lk 8 theater. Die Exl - Bühne, die diesen Freitag ihr Gastspiel beendet, bringt heute zum erstenmal - die Bauernposse „D e r E h e ft r e i k". morgen m Fortsetzung ^de8 Schönherr-ZykluS „Frau Suttner",. Dienstag den 12. d. eine Wiessrholung der Tragödie „V o l k i n N o r" und