Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1970 (9.8.1924)
- Date
- 1924-08-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 85% known words query
- IRI
…/2979076-2980834-2981053--20007-3007200- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
«Me, ~ Weit, (atw bet europäisches Dinge hat schon der ermordete teu^che Außenminister Ratbenau in Genua hingewiestn, »nd der viel umstrittene Rapallovertrag sollte deutlich ttmsnstrreren, daß die europäische Wirtschaft ein Shtem kommunizierender Röhren darstellt. Die' logische Fortsetzung dieser Politik macht alle Bündnllse überlüsstg, die letzten Endes doch nur aus dem Widerspiel um Angriff und Verteidigung datieren, und führt zur wirtschaftlichen Solidarität, deren Realisierung der Ausbau des Völkerbundes krönt. Tatsächlich steht auch diese Idee hinter den Londoner Beratungen. Sie wird Keilich nur dann verwirklicht werden können, wenn Deutschland alle ' Vorbehalte aufgibt und wenn seine Demokratie den Kampf gegen den i mörderischen Chauvinismus aufnimmt. Das ist allerdings heute . «och ein großes Fragezeichen. Aegypten und ßnslMd. > Die »Baseler Mtionalzeitung" ichreibt in einer H. Korrespondenz: Sa ad Pascha Zaglul, kaum von seiner Lungenschußwunde geheilt, die ihm ein nationalistischer, junger Landsmann beigebrmht hatte) hat sich in Alexandrien nach Europa ekngeschifft. Sein Ziel ist London, dort will er mit der britischen Regierung über die Zukunft des Sudans verhandeln. Der ägyptische Ministerpräsident hat zu wiederhalten Malen mit aller Deutlichkeit erklärt, daß ed für ihn keine andere Verhandlungsbasis gebe als völlige Aushändigung des Sudans an Aegypten, und der Schuß des Studenten sollte nichts anderes als ein Mahnruf und Warnruf sein, Kaglul möge ja in seinen Forderungen fest bleiben. Unter diesen Unrständen erscheint ein Ergebnis der kommenden Verhandlungen recht zweiselhat. Lord Perm vor im Oberhaus und Artur Pvnfonby im Unterhaus haben als Sprecher der britischen Regierung unzweideutig ausgesprochen, England denke nicht daran, den Sudan zu räumen. Ganz Abgesehen, daß die Ansprüche Aegyptens auf den Sudan Mtk schwach begründet sind, hat britische Kolonialerfahrung und britische Staatskunst in etwas Mehr als zwei Jahrzehnten den Sudan total umgewandelt. In dieser Zeit hat sich die Bevölkerung des Sudans verdreifacht, weite Gebiete sind jetzt fruchtbare Ländereien, die früher Stepps oder SaNdwüste warm, und in das Land, das unter der Herrschaft des M ah di mit Feuer nnd Schwert regiert wurde, sind jetzt Friede und Ruhe emgezogen, Eigentum und Menschenleben sind geschützt — Früchte der P.ar britannica. An der Stelle, wo General Gordon iu Khartum ermordet Wurde, erhebt sich heute gleichsam symbolisch als Aeugr für den Asandel der Zeiten das Gordon-College, ein Miu^erÄistitut zur Erforschung der Tropenkrankheiten und zugleich eine Schule zur Erziehung der Eingeborenen. ‘ GrglMd hat mit seiner Besetzung und Kulturarbeit fett Sudan eijte gwße Berantwvrümg für dieses Land über^ «tomrien. Engbattd kann heute diese BevSntwortung, auch wenn eS wollte, nicht aus die Aegypter ab wälzen, die noch gar ' keinen .Beweis erbracht habendaß sie sich selbst regieren ©raten. Die sollte ihüen da der Sudan mit Letzten weiten Ländern und versthiedenen Völkerschaften anvertraut werden BSratst. - t ■ Die Aegypter haben seit 1922 Gelegenheit zu zeigen, wie sie ihr Land zu regieren imstande sind. Im Februar 1922 hat bekanntlich- England sein Protektorat über Aegypten ifö aufgehoben erklärt und sich aus der ganzen Verwaltung ptaägegogeti. Fast vierzig Jahre lang hatten die Engftnbec im Mllande regiert. Einer der hervorragendsten brittschen Köpfe unserer Zeit, Lord Crymer, hat als Pwdnsul in mühsamer, zähet Arbeit Ordnung in die durch eine beispiellose orientalische Mißwirtschaft gänzlich verrottete Verwaltung gebracht. Freilich waren an diesem Zustand der BerwÄtung nicht so sehr^Aegypter schuld, sondern die türkischen Paschas, die von der eZit, als Aegypten unter türkischer Herrschaft stand, im Landi geblieben warm. Auch Haute spielen die Abkömmlinge dieser türkischen und syrischen Paschas diL Hauptrolle in der ägyptischen Nationalbewegung. .Heute, Nach zweieinhalb Jahren ist von dem durch Lord i t&ttlii errichteten Gebäude schon viel abgebröckelt. Alle öffentlichen BML riebe, die jetzt ganz A den Händen der NngÄbo reuen sindsind bereits in einem bedenklichen Zustände. Am augenfälügsiLn ist dies auf den ägyptischen EisenbähiMt, die früher das Staunen der aus Europa kommenden Mftnden erweckten; Lokomotivbefekte sind an der Tagesordnung, ebenst» drei- bis vierstündig Berswätungeu. NeSrigens ganz die gleichen ErscheiNiUNM wie in der Türkei), seitdem die Türken sämtliche europäischen, griechischen und armenischen Beamtenund Angestellten aus dem Bahndienst entlassen haben. Nach Ansicht der früheren schweizerischen Md deutschen. Leiter und Ingenieure der türkischen Bahnen konnte einem Türken kein Posten über den Weichenwärter hinaus anvertraut werden. . Was von den ägyptischen Eisenbahnen gilt, trifft in noch höherem Maße für das Bewässerungswesen zu. Me Landbesitzer, die in den verflossenen dreißig Jahren niemals mit der Wassivzufuhr Schwierigkeiten Hütten, klagen beweglich, daß sie jetzt auf ihr Quantum Wasser Nicht Mehr zählen können. Die Landbesitzer, die heute einer geregelten Wasstrzufuhr sicher sein wollen, sehen sich gezwungen, den ägyptischen Oberaufseher durch Geldgeschenke günstig zN stimmen. Jetzt ist es an der Tagesordnntng, baß die früheren britischen Beamten Von den Aegypter» kritisiert werden, es ist aber bezeichnend, daß Niemals ihre Unbestechlichkeit in Zweifel gezogen wird. Welche Schwierigkeiten die Aegypter haben, die Regierungsposten mit tüchtigen und gewissttthafetn Männern zu versehen, geht am besten ans dem Prozeß herdö^her vor wenigen oWchen vor dem Obersten Disziplinär-' in Kairo gegen den Gouverneur von Suez, Wiener? MorMnstellmrA» MM ISA ..*r*Tv Kr. 1970 Zer englisch-russische Vertrag. Keine Abstimmung im Unterhaar. Lyndon, 8.. August. Heute, abends wurde der eng« lisch-ruf fische Vertrag unterzeichnet. Auf englischer Seite von Mar Donald nnp Ponsonhy, auf russischer Seite von Rakowskt, Joffe, Scheinemann, Ra dschcn ko nnd Tomski. London, 8. August. Düs Unterha>us -hat sich gestern um .7 Uhr abends bis zum 30. SepitMber vertagt, ohne eine Abstiimmning Über den Beitrag Mit Rußland vorzunehmerr. Die Verträge, die heute abend-spät von der englischen Regievung veröffentlicht >w»vden, .osstchen oms einem apolitischen Vertrag, der in vier Kapitel und achtzehn Artikel zerfällt, und einem Handelsvertrag, bestehend ans zwanzig Artikeln, einem Protokoll «und zwei ZusatzerAävungen. . Der pollttsche Vertrag setzt im ersten Artikel fest, -daß dev neue Vertrag das Haudolsabkommen vom 16. März 1921 ersetzen soll. Das erste Kapitel, umfassend die Artikel 2 bis 4, stellt fest, welche VorkriegSdertrüge zwischen England Md Rußland a>lö aufgehoben gelten sollen, Mche Verträge Abänderungen erfordern und welche Verträge weiterhin in Gsltinrg bleiben sollen. Wichtig unter den verfallenen Verträgen ist der Vertrag vom 81. August 1907, der die Abgrenzung der englischen und russischen Interessensphäre in Persien, Afghanistan und Tibet regelte, sowie das Abkommen vom 12. März 1895 zur Abgrenzung der CiMchsiphäven in Pamir. Die in Geltung ÄeibWdM Verträge sind rein technischer Natur und betreffen Telegraphenlinien, Kabel, Hafengebühren, Abstsmpolung von Auto mobilen u. .dgl. Das zweite Kapitel behandelt die Fis che reisrage in den russischen Küstengewasseru.. Im dritten Kapitel, „EntschädigungSainsprü che und Anleihen", werden die am meisten umstvittenen Probleme später abzuschließendem Vertrag zu regeln sind. Artikel 8 sieht vor, daß Rußland eine runde Summe an England zahlt zur > Abfindung der besonderen Schadenersatzansprüche von Engländern 'wegen politischer Ereignisse und Maßnahmen in Rußland Artikel 10 fetzt das Schiedsgevicht ein, . das die Entschädigungsansprüche devsimgen englischen Bürger sestsetzen soll, die Von dem russischen NationalisienrngSbesttebön für gewerbliche Unternehmen getroffen sind. Artikel 11 schreibt vor, daß in einem später abzu schließenden' führungsvertrage das Abkommen zivischen der russischen Regierung Md den Besitzern von Borkriegsschulde n sowie die föstgesetztien Schadenevsatzleistungen auf Grund des § 8 zu fammengefaßt werden sollen, strner alle Üebereinkommen bezüglich der fveiwiMtzen Gnffchädiguug der in Rußland Geschädigten. Artikel 12 statuiert, daß die englische Regierung nach Abschluß de's ln ArtM 11 erwähnten Vertrages das Parlament ersuchen wird, eine Anleihe für Rußland zu garantier. Artikel 13 und 14 sprechen von der Awft hebu'ng 'des alten HandelSaMomimenS, Artikl 15 regelt die Freigabe von Dokumenten. und Menstücken, die gegenseitig beschlagnahmt sind. Artikel 16 enthält eine gegenseitige Zusage, keine Icknwrnehncen zu fördern oder M dulden, die gegen Bestand und Wohlfahrt des anderen Staates gerichtet sind. Der Handelsvertrag sicht die Meistbegitusttgung vor, daun Ausdehnung des Systems der englischen staatlichen Handelskredite auf die HandeMeziehnnMN zwischen England und RuMuch, die grundsätzliche Anerkennung des russischen! Außenhandelsmonopols und die Zusichevung, daß vor >den Gesetzen jedes Landes der Aivgehörige des. anderen Landes nicht schlechter gestellt sein wird als di« Bürger des 'betreffenden Landes. Das Zusatzprotvikoll enthält GinfchraMrngen des Prinzips der Moistbegünstiguny in der Hande'lsfveihsit so- 'wait sie für die DürchführUNH hhgsiviHcher Maßnahmen notwendig 4ft isvwie dtze RegölMg dtt Küstenschiiffahrt und einen Eigenttrmsivorbehalt ^bezüglich derjenigen Schiffe de r der engttsch-rnsslscherl Konferenz behandelt. Artikel 6 stellt fest, daß die Sowjctregiernng eine Ausnahme zum SchuldcnverleugnunMekret hinsichtlich der Haftbarkeit für die Ansprüche der englischen Besitzer von Dorkriegsschnlden anerkennt, und daß sie bereit ist, alle Personen, die derartige Schuldtitres vor dem 6. März 1921 erworben haben, auif Grund eines Wkencmens -mit der Interessenvertretung der Schuldscheinbesitzer zu entschädigen. Dieses Abkommen mmß von den Vertretern mindestens der Hälfte der auSstchenden, in englischem Besitz beftndlichen Schuldscheine genchmigt sein. Artikel 7 setzt fest, ldaß alle Ansprüche der englischen Negierung gegen die SowijetvLgieMNgdev l russischen Freiwilligen-Flotte, die gegen den Sowjetregierung gegen die englische Regierung in eine m j Wunsch RuHlmM im Msliand verkauft wlochett sind. Fathy B ei, geführt wurde, n dem Prozeß wurde der! Gouvemeuer schuldig befunden, daß er durch die Polizeivrgane Frauenspersonen mit Gewalt nach seiner MsideNK für seine Privcrtzwecke holen ließ. Ferner hatte er europäische! Frauen in gröblicher Weise belästigt. Des weiteren war! er angeklagt, Regierungsgelber und WohltätigkLitsstiftMM veruntreut zu haben. Trotz aller dieser für einen hohen Beamten unerhörten Verfehlungen, kam der Gouverneur von Suez sehr gnädig davon; er wurde seines Amtes entsetzt! mit Belassung seiner Pension. Dieser Prozeß wirbelte gewaltig Staub auf, er ist kaum dazu angetan, daS Ansehen der ägyptischen Verwaltung zu heben . Freilich eine Entschuldigung muß den Äegyptern zugebilligt werden. Nirgends wie in Aegypten wirkt die Rivalität der europäischen Großmächte sv verhängnisvoll. Die Franzosen können es den Engländern nicht vergesst», daß diese ihnen seinerzeit in der Besetzung des Latrdes j^itvorgekommen sind. Der ägypttsche Nationalismus wird nicht unwesentlich von den Franzosen unterstützt. Dies äußert sich manchmal in ganz st kuliegenden Dingen. Die Hetze im verganenen Winter gegen Howard Carter^ den Entdecker des Grabes von Tutankhamen, war inspiriert von Monsieur Pierre LacaN, dem französischen Direktor der ägyptischen Altertümer. Aber gerade die Gefahr, daß sich Mb'ere Rächte in Aegypten einzumischen suchen, wird England bestärken, die beidem Positionen, mit denen es das Niltal umklammerh, den Sudan und Palästina, fest in bet Hand zü behalten. Aeghptischer Besuch in Wien. Wie wir erfahrensind der ägyptische Verkehrs minister Jussuff Pascha Nahas und der ägyptische Deputierte Makram Eheid Bei in Wien angewiu men und im Hotel Imperial, abgestiegen. Lord Balfour nimmt an der krössnnng der Jerusalemer UnivMät teil. (Eigendienst der „Wiener Rorgenzertung") London, 8. Awgwst. All >b>er bevovsiehendeü E r ö f st inung der jüdischen Universität in Jerusalem im September d. I. wird auch Lord Balfour, der Schöpfer der Bulsowr-Deklaratiion teilnehmen. Balfour beabsichtigt längere Mt in Palästi na zu wellen> um die bisherigen Erfolge der jüdischen Kolonisation zn studieren. Er hat den Wunsch geäußert, die Eröffnung der Üll-Nvsttwt persönlich borzunehmen. Im selben Zeitpüulie wird /sich auch Dr. Choim Wei zUtaUn zu einem längeren Attstki- :halt nach Palästi na ^begeben. Waffentrünsport auf ekuem Stlnnes^amvfer. London, 6. ÄuMsi. (Del. der „Mvwer Mvrgenzettuug.^ Rach e-imr MvbdtMg «M GngaPvvr hat .dks Hafenpokizei den deutschen Dampfer ,Mlbert Vogler" der G -t i n ne s-G es ells chast, der eine Waffe nladuug für CHiua an Bord gehabt haben soll, beschlag nahmt. _ kinrsungsparteitvs der BölkMen in Weimar. München, S. AuMi. T. A.) A-m 15., 13. und 17. de findet! i,U Natioua'ltheaber in Weimar der erste Pavterta-g der nationalstffchen Freihe'ttspartsi statt. Ans dem soeben beröfstnMchwtt Programm der Tagung gcht hervor, 'daß isie in erster Arme den politischen und organisatorischen Zweck verfolgen soll, eine Einigung oder zum mindesten eine Annäherung zwischen den innevhaÄ der Parieien bestehmden Gvlchlpttt Hitler- Ludendorff und Graest 'herbeMführen^ Auf der lange» Rednerliste stehen mrter anderem die >Namen Lrldendorff, Rosenberg, Felder, Effer und Streicher, fö ldaß tatsächlich auf diesem Parteitag alle Richtmtgen der V!ö'lkischen vertreten sitro. __^_ Der verkrachte chrMch-nationale Kurs. (Eigendienst der ,Miener Morgenzeitung".) DiidapH, 3. August. „A Vilag^^ zufolge setzt die Einheitspartei ihren ganezen Einfluß bei der Negierung dahin ein, daß der gewesene Oberbürgermeister Stefan Bar cL y zum Regierung sko mmissär der Hauptstadt ernannt werde. Ministerpräsident Graf Bethlen dittfte bereits m der nächsten Zeit Brrczy offiziell UM die Ueberrtahme des Amtes ersuchen. ' Die gntervarlamentarlsche Union. Mandatfrag«», Wayderungsprotzleme. Gens, 6. August. D. T. A.) Aus dsm Progvalnm der zwöinndzwünzigsteü tüvuferenz dsr JüierpärtälNentärischcn Moll m «im 88. Äug »st in Peru eröffnet, dann iitt Genf fötigesttzt Md dortÄM 28. Ungust göschllösfen wivd, stelstn an erster Stelle FvÄtzen ,der Wandaie, «der EUiitzLütiidN ustd Immigration. Ae Aussprache Mer m MaNdMvM wird vom DMtstrwn Marius Moutet (Frankreich) eköffmt. Dia Gmigrattous-» nnv Immsi grattMDrMeM wevdßtt do.m Senator Fernand Mets Itn GöcvUkkwich) und M. Rüggevo Dsl'lfus DckMP böbandelt werden.