Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1969 (8.8.1924)
- Date
- 1924-08-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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1 Nr. 1960 Wien, Freitag Wiener Morgenzertung. 8. August 1924 Seite 3 Tagesbericht. Zer Dramatiker. Von Anion Tschechow. Diese satirische Ski-M hat der vor einigen Tagen verstorbene Alexander Elias b erg, dessen Uebersetzertätigkeit sehr viel für das Bekanntwerden -Tschechows bedeutete, aus dem Russischen übertragen. Die letzten Kurse. (Radiodienst der „Wiener Morgenzeitung*.) London. 7. August. Wechselkurse r Wien 316,600, Prag 161V«, New-York 4,46»/«, Paris 81,95, Britssel 88'/-, Nom 101, Zürich 23,66, Madrid 33.21V,, Amsterdam 11,56'/«, Kopenhagen 27,62'/,, Christians 32,34'/,, Stockholm 16,77'/,, HelsingforS 178'/«, Berlin 18,66, Bukarest 1000. New Vorltz 7. August. (Radio.) Devisenschlußk u r s e r Taggeld —, Wechsel auf London 4,49V«, 60 Tage- Wechsel 4,47, Paris 5,62. Amsterdam 38,77, Berliner Schlußkurs 23'/,, Silber —,—, Prag 2,95. DaS Sprechzimmer eines Arztes betritt ein trübes Individuum mit matten Augen und katarrhalischem Gesicht. Nach der Färbung seiner Nase und dem finsteren GesichtsauSdruck zu schließen, sind ihm alkoholische Getränke, chronischer Schnupfen undphilosophische Mediationen nichts Fremdes. Das Individuum nimmt Platz und klagt über Atemnot, Sodbrennen, Melancholie und schlechten Geschmack im Munde. . . „Was ist Ihr Beruf?" fragt der Arzt. ' i „Ich bin Dramatiker!" erklärt das .Individuum nicht ohne Stolz. Der Arzt fühlt sofort Hochachtung vor dem Patienten und lächelt ehrfurchtsvoll. „Ein so seltener Beruf . . stammelt er.. „Eine Menge nervenaufreibender Gehirnarbeit!"• „Das will ich glauben!" „Es gibt ja so wenige Dichter. . . ihr Leben kann ja wirklich nicht dem Leben gewöhnlicher Menschen gleichen . . . daher möchte ich Sie bitten, mir Ihre Lebensweise zu beschreiben, Ihre Gewohnheiten, Ihre Umgebung und Arbeitsweise . . ." „Sehr gerne . . ." erwidert der Dramatiker.. „Ich stehe auf gegen Mittag, manchmal auch früher. . . Wenn ich aufgestanden, rauche ich sofort eine Zigarette und trinke zwei Glas Schnaps, zuweilen auch drei . . . Manchmal sind es auch vier; es hängt davon ab, wieviel ich am! Borajbend getrunken habe... So « . Und wenn ich nicht trinke, dann flimmert es mir vor den Augen, und der Kopf -beginnt zu brummen." „Sie trinken wohl überhaupt ziemlich viel?" „Nein, wieso? Daß ich auf nüchternen Magen trinke, hängt wohl mit meinen Nerven zusammen... Wenn ich angekleidet bin, gehe ich ins Restaurant 'Livorno oder zu Ssawrassenkow und frühstücke... Ich habe schlechten Appetit. . . Zum Frühstück nehme ich nur eine Kleinigkeit ... ein Kotelett oder eine halbe Portion Stör mit Moerrettig .. . Wenn ich auch drei oder vier Glas Schnaps zuvor nehme, bekomme ich noch immer keinen Appetit. . . Nach dem Frühstück trinke ich Bier oder Wem, je nach meinen Finanzen ..." „Und dann?" „Dann gehe ich in irgend eine Bierhalle und aus der Merhalle wieder ins Livorno, wo ich Billard spiele. . . So vergeht die Zeit bis etwa sechs Uhr, dann esse ich zu Mittag... Ich esse schlecht. . . Es ist kaum zu glauben: manchmal trinke ich vor dem Essen sechs und selbst sieben Glas Schnaps und habe immer keiner: Appetit! Wie beneide ich die anderen Leute: alle essen Suppe, mir wird aber vor Suppe ganz übel, und ich trinke statt dessen Bier. . . Nach dem Mittagessen gehe ich ins Theater..." „Hm... Das Theater regt Sie wohl sehr auf?"; „Entsetzlich! Ich bin ununterbrochen in großer Aufreguung, und dann kommen noch die Freunde undbitten: Trinken wir noch eins! Mit dem einen trinke ich Schnaps, mit dem anderen Rotwein, mit dem dritten Bier, und so kommt es, daß ich beim dritten Akt kaum aus den Beinein stehe . . . Mit den Nerven ist es wirklich nicht auszuhalten . . . Nach dem Theater fahre ich in den ,Salon' oder auf einen Maskenball. . . Aus dem ,Salon' oder vom Maskenball fomrnt man, Sie werden es selbst wissen, nicht so schnell heim . . .Es ist noch ein Glück, wenn ich am nächsten Morgen in meiner Wohnung aufwache. . . Es kommt auch vor, daß ich wochenlang nicht zu Hanse schlafe. . „Hm.. . Sie beobachten wohl das Leben um sich hemm?" „Ja, das auch . . . Einmal waren meine Nerven so schc zerrüttet, das ich ganze vier Wochen überhaupt nicht nach Hause gekommen bin und,sogar meine Adresse vergessen habe... Ich mußte mich nach der Adresse auf der Polizei erkundigen ... Und so geht es beinahe täglich!" „Nun, wann schreiben Sie aber Ihre Stücke?" „Meine Stücke? Wie soll ich es Ihnen sagen?" er- Furchtbarer ßisenbahmmglülk in durch Der Pariser Expreßzug' wird während der Fahrt eine Eisentraverse aufgeschlitzt. Ans Paris wird uns telegraphiert: Aus der Strecke Paris—Marseille ereignete sich vorgestern ein schweres Eisenbahnunglück. Als der Expre ßzug Paris —«Marseille mit einer Stundengeschwindigkeit van 90 Kilometern die Station Mortel i m a r passiert hatte,. fuhr ein Lastzug ans dem Nebengeleise vorbei. Aus einem Waggon des Lastzuges ragte eine Eisentraverse hervor, welche im Vorheisahren einen Waggon 3. Klasse des Expreßzuges buch stäblich anfschlitzte. Sämtliche Personen im Korridor dieses einen Waggons wurden von der Gisewstange geradezu niedergemäht. Als die in den Kupees sitzenden Reisenden, die unverletzt geblieben waren, den Zug mittels der Nokleine zum Halten gebracht hatten, zeigte es sich, -daß von den Passagieren im Korridor zwei Personen tot und bierzehn in furchtbarerWeiseverletzt waren. Da's Zugspersonal und die Passagiere in den übrigen Waggons >des Expreßzuges hatten von dem Zusammenstoß, trotz der vorübergehenden Erschütterung des ganzen Zuges, nichts bemerkt, und erfuhren erst beim Stillstand des Zuges von dem gräßlichen Unglückssall. Die Schwerverwundeten wurden mit einem Extrazug in das Spital von Balance gebracht. Ihr Zustand ist in den me-isten -Fällen lebensgefährlich. Schreiben der Marannen ausgedrückten Wunsche, am Aufbau des heiligen Landes arbeitend mittätig zu sein, darum, daß eine Anzahl Marannen sich i n Erez Israel anstedeln wollen. In dem Schreiben der portugiesischen Marannen wurde darauf hi-ngewiefen, daß die Mehrzahl der Marannen Landwirte sind. Mischer 3eitung»wesen in Kanada und Südamerika. Es ist schon mehrfach darauf hingewiesen worden, >aß das jüdische Zeitungswesen in den Vereinigten Staaten sehr stark entwickelt ist. Aber auch in den übrigen Staaten des amerikanischen Kontinents, in denen Juden wohnen, sorgen sie für ihre jüdisch-kulturellen Bedürfnisse und schaffen sich in Verbindung damit auch ihre Presse. In Kanada hat sich in den letzten Jahren ein regeres jüdisch-literarisches Leben zu entwickeln begonnen. Der bekannte jüdische Dichter I. I. Sigall hat hier gemeinsam mit den Schriftstellern Sack und Skolni-kow die H-erausgabe einer literarischen Zeitschrift .„Die Epoche" eingeleitet, die jedoch eingehen mußte, als Sigall nach New-Pork übersiedelte. Die 180.000 Seelen zählende jüdische Gemeinschaft in Kanada unterhält zwei jüdische Tageszeitungen, den „Kanader Udler" in Montreal und das „Jüdische Journal" in Toronto. In Winnipeg erscheint auch ein jüdisches Wochenblatt. Die Kulturliga in Toronto giltzt eine prachtvoll ausgestattete Zeitschrift in jüdischer Sprache heraus. Ein viel regeres jüdisches Kulturleben herrscht in Argentinien, wo außer zwei großen Tageszeitungen („Jüdische Zeitung" und „Die Presse" in Buenos Aires) eine Reihe von Wochenblättern und Zeitschriften, mich ein illustriertes Journal, erscheint. Mit Ausnahme eines zweiwöchentlichen Witzblattes ist es bis nun hier nicht gelungen, eine literarisch: Zeitschrift herauszugeben. Vor einigen Wochen begann auch in Brasilien ein jüdisches Wochenblatt unter der Redaktion von Jakob N a chbin zu erscheinen. Obwohl in den erwähnten Ländern kein: ernsteren literarischen Erscheinungen zn gewärtigen sind, so 'muß doch bemerkt werden, daß reges Interesse für die >n Europa erscheinende jüdische Literatur herrscht. Gegen Herz! «nd Karl kmil Franzos. Nus C z e r n o w i tz' wird uns geschrieben: In unserer Stadt, die fast zur Hälfte von Juden -bewohnt wird, gibt es mehrere Straßen und -Plätze, die nach jüdischen Persönlichkeiten, teils solchen, die sich um Ezerno-w-itz verdient gemacht haben, teils nach Juden von Weltruhm benannt sind. Die Behörde 'hat im Zuge ihrer Mion ans Umbenennung der Czevnowitzer Straßen und Plätze es nunmehr für gut befunden, auch diese nach Juden benannten Gassen und Straßen umzutauifen. Diesem Verfahren fielen auch der Theodor Herzl-Platz und die Karl Emil Franzos-Gasse $irat Opfer. Der kulturelle Zug, welcher in der Umbenennung dieser beiden Gassen liegt-, berührt, gelinde gesagt, etwas eigenartig. Die Bedeutung Theodor Herzls, die sich erst jüngst anläßlich -der zwanzigsten Wiederkehr seines Todestages in der ganzen Welt -manifestierte, scheint bei den Ezevnowitzer Behörden wenig Anwert zu finden, sie scheinen sich -darüber auch nicht Kar zu sein, >daß ihre Maßnahme geradezu eine Beleidigung der jüdischen Bevölkerung bed-eutet. Ein krasses Acht auf das kulturelle Verständnis -der Behörden wirft die Umbenennung der Karl Emil Franzos-Gasse. Karl Emil Franzois war einer der besten und meistgelesenen Schriftsteller in der zweiten Hälfte 'des vergangenen Jahrhunderts; er ist in 3 2 Sprachen übersetzt. Seine Jugend verbrachte er in Ezernowitz und die Stadt ist stolz darauf, Franzos zu ihren Söhnen zählen zu dürfen. Die Bchvrde von Ezernowitz jedoch scheint anderer Ansicht zu sein. Ob das infolge der Kenntnis der Werke. und der Bedeutung dieses Schriftstellers der Fall ist, mag freilich fraglich sein. widerte der Dramatiker achselzuckend. „Alles hängt von den Umständen ab . .." „Wollen Sie mir, bitte, den Prozeß Ihres Schaffens beschreiben..." klar Delegation jüdischer Gemeinde« beim italienischen Unterrichtsminister. Aus Rom berichtet I. T. A.: Der Präsident des jüdischen Gemeindeverbandes Italiens sowie der Oberrabbin er von Rom erschienen bei dem neuen italienischen Unterrichtsmininster Casati und lenkten seine Aufmerksamkeit auf die abnormale Lage der jüdischen Schulkinder in Italien in Verbindung mit der Reform des Element-arschulweseus. Die Schule ist vollkommen von katholischem Geist durchdrungen und trägt den geistigen Bedürfnissen der jüdischer: Bevölkerung nicht Rechnung. Der Minister versprach, diesem Problem sein Interesse zuzuwenden und insbesondere diejenigen Ein-. Wendungen, die sich auf die Prüfungen am Sabbat und an jüdischen Feiertagen beziehen, zu berücksichtigen. Baadenbewegung an der polnisch-rnMÄen Grenze. Aus Warschau -wird uns gemeldet: In den letzten Tagen wurde das in -der Nowogroder Wchwodschaft an 'der russischen Grenze gelegene Städtchen Stolper am Bug ( an der' Eisenbahnlinie Brest-HKmsk gelegen, eit 1831 Bejsitz der Fürsten Czartoryski) von einer hunder-cköpsigen Bande, die mit Maschinengewehren und -Handgranaten ausgerüstet war, ülber- - allen. Die Banditen versuchten die Kassen der Finanzbchövden zu plündern. Ihr Angriff wurde jedoch von der Ortsgendavmerie zurückgewiesen. Im Kampfe fielen ein Beamter und sieben Polizeilsute. Außerdem wurden mehrere Personen schwer verletzt. AehMche Eveiguisse kamen auch in dem Städtchen K o lon to w vor. Alle Banden gewannen nach den abgewiefenen Angriffen die polnische Grenze und verschwanden im Scwjetterritorium. Die wch teilweise zerstreuten Bandengruppen werden vpn Milit-ärabteiilungen verfolgt. Der -Innenminister hat sofort in Vertretung des auf Urlaub befindlichen Mnifterpräisidcnten Grabski eine Sitzung des politischen Komitees beim Min-isterrat än-geovdnet, um entsprechende M a ß n a h m e n zur Bekämpfung dieser ähnlich wie im Borjahre a-ufta-uchenden B a n denbewegung an der polnisch-ruMchen Grenze zu treffen. Wie die behördlichen Erhebungen ergaben, soll die Bandenbewegung von Minsk aus organisiert worden sein. Gefangene Banditen sagten aus, daß sie längere Zeit hindurch unter Leitung von militärischen Instruktoren Hebungen mitg-emvcht haben und an -der Grenze mit Wasstn ausgerüstet worden sind. Das politische Komitee beim- Mi-m'sterrat hat zusammen mit dem Kviegsmi-ülster S i k o r s k i einen Plan zur Bekämpfung dieser Bandenbewegnng ausgearbeitet. In der Tat ist es in den letzten Tagen dank diesen Maßnahmen gelungen, der BaudeNbewegung vollkommen Herr zu werden. Außenminister Gkrzynski 'hat den polnischen Charge dMffaires in Moskau beauftragt, beim Rat der Volkskommissäre schärfsten Protest gegen die, Unterstützung dieser Bandenbewegung e-inzulegen und hat dem Warschauer Sowjetgesand-ten eine Verbalnote überreicht. Die polnisch-russische Grenze ist in den letzten Tagen gesperrt. ._ „Nun, es fällt mir zufällig irgend eint deutsches oder französisches Stück in die Hände . . . Meistens machen mich aber die Freunde darauf aufmerksam, denn selbst habe ich keine Zeit, alles zu verfolgen. Wenn das Stück einigermaßen taugt, bringe ich es zu meiner Schwester oder kaufe mir für fünf Rubel einen Studenten. . . Diese übersetzen es und ich richte es den russischen Sitten entsprechend ein: ersetze die ausländischen Namen durch russische und so weiter... Das ist alles . . . Es ist aber schwer! Außerordentlich schwer!" Ae RMehrbewesnng der Marannen zum Judentum. Ansiedlung in Erez Israel. Das trübe Individuum rollt die Augen mW seufzt. Der Arzt beginnt es zu betasten, zu behorchen und zu beklopfen ... Wie wir bereits berichtet haben> haben die M a t c nn e n i n P o r t u g a l an «da's palästinensische Oberrabbinat in einem (von uns im Wortlautemitgeteillten) Schreiben die Bitte gerichtet, -wieder in die jüdische G e me i nschaft ausgenommen zu werden. Das Oberrabbinat hat nur gemäß einer I. T. A.-M-eldung nach eingehender Beratungen übe-r dieses Gesuch beschlossen, mit den jüdischen nationalen Institutionen in Erez I s ra el in Verbindung zu treten, um einverständlich mit 'ihnen diese Frage zu regeln. Es -handelt 'sich gemäß dem i-m Die Napoleon-Funde. Tie Nachricht von dem Napoleon-Schatz der Familie Bassano hat, wie zu erwarten war, ein ungeheures Auffehrn erregt. Das t s ch e ch i s ch e A u ß enministeriu m hat gestern vormittags die politische Landesverwaltung in Brünn aufgefordert, beim Besitzer des Archivs anzufragen, ob er bereit wäre, die Urkunden dem tschecWschen Staate zu überlassen, zu verkaufen oder mindestens einem Vertreter des Außenministeriums die Einsichtnahme zu gestatten. Bassano hat erklärt, er wolle vorderhand jedes Ar:gebot ablehnen. Weiters fand sich bei Bassano der französische K o nsul in Brünn, Sempe, ein, um einen Bericht für das französische Außenministerium einznsordern, den Leopold Bassano ihm auch zur Verfügung stellte. Bassano hat das Brief- und sonstige historische Material zur wissenschäftl-ichen Ausschöpfung dem bekannten RÜpoleon- Forscher Friedrich Max Kircheisen überl-c-sseu.