Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1969 (8.8.1924)
- Date
- 1924-08-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Cefte 9 \ _Men, Freitag ' werden. In Mitteleuropa ist das bis zu einem gewissen Grade bereits geschehen. Die jüdischen Industriellengelder, die im Vorjahre fiir die „staatserhaltenden" Nowosats verwendet wurden, bleiben jetzt hübsch daheim. Die Wiener Mensa ist arisch und wird auf die arische UntersÜitzung verwiesen. Auch Siegfried Wagner wird und muß die gleiche Erfahrung machen. Er schnorre beim arisch-deutschen Volke! ' Ae BeMattungskSNste der Sowjetregierum. DK Unterdrückung der Tataren, In der „Vossischen Zeitung" schreibt G. JSikhaSow. Unter' den Durf^wVevn, die das russische Staatsgebiet Ibefiebefct, find die der envopAlschen Kultur am nächsten stehenden die Tataren und Baschkiren des WolgagMets und des Urals. Ihre Volksmenge betrug vor dem: Krieg 8 Millionen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte der ungMlfche RußlandfopschLk Vambery von ihnen geschrieben: „An der Wolga entsteh» eine neue asia'to-ciiropäische Kultur; es ist die ReMissance der alten turk-tatarifchen Kultur." Tatsächlich erwachte Ende d?8 19. Jahrhunderts unter der eingeborenen Bevölkerung der Urals und der Wolga ein starkes Mtionales SeWstLÄvuMein. Neue Formen entstanden, sowohl in der Familie wie im soMen Leben. Die Schulen wurden reorganisiert, vre. Frauen aus der Hörigkeit bchrett, die Religion vöformiert. Ms nach der russischen Revolution des Jahves 1906 .die Möglichkeit bestand, eine Presse in der Muttersprache herauszugöben, wuchsen m den Städten und Dörfern Bücher, Zeitschriften und Tageszeitungen nur so aus dem Boden. Die periodische Presse zählte binnen kurzem sieibyig Organe, an Büchern lvurtzen im Verlauf eines Jahres -bis zu tausend hevgestellt. Ms 1316 in Petersburg eine B u cha usstellun g veranstaltet wurde, nahm di» tatarische Literatur den vierten Platz ein. Es entstanden in kurzer Frist eine schöne Literatur, eitte NationMühne, Lchrcrseminarien für beide Geschlechter, und diese ganze ungeheure Arbeit wurde von den Tataren aus eigenen Mitteln durch freiwillige Opfer, geleistet, da das alte russische System für diese Völker keine Auffvendungen kannte. - Die Revolution des Jahres 1917 traf also die Turk- Tataren in einer Periode intensivster nationaler Reorganisation. Die ersten Monate der Revolution verliefen stürmisch. Die nationale Organisation der Turk-Tataren nahm die Form einer kulturellen Autonomie an In diesem Lande gab es keine Pogrome gegen Großgrundbesitzer, keine Zerstörung kultureller Einrichtungen, und als die Bolschewiken ihre Losung in die Massen warfen: „Raubet, was man euch geraubt", bissen nur wenige unter den Tataren auf diesen billigen Köder. Nach der Machtergreifung der Bolschewiken wurde an der Wolga vre alte Ordnung noch lange aufrechterhalten, und in vielen Städten schützten tatarische Nationaltruppen die Bevölkerung vor bolschewikischer Plünderung. So war es in Kasan, Orerrbuvg, Ufa, Samara und Astrachan. Auf die Dauer jedoch konnten die Tataren allein der bolschewtkischen bewaffneten Macht keinen Widerstand leisten, und am 12. April 1918, also ein halbes Jahr nach dem bolschewikischen Umsturz, mußten sie sich rrnterwerfen und empfanden nun die ganze Schtvere des Pioskauer Joches. Die t atarische Intelligenz nahm dm Kampf Mit den Bolschewiken ans. Die Bolschewiken ober gingen .systematisch an vre Zerstörung der nationalen Organstation, lösten die tatarischen Truppenikörper mrs, setzten die BevwaltungsorgMe ab, konfiszierten die gesammelten Fonds, ver- -boten Zeitungen und Zeitschriften und verwandelten die Lehranstalten in Kasernen. Bor den Bolschewiken erhob sich nun der Gssamlkomplex der ReVolutümieNvng des Ostens. In der Erkenntnis, daß die Tuvk-Tataren das fortschrittlichste unter den russischen Oftvölkern sind, „stifteten" die Bolschewiken getrennt die ,/ta t a risich e" und „b as ch k i r i s ch e" R epuiblik, wobei sie Vorülbevgchend die beiden Völker auf dem Verwaltungswege auseinandevbrachten. Der Borwand war, durch die Errichtung selbständiger Republiken die Sympathien der Volksmasse zu gewinnen. Bon einer Lösung der nationalen Frage war aber keine Rede, da die tatarische und vre baschkirische Repübli! keinerlei selbständige Rechte erhielten, nicht einmal die, Welche unter dem Zarismus die alten Landschasts-- Organisationen (Semstwo) besessen hatten, Für die Bolschewiken, die die ganze Verwaltung vom grünen Tisch in .Moskau leitetm, Hütte die Errichtung der Republiken nur beit Zweck schwerer Steuern Und drückender Arbeitsleistungen. Die Menden Kommissäre wurden zwar den Eingeborenen entnommen, die Auswahl traf aber mit Raffinement ungebildete Leute, oft mit anrüchiger Vergangenheit, die dem Bolschewismus eine feste Stütze versprachen. Die Interessen des eigenen Volkes wurden von diesen Leuten preisgegelben. IM Jahre i960 preßte der „Oberkommissär der tatarischen Republik", ein früherer Zirkuselown und Kokainist, aus dem durch den Bürgerkrieg verwüsteten Wolga cpbiet eine Steuer heraus, die drei einhalbmal größer war als die der llifraine und anderer getreidereicher Gegenden. Durch diese Erpressung beraubte er die Bevölkerung ihres Saatgetreidcs und Avbeits- Viches. Die Folge war, daß bei der Hungersnot des Jahres 1921 das Wolgagebiet van der größten Katastrophe betroffen .wuvde, die die Geschichte kennt. Nach beglaubigten Schätzungen haben Tataren und Baschkiren im Jahre 1021 2,6 Millionen M enschen verloren und drei Viertel ihres materiellen Wohlstandes eingMßt. Nach der Einführung der „Neuen ökonomisthen Politik" C/Iflep"), machten sich die Tataren neu an die Arbeit und _ Wiener Morften-ettims.^ nahmen den Kampf gegen 'den Hunger erfolgreich auf. Die Baschkiren aber, deren Viehzucht völlig vernichtet war, konnten sich nicht erholen und mußten noch lange hungern. Wenn in diestem. Icchr eine neue Hungersnot entstchen sollte, wird die Lage noch gräßlicher sein. Die Uelberlelbendm der letzten Hungersnot stehen materiell und geistig aus einem niedrilgeren Lebensstandard. Di« national» kulturelle Bewegung ist schonungslos unterdrückt. Seit den ganzen sechs Jahren bolschewistischer Herrschaft halben die Durk-Tataren nicht eine bedeutende Peüsönlichkest hervorgebracht, nicht einen kulturellen Wert. geschaffen. Die von den Bolschewiken gegründeten tatarischen und baschkirischen RepMrken sind statt des Ideals der Lösung der nationalen Frage ihr Grab geworden. Aus Rußland gelangen Nachrichten nach dem Westen Aber eine bevorstehende neue Hungersnot an der Wolga. Den Millionen voraugegangener Opfer werden neue foligen. Diesmal handelt es sich darum, ob die turk-tatarischen Völker sich überhaupt noch in die Zukunft werden retten können. Ite lmeriümischr MMIMts» kamvasne. (Cigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) New-Aork, 7. August. Wie die Matter berichten» dürfte die Präsidentschaftswahlkampagm nicht vor dem 1. September beginnen, da augenblicklich keine der kandidierenden Parteien über einen nennenswerten WahTpropagandafvnds verfügt. Von den verschiedenen PräsidentschaftAkandidaten beabsichtigt Präsident Coolidge in >de.r Wahlkampagne, mit Rücksicht auf ferne amtliche Tätigkeit, nicht allzu stark he rv orzartreten und die. aktive Propaganda für die repMikamsche Liste dem Dizepräsidentschgstskandidaten, General D a w e s, zu überlassen. Die demokratischen Wahlleiter wollen dem gewesenen Botschafter Davis die Qststaaten als Betätigungsfeld zuweisen, 'während der deinokratische Kandidat für die Vizepräsidentschaist, Gouverneur Bryan, im Westen und mittleren Westen als Redner auftreten wird. Auch Senator La Follette wird infolge seines geschwächten Gesundheitszustandes höchstens ein Dutzend Re>den halten und die intensive Versa-mMungsproPaganda seinem Mitbewerber um die Brzepräsideuffchast, Senator WheeIer, überlassen. Me 3 Parteien organisieren derzeit ihren Wahlfeldzug und bemühen sich, Mittel für die K o st e n d e r K a m p a g tt c herbeHuschaffen. Abderufung der englischen und amerikanischen Konsuln ans Naher». (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) München, 7. August. In den Regievungskreisen 'erregt es große Sensation, daß dieenglischeund amerikanische Regierung ihre GenevaAons^n aus München abberusen haberr. Man glaubt, daß auch Frankreich diesem Beispiele bald folgen wird. Die Eitelkeit 'der separatistischen Strömungen ist durch diese Maßregeln schwer gckkränkt. Gumdels Maßregelung. Karlsruhe, 7. August. (W'vlff.) Im Landtag «Märte Anterrichtsmi'nister Hellpach bei der Beratung feines Etats, daß die Verfügung, wonach Dr. Gumbel in Heidelberg vom Lehraint suspendiert wuvde, 'wieder aufgehoben sei. Das sonstige Verfahren nehme jedoch seinen Fortgang. Schluß mit der Musik. Berlin, 7. August. (Del. der „Wiener Modenzeitung".) Dem Mißbrauch der Mililärküipellen duvch musikalische Vorträge, namentlich 'bei Veranstaltungen von vechtsnOikalen Organisationen, - ist nunmehr durch einen Erlaß ein Riegel vorgeschoben worden. Nach einer offiziösen MitteAu-ng ist den Militärkapellen das Spielen bei allen Veranstaltungen von Organ'sationen, Vereinen und Bünden untersagt. ' Fra«? aus dem Gefängnis entkomme». München, 7. August. (Telegramm der „Wiener Morgettzeitung.) Dr. F r a n k, der im Münchener Kommunistenprozeß wegen Fortführung der verbotenen K. P. D. z u sieben Monaten verurteilte kommunistische Kurier und Schriftsteller, ist a u s d e r H a f t e it t f l o f) e «. Dr. Frank hatte während der Untersuchungshaft 21 Tage im H un g erst r e i k gestanden. ■ ForMsche Heldentaten. Rom, 7. August. (Tel. der „Wiener MovgeMitMg".) Wie die Blatter berichten, gerieten geistern in Genzanv faszistische Soldaten mit mehreren ropMikaNischen Bürgern der Stadt >in einen heftigen WoMvechsel. Es entwickelte sich eine Prügelei, in deren 'Verlauf 'die Faszisteir Revolver zogen und einen jungen Manu der republika-nischsn Gruppe e r s ch o s s e n. In der Gemeinde Sau Severro bei Bari gerieten zwei Faszisten miteinander in Streit. Der eine versetzte dem andererl einen D o l ch st i ch ins H e r z. Der AngegvisfeUe 'hatte noch die Krcikt. einvn Revolvers chuß abzufeueru, der den s";.ech. ' das Xut'Ce Auge traf. Karabin'wre fand'?': ...de '/ar-„ ’cn als Leichen vor. - 8. August 1924 * ' * 1 ■* /* Kr. E Präsident Masaryk. ~ Prag^ 7. August. (Tejesiramm, der „Wiener Morgen« zeitung".) Präsident Mas a r y k kehrt laut „CeSke Slovo* an n ä ch st e n M i t t wo ch a ns Karlsbad n a ch L an o zurück. Hierauf stll sich Masaryk nach Topoltschan i» d t r S l o w a k e t.. zum fünfwöchigen SommeraufeNthall betzeben. ' . MaßrWung M rravpaner MaMat«. Troppem, 7. August. Hmte mittags wurden die Vertreter der Troppauer Blätter in das Ge'bäude >der polnischen Landesver.waltung gebeten, wo ihMN der Landespräsident folgende Mitteilung rnrchte: Die Landesregierung hat den derzeit amtierenden Btüygermoister dahttr verständigt, daß d^ Regierung die Geschäfte des Troppauer Magistrats übernimmt. Der Gmnd zu dieser Maßnahme der Landesregierung liegt darin, daß anläßlich des Besuches deS Staatspräsidenten der Magistrat als PoMsche Behörde erster Instanz weder am Ra Ich a u s' noch auf dem der Sdadtgememde gehörigen Reals ch m l g e bände die Staatsflagge gehißt hatte-und sich dadurch eine Mißachtung der Gtapjtsautorität zufchuDen rommmließ. ^_ La» Wische Minderheitrproblem in Polen. (Sigendienst der ,Wiener Morgenzeitung".) Warschau, 7. August. Wie Ihr Korrespondent aus gut informierter Quelle erfährt, soll demnächst eine spezielle Sejimko-mmissia« zum Studium der Forderungen de§ jüdischen Klubs eingesetzt 'werden. Diese Kommission sollvon Vertretern säantlicher parlamentaviischer Fvaktionen beschickt werden. Eine demokratische Stimme. " ' DaS führende demokratische Organ „Kurjer Polski" veranstaltet gegenwärtig eine Enquete ft*;* die MinderheitLfrage in Polen, an der sich hevvv'.'ragende polnische Politilkev und Gelehrte beteiligen. Der bekannte polnische Rechtsanivalt Wroblewsk-i, der noch zur russischen Zeit als Verteidiger inzahlreichen PoMschen Progessen einen großen Ruf hatte, erörtert in einem ÄrWl, daß es im Interesse Polens liege, nicht nur den territorialen. Minderheiten die SeMsDevwaÄuny, sondern auch den Iuhen und Deutschen , vollkommene Glsichberechtigung - und nationalkultmrekle Autonomie.gui gewähren. Die vor kurzem angenommenen Sprachgesttze, könnten begrei'flichvvweffe die Minderheiten nicht Ibefri'edigen, weil sie ihren weifeMchsten Forderungen auf Meichbewchtigung ihrer SPwche keine Rechnung tragen. Znland. Sr. Seipel in Borarlberg. Dr. Seipel ist gestern nachmittags in Begleitung des Bundesministers Dr. Schneider und des Landesstatthalters Dr. Redler in Bregenz angekommen und im Bahnhof vom Landeshauptmann Dr. End er und den Landräten, weiters vom Bürgermeister Doktor Kin z und den Spitzen der Behörden begrüßt worden. Der Bundeskanzler fuhr sofort in einem Auto nach M e hrerau. Sie Biilierbund-Wertlse über Sesierreich. Wie verlautet, sollen 'die Delegierten des Finanz- Komitees des Bölkerbuiude's gegen August ihre BeratMgen in Wen begkllnen, sofern die Londoner Konferenz prograMMganM beendet wird. Dieses Komitee 'besteht ^bekanntlich aus den FinanzfachverstLndigen Ter Meulen, Jausseu, Niemayr, Pavmentier, Strakosch, Pospischil, Dub.ois, und einem Japamr. Wer von diesen Experten nach Wien, delegiert wird, sbcht noch nicht ssst. Be'kanntlich handelt es sich vor allem darum, 'daß die Delegation das Material Prüft und sichtet, .das für die definitive FeststellMg des österreichischen BudgeGleichgewichtes, des sögtnaNnten „Normalbudget's", not- 'wendig ist. _ Dar Augnswndget. 9 Millionen Goldkronen Defizit. Wie die Korrespondenz Herzog meldet, hat die österreichische Regierung dem Generalkomnüssäv des Völkerbundes den Bndgetvovanschlag für August 1924 zur Kenntnis gebracht. Die Ausgaben sind darin mit 52.7 Millionen Goldkronen, die E i n n a h m e nmit 43.7 Millionen Goldkronen eingesetzt. Das Defizit beträgt daher 9 Millionen Goldkronen. Bekanntlich sieht der zwischen der österreichischen Negierung und dem Völkerbund im Herbst 1922 vereinbarte Sanierungsplan für die vierte Sanieruugsperiode (1. Juli 1924 bis 3. Dezember 1924) einen E i n n a h m e n ü b e rschnß vor. In der oberwahnten AuSgabeN'Ziffer sind die ErgänzungSkosten für die Elektrifizierung der Eisenbahnen im Betrage von 4,6 Millionen Goldkronen enthalten, 'dagegen nicht die Bedeckung fiir die jüngst vom Nationalrat mit Rückwirkung auf den 1. Mai beschlossene Regelung der Bezüge der Bun besänge stellten. Bo« der Wiener ungarischen Gesandtschaft. Der ungarische Gesandte v. M a s i r e v i ch t st g t st e r n abends von seinem Urlaub a u 8 Ari z z i a wieder in Wie» ein.getro ffe».