Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1967 (6.8.1924)
- Date
- 1924-08-06
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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DAS BUCH DER ZEIT LITERAtfmBEILAGE DER „'WIENER MORGENZEOTJNG“ Nummer 21 ERSCHEINT JEDEN MITTWOCH 6 August 1924 ADMINISTRATION« „WIENER MORGENZEITUNG“, WIEN, II., TABOR5TRA55E 1-3 UNSER BÜCH DER WOCHE Maledictus-Benedictus Das Unternehmen, den Streit um Spinoza an der Hand der an seine Person ankntipfenden Aeußerunssn und Dokumente darzustellen, erscheint ebenso interessant als ein wenig problematisch, letzteres darum, well ohne das Bild des großen Denkers im Hintergründe, der Leser gar nicht zu den Grundlagen jener Urteile, noch weniger zu einem Verständnis der trotz ihrer Gehässigkeit doch immerhin geistesgeschichtlich erklärbaren Motive der Gegner gelangt. Hierzu treten erschwerend eine gewisse Ueberschätzung Konstantin Brunners und einige nicht ganz gelungene Anmerkungen sowie der abrupte Charakter einiger doch zu sehr aus dem Zusammenhänge gerissenen Zitate. Unter diesen . Einschränkungen und gewissen Voraussetzungen, vor allem der prinzipiellen kulturgeschichtlichen und philosophischen Gesichtspunkte, aus denen erstere Urteile entsprungen sind, wird man mit größtem Interesse die mannigfachen Aeußerungen über Spinoza, die Ernst A11 k i r c h in seinem im Verlag Felix Meiner, Leipzig, erschienenen Buche „M a 1 e tl i c t u s und B e n e d i c t u s“ (Spinoza im Urteil des Volkes und der Geistigen, bis auf Konstantin Brunner) gesammelt hat, gewissermaßen als ein einziges geistesgeschichtliches Dokument ersten Ranges zu verstehen suchen. Freilich werden die Urteile immer lichtvoller, je positiver sie sind, während die negativen, besonders der Zeitgenossenschaft, sich , nur zu häufig als gehässige Schmähungen darstellen. So kann man die verschiedensten Urteilsversionen finden zwischen dem von Christian Kortholt in seinem berüchtigten Buche gebrauchten Fluchnamen „Maledictus“ (mit dem in Zusammenhang auch der Name „Spinoza“ den j Gottesfluch bezeichnen soll) bis zu der Bennennung »großer, ja heiliger Benedictus“ bei Jacobi. Dem häßlichen Bannfluch der Amsterdamer Synagoge und den Verboten der Schriften Spinozas seitens der holländischen Regierung steht das liebevolle Vorwort der Freunde zu den nachgelassenen Werken sowie die gelassene Klarheit gegenüber, mit der der Philosoph selbst im „theologisch-politischen Traktat“ den Kampf für die Gedankenfreiheit aufnimmt. Freilich macht die Flut der Gegnerschaft auch Freunde Spinozas wankend. Sogar einer der Intimsten: Oldenburg, bittet ihn, ln die „Ethik“ nichts Gefährliches aufzunehmen, während Albert Burgh, ein ehemaliger Schüler, an Spinoza eine fürchterliche Bekehrungspredigt richtet, wie denn der Kirche nahestehende Denker noch bis heute (wie zum Beispiel Willmann) den gleichen Ton absoluter Ablehnung zeigen. Eine immerhin ernster gemeinte Ablehnung ist die des Philosophen Leibniz, der Spinoza noch persönlich kannte. Da sticht denn um so charakteristischer die bewundernde Verehrung eines loh. Ohr. Edelmann für eine Weltauffassung ab, die darin tiefer religiös als jede religiös geeichte, „Gott als stets wesentlich in allen Dingen enthalten“ erkennt. Daß erst im klassischen Deutschland ein Verständnis gerade für den religiösen und ethischen Genius des Denkers erwacht, der im Rahmen eines geometrischen Rationalismus, unter der scheinbar naturalistischen Gleichung: Deus sive natura, eine tiefe Gottseligkeit verbirgt, ist vornehmlich das Verdienst Herders, Jacobis und Goethes, welch letzterer die Philosophie Spinozas der eigenen Geistesart am verwandtesten fühlte. In ähnlichem Sinne bedeutet auch für die deutsche idealistische Philosophie der Spinoziamus, wenn auch nicht die volle Verwirklichung, aber den grundsätzlichen „Anfang alles Philosophierens.“ „Es ist die Negation alles Besonderen, 'zu dir jeder Philosoph gekommen sein muß; es ist die Befreiung des Geistes und seine absolute Grundlage“ .(Hegel). Hier besteht jedenfalls ein tieferes Verständnis als bei Voltaire, der Spinoza wieder als „Atheisten“ für seine eigene Richtung reklamiert. Unter den neueren Philosophen sind die Urteile Windelbands und Wundts bemerkenswert. Der erstere erfaßt das Religiöse als Grundmotiv seines Nachdenkens und Wundt erblickt die herrschende Einheitsidee Spinozas als der Tendenz der christlichen Mystik nahe verwandt. Von Beziehungen zur jüdischen Religionsphilosophie, welche übrigens Goethes Intuition geahnt hat, ist im Buch fast keine Rede. Daß Spinoza auch von jüdischen Denkern nicht immer positiv eingeschätzt wird, zeigen die Beispiele 8. D. Luzatto’s und Hermann Cohens. So stehen an der Quelle des Streites, nicht bloß Verehrung und Verketzerung und, hiermit in Zusammenhang, verschiedene Deutungen der Spinozaschen Systems, das, einer Zeitwende angehörend, mehr rationalistisch oder mehr religiös angeshen werden kann, sondern vor allem verschiedene Persönlichkeiten, für welche die abstrakte, durch alle Schemata unverkennbare „Aetherhöhe" dieser* Gedankenwelt gleichsam eine Probe bildet. Ernst Müller- I verlangen Sie von HELLER fBUKUJW I, Bauernmarkt kostenüosl DAS MODEBUCH Bibliophiles Mit bibliophilen Neuerscheinungen sieht es auf dem Büchermarkt heute nicht am besten aus; die Käufer sind spärlich geworden und schon deshalb geht es nicht mehr, wie es so lange Zeit anging, daß auch das Minderwertige, das für den Bücherliebhaber mit Verständnis nie ln Betracht kommen kann, als bibliophiles Buch auf den Markt geworfen wird. Dieser Umstand wirkt auf die Herstellung von Liebhaberausgaben in erfreulicher Welse, wenn man so sagen darf, reinigend. Was an neuem bibliophilen Material auf den Markt kommt, ist zumindest mit einiger Sorgfalt hergestellt. Freilich gibt es auch Rückfälle in die Zeit der Konjunktur. Dazu gehört die Ausgabe des „S c h I r H a s c hi r i m“, welche als erste der fünf Megilloth-Bücber (Esther, Ruth, Koheleth, Ejcha) im Argonauten- Verlag. Berlin, herausgekommen ist. Das Hohe Lied Salomonis, seit je ein beliebtes Objekt für Liebhaberausgaben, ist wahrhaftig schon würdiger herausgegeben worden. Der hebräische Text (der deutsche ist in einem unmöglichen Satz hergestellt, der auf die Augen des Lesers geradezu katastrophal wirkt) bringt eine ziemlich charakterlose und daher verschwommene Quadratschrift; die Initialen, Schlußvignetten und Kapitelverzierungen sind wohl in Sechsfarbendruck ausgeführt, aber es war wenig auszuführen, da die ganze dekorative Anlage der Zeichnungen überaus arm an Einfällen ist. Der erstbeste ältere Wilnaer hebräische Druck weist weit mehr Charakter auf als diese moderne hebräische Ausgabe. Mit Sorgfalt hergestellt sind dagegen die Drucke der Reussen-Presse (Heinrich Reinold, Gera-Leipzig), vor allem deshalb, da sie durch Schlichtheit und Klarheit der Ausführung zu wirken suchen. In erster Reihe sind Nietzsches „Lieder des Zarathustra“ zu nennen, bei denen in dieser Ausgabe als besonders erfreuliches Moment Oekonomie des Raumes anzuführen ist. Der übliche Schimmel bei der Herstellung von Liebhaberausgaben hätte durch Papierverschwendung einen Hoppelt so starken Band auswalzen können. Dies ist hier in dankenswerter Weise nicht geschehen. Auch P1 a t e n s ,.G a s e 1 e n“ in der Auswahl, die Platen für die zweite AufL.ge seiner Gedichtsammlung traf und in welche er nur jene Gedichte aufnahm, die ihm als die reifsten erschienen, hat den gleichen Vorzug. Die Ausgabe des Goetheschen Buches „S u 1 e i k a“ erhält durch eine etwas zu zierliche Type und eine an Rumburger Leinen gemahnende Randleiste etwas zu Hausbackenes, das zu dem leuchtenden Glanz dieses glücklichen Diwanbuches nicht recht paßt. Im ganzen aber sind diese Drucke der Reussen-Presse wohlgelungen. E. G. F. LEBEN IM BUCH Hundegeschichten Nicht nur der Schnitt des Smokings, auch die Rasse des Hundes unterliegt der Mode; aber merkwürdig — je mehr sich die Mode mit dem Hund befaßt, desto mehr kommen die früher so beliebten Hundegeschichten aus der Mode. Und man kann doch, weiß Gott, von Hunden bessere Geschichten erzählen als von Männern. In den Werken der Großen kehren denn auch Hundegeschichten immer wieder. Es ist daher dankenswert, daß Alfons Freiherr v. Czlbulka im Drei Masken-Verlag, München, einen „H,undespiegel“ erscheinen» ließ, welcher eine Auswahl literarisch hochstehender Hundegeschichten bietet; ein unmodernes Buch, wird man sagen; aber Bücher, die mit Muße gelesen werden müssen, sind immer irgendwie unmodern, schon am Tage, da sie erscheinen; vielleicht ist das ihr Vorzug. Der „Hundespiegel“ bringt etwa 20 Hundegeschichten; darunter den wunderschönen Abschnitt aus Selma Lagerlöfs „Reise des kleinen Nils Holgerson mit den Wildgänsen“, der' von dem Hunde Karr erzählt, Tschechows herbstlich-nachdenkliche Skizze „Der WejßsUrnige“ und die aus den Dorf- und Schloßgeschichten der Ebner-Eschenbach seit langem geschätzte Hundeerzählung „Krambambuli“. Daß Kipling und Jerome in dem Bande vertreten sind, ist beinahe selbstverständlich. Eine Perle des Buches ist die Börnesche Tagebueheintragung, welche von dem „Kaiser der Hunde“, Medor, erzählt. Soll noch erwähnt werden, daß Chamisso, Stifter, E. T. A. Hoffmann, Geliert, Maeterlinck, Thomas Mann im „Hunde- •spiegel“ vertreten sind? Verwunderlich, daß Schopenhauer fehlt, der Wesentliches über Hunde sagte. Byrons Grabschrift auf einen Hund ist natürlich zu finden. Mag auch in dieser Auswahl vieles fehlen — es sei übrigens darauf hingewiesen, daß die moderne jüdische Literatur, im Gegensatz zur deutschen, geradezu unerwartet viele Tier- und im besonderen Hundegeschichten aufweist —, so kann doch von dem Buche in Variation der Einleitung, die sein Herausgeber ihm vorangesetzt hat, gesagt werden, daß es mehr Liebe zu verschenken hat als Bücher im allgemeinen und darum ein Anrecht''darauf hat, geliebt zu werden. _ S. 8. Emil Ludwig: „Genie und Charakter.“ Zwanzig männliche Bildnisse. 1924. Verlag Ernst Rowohlt, Berlin. < Emil Ludwig hat das beste Wagner-Buch geschrieben, das schonungsloseste und zugleich klarste; dann kam ein merkwürdig verzeichnetes, aber interessantes Bismarckj-Gemälde aus seiner Feder (gemeint ist das Blsmarck-Buch; denn über das Bismarck-Drama sei lieber der Mantel der Nächstenliebe gebreitet). Nun hat er nach Plutarcjis Vorbild zwanzig männliche Bildnisse zu zeichnen versucht, Bildnisse von „tätigen und betrachtenden, handelnden und bildenden Menschen“, die „alle genialisch, alle problematisch“ sind. Nach dem Vorbild Plutarobs versucht Ludwig, diese Bildnisse so zu formen, daß er den Charakter ohne Rücksicht auf das Genie entwickelt, daß sich jedoch unversehens dieses mühelos aus dem Charakter entfaltet. In seiner Vorrede sagt er selbst: „In dieser Kunst sind die Franzosen groß.“ Die Bildnisse, welche er entwirft (genannt seien Bismarck, Stanley, Cecil Rhodes, Lenin, Rathenau,, Shakespeare, Demel, Bank) versuchen, über das plutarchische Vorbild hinausgegend, tatsächlich, die flimmernde Art der Franzosen zu erreichen. Um ihr ganz nahezukommen, ist freilich Ludwig zu bedenklich, sein Stil zu literarisch, seine Denkweise zu ästhetisch und zu sehr dem einzelnen Einfall hingegeben, statt auf die Gesamtheit konzentriert. So geht die Studie über Rathenau von dem, angesichts des Umstandes, daß Rathenau Jude ist, geradezu furchtbar naheliegenden Einfall aus, daß es Rathenau um Geltung ging, auf die er sich lange vorbereitete. Wer Rathenau kannte, weiß, wie wenig dieser Mann von der Ghettopsychologie, die ja oft in die Sucht nach Geltung münden mag, an sich hatte. Von diesen Einwänden abgesehen, Ist Ludwigs Buch ein interessanter Beitrag zur modernen Persönlichkeitsperspektive. —tz. Johannes Hessen: „Augustinus und seine Bedeutung für die Gegenwart.“ Verlag Strecker & Schröder, Stuttgart. Der Verfasser sucht den großen, ebenso katholischen als in mancher Beziehung modernen Philosophen unter dreierlei Aspekten zu verstehen: menschlich, als Philosophen und als Mystiker. Der ersteren Tendenz dient eine kurze biographische Erinnerung auf Grundlage der „Confessiones“. In den Vordergrund jedoch treten gewisse Probleme, die Augustinus einerseits als Schüler des Platonismus und Plotins, andererseits, als Begründer, einer bestimmten Art gedankenmäßiger, später, scholastisch verfärbter christlicher Mystik erscheinen lassen. Im Mittelpunkt der Philosophie steht der Gottesbeweis aus dem immanent absoluten Sinne jeder Wahrheit, im Mittelpunkte der Mystik die im 19. Jahrhundert im italienischen Ontologismus neu erweckte Lehre von der unmittelbaren mystisch-intuitiven Gotteserkenntnis. Die Auseinandersetzung mit den Auffassungen verschiedener katholischer Wilhelm SraumUiler & Sohn Abteilung: Antiquariat Wien, I. B<«., Bauernmarkt Nr« 2 a BRAUCHST DU BÜCHER, GEH ZU LÖWIT 0T£NTURMSTRAS3E 22 0