Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1966 (5.8.1924)
- Date
- 1924-08-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. *96ff ■ — ßkrt, Dienstag - Außenpolitische Sebatte im Unter» Hause. v>- (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Laudon, 3. August. Im Unterhaus sind heute nachmittags mehrere Fragen über die Außenpolitik gestellt worden. RaNtsay Mac Donald erklärte, daß die englische Regierung von der Zeitungsmeldung Kenntnis genommen habe, wonach ein geheimer Vertrag zwischen Japan und Rußland abgeschlossen worden sei. Rach den bisherigen Informationen der Regierung sei diese Meldung aber eine b l o ß e E r s i n d u n g. Mit bezug auf die englisch-russische Konferenz erklärte der Premier, daß die englische Regierung beabsichtige, alle Berichte und Dokumente über diese Konferenz dem Parlament vorzulegen und daß sie, nachdem das Parlament Kenntnis genommen hat, in eine Diskussion über diese Frage eintreten wird. Der Kolon ienminister Thomas teilte mit, daß er sich heute abends nach Dublin begeben werde, und daß er der Regierung nicht vor nächsten Mittwoch eine Erklärung bezüglich des Ulsterko nfliktes albgeben könnte. MacDonald bestätigte auf eine Anfrage, daß Frau Evans am 2. August in Mexiko ermordet worden sei. Die Regierung warte weitere Einzelheiten in dieser Angelegenheit ab, bevor sie einen Beschluß fassen werde. Der Abgeordnete Davidson fragte,'welche Sanktionen die Regierung wegen dieser Mordtat zu ergreifen gedenke. Diese Anfrage wurde von den Konservativen mit Beifall ausgenommen, während mehrere Arbeiterabgeordnete riefen: „Wir wollen keinen neuen Krieg!" Mae Donald weigerte sich, auf die Aufrage zu antworten. Auf eine Anfrage Lloyd Georges erklärte Mae Donald, daß gegenwärtig drei Dokumente über die Beschlüsse der interalliierten Konferenz in Vorbereitung seien. Nach ihrer Unterzeichnung würden sie veröffentlicht werden. Mac Donald gab einige teilweise schon bekannte Einzelheiten der Beschüsse >der Londoner Konferenz bekannt. Er erklärt, daß diese Beschlüsse einen neuen Geist der Zusammenarbeit schaffen werden. Es habe sich ln der Konferenz weniger darum gehandelt, eine Anleihe auszugeben, als ein politisches Abkommen abzufchließen, das große Bedeutung für die Zukunft habe. Sofort nach der endgültigen Unterzeichnung der Konserenzsbeschlüsse würde sich das internationale Bankensyndikat versammeln, um über die Ausgabe der deutschen Anleihe zu verhandeln. Im weiteren Verlauf seiner Rede erklärte Mae Donald, daß'die Verhandlungen unter den Alliierten einen Punkt erreicht hätten, an dem die weiteren Erörterungen mit den Vertretern der deutschen Regierung fortgesetzt werden müßten. Für morgen vormittags hoffe man, eine Sitzung der Konferenz in Anwesenheit dieser Vertreter anberaumen zu können. Augenblicklich sei geplant, drei Vereinbarungen abznschreßen. 1. Eine Vereinbarung zwischen der deutschen Regierung und der ReparationskomMission hinsichtlich der Fragen, die innerhalb der Zuständigkeit der Reparatvonskonrmission liegen. 2. Eine Vereinbarung zwischen der deutschen Regierung und den alliierten Regierungen, hinsichtlich der Fragen, die durch die Vereinbarungen zwischen diesen Regierungen geregelt werden müssen. 3. Eine Vereinbarung zwischen den alliier te n Regierungen, die die Fragen regeln soll, die die Alliierten angehen. Vor einer Umgruvpiei-uim der Parlamentsinaiorltsit in Polen? (Eigendiensl der „Wiener Morgenzeitung".) Warschau, 3. August. Die rechten Sejmparteien führen feit einigen Tagen geheime Verhandlungen mit der' Wi-tos- Gvuppe wegen Schaffung einer geschlossenen Majorität. Wie in .gut unterrichteten Kreisen verlautet. soll auch ein Steif der Whzwvlenie - Abgeordneten mit Thugutt an der Spitze dieser Majoritätisgruppe beitreten. In der Herbstsession würde dann diese neu geschaffene Majorität eine ihren Intentionen entsprechende Umbildung deS Kabinetts vornehmen. Der jetzige Ministerpräsident G r ab skr loürde in diesem Falle nur das Finanzm'unisteriuim bcchalten, der gewesene Miniisterpräsidentz, Senator Nowak, .dagegen das Unterrichtsministerium und ein Vertreter der Witos-Partoi das Ressort für Landwirtschaft übernehmen. Bon anderen politischen Persönlichkeiten wird nur Thugutt als eventueller Kandidat für ein Ressort genannt. Einige Vertreter der zuiki'inftigen Majorität versuchen auch mit dem jüdischen Kl u b in Kontakt zu treten, um seine eventuelle Stellungnahme zu sondieren. Ein Unterhändler schlug sogar einem Vertreter des jüdischen Klubs die Uebernahme etnes Vizeministeriums vor, wobei jedoch betont wurde, daß von einer restlosen Erfüllung der jüdischen Forderungen gar keine Rede sein könne. Großes Aufsehen erregte in den politischen Kreisen die Zusammenkunft der Senatoren der Rechtsparteien beim Senatsmarschall Trompczynski, die sich gegen Wiener Morgen-zeitung. 6. August 1924 Seite 8 Ne letzte» Kurse. (Radiodienst der „Wiener Morgenzeitung".) Paris, 4. August. Die heutige Börse stand nnter dem Einfluß der Entspannung des englischen Pfundes und des Dollars. He«te morgen fiel das Pfund auf 83,70 und erholte sich zu Beginn der Börse wieder bis 84,17, fiel bann neuerlich auf 83,85 zurück. Der Dollar, der mit 19,19 etöffnete, schloß mit 18,91. Unter diesen Umständen war das Angebot der Arbitragewerte ziemlich groß, so daß fast ans dem ganzen internationalen Markte eine Baisse zu verzeichnen war. Diese Reaktion wirkte besonders günstig auf manche französische Werte. Besonders auf französische Renten. Die dreiprozentige französische Staatsrente stieg von 53,05, ans 53,53 und sünfprozentige von 56,50 auf 56,7o. Russische Werte profitierten von den Londoner Nachrichten über die Wiederaufnahme der englisch - russischen Verhandlungen. Ottomanische Renten waren nicht sehr widerstandsfähig. In der Kulisse wirkte die Entsvannung der amerikanischen und englischen Devisen besonders auf Debeers, Goldminen und Royal Dutch, während Kautschuk keine Widerstandsfähigkeit zeigte. Paris, 4. August. Heute wurde die H a n d e l 8 b 8 r s e wieder eröffnet, die seit dem 18. Februar infolge des Frankensturzes vom Ministerium Poincare geschlossen wurde. Der Verkehr war äußerst rege, aber nicht sehr günstig, da die G etrei.dezölle aufrecht bleiben und die Getreidepreise wieder sehr stark steigen. Paris, 4. August. (Radio.) Effektenschlußknrse: Banque de France —, Pragobanka 415.—, Credit Lhonais 1582, Suez 139.95, Platine 808, Dabrowa 732, Banque Ottomane 7,76, Central Mining 9,30, Rio Tinto 28.35, Le Napbta russe 420, Sueceried Egypte 1040, CautschoueS fin 143, Chärtered 46.—, Debeers ordin. 989, GoldfieldS 78.—, Huanchakas 346, Jägers Fontain 247,50, Malaeca ordin. 142,50, Maltzoff 471, Mexican Eagle 78.—, Padanq 369,—, Rand Fontain 84.50, Randmine 256.—, Silva plana 175,—. Tanganytka 163.-7-, Tubiee wie 621.-, Utah Cepver 1525. Shell 342.60, Royal Dutch 246,50, Burmah —, Bakou 26,50. Paris, 4. August. Devisenkurse: Wien 26.75, London 83,58, Rew-York 18,77, Belgien 89.37, Holland 7,27, Italien 82,10, Prag 56,20, Rumänien 8,25, Schweiz 354,75. New-Dork, 4. August. Die Rew-Dorker Börse ist seit dem Eintreffen der ersten Londoner Meldungen über den Erfolg der alliierten Beratungen geradezu von einer optimistischen Welle beherrscht. Sämtliche europäischen Devisen konnten sich sofort um mebrere Punkte befestigen. Die Nachfrage war außergewöhnlich stark. Die Ueberzeugnnq ist nun allgemein, daß die deutsche Anleihe bereits anfangs September ausgegeben werden kann. Das Bankenjyndikat wird binnen kurzem über die Einzelheiten der Ausgabebedingungen beschließen. Sämtliche großen Banken Amerikas werden daran beteiligt sein. Aew-Vork, 4. August. (Radio.) Devisenschlußkurse: Taggeld nominell, Wechsel auf London 4,45°/„ 60 Tage- Wechsel 4,42V», Paris 6.32, Amsterdam 38,50, Prag 2,97V«, Berlin 23V,. Silber das vom Staatspräsidenten erlassene Balorifierungsgesetz ausgesprochen hat. Dieses Gesetz benachteilige nach Ansicht der Rechtsparteien in starkem Maße die Gläubiger, hauptsächlich aber die ans Posen. Diese vom Marschall Trompczynski geleitete Aktion wird als Ansage einer oppositionellen Haltung der Rechtsparteien gegen das Kabinett Grabsöi bezeichnet. Der an Stelle Dhugutts. znm Vorsitzenden des Whzwoleme-Klwbs gewählte Abgeordnete Waleron stellt in seinem Anwortschveiben auf Thugutts Brief, worüber wir seinerzeit berichteten, fest, daß der Whgwolenie nach wie vor seinen Kampf gegen die rechten Parteien fortsetzen,und in keine Kompromißverhandlungen treten wird. Herr v. Schse» will nicht französisch spreche«. (Eigewdienst der „Wiener Morgenzeitung".) Paris, 4. August. Der ,Iemps" läßt sich van einem Sonderberichterstatter in Athen Einzelheiten über einen griechisch-deutschen Zwischenfall melden. Der rreue. deutsche Geschäftsträger in Achen, v. Schoen, ein Sohn des deutschen Botschafters in Paris bei Kriegsausbruch, habe dem Außenminister vor einigen Tagen eitven deutschen und einen französischen Text der Ansprache gesandt, die er bei der Ueberreichung feines Beglaubigu ugsschreibe ns am letzten Sonnabend zu halten dachte. Der Minister habe fragen lassen, weshalb der Geschäftsträger auch einen deutschen Text gesandt habe, da doch die Ansprachen dem 'Gebrauche gemäß in französischer Sprache gehalten werden müßten. V. Schoen habe darauf geantwortet, daß seit dem Kriege das Französische nicht mehr die Diplomatensprache sei und daß bäe deutschen Regierungs-Vertreter seit dem Kriege in allen Hauptstädten, Paris inbegriffen, ihre Ansprachen in deutscher Spra che hielten. Der gwechis-che Außenminister habe darauf geantwortet, daß jedes Land das regeln könne und daß in Griechenland bk diplomatischen Ansprachen nach wie vor in französischer Sprache gehalten werden wüßten. V. Schoen habe darauf die Ue'bervsichungszrwmo'me beim Präsidenten der Republik abbestellen lassen und sei auf Urlaub gereist. Man wisse nicht, wann er wieder nach Athen zurückkehren toerbe. Hiezu erklärt das Wölfische Bureau, daß vor einigen Tagen dem deutschen Gesandten mitgeteilt wurde, daß der Empfang zur Ueberreichung dies Beglaubigungsschreibens wegen andauernder Krankheit des Präsidenten der griechischen Republik zum Bedauern der griechischen Regierung erst nach der Rückkehr des Gesandten bc-nt Urlaub stattfinden könne. Ein Zusammenhang zwischen der Abreise des deutschen Gesandten aus Athen und dem behaupteten Vorfall besteht um so weniger, als vor kurzem der griechische Gesandte in Berlin fein Begla guugsschveiben mit einer Anrede in griechischer Sprache überreicht hat. Es entspricht dem Grundsätze der Gegenseitigkeit, daß sich der deutsche Vertreter in Athen der deutschen Sprache bedient. ßnglisch-ruUche BerUndigung? Angeblicher Abschluß eines Uebereinkommens. London, 4. August. Heute vormittags ist im Br sei» Ponsonbys und Rakowskis eine Vollsitzung de' englisch-russischen Konferenz abgehalten wov den. Wie verlautet, soll die britische Regierung in diese? Sitzung mit den Vertretern der Union der Sowjetrepu bliken ein bedeutsames wirtschaftliches uni finanz'elles Uebe rein kommen abgeschlossen haben, durch dos sich Rußland verpflichte, von den 160 Millionen Pfunds die es England schuldet, 28 Millionen Pfund zu bezahlen. __ Vatikan und Völkerbund. London, 4. August. (Tel. der ,Wr. Morgen,zeitung.^ In den Kreisen der Konferenz der Alliierten wird eine fresonders überhastete Tätigkeit der römischen Kurie bemerkt. Wie es in gut unterrichteten Kreisen heißt, w'vk der Batikan einen Sitz im Völkerbund erhalten und sucht dabei die Unterstützung der hohen englischer Diplomaten zu erlangen. Die Regierung Her riet steh/ diesem Ersuchen äußerst feindlich gegenüber. Ile unbekannte Leiche. (Eigewdienst der „Wiener Morgenzeitung".) Rom, 4. August. S)ie Ausgrabung der unbekannter Leiche, die auf dem Friedhof von Campa Berano heim» lich bestattet worden war, ist auf Grund der Ent» hüllungen des Abgeordneten Zanboni von den Ce« richtsbehörden nach einem eingehenden Verhöre Zanbcni'4 angeordnet worden. Auf jeden Fall wird genau' fefigestelll werden, ob die auf geheimnisvolle Weise begrabene Leich» des Unbekannten nicht diejenige Matteottis ist. Der betreffende Sarg -war auf Weisung der Polizei, direktion am 16. Juni um 2 Uhr nachts auf den Fried Hof gebracht und ungewöhnlich rasch, schon um 6 Uhr, begraben worden. Die ungewohnte Beisetzung erregte unte: dem Personal Verdacht. Vor einiger Zeit war auf dem Grabe des Unbekannten eine Photographie Matteottis ausgestellt worden, bi* dann weggenommen worden ist. Das Ergebnis der Nachforschungen war a b s o l u \ negativ; keiner der Leichname ist derjenige Mat t eotis. Der ungarische Generalkommisiör spart. (Eigendienst der ,Wiener Morgenzeituing".) Budapest, 4. August. Der für Ungarn eingesetzte Generalkommissär des Völkerbundes Mr. Jeremiah Smith hat bewiesen, Laß er Urscht nur die äußerste Sparsamkeit empfiehlt, sondern in diesem Belange auch mit gutem Bei. spiel vorangehen will. Er hat seine teure Wohnung in Hotel Hnngaria aufgegeben und ist in eine Privat- Villa übersiedelt, wo er mit seinem Stellvertreter Mr. Tyler eine Vievzimmerwchnung innehat. Aus weiteren Ersparungsgründen werden die Herren auch eigenen Haushalt führen. Inland. Hakenkreuzker und Bezirkskrankenkasie. Ein Ueberfall der Kärntner Heimatschutzwehr. Die Staatskorrespondenz veröffentlicht als Antwort des Vizekanzlers Dr. Frank auf die Anfrage der sozialdemokratischen Abgeordneten über die V e r s ch l e P p u n o des Prozesses gegen Mitglieder des Kärntner Heimatsschutzverbaudes wegen gewaltsamen U e b e rfalles auf die Bezirkskrankenkasse in Feldkirchen: Die Staatsanwaltschaft Klagenfurt hat, wie der Miniister erklärt, aus Anlaß des erwähnten Vorfalles bereits am- 27. März 1924 beim Emzolri-chter des Landesgevichtes Klagenfurt Strafantrag gegen mehrere Personen gestellt. Die HanptverhaMung war ans den 12. Mai 1924 angevrünet, sie -mußte aber wegen Durchführung einer vom Verteidig er am 2. Mai 1924 beantragten Beweisaufnahme abberufen lverden. Die Erhebungen sind nunmehr durchgeführt und ficht die baldige Wicderanordnuno der Hauptvevhandlwng bevor. Ier hakenkrenzlerische Parleiiag in ZrikLnrs. Wie uns aus Salzburg berichtet wird, begann Samstag unter ungemein schwacher Beteiligung der Parteitag der Hakenkreuzler. S'.lbfi die Beteiligung ausländischer „Festgäfte" -konnte das Bild dieser Konferenz der Radaubrüder nicht lebhaster gestalten. Zunächst wollte man, nach reichsbeutschean Borbrlb, einen ^Deutschen Tag" abh-alten, doch -hat ihnen die Behörde di'ses Vergnügen gestört und so nrnßten sie sich auf den R-cichöpartel-tag beschränken. Auf diefeur Reichstag sollten die Mitie! erhoben werden, mit denen die Partei ihre .Ziele errc.chen könne. Samstag abends kam es an verschiedenen Stellen der Stadt zu lebhafte m Wortwechsel zwischen A rbertern und Hakenkreuz lern, doch gab es nirgends ernste Zusammenstöße. Sonntag vormittags veranstalteten sie einen Umzug. Da es in Strömen regnete, blieb die Bevölkerung zu Hause, und s-o verlief der Umzug in Ruhe. Nachmittags halben dann die Parteibera-tnngen begonnen.