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Wiener Morgenzeitung · 1924-08-04 · Heft 1965 (4.8.1924) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1965 (4.8.1924)
Date
1924-08-04
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Men, MMag - Dpsevbtzreitschaft von rührender Intensität, die alles Lob und Unterstützung verdient. Rumänien und die Türkei rechnen bereits damit, daß es notwendig sein werde, den Bulgaren im Falle des Ausbruches von Unruhen Hilfe zu leisten. Wir können demnach erwarten, daß sich diese Notwendigkeit über kurz oder lang einstelleu wird. * Die Methode ist einfach und hat den Vorteil, daß sie jedermann sofort versteht. Sie grübelt nicht und hält sich nicht dabei auf, dett Grundstock der Uebel zu suchen. Cs würde vielleicht auch nichts anderes heraus'» kommen als daß die ethnischen und sozialen Verhältnisse auf dem Balkan ungeklärt sind, daß Agenten bald dieser, bald jener Macht zündeln und daß ihnen niemand das Handwerk legen kann. Das weiß man heute auch. Eine Konferenz würde doch nur ergeben, daß-die europäischen Großmächte nicht imstande sind, das 'Problem zu erfassen, geschweige denn es zu lösen oder etwa dem Völkerbund den Auftrag zu erteilen, die Balkanstaaten zu einer wirtschaftlichen Einheit zusammenzufassen und eine Zollunion zu bilden. Das würde an dem einen Punkt die englische, an einem anderen die französische an einem dritten die italienische Interessensphäre empfindlich verletzen. Das darf nicht sein und solange die Königreiche einander mit Demarchen und Patronen regalteren, solange bleiben sie in der wirtschaftlichen Hörigkeit der Großmächte. Mit einer befristeten Demarche hat es vor zehn Jahren angefangen und wir sind heute einstweilen wieder bei diesen mit Recht so berühmten Meilensteinen der europäischen Kulturentwicklung angekommen. In Amerika hält man es anders. Dort geht es ohne Demarchen. &oo Paolo ist wieder in brasilischem Regierungsbesitz. * Den Einwohnern der Philippinen, die unter amerikanischem Mandat stehen, ist bedeutet worden, daß sie zur Selbstregierung noch nicht reif seien. Sie bleiben unter Mandat. Das ist ein Präjudiz, das wir hier festhalten wollen, weil es für die Auslegung von Mandatsbestimmungen immerhin wichtig ist. Seutsche Kriegsgedenkfeiern. Mit Komvumistenrummel und blutigen Schlägereien. In Berlin wurden gestern, wie unser dortiger Korresporchent meldet, -unter großer Beteiligung der Bevölkerung eine Gedenkfeier für die deutschen Opfer des Weltkrieges veranstaltet, an der auch die Regierung teil- Nahm. Nach dem Aufmarsch zweier Ehrenkompagnien der Reichswehr betrat Reichspräsident Ebert, gefolgt von den Mitgliedern der Regierung und den Ehrengästen, unter lebhaften Hoch- und Heilrnfen der Volksmenge die Freitreppe des Reichstagsgebäudes. Nach einer kurzen religiösen Feier (demjüdischen Herresrabbin-er war die Teilnahme nicht gestattet!) ergriff Reichspräsident Ebert «das Wort. Er bezeichnete den heutigen Tag als einen Tag d e S Gedenkensund der Trauer, aber zugleich auch deS Dankes und erklärte weiter, nur zur Verteidigung der bedrohten deutschen Heimat habx Deutschland vor zehn Jahren die Waffen ergriffen. In diesem Bewußtsein habe es den langen Krieg geführt, und nur dieser Geist habe es die gewaltigen Opfer ertragen lassen können, die alle Kreise des deutschen Volkes an Gut und Blut bringen mußten. Trotz aller Stürme der letzten Jahre, fuhr der Reichspräsident fort, ist uns aber das Reich erhalten geblieben. Wir geloben heute, daß an diesem Bau nicht gerüttelt werden darf, daß wir alle unsere Kraft einsetzen wollen, damit das deutsche Volk wieder den ihm gebührenden Platz unter den VSlkern der Erde einnehmen kan«. Es ist heute der Ruf hinausgegaugen an das deutsche Voll, unseren Toten ein würdiges Denkzeichen zu errichten. Aber darüber hinaus wollen wir dem Gedächtnis unserer Toten und unserer Opfer ein Denkmal bauen, dauernder als Erz: das freie Deutschland! Nach dieser Ansprache deS Reichspräsidenten, die mit lebhaften Beifallskundgebungen ausgenommen wurde, formierte sich die Reichswehr zur Trauerparade. Um 12 Uhr mittags brach die Musik ab und für zwei Minuten setzte jeder Ton und jede Bewegung aus. Balo darauf war die Feier beendet. Infolge des un-gsheuven Andranges zur Godächtnisfeier hat sich eine Reihe von Unfällen ereignet. Etwa 300Personen mußten die Hilfe von Sanitätspersonal in Anspruch nehmen. Kommunistische Propaganda. Die Kommunisten, die vormittags in Grohberlin 11 Versammlungen abgehalten hatten, waren während der Gedenkfeier in Trupps von 20 bis 60 Mann auf dem Kvnigsplatz erschienen und hatten sich unter den Teilnehmern der Trauerverfa-mmlung verteilt. Als die Gedenkpause eintrat, sah man plötzlich überall großeroteZeitelinder Menge aufslattern. Es waren kommunistische Aufrufe mit der Aufschrift: „Warum schweigen?" „Nieder mit dem Kapitalismus!", „Wehrt euch!" Dies war offenbar die -Parole zu einer schon früher beabsichtigten Störung. In demselben Augenblick drangen die Kommunisten unter „Nieder"-Rusen auf die Regierung auf das Publikum ein. Das Publikum Wiener Morgenzeitung. fraget 704 Schuhei mit Eingebautem 9,Berson“«Gummi-Absatz Me sich jedoch energisch^ zrßr Wtchrs Md beim. Bismärck-Denkmal würden 18 Angreifer so Ü b el z u g erichtet, daß sie vom Platz getragen werdest mußte«. s 4 w: i •<;;', Schlägereien in Dresden. Dresden, 3. August. Während im Vereins- Haus eine große Gedenkfeier des Bürgcrblocks veranstaltet wurde, an der auch die Kriegervereine und die gesamte Studentenschaft im Trauerwichs teilnahmen, sammelten sich im Stadtinneren auf dem Altmarkte um 12 Uhr mittags Tausende Von Menschen an. Im Augenblick der allgemeinen Gedächtnisstllle bewegte sich e i n n a ch H u nderten zählender Zug von Kommunisten, der Schilder mit der Inschrift „Nie wieder Arieg" mit sich führte, die „Internationale" singend, rings um den Marktplatz. Von der Menge wurde daraufhin das „D e u t s ch l a n d l i e d" attgestimmt. Die Schilder der Kommunisten wurden niedergerissen. Hiebei kam es an verschiedenen Stellen zu Schlägereien. Schließlich räumte ein starkes Polizeiaufgebot die Straßen, wobei eine Reihe von Personen verhaftet wurde. Eine Gedenkfeier in Wien. In Wien veranstaltete die reichsdeutsche Kolonie auf dem Zentralsriedhof ebenfalls eine Gedenkfeier, bei der der Gesandte Dr. Pfeiffer eine Rede hielt. Jas Strafverfahren gegen die Kronenkoutermineure eingestellt. Budapest, 4. August. (Privattlegramm.) Die Angelegenheit der Konterm ine-Angriffe auf die ungarische Krone, in deren Mittelpunkt seinerzeit der Direktor der Wiener Depositenbank Paul Kaks stand und an ^.welcher bekannte Häuser und Finanzleute beteiligt waren, hat nunmehr ihren Abschluß gefunden. Seit der Errichtung der Nationalbank und der damit einhergehenden Stabilisierung der ungarischen Krone ist das Gerichtsverfahren in Fällen der Kronenkontermine eingestellt worden. Wie verlaute^ wurde der Regierung der Vorschlag unterbreitet, in diesen Angelegenheit eine A m n e st i e zu erlaffen. '-AM ' h Me persische Abteilung aus dem zenttalfriedhof. Ueber Anregung des hiesigen persischen Gesandten Mustafa Chan hat sich unter Führung des ständigen Rechtskonsulenten der persischen Gesandtschaft Dr. Kramer ein Komitee von vermögendem und angesehenen Mitgliedern der hiesigen, persischen Kolonie gebildet, um die Schaffung des persischen' Friedhofes zu evmöKjchen und beim Wägermeister Seitz um die Zuweisung einer Begräbnisstätte für die Angehörigen der persischen Nation bittstellig zu werden. Der Bürgermeister und die kompetente Magistratsabterlung haben dieser Anregung Rechnung. getragen und so wird schon heute, Montag, die erste kchnmissionelle Begehung >der persischem AbtaÄnmg des Zsntralfriedhofes stattfinden. Für dieses Entgegenkommen werden sich die persische Gesandtschaft und das Aktionskomitee >da«. durch erkenntlich zeigen, daß sie eine in streng persischem Stil und nach einem alten künstlerischen Entwurf zu erbauende Moschee, die alle erforderlichen Zeremomenrämne sowie eine Empfangshalle enthalten wird, ausbauen lassen und der Gemeinde Wien für ewige Zeit kostenfrei ins Eigentum . Übergabe« werden. M-t der Durchführung dieses Baues ist KannneTvat Ing. Josef Neubauer nach iett Hm von der Gesandtschaft aus Teheran besorgtem OriginalentwüHn betraut worden. ,; : * Die Selbstmorde des Sonntags: Im Schwehergarten hat sich ein Wjährige-r Mann erhängt. Er wurde tot aufgefunden. Auch «im Ottakringer Walde hat sich nächst der stark belobten ' Straße ein Mann an einem Baum erhängt, es ist ein Schmiedgehilse. — Ein ISjähriges.beschäftigungsloses Mädchen wurde in ihrer Wohnung mit dem GasWauch im Munde bewußtlos aufgefunden. Sie hat wegen Krankheit einen Selbstmoü)- versuch verübt und wurde ins Sophienspital gebracht. — Ein 50jähviger Hilfsarbeiter sprang am 2. d. wegen Arbeitslosigkeit und «wegen Erkrankung seiner Frau bei der Bviaittabriicke*,in 'den Donaukanal. Passanten zogen ihn ans Land. Er wurde in seine Wohnung gebracht. — Der öLjährige Haus- und Küchengvrät-ehändler.Heinrich S. versuchte, sich in seiner Wohnung aus unbekannter Ursache zu töten. Erst versuchte er, sich zu erhängen; dann brachte er sich mit einem Taschenmesser eine Schnittwunde an der rechten Pulsader und eine zweite am Halse bei; schließlich jagte er sich aus einem Revolver eine Kugel oberhalb .des,-rechten Auges in den Kopf und eine zweite in die linke Brustseite. Lebensgefährlich verletzt wurde er von der Rettungsgesellschaft ins Franz Josefs« Spital gebracht. * 7. Festaufführung „Aida". Infolge des schlechten Wetters : mußte die für geistern anberaumt gewesene 7. FestaUlffühvung der „Aida" auf der Hohen Warte für morgen, Dienstag, -verschoben werden. Die gelösten Karten behalten für dies« 'Ersatzvorstellung ihre'Gültigkeit. Um -den außerhalb Wiens wohnenden Besuchern die Rückfahrt zu ermöglichen, beginnt diese sowie alle folgenden Vorstellungen präzise h o lb 8 Uhr abends. Dirigent Pietra MaScagm. Nach Schluß direkter I Slraßenbahnderkchr - nach allen Richtungen. . fL August IM 1 Nr.1S« den Inhalt des Schcfserfchen Buches hinMvlcfeN. Die nachfolgende Besprechung besaßt sich mit der 'besonderen politischen Note, die in dem Buche „Das Bankwesen in Oesterreich" angeschlagen wird. Selten,- ist ein antisemitisches Pamphlet in so geschickter und wirksamer Weise abgefaßt worben, wie das soeben erschienene Buch von Dr. Egon Scheffer: „Das Bankwesen in Oesterreich." Das Buch ist ein sachliches Werk und trägt über das Thema ein reiches Material zusammen. Der wissenschaftliche Wert der Arbeit wird aber schwer geschädigt durch die antisemitische Tendenz des Verfassers und seine Bvreingelwmmenheit in WeltaNschaumigsfragett. Diesbezüglich ist er ein Adept voll Pros. Spann und jongliert Mit dessen bekannter profunden Entdeckung des Gegensatzes von Univcrsalismus und Individualismus, sowie mit der romantischen Vorliebe seines Meisters für den Ständestaat. Diese Mängel seines Werkes interessieren.nnsan dieser Stelle nur insoferne, als jene Voreingenommenheiten sich trefflich' dazu eignen, die Hauptthese des Verfassers mit einem Schein von Logik abzuleiten. Diese These ist, daß die Juden schuld daran sind, daß die schöne ständische Ordnung dahinschwand, und sich der moderne Kapitalismus entwickelte, der sich schließlich zu seiner häßlichsten Erscheinungsform, der Herrschaft des Leihkapitals, entwickelte, die konzentriert ist in den Händen einiger weniger jüdischer Bankgewaltigen. Viel ttikischer als diese banale These ist jedoch die harmlos-objektive Art, mit welcher der Verfasser die Juden entschuldigt. Sie seien nicht unsittlich; sie hätten nur eine andere Sittlichbüt als die Teutonen. „Das Zinsnehmen und das Bewuchern der Fremden ist ihnen durch ihre religiösen Vorschriften geradezu aufgetragen. In der Ansammlung des Reichtums, auf Kosten der anderen Völker sehen sie ihre eigentliche Sendung, ihre gottgewollte Aufgabe" (S. 24). — Amfchel Mäher Rothschild wurde zmn Nationalhelden, zum Bismarck des Judenvolkcs (S. 65). „Er errang die höchste sittliche Höhe des jüdischem Volkes", und seine Erfolge erzielte er dadurch, „daß er zahlreiche Deutsche von dem ihnen ürnewohnenden Sittengesetz abzn» bringen wußte" (S. 86). „Es ist'die nationale und religiöse Pflicht" der jüdischen Finanziers'„reich MweMN, um dadurch ihrem Volke zu dienen." Dieses Leitmotiv, daß es das höchste jüdische Stttengesetz sei, Reichtum anzusamineln, nur die Völker zu beherrschen, zieht sich durch das ganze Werk, natürlich nicht ohne Zitierung von Sombart (der aber , seit seinem Indem büche den Anteil der Juden an der Entstehung des modernen Kapitalismus in späteren Werken viel geringer veranschlagt, als in diesem). Jenes konkrete Ziel, das sich die Juden durch Jahrtausende gestellt haben, wurde von ihnen-erreicht. „Die Weissagungen der Propheten, bie vor vielen Jahrhunderten im stmen Orient erfolgten, sind mutmehr -zur Tatsache geworden." (S. 382.) Die Propheten, die gegen die Reichen wetterten und die Armen gegen, sie beschützten, die von denr künftigen geistigen Weltzentrnm Jerusalem sprachen — sie haben also nach Dr.' Egon Scheffer die Herrschaft einer Handvvll jüdischer Bankdirektorm Über..die Völker der Erde als Ziel des Wischen Strebens erklärt. Solche lächerliche Dummheiten wären der Beächtimg nicht wert, wenn sie nicht in /raffiniertester Weise in einem Buche, das trotz schwerer Mängel M ein wissenschaftliches angesehen werden muß, in heuchlerisch-objektivem Ton vor«- getragen werden würden. Scheffer. als „unbeeinflußter Beobachter" bewundert „utteirigeschränkt" die Arbeitsweist, die Strebsamkeit, die Klugheit, die mustergültige nationale Einheit der Juden durch die sie ihr Ziel erreicht haben. (S. 381.) Dieses Buch wird infolge seiner raffinierten Anlage dem Antisemitismus viel mehr nützen, als die. Albernheiten der „Weisen von Zion". Auch die objektive Beweisführung des Verfassers, daß die Juden, die moderne Geldwirtfchaft geschaffene Haben, ist so geschickt angelegt, so daß selbst, dort, wo der Verfasser die Juden nicht neNK, da er sie nicht nennen kann, der Leser, der nicht über genügend wirtschaftshistorische Kenntnisse verfügt, glauben muß, daß die Juden daran schuld seien, wenn man Überhaupt "bei einer zwangsmäßigen Wirtschaftsentwicklung von „Schuld" sprechen -kann. Scheffer stellt im Anfang seiner Beweisführung den Ständestaat mit seinem organischerr Gefüge der Wurzellosigkeit und dem schrankeitlvsen Individualismus der Juden gegenüber. Durch' angeblich „frühzeitigen" Einfluß des Judentums ist die deutsche Wirtschaft in die Bahnen deS Kapitalismus gelenkt worden. (Wann und wie?) (G. 27.) Dann kommt allerdings eine ganz judenreine Uebersicht über die Entwicklung des JnidustrialismuS, der in Oesterreich und Preußen sogar von den Herr- . Hern gefördert wurde und ein oberflächliches Gerede vom Sieg des Individualismus durch Rousseau, Hobbes usw. '.Vergebens sucht man hier den Nachweis, daß die Juden , den „Individualismus" und den „Kapitalismus" ein-geführt haben. . > . \ > Die Methode des Verfaissers ist es eben, die Tatsachen so zusammenzüstellen, daß er ohne objektive .Unrichtigkeiten-

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