Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1964 (3.8.1924)
- Date
- 1924-08-03
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Setze 12 r Wien, Sonntag meistert, daß nicht Riechanisches mehr übrig geblieben ist). M gibt da eine«: Augenblick wo der Feroponow, den BaratrHf daHellt, eutflt Juden abweist, der bei ihm Schutz vor dem Pogrom sucht; die Hand des Darstellers, welche -ie abwesende Geste macht, spricht im-Vibrieren ihrer Nerven, was wirklich in seiner Seele vorgeht. Und dann, nachdem dieser Jude doch Schutz im Hause Feraponows gefunden hat, hört dieser zu, wie der fremde Jude betet. (Lazar Fried, der diesen Juden gibt, bringt übrigens dieses Beten mit sparsamsten Mitteln an Geste und Melodie zn ganz Unglaublich rührender Wirkung). Dieses Zuhören beim Gebet wird in Baratofss Wiedergabe unvergeßlicher Eindruck: auf feinem Gesicht ist seine ganze Jugend, das Leid seines ganzen Lebens zu lesen, bis dann schwere Tränen die Erlösung bringen im endgültigen Entschluß, zu seinem Volke, zu sich selbst zurückkchren. Dann aber wird chm diese Rückkehr abgeschnitten, denn Feraponows eigenes Blut, sein Sohn, hat sich an dem Judentum in unflätigem Haß vergangen; was Baratts in dem Augenblick spielt, da er entdeckt, daß sein erzener Sohn am Pogrom mitgewirkt hat, das ist nicht Verzweiflung, mcht die Katostropheustinrmung des Theaters, sondern die Schlußbilanz, die nienschliche Schlußbilanz, die jeder zieht, der seinen großen Versuch, feinen Lebensversuch, sein Schicksal aus eigener Hand aufzubauen, scheitern fühlt. (Die Regie hat übrigens diese Szene viel zu dunkel gehalten.) Dieser Moment war Theater größten Formats, wie es heute kaum noch ein Schauspieler außer Baratofs zu geben imstande ist. Paratoff ffcte&e mit dem Ensemble des jüdischen KuHttHraters, dem er in der nächsten Saison völlig angehören wird. Um ihn war gutes, nur vielleicht etwas zu flüchtig gestelltes Theater, in dem Änna Appel, Mark Och Weid und Berta Gersten, soweit es möglich war, Wer das' AMägkic^ hinauskamen. Morris Schwartz Wie die undankbare Angabe, als dritter Aufguß des Wktzers Luka aus denr Nachtasyl stets fHl am Ort umherzugeistern; er entledigte sich ihrer 'mit Anftand und Vrgebercheit. Was Tennenholz war diesmal an den unrichtigen Matz gestellt. Im ganzen aber ordentliches Theater; das Theater, welches an die letzten Fragen der Menschheit rührt, verkörperte Baratofs. Das PuAi- Luu feierte den Maßen Darsteller, dessen Name ein übervolle Haus hexbeigelockt hatte, den ganzen Abend lang dem Zauber feiner Kunst atemlos hingegeben, nach dem Schlußakt mit stürmischem Jubel, der kein Ende nehmen wollte. / Ach ja, das Stück: Es ist ein ärgerliches Stück; nicht iveil es schlecht ist; es ist — das ist Am das Aergerliche — KnMch talentlos, geradezu virtuos talentlos. Ueberdies HMt eS noch „Moschte Chazer". . Siegfried Schmitz. fu S. Wien, das zum Erlebnis stets auch die TralschsßnstMon bvanH, wispert und pffpert, Paul Baratofs sei kein Jude. Ein Mauschelbuddhist, der die Worte „Karma", „nebbich" und >Gos" zu Theaterkritiken auswalzt, die er dann mit Klatschsensatiönchen besteckt, nimmt Äen Anlaß wahr, um für de« Gebrauch der Journaille He Legende auszuwärmen, dch Baratofs kein Jude sei. Es sei festgestellt, daß Baratofs Jude von Geburt ist. Wiener Morgenzettung. 8. August ISA Rr. im Direktor Morris Schwach als „David Schapiro" in Scholem Alejchems Komodie „Schwer Jude zu sein". Dar MWr KanWeater fsir dm Mischen NiMonMadr. Morgen Rachtvorftellung im Carl-Theater. Wie bereits berichtet, veransttlltet daS Nsw-Vovker jüdische Ku«sttheater morgen Montag um 10 Ahr abends feine letzte Nacht-Dorstellun g, bei welcher Scholem Mchchans beste KomÄüe „Schwer zu sei« ein Jud'" vom Ntzw^Aorker KüustckereUserMe zur Aufführung gelaugt. Direktor Schwartz und feinr Künstler wollen mit dieser Vorstellung, deren Erträgnis #it Gänze dem JMfchen NaÜonäkfonds zufließt, da sämtliche MtMder des Kunstchvaters arftf ihren AnteL aus de« Einnahmen dies« Vorstellung verzichten, dokumentieren, daß jüdische Künstler verpflichtet find, ihr« Kunst in de» Dienst der Institution zu stellen, welche dom jüdische« BoNe seinen Sode« in Erez Uraöl erwerbe« soll. Denn die Erwerbung des palästinensischen BodenS sichert auch der Müschen Kunst, die heute ebenso wie ihr Volk wandern muß, dauerndes Heim, wo sie Wurzel saßen und zur Bküte gelange« kann. Die Nachtvorstellung, welche morgen in Szene geht, ist daher nicht nur eine Angelegenheit künstlerischer Natur, was ja schon durch das hohe Niveau der Aufführung, den Wert der Komödie und die Bedeutung ihres Autors verbürgt ist, sonder« muß auch als gesellschaftliches Ereignis gewertet wevden; denn es ist zu erwarten, daß die jüdische Bevölkerung Mens die Anschauung, welche sich in dem Entschluß der New- Iorker jüdischen Künstler, für den Jüdischen Nationalfonds zu spielen, kundgibt, erfaßt und zu der ihren macht. Ein massenhafter Besuch der Vorstellung Wird den jüdische« Künstlern beweisen, daß ihre Anschauung, die sich hier kundgrbt, ebenso Verständnis beim jüdischen PMikum findet, wie es ihre Kunst gefunden hat. In später Abendstunde erfahren wir, daß das Gastspiel des New-Horker jüdischen Kuuftcheaters im.Carl-Theater wegen des großen Erfolges bis Mitte August verlängert wurde. . Der letzte „Bunte Abend" des Jüdischen Kunstcheaters hatte einen Fehler: er War zu wenig bunt, ckber dafür zrw>ie!l Abend. Das fast durchwegs neue Programm — die bereits bekannten Darbietungen wurden auf Verlangen des Publikums Weben, das immer wieder das zu hören wünscht, was Hm einmal gefallen hat — hatte etwas zu viel Schwere. Der Prolog zu Andrchews „Annatema", .den Direktor Morris Schwartz mit einer den GelseUchaftsauzug geradezu sprengenden Bchemenz, dabei doch mit starker Wirkung vortrulg, ist ebenso wie die von Berta Gersten -gebrachte Schlußszene auS Govdins ,Kveuzersonate" eine etwas ju robuste Beschtoerung eines bunten Abends. Einige Szenen aus Tollers ,H>inkemann" und eine Scherzszene Tschechows fielen etwas blaß aus. Der ovigmärqjüdische Teil geriet viel lebendiger. Gang ausgezeichnet durch Morris Schwartz«verkörpert die Gestalt eines herunterigeikomnrenen 'Wanderchafan, der das Unglück seines Lebens erzählt. wie ihn die HartherMkeit der Neichen um sein einziges Kind gebracht, so daß er der WerAveiflnng und dem Trunk anheim fiel. Elia Tennenholz erntete mit seiner Scholem Mmchem-Borleifung wieder Beifallsstürme niftd Mark Schweid brachte dern Publikum zu Dank die Edward- Ballade in einer Mt nachgeformten, nur vielleicht etwas zu weichen Uebertragung, der auch die Auffassung des Interpreten ein wenig nachgab, zu Gehör. Lazar Fried verbreitete mit seinen geschmackvoll vorgetragenen VvMlchevn Me Stimumuig, Musik- und Theaterseft der Stadt Wie«. Die Mitwirkung der Staatsoper anscheinend gesichert. Wie wir erfahren, stehen die Verhandlungen der Stadl Wien mit dem Finanzministerium unmittelbar vor dem Abschluß und man hofft, daß sich die Staatsoper mit dem ursprünglich festgelegten Programm am Musikfest beteilige« wird. Bekanntlich soll in der Staatsoper mrch die Beethovensche Musik zum Kotzebueschen Festspiele „Die Ruinen von Athen" und das Beethovensche Ballett „Prometheus", dessen Choreographie verloren gegangen ist, zur Aufführung gelangen. — Hugo Hofmannsthal hatRuinen von Achen" zu einer „szenischen Kantate" mit Goethe in Hellas als Haupthelden umgestaltet und „die Geschöpfe de.^ Prometheus" als Ballett mit neuer Choreographie in „Die Ruinen von Achen" eingelegt. — Am gleichen Abend findet die Erstausführung des Balletts „Don Inan" von Gluck mit Ballettmeister Kroller in der Titelrolle in der Staatsoper - statt. Am 19. September gelangt im Deutschen Volkscheater das von der Stadt Wien preisgekrönte Schauspiel aus der Metternich-Zeit „S p i e l b e r g" von Martina Wied zur Ausführung, am 27'. September Anzengrubers „G e w i s s e n swurm" mit Herrn Klöpfer. Ferner ist die Veranstaltung eines Zyklus von Volksstücken mit Herrn Tyrolt in den Hauptrollen geplant. Kunstwucher. Unter diesem Titel schreibt der ausgezeichnete Dheatev» kenner Emil Lind in der „Vossischen Zeitung" einen sehr bemerkenswerten Aufsatz, der nicht nur gegen die Berliner Thoatewerhältnisse die Sache der wahren Kunst vertritt, sondern auch jetzt für Wien, wo der Streit um 'die Konzession für die Renaissanoebühne entbrannt ist, beherzigenswerte Mahnungen enthält. Denn es ist keine Frage, daß Dr. Eugen Robert, der Direktor der R en aissan c ebühn e und der N e u e n Wiener Bühne, hier nur dann wird künstlerische Arbeit leisten können, wenn er sich seiner Berliner Verpflichtungen entledigt und seinen Jnteressenkreis nicht über seine Physische und moralische Kraft erweitert. Wir entnehmen dem Aussatz folgende Stellen: Die Regierung mutz auf Grund des Konzessionsparagraphen tmt geeigneten Falle eingveisen. Ein Theater ist eine öffentliche ' Angelegenheit, ein Knkturmittel. Wenn ein solches in ein Mittel geigen die Kultur verkehrt wird, kann das Mimstermm für Kultur nicht gleichgültig bleiben, und diese Gefahr^ kommt immer näher. Da muß der Ivünstler.ische Bostchigungsnachweis in rigorosester Weise geprüft werden. Wenn ein Zusammenschluß mehrerer Bühnen in Frage kommen sollte, dürfte er nur dann stattfinden, wenn die künstlerische Persönlichkeit (ich sage PersöMchkeit, darin läegt auch dre Forderung einer Kunftaulschauung/ eines bestimmten künstlerischen WAens) des Leiters uncursechibar stark genug und unter allen Umständen bereit ist, die Nustlerische Basis dtt Unternehmungen und damit ihr Anrecht auf bestmderm Schutz zu sichern. IM BKHnenleben ist die Persönlichkeit und ihr unmittelbarer Eimstuß im täg>k>ich«n Vevkehr bei der Pröbenabbert, bei der sich durch unzählige, unsichtbare Kanäle künstlerische Empfindung und kulturelle. Art überträgt, ausschlaggebend. Die Wirksamkeit einer solchen Persönlichkeit ist also, nn Gegensatz zu den sonstigen Unternehmungen, bei denen eia Zufamurenschluß ein Vorteil für die PvrünMo« sein kann, physisch begrenzt. Schon aus dieser Logik heraus muß eine TrusDildung 'der Theater besouders betrachtet werden. Die KouzeßsioMevung eines Theaters ist das technische Mttel zur EyMung einer Kunstanschauung. Der Kampf geht um das gesetzliche Heraustreiben eines wichtigen Kultursebiebes aus dem allgemeinen Wirffchastsgewicbe, aus der allzemamen Wirffchasiseniwicklung. Vielleicht gelingt er in diesem Falle, das Gvistlge, das sonst, nur im besten . Fall als Mttel benützt wird, als Zweck zu proklamieren. Am dm Theatern. Volksoper: Heute ,/Der Mikado^, morgen ,-Ded Fveischütz". Im Deutschen Bolkstheater dauert das Gastspiel der Exl-BWne RS 18. d. Am 18. d. 'wird Re Spielzeit mit der Erstaufführung ,^Die Freier", Lustspiel von Josef von Gichvndovff in vor BearioeÄung von Zoff, mit der Musik von Äschousm eröffnet. In dieifem von Renata Mordo inszenierten Stück tvswn zum erstenmal der Charaktcrkomiker Fritz Esste-r aus Hamburg und Marianne Kupfer vom Lsch-iger Schauspielhaus auf. zweite Novität sichst die dreiaktige Posse „Vinzenz rmd die Freundin bedeutender Männer" von Röbert Musil, welche von Direktor Rudolf Beer in Szene gesetzt wird. Im Lustspieltheater hat Karl Knaack sein Gastspiel bis zum 18. August verkäugevt. Der Künstler spielt allabeMich in dem erfolgreichen Schwank „We Kleine vom Bavvete" von Alfred Möller. Heute um 4 Uhr nachmittags ,$)ti keusche Lebemann". Im Josefstädter Theater wurde die für Dienstag .den 6. August angesetzte Premiere von ,/Sonkin" um einige Tage verschoben. Es gelangen daher bis einsckchießlich Donnerstag den 7. AuMst die Einakter „Mu.tteMebe", ,Kie Spieler" urä» „Ein Hüwatsantrag" zur Aufführung. Deutsches Bolkstheater. Die Exs-Bühne ist aus derü Raimund-Theater ins Deutsche Bolkstheater übersiedelt und beginnt auch an dieser Stätte ihr Gastspiel mit einem Schönherr-Zhklus. „Erde" esi^e Komodie des Lebens,. strahlt erst in dieser darstellerische« Atmosphäre jene urwüchsige Kraft aus, die ihr der Dichter nicht immer aus eigenem mitgeben konnte. Ferdinand E xl, Mma Exil und Mmn Gstottner feiern in ihrer realistische» Purst Triumphe. .Karrnerleut'," ein Mt handfesten Theaters, wird durch die Darstellung, an der Mmi Gstöttner und die Herren Eduard Köck, Ferdinand Exl und Ernst A n ew beteiligt sind, ehr starker Pubttkumsesioltz. Gräfin Mariza. So lange die Bavasdiner, von Sanierungssorgen nicht aHusehr bedrückt, nach Wien pilgernscheint die G r äs i n Mari z a immer erfolgreich auf Seelen» LMM