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Wiener Morgenzeitung · 1924-07-31 · Heft 1961 (31.7.1924) · p. Seite 7

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1961 (31.7.1924)
Date
1924-07-31
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 1961 Men, Donnerstag Ae Berkehrsemr'rchtungen in Amerika. Mitteilungen des Oberstadtbaurates Musil. Die Wiener. Gemeindevevwaltung hat die Oberstadtbauräte Musil und Hula nach den Bereinigten Staaten entsendet, um dort die technischen Einrichtungen, besonders aus dem Gebiete des Wohnbaues und Brückenbaues, zu studieren, die dann in Wien zur Nachahmung gelangen sollen. Die beiden Ingenieure, die auf ihrer dreimonatigen Reise eine Strecke von über 30.000 Kilometer zurückgelegt und die bedeutendsten Städte von Amerika besichtigt haben, sind jetzt zurückgekehrt und arbeiten ein Memorandum über die Ergebnisse der Studienreise aus, das der Oeffentlichkeit wahrscheinlich erst ” in der nächsten Gemeinderatssitzung bekanntgegeben werden wird. Stadtrat Siegel hält daher bis auf weiteres den Bericht über die technische Ausbeute der Studienreise geheim und hat den beiden Herren untersagt, Mitteilungen über das Ergebnis der Reise zu machen. Ingenieur Musil konüte daher einem unserer Mitarbeiter nur sagen, daß die Ergebnisse der Reise befriedigend seien und der Bericht hierüber bald vorgelegt sein werde. Er entwarf dann ein Bild der Reise und der auch für Wien Vorbildlichen Einrichtung. Hochbahn, Untergrundbahn, Straßenbahn, Omnibusse und Automobile gehorchen dem Wink des Polieemannes, der wie durch ein Wunder jede Verkehrsstörung, jedes Unglück verhindert. Das Telephon funktioniert ausgezeichnet, da es durchwegs automatisiert ist. Aus 100 Einwohner entfallen über zwölf Abonnenten (in Oesterreich 2). Die P o st z u st e ll u n g ist g l ä n z e n d und verdient alles Lob. Die Wohnungen sind nahezu alle mit Bad versehen. Selbst die kleinste Arbeitevwohnnng besitzt ein solches, was zur Folge hat, daß der Gesundheitszustand der Bevölkerung ein weit besserer ist als bei uns. Gitter oder Umfassungsmauern, wie das bei den Villen in Europa üblich ist, sind dort unbekannt. Man hält es für überflüssig, sich von einander abzusch'ließen. Dem Durchschnittsamerikaner ist all das unbegreiflich, was man sich von den völkischen und Rassebestrebungen an den europäischen Hochschulen erzählt. Von Antisemitismus habe er nichts bemerkt. An den Hochschulen Amerikas gibt es natürlich auch Studentenvereinigungen, doch. dienen diese lediglich der Pflege der Geselligkeit und dem Sport, während Sausübungen oder die anderen Iugendfpiele der europäischen Studenten in Amerika unbekannt sind. Der Sport spielt an den amerikanischen Hochschulen .bekanntlich eine große Rolle, und die Studenten erhalten auch Klassifikationen in Sportübungen. Seit -dem Inkrafttreten des- Prohibitionsgesetzes, das das Alloholverbot ausspricht, ist die Zahl der Geisteskranken stark zurückgegangen, die Spareinlagen steigen kontinuierlich und viele Arbeiter konnten sich für ihre Ersparnisse Automobile kaufen. Ans sechs Einwohner entfällt ein Kraftwagen. Nicht nur der Bürgerstand wohnt gut und bequem, fonbertt auch die Arbeiter, die in der Regel Dreizimmerwohnungen besitzen. Sieverdienen bei achtstündiger Arbeitszeit . 5 bis 18 D o lla r, das sind 350.000 bis 1,250.000 Kronen täglich. Momentan ist die Arbeitslosigkeit in den Vereinigten Staaten verhältnismäßig gering, da die Bautätigkeit blüht. Sollte diese Konjunktur aber, was früher oder später unvermeidlich sein wird, abflauen, ist mit einer schweren Jnduftriekvise zu rechnendie für die großen Massen viel schwerer erträglich ist als bei uns, weil man drüben die sozialen Mrsorgomaßnahmen fast nur der privaten Initiative überläßt und es keine Arbeitslosenunterstützung gibt. Als weitere Folge solcher Krisen tritt jedesmal eine Erhöhung der Kriminalität ans, die von der im allgemeinen gut organisierten Polizei mangels jeder Meldchorschrist. nur unzureichend bekämpft werden kann. Auch in. gewöhnlichen Zeiten fhtb Ranbanfälle auf offener Straße und in Lokalen an der Tagesordnung. Hingegen sieht inan keine Bettler in den'Straßen, da für Kranke und alte. Leute zum Teil gesorgt wird. , Für die Bahnen gilt der Grundsatz: Safety first, d i e S i ch e rh e i t zue r st. Diesem Grundsätze gilt die Erbauung der Waggons aus Eisen. Es gibt nur eine Wagenklasse. Für die Be.uemlichkeit des Publikums ist in jeder Hinsicht gesorgt. In den Bahniwagen gibt es so viele Waschborrichtungen. daß sich gleichzeitig vier Personen in einem Waggon waschen können. (Bei uns in Oesterreich ist leider in dieser Hinsicht besonders schlecht, oder richtiger, gar nicht gesorgt.) Er besprach sodann die prachtvollen Einrichtungen der Pullmann-Wagen, die das Bild des Schaffners mit der Inschrist tragen: „Mister N. N., der so mt«b so viele Jahre im Dienste der Bahn steht, rechnet es sich zur Ehre an, die Redsenden so gut als möglich zn bedienen." Allerdings sind die Bahnangestellten sehr gut bezahlt. So erhält ein Schaffner der Pacific Railway 460 Dollar als Monatsgehalt. Was den Ausbau der Wasserkräfte aubelangt, ist dieser so weit gediehen, daß die Hälfte des elektrischen Stromverbrauches hiedurch gedeckt ist. Der Niagarafall allein liefert eine-halbe Million Pferdekräfte. Man hofft, in äbsehrbarer Zeit den Kohlenverbrauch um ein weiteres Viertel einschränken, zn können. . - , Wiener Morgenzeitung. ■ Aufruf. Arber Anregung des Präsidiums der Wiener Israelitischen Knltnsgemeinde hat sich am 22. d. das Indische Zen tral-H i lfskomite e in Wien neu konstituiert. Die Ausgabe dieser alle größeren Hilfsorganisationen Wiens umfassenden zentrale^ Körperschaft wird eine doppelte sein müssen: zunächst den nach Hunderten zählenden armen jüdischen Durchlvanderern, die mangels der erforderlichen Mittel hier zurückgehalten sind, die Weiterreise nach Palästina oder nach anderen Ländern zu ermöglichen, beziehungsweise sie bis zur Abreise vor Hunger, zu schützen und mit Obdach zu versorgen, des 'weiteren sich der ungezählten, durch die tristen wirtschaftlichen Verhältnisse in Not geratenen Wiener Familien und jener Aermsten auzunehmen, lvelche infolge Krankheit oder Erwerbslosigkeit fast ausschließlich auf die Hilfe der jüdischen Gemeinschaft angewiesen sind. Es ergeht an alte der ebenso herzliche wie dringende Appell, dazu bnzntragen, daß den in ihrer Verzweiflung oft ungestüm Hilfe Suchenden über die ärgste Zeit hinweggcholsen und eine Zersplitterung der Hilfstäligkeit vermieden werde. Spenden werden erbeten im Wege der Postsparkasse unter Nr. 732.254 oder durch Erlag an der Kasse der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde, 1. Bez., Seitenstettengasse 1, 1. Stock. Unser Blair ist bereit, Spenden für das Jüdische Zcntral-Hilsskomitee entgegenzunehmen und über Wunsch ausznweifen. . Massenmörder Haarmann. Einer neuen Mordtat Lbersührk. Aus Berlin wird uns gemeldet: Der Kriminalpolizei, die sich mit der Aufklärung der Mordtaten des Massenmörders H a a r m a n n beschäftigt, ist es gelungen, H a a r m a n n einer weiteren Mordtat zu überführen. Im März 1923 verließ ein junger Mann aus Barmen die Wohnung seiner Eltern, um auswärts Arbeit zu suchen. Nach acht Tagen bekam ein Bekannter als letztes Lebenszeichen eine auf dem Bahnhof in Hannover geschriebene Karte. Jetzt ist bei dem Mörder Haarmann ein Strumpf mit der Märke H. K., den Anfangsbuchstaben des Vor- und Familiennamens des Vermißten gefunden worden. Tie Eltern haben sofort Schritte unternommen, um Gewißheit über das Schicksal ihres Sohnes. zu bekommen, über das aber nach der Feststellung kein Zweifel mehr bestehen kann. Wannlng vor dem technischen Studium. Ter Bund der Jndnstrieangestellten Oesterreichs ersucht itm die Ausnahme der folge,wen Zuschrift. Eine zentrale Berufsberatnugsstelle, welche mit allen wirtschaftlichen Erscheinungen vertraut wäre und den voraussichtlichen Bedarf an industriellen Kräften in den kommenden Jahren abzuschätzen, vermöchte, besteht in Oesterreich leider nicht. Deshalb erachtet es der' Bund der Jndustricangestellten als Pflicht, seine warnende Stimme gegen die Ergreifung des Berufes eines Industrieangestellten zn erheben. Es geschieht dies nicht nur im Interesse der mehreren tausend stellenlosen Kollegen und derjenigen Angestellten in den Betrieben, welche unter dem Lohndruck der zahlreichen Stellenlosen schwer zn leiden haben, sondern in erster Linie auch, um die Eltern und Vormünder sowie die Studierenden selbst davon in Kenntnis zu setzen, daß es ans absehbare Zeit eine zwecklose Z"it- und Geldvergendnng bedeutet, wenn sich junge langer und Mädchen auf den Beruf eines Industrieaugestellten vorbereiten, da die österreichische Industrie außer st a u d e i st. sie a u f z u n e h m e n. Es gilt dies nicht nur für Techniker, sondern auch für kaufmännische Kräfte und A n g e st eilt e für den Verwaltungsdienst. Seit zwei Jahren sind andauernd ungefähr zehnmal soviel Industrieangestellte stellenlos, als dies in der Vorkriegszeit, das heißt zu normalen Zeiten, der Fall war. Die Zahl der Kündigungen, welche derzeitschon erfolgt sind, wird sich in einigen Monaten in einer weiteren Vermehrung des Angebotes <iitf dem Arbeitsmar'kte auswirlen. Es ist vorauszusehen, daß die Zahl der st e l l e u l o s e n Industrieangestellten zu Ende September in Wien allein a n 6000 betragen wird. Die Jndnstrieangestellten sind außerdem durch die große Zahl der bereits abgebauteu Staatsmib Bankbeamten in Gefahr, aus ihren Stellungen verdrängt zn werden. Dabei ist der Tiefstand noch nicht erreicht, noch ist die Zahl der Bankbeamten ungefähr doppelt so groß, wie vor dem Kriege, noch ist die Ausscheidung solcher Industriebetriebe, welche im verkleinerten Oesterreich keine Existenzgrnndlage haben, im Gange. Alle dieisc Umstände passen befürchten, daß die Unterbringung neuer Kräfte, welche eben von der Schule kommen und betreu der praktischen Erfahrung ermangeln, in den nächsten Jahren aus große Schwierigkeiten stoßen wirdi 81..S„tI 1924 Tl 'jr.if*!»» i»-.. 7 Der Laib Brot um 600 Kronen teurer. Die befürchtete neuerliche Brotpreiserböhung ist eingetreten. In der kommenden Verbranchswoche ab 4. August betragen die Maximalpreise für Brot und Weißgebäck: Normallaib. 7800K. <Erhöhung 600K.) E x t r a b r o t pro Kilogramn, 6800 „ ( „ 400 „) WeißerWecken. . . . 3800 „ ( „ 200 „) Kleingebäck .... 550 „ ( „ 30 „) Die Durchschnittspreise für Brotmehle sind gegenüber jenen der Vorwoche u,n zirka 700 K. pro Kilogramm böher. Alls dieser Steigerung erklärt sich die neuerliche Erhöhung der Brotpreise. Bemerkt werben muß, daß die Preise für Brotmehl gerade der letzten Tage noch weitaus höher sind. Falls nicht im Lause der nächsten Woche eine wesentliche Ennäßigiing der Mehlpreile Antritt, wird eine weitere E r h ö hu n g de8 Brotpreiseeintreten. Zu dieser Mitteilung der Brotvertenrer muß bemerkt ioerden: Eine B r o t p r e i s e r b ö h n n g um 600 Kronen ist v o l l k o m m e n ungerechtfertigt imb unbegründet. Die inländischen Produzenten und Händler balten ihre Waren zurück. Die Erhöhung ist vor allein mit Rücksicht aus den befÜrchtetenGetreidezoll erfolgt, der jedoch vorläufig nicht eingetreten ist. Es ist ein unerhörtes Vorgehen der Brotwucherer, die Preise schon mit Rücksicht-ans ein kommendes Ereignis derart zn erhöhen. Der Hinweis, daß die P r e i f e f ü r B r o t m e h l gerade in den letzten Tagen h ö h e r geworden find und eine weitere Erhöhung des Brotpreises zn erwarten ist, ist vollständig u n st i ch h ä l t i g, denn diese Brotmehlpreise sind ganz willkürlich in die Höhe getrieben worden. ES ist bekannt, daß die Wiener Bevölkerung sich sehr viel bieten läßt und sehr geduldig ist, doch jede Geduld bat ihre Grenzen. Die Bäcker und die Brotfabriken mögen es sich wohl überlegen, mit den Preisen weiter in die Höhe zu gehen. Dian hört bereits jetzt, daß die Bäcker dieseErhöhung gar nicht mit machen wollen und nur die Brotfabriken an der Hinaufschraubung der Preise schuld sind. Man muß vor allem ftagen: Wo ist die preisregulierendeTätigkeitderHammerb r o t w e r k e, die doch zu dem Zwecke gegründet sind, um verbilligtes Brot zn liefern? Und sind sie nicht in der Lage, gegenüber den anderen Brotfabriken hindernd aufzutreten? Die Bevölkerung wird auf diese Fragen eine Antwort haben wollen. Derartige Preiserhöhungen sind Wucher ärgster Sorte, den die Regierung nicht ruhig mitansehen darf. Re österreichische Filmaffäre vor der Kammer. Aus Paris wird gemeldet: In'der heutigen Sitzung der Kammer .interpellierte der sozialistische Abgeordnete M o u t a die Regierung über den Mißgriff, dessen Opfer österreichische Filmschauspieler in Versailles geworden seien. Der Minister des Innern legte das Vorgehen der Sicherheisbehörde dar, die sich daraus beschränkt, habe, den b ea n st ä n>d et en F ilm zu beschlagnahmen. Die Regierung habe die Untersuchung gegen die Beamten, welche die Angeklagten belästigt haben sollen, moch nicht abgeschlossen. Die Beamten hätten gegen die Angaben der Angeklagten protestiert. Die Regierung werde, wenn Unzukömmlichkeiten vorgekommen sein sollten, die entsprechenden Maßnahmen treffen. Lärmszenm in der Lesterreichischen Kaufmännischen Bank. Der suspendierte Betriebsrat der Kaufmännischen Bank, Alexander D u m a t, der sich auch Dumas nennt und int Verdachte sieht, die Mitteilungen über die finanziellen Schwierigkeiten der Oesterreichischen Kaufmännischen Bank in der Presse veranlaßt zu haben, war von der Direktion der Bank zur Einvernahme in der gegen ihn schwebenden Diszipli.ua ruutersuHung vorgeladen worden und hatte sich gestern um 9 Uhr srüh in der Bank eingesunden. Während er in einem Zimmer im ersten Stocke seine Angaben machte,, lief die Nachricht von seiner Anwesenheit durch die Bureauräume und steigerte, dort die Erregung und Nervosität der Beamten auss höchste. Etwa \ 40 Angestellte versammelten sich im Treppenhaus und war- tete dort einte Stunde lang auf das Erscheinen Dumas'. Ms er erschien, wurde er umringt und stürmisch zur Rede gestellt. Man -warf ihm vor. daß er durch Denunziationen die Kollegen um ihre Stellung gebracht habe. Er wußte nichts zn erwidern und bemühte sich, den Ausgang zu erreichen Hiebei machten einige Beamten ihrem Zorn durch Schläge und Stöße Lust un-d verprügelten ihn. Auch der beim Tor postierte Beamte versetzte ihm einen Schlag. Dann wurde er von den zwei Wachebeamten, die vor der Bank Postiert waren, in Schutz genommen und dem Polizcikommissar'at der Innern Stadt überstellt, wo er den Vorfalls zu, Protokoll gab. Sichtbare Merkmale und Folgen der Prngelzene wurden nicht konstatiert. Dumas hat viel von seinen Heldentaten als Offizier im Felde erzählt und ist mit sieben Kriegsauszeichnungen in der Bank hernmstolziert. Gegen ihn ist eine Untersuchung bei der Polizei anhängig, die seinen wahren Namen und seine kriegerische Vergangenheit konstatieren wird. in großer Auswahl starrt SEIDE WIIN.I, AOtEROASSS - » T«l«fonMr 7G?

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