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Wiener Morgenzeitung · 1924-07-31 · Heft 1961 (31.7.1924) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1961 (31.7.1924)
Date
1924-07-31
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 1961' Wien, Donnerstag Wiener Morgenzeitung. 81. Julr 1924 Teile 5 Ae kommende Währung Palästinas. Von Dr. Viktor Grünwald, Tel-Zkwitv. Uebervafchend schMll ist die Frage der selbständigen palästinensischen Landeswähvnng in ein aktuelles Stadium getreten. Noch vor ganz kurzer Zeit ein Disküssionsobjekt der Zeitungen und Financiers, ist die Frage heute im wesentlichen entschieden und es steht nur mehr die offizielle Genehmigung -des Kolon ialministermms in London aus, die aber fast sicher gegeben werden wird. Gewöhnlich gshen die Dinge in Palästina nicht so schnell. Diesmal aber ist der Oberkommissär Heribert Samuel persönlich an der Frage interessiert, die er schon studiert hat, als er zum erstenmal noch vor seinem Amtsantritte in Palästina war. Ferner erhofft die Regierung eine Einnahme, also ein weiterer Grund zur Beschleunigung. Auch von seiten der Araber wurde em größerer Widerstand erwartet, als tatsächlich geleistet wurde. Der geistige Vater des ganzen Projekts ist nämlich S. Hoofien, Generaldirektor der Änglo-Palästme Co., eine der bedeutendsten Persönlichkeiten unseres Wirtschaftslebens, aber Zionist. Wie in anderen Nationalitätenstaaten läßt sich nämlich beobachten, daß gewisse nationalistische arabische Kreise prinzipiell jeden Vorschlag, der von einem Juden ausgeht, ablehnen, mag er nun gut oder schlecht sein. Auch in diesem Falle erhob sich natürlich in gewissen arabischen Blättern ein Sturm, man suchte hinter dem Plaue allerlei heimtückische Hintergedanken, 'behauptete, die jüdischen Banken wollten die Herrschaft auf dem Geldmärkte an sich reißen und anderes mehr, doch erfolgte kaum ein ernstlicher Versuch das Projekt sachlich zu kritisieren, wozu ja auch diesen Journalisten alle Voraussetzungen fehlen. Um diesen Angriffen zu begegnen, rief die Regierung eine Versammlung der wichtigsten arabischen Notablen zusammen, wobei über die ganze Sache diskutiert wurde und der Schatzmeister alle Fragen beantwortete. Diese Versammlung machte einen ausgezeichneten Eindruck und zerstreute die Befürchtungen der Araber. Inzwischen war auch eine van der Regierung eingesetzte Kommission zusammengetveten, der die wichtigsten Bankdivektoven des Landes, ferner auch einige andere Fachleute angehörten. In nationaler Hinsicht waren die Nationalen des Landes gleichmäßig berücksichtigt, um den Arabern jeden Vorwand der Klage zu nehmen. Die geistigen Leiter waren natürlich die Juden. Die Beratungen der Kommission erwiesen sich als ziemlich glatt, die Differenzen waren relativ gering und ließen sich beilegen. Interessant und charakteristisch ist, daß auch hier die Spvachenfrage ziemliche Schwierigkeiten machte. Die Einheitsmünze muß natürlich im Hebräischen und Arabischen denselben Namen haben um Verwirrungen vorznbeugen. Man fand schließlich, daß das Wort „Denar" als Lehnwort aus dem Griechischen in beiden Sprachen vorkommt, und dieser Name wird wahrscheinlich akzeptiert werden. Die Entscheidung über den Namen des hundertsten Teiles dieser Einheit wurde einer philologischen Kommission übertragen, die sich bisher noch nicht entschieden hat. In der Sache selbst hat die Komnrission ihre Arbeiten beendet und ein Memorandum verfaßt, das von Herbert Samuel nach London mitgenommen und den kompetenten Stellen vorgelegt werden wird. Die neue Währung dürfte mit 1. Jänner 1925 in 'Kraft treten. Die bisherige ägyptische Währung wird beseitigt und die neue Wärung tritt in direkte Relation zum englischen Pfund Sterling. Die Einheit wird ein Zehntel eines englischen Pfundes oder zwei Schillinge fein; dies sind also zwei Goldmark oder zirka 14.70 tschech. K. Die Einheit erscheint auf den ersten Blick sehr hoch. Man muß aber bedenken, daß bisher das ägyptische Pfund im Umlauf ist, das um zweieinhalb Prozent hoher ist als das englische. Der „Denar" (ich benütze diesen Ausdruck der Kürze wegen, obwohl noch nicht ganz seststeht, ob er an.geuommen wird; hierbei bemerke ich auch, daß er mit den serbischen Denar natürlich gar nichts zu tun hat) ist in hundert Teile geteilt, und dieser kleinste Teil wird also einen Wert von zirka ' einer russischen Friedenskopeke oder nicht ganz 15 --tschechischen Hellern haben. Die kleinste Münze, die man bisher im täglichen Leben tatsächlich in Palästina sicht, . ist der halbe Piaster oder zweihundevtste Teil eines ägyptischen Pfunds, das ist zirka 75 tschech. Heller. Der Sprung ist also noch immer ziemlich groß. Es handelt sich nun dämm, die Bevölkerung daran zu gewöhnen, daß sie diese neue kleinste Münze wirklich benützt. Wenn, wie es ursprünglich geplant war, statt des Denars oder Doppelschillings ein einfacher englischer Schilling, -oder eine ähnliche Größe eingeführt würde, etwa in -der Höhe des Goldfranken, würde sich die Bevölkerung kaum dazu verstehen, -den hundertsten Teil, also -den Centttne, tatsächlich zu benützen, sondern würde wahrscheinlich um* fünf Centimes gebrauchen. Ein Pfund wird es in Palästina nicht mehr geben. Natürlich werden Banknoten von 10 Denar existieren, die an Wert genau einem Pfund Sterling entsprechen werden. Dennoch wird alles getan werden, daß sich die Bevölkerung an die neue kleinere Einheit tatsächlich gewöhnt. Der Denar wird in Silber ausgeprägt, ebenso der halbe und Vierteldenar, die kleineren Münzen in Nickel. Die Aufschrift wird englisch hebräisch und arabisch sein und werden dies die ersten Münzen seit fast zweitausend Jahren sein, die wiederum eine hebräische Inschrift tragen werden. Banknoten werden bis zu 10g0 Denaren ausgegeben werden, ebenfalls in drei Sprachen bedruckt, es werden dies die ersten hebräischen Banknoten iu der Geschichte sein. Palästina wünscht eine stabile Währung in Relation zum, englischen Pfund zu besitzen. Diese Relation wird sich ganz natürlich erhalten lassen, indem die Deckung der Noten in britischen Treasury Bills (Schatzschemen) bis zu zwei Drittel, der N-est in Bankdepositen bestehen wird. Britische Schatzscheine sind infolge ihrer hohen Liquidität und praktisch absoluten Sicherheit gewiß ein ausgezeichnetes Mittel zur Deckung einer Währung und haben sich als solches in Aegypten, Zypern usw. -trefflich bewährt. Ferner werfen sie em Erträgnis von 3 Prozent ab, was auch nicht zu verachten ish während Gold natürlich nichts trägt. Das Geld zum Ankauf dieser Schatzscheine erhält die Regierung durch Einlösung des jetzt in Umlauf befindlichen ägyptifchen Geldes. Ungedeckte Banknoten werden natürlich nicht ons-gegeben, sondern die soliden englischen Grundsätze streng befolgt. Das Palästinensische Geld wird nicht von einer Bank, sondern von einer Regierungsstelle in Jemsalem ausgegeben Werder:, die Schatzscheine werden sich in London in Verwährung befinden. Wenn man annimmt, daß in Palästina zirka 1,000.000 ägyptische Pfund in Umlauf sind, so werden die Zinsenerträgmsse der Schatzscheine nach Abzug der Kosten für die Ausgabestelle usw. immerhin mehr als 15.000 Pfund Sterling jährlich betragen, also eine Summe, die nicht zu verachten ist. Mit Rücksicht auf die vorzügliche Deckung ist eine Entwertung des Geldes nicht zu befürchten, sondern es wird die Bewegung des englischen Pfund mitmachen, also über kurz oder bang die Goldparität erlangen. Es ist auch daran gedacht worden, später einmal Goldmünzen hevauszu-geben, wie es jetzt in Aegypten geschehen wird, doch ist diese Frage noch nicht spruchreif. Ebenso stcht es mit der palästinensischen Nationalbank, -für welche die persönlichen Voraussetzungen noch keinesfalls gegeben sind. Die Dor-te-ile, die man sich von der neuen Wahrung verspricht, sind außer dem ob-erwähnten Zinsenertrag zunächst einmal negativer Natur, Loslösung von der ägyptischen Währung, da Aegypten infolge seiner neu errungenen Selbständigkeit keinerlei Beziehungen zu Palästina mehr hat und kein Grund vorhanden ist, wanvm die ägyptische Währung hier Umlauf haben soll. Die Hoffnungen auf Verbilligung infolge der Einführung einer kleineren Einheit dürfen nicht zu hoch gespannt werden. Gewiß beim ,-Backschisch", Schuhputzen, auf dem Markte wird sich dies wohl fühlbar machen, in größeren Verhältnissen jedoch werden die Preise durch die allgemeinen Pveisgesetze, wie Angebot und Nachfrage -bestimmt. Natürlich ist auch ein gewisser propagandistischer Wert unztveffechäft. Die selbständige palästinensische Währung, ein zionistisches Postulat, bedeutet für diese Bewegung zweifellos einen Erfolg und im Auslande werden sich gewiß zahlreiche Leute, abgesehen von Numismatikern, finden, die diese Münzen mit Rücksicht auf ihren hebräischen Text erwerben wollen werden, was natürlich nur von Vorteil ist. Im allgemeinen läßt sich sagen, daß die Einführung der selbständigen Währung ein tveitever Schritt zum Aufbau und zur Wiederbelebung -des Landes ist und nur Gutes von ihr erwartet werden kann. Me Hafenfrage. Aus Jaffa ist nach London die Delegation abgereist, die unlängst von der arabischen und jüdischen Handelskammer in Jaffa und dem kaufmännischen Verein in Tel-- Äwiw eingesetzt wurde, um beim Kolonialamt wegen Erbauung des neuen P a l ä st i n a h a f e n s in Jaffa statt in Haifa Vorstellungen zu erheben. Der Delegation gehören Juden, Mohammedaner und Christen an. Sie besitzt die Vollmacht der Regierung, zu erklären, daß die Gemeinden^ Jaffa und Tel-Awiw geneigt sind, selbst die B a u ko st e n zu tragen. Wie bereits gemeldet, tritt die englische Regierung für den Ban eines modernen Hafens in Haifa ein. Der Warenverkehr im Haifaer Hafen. Im Monat Mai wurden aus Haifa 366.700 Kilogramm Getreide im Werte von 6160 Pfund gegenüber 105.575 Kilogramm im Werte von 2013 Pfund im Monat April exportiert. Importiert wurden. 52*70 Tonnen Ware im Werte von 102.884 Pfund, an Ware wurden exportiert 235 Tonnen im Werte von 20.521 Pfund. Der Wert der Transitware im Monat Mai wird mit 8864 Pfund bewertet. Eine neue Palästina-Transportgesellschaft. In Berlin ist vor kurzem eine neue Gesellschaft unter dem Namen „Palästina-Lloyd", Passage und Transportgesellschaft für alle Länder des Orients, gegründet worden. Gründer dieser Gesellschaft sind: Der Russisch-Baltische Lloyd, ferner Dr. Viktor Jacob s o h n, Ing. S-ailind, Journalist M. Großmann und Dr. M. Rosenstern. Zweck der Gesellschaft ist, den jüdischen Touristenverkehr nach Palästina preiswert und zlveckmäßig zu orgaiusieren. Außerdem wird sich die neue Gesellschaft eiue rationelle Behandlung der.Warentransporte nach Palästina und allen Ländern des nahen Orients zur Aufgabe stellen. Der Palästina-Lloyd orgamsiert gegenwärtig für me nächsten Feiertage zwei Touristengruppen zur Reise nach Palästina. Der Maschbir*). (Brief aus Palästina.) Die Tatsache, daß wir in Palästina „jüdisches Geld" haben, ist vielleicht auch schon im Auslan-de bekannt geworden. Ein großer Teil der Zahlungen auf dem Arbeitsmarkte, Auszahlungen von Löhnen usw. erfolgt in Zetteln, welche Anweisungen der Arbeiter-Cooper-a'tive Sole Manch an die Konsumgenossenschaft M a s ch b i r sind, die aber weit über den Kreis der direkten Kunden des Masch-bir als Geld kursieren. Es verlohnt die Mühe, einen Blick in die Geschichte der Entwicklung des Maschbir zu tun, der aus kleinen Anfängen zu -einem wichtigen Instrument unserer Siedlung geworden ist. Eine Broschüre, die soeben im Auftrag der Arbeiterorganisation von Bert K a tz n e l s o n geschrieben worden ist, trägt daS Material zusammen. Der Maschbir wurde 1916 durch die Arbeiter GaliläaS gegründet als Mittel gegen die Teuerung in den Zeiten deS Krieges. Die Kriegssp-ekulation hatte die notwendigsten Lebensmittel unerschwinglich teuer gemacht. Der Maschbir sollte daS Instrument -sein, das -das Getreide in den Arbeiterwirtschasten Galiläas aufkausen sollt-e. 1500 Franken wurden unter den Arbeitern Galiläas ges-ammelt, das Palästinaamt gewährte e-nen Kredit von 1300 Franken. Dies war der Anfang. Obwohl der Maschbir das Getreide in Galiläa von den Arbeitern viel billiger kaufen konnte als auf dem Markte, bedeutete seine Hilfe doch quantitativ nicht viel, aber sie ermäßigte doch den Marktpreis um 20 Prozent. Der Maschbir errichtete 2 Magazine, eines in Kinereth in Galiläa und eines in Petach Tikwah in Judäa und brachte Salz, Oel, Marmelade von Judäa nach Galiläa, Erbsen und Weizen von Galiläa nach Judäa. Zu Beginn seines zweiten Jahres hatte er in seinen Magazinen bereits Getreide im Werte von 130.000 Franken. Die Eroberung des Landes durch die Engländer im Jahre 1918 brachte für den Maschbir eine schwere Kr-isis. Er hatte für 150.000 Franken Getreide emgek-auft und nun sank infolge der kriegerischen Ereignisse, infolge des australischen Mehles, das -in das von den Engländern besetzte Land eingeführt werden konnte, der Getreidepreis rapid. Der Maschbir hatte keinen Reservefonds und stand vor dem Ruin. Die Folgen waren verhängnisvoll für die Arbeitersiedlungen. Da der Maschbir ihre / Ernte nicht kaufen konnte und die Siedlungen Geld brauchten, verkauften sie ihren Ertrag um billiges Geld an Zwischenhändler. Aus der Not rissen den Maschbir die Angehörigen der jüdischen Legion.und die Kwuzoth, welche im Lause des Jahres 1919/20 für tausend Pfund Aktien des Maschbir aufkausten. So sicherten sie seine Existenz, die in den folgenden Monaten, als die dritte Alijah begann, als die Straßen-arbeiten einsetzten, Von großer Bedeutung werden sollte. Der Maschbir begleitete die Arbeiter in ihre Lager bei den Straßenarbeiten und sein Absatz hob sich von 28.000 in einem Jahre auf 92.000 Pfund. Pbn da an beginnt ein ständiger Aufschwung des Maschbir, der durch folgende Zahlen charakterisiert wird. Der Umsatz betrugt I 1917....... 640 Pfund 1918. ...... 3.652 „ 1919 . 55.164 * 1920..... . . 28.794 , 1921 . 92.024 „ 1922 .. 108.864 „ 1923. ...... 108.965 „ Um die letzteren Zahlen entsprechend würdigen zu können muß man in Betracht ziehen, daß die Preise 1922 um 45°/., 1923 um 20*/, gefallen, sind. Die bittere Erfahrung des Krisenjahres hatte den Maschbir gelehrt, wie wichtig ein Grundkapital und ein Reservefonds ll Sein Kapital betrug: 1920 .. . 1.284 Pfund 1921 .. 2.545 „ 19226.032 „ 1923 ....... 7.409 „ hiervon 3640 Pfund Aktienkapital und 3769 Pfund Reservefonds. So ist es dem Maschbir während der letzten drei Jahre gelungen, seine früheren Schulden abzuzahlen und mehr als 7400 Pfund Kapttal zu sammeln. Gegenwärtig hat.der M-afchbir 16 Zweigstellen. Seine Zentrale in Tel-Awiiw ist in einem eigenen Hause untergebracht, in dessen Bau der Maschbir 4473 Pfund investiert hat. Seinen Reingewinn verwendet der Maschbir außer Zahlung von Dividenden zur Unterstützung verschiedener kultureller Institutionen der Arbeiterschaft und auch für den Nati-on-alsands und Keren Hajessod. Eine besondere Bedeutung erlangte der Malschlbir dadurch, daß er die Eigenproduktion des Landes, insbesondere die Produktion der Arbeitersiedlungen, vor allem der MMer-eien, ve-r-ka-uste. Von dem Absatz des letzten Jahres, der 108.965 Pfund betrug, gingen 40 000 (37 Prozent)- für palästinensische Produktion, von diesen 24.535 Pfund (2-2,5 Prozent) für die Produktion der Arbeiterschaft in Stadt und Land. 29 Arbeitersiedlungen verkaufen heute ihre Milchprodrckte durch den Maschbir. Eine wichtige Neuerung ist die- Errichtung von Küchen auf eigene Rechnung des Maschbir,. in Tel-Awiw (2) und in Liberias. In Tel-Awiw bestcht außerdem eine eigene Bäckerei des Maschbir.' Der Maschbir -ist -natürlich noch weit davon entfernt, seinen Aufgaben völlig zu genügen. Sein U-mfatz beträgt 109 000 Pfund. Die Zahl der Arbeiter in Palästina beträgt *) Vgl. „DaS neue Palästina" vom 6. Jnui 1924

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