Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1961 (31.7.1924)
- Date
- 1924-07-31
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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ÜinÄ Jf ~~ ' -’SOTtTn, ■*— größten heiles der europäischen Judenheit ist bis heute das btenpendste uüter den Problemen der jüdischen Gegenwart, bis, heute trotz großer Aufwendungen an AweitS- und KUpitälsenergie noch ungelöst. Es ist wahr — die direkten Kriegshandlungen haben, da sie sich dort abspielten, wo Juden. in großen Massen wohnen, viel Schaden gebracht; aber viel'mehr'Schaden ist dem jüdischen Von durch.die direkte Judenkriegshandlung der Zwangsumsiedlung zugesügr Wochen, und wenn heute das jüdische Leben nicht völlig ruiniert ist — was sicher in der Absicht derjenigen lag, welche der Judenheit die schwere Kontribution des Flüchtlingslebens aufeclegten so ist dies nur dem Umstande zuzuschreiben, daß das jüdische Volk seine natürliche Vitalität, seinen starken Lebenswillen auch wirtschaftlich — und auf diesem Gebiete in einer durch den Haß der Jahrhunderte aufgezüchteten Fähigkeit — zu betätigen vermag. Bei vielen Völkern haben die wenigen Jahre seit der Beendigung des Krieges genügt, um die Kriegsschäden zu ersetzen; doch bei den Juden ist dies in der großen-.Mehrzahl bis heute nicht eingetreten und die Hunderttausende von Verelendeten, Wurzellosen, Existerizhungrigen unter den Juden beweisen es. Der Weltkrieg begann mit einer Kriegshandlung gegen die - Juden, an deren Folgen sie bis-heute schwer leiden; der Weltfriede hat diesem Judenkrieg kein Ende gesetzt, im Gegenteil, ihn noch verschärft. Das eine ist die Folge deS anderen. Darum werden die Juden stets den Tag. verfluchen, an dem zum ersten Male die Kanonen des Weltkriegs erdröhnten. Nie Amnestie in Frankreich. Zusammenstöße im Senat. — Die Kammer reaktiviert Sarrail. - Paris, 30. Juli. Der Senat hat die Debatte über die Frageder Amnestie begonnen. Zwischen dem, Abgeordneten de Monzie und dem Royalisten De la-- h a h e kames zu einem scharfen Zusammenstoß, Deshalb die Sitzung auf kurze Zeit unterbrochen würde. Auf Vorschlag des Legislativausschusses, der ein langes und-gründliches Studium des Amnestieentwurses für notwendig erachtet, nahm der Senat vorläufig einen Antrag an; worin folgende zwei Punkte festgelegt werden: 1.. Verlängerung -der Amnestierungspraxis bis zum 1. Jänner 1923. 2.-Annahme der von der Kammer zenrhmigten Fassung der Bestimmungen über die Rehabili« nerung der ohne Urteil füsilierten Soldaten. Die Kammer hat beschlossen, -den General Sarrail ch'ne MerSbegrenZung wieder zu reaktivieren. Macinvmmister Dumesnil gab als Stellvertreter des KriegSminisiers General Rollet die Erklärung ab, daß die Regierung die Falle dtt Generale dN m a d e und Lanc e z a c sowie jener Soldaten, und Truppenführer überorüfen werde, die möglicherweise Opfer von Justiz irr-. ^Ürnern geworden seien. 9ie sradzöfischen Höfen für deutsche Schiffe srelgegebeu. Berlin, 30. Juli. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) -lach einer Meldung der Rassischen Zeitung" werden nunmehr die französischen Häfen endgültig für die deutschen Schiffe fr ei gegeben werden. Eine derartige Verordnung, die bereits im September Gültigkeit erlangen wird, füll in den nächsten Tagen bekanntgegeben werden. Völkische Hetze gegen Barbuffe. Rostock, 30. Juli. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Die vaterländischen Verbände uyd rechtsradikalen Organik' Rationen haben eine Aktion zur Verhinderung einer Rede )eS französischen Pazifisten Henri Barbusse emgeleitet, -er auf einer von den Linksparteien einberufenen Versammlung als Hauptredner angekündigt war. Die Rechtsradikalen haben nicht nur selbst die Plakate mit der Ankündigung der Veranstaltung abgerissen, sondern auch bei den Magistrats- und Polizeibehörden Protest gegen die Genehmigung der Veranstaltung eingelegt. Schluß mit de« „Daterlündischen Feste«!" (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung") 4 München, 30. Juli. Für den 3. August war wieder elnmal'ein „Vaterländisches Fest", ein Qpfergedenktag unter freiem Himmel, vorgesehen. Diese überaus häufigen, immer wiederkehrenden Festlichkeiten, die trotz der Verschiedenartigkeit der Namen, die sie jedesmal annehmen, nur allzu deutlich einem g e w i s f e n Z w e ck dienen und eine scharf ausgesprochene Absicht verfolgten, haben schließlich, wie Ministerpräsident Dr. Held dies ausdrücklich betonte, innerpolitisch nur immer wieder Beunruhigung erregt, das heißt, sie haben in ganz hervorragendem Maße zur V e r h e tz u n g der Bevölkerung beigetragen. Es ist daher nur dankbar zu begrüßen, daß die Regierung dem Unfug dieser sogenannten ,/Vaterländischen Feste" jetzt ein E n d e b e r e i t e n will. So hat sie eine Verordnung. herausgegeben, daß in Zukunft derartige Feste unter freiem Himmel überhaucht n i ch t m e h r g e st a t t e t werden, solche in geschlossenem Räumen aber nur dann, wenn ein allgemeines Interesse von Volk und Staat vorliege. wrorncwyeffüfffl. Sf. Kr« ~~ «lr. 1061 Die Donnerstag-Sitzuug des Aktionskomitees. in lim (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) London, 28.. Juli. Die Sitzung vom Donnerstag wurde, .nachdem Hermann Struck (Misrachi) als, Debattenredner dst Zurücksetzung des Misrach i bei der Durchführung des Budgets. beklagt und das Verhältnis zur. Ägudas Jisroel besprochen' hatte, durch ausführliche Erklärungen Wcizmanns eingeleitet, über dieihr Korrespondent bereits kurz berichten konnte. Der Präsident der Organisation unterbreitet im Namen der Exekutive den formellen Vorschlag, das Prinzip der Jewish Agency im Sinne der amerikanischen Vorschläge o-nzu» nehmen. Auf verschiedene Bemerkungen in der Debatte eingehend, erklärt er zunächst, daß er keineswegs gegen die Arbeiterschaft in Palästina einen Kampf führen wolle, er beklage bloß ßie Künstlichkeit der Situation, die durch die heutigen Zustände bedingt ist. Die Arbeiter haben ihre Positionen'erreicht, weil sie da waren und sich der Arbeit unterzogen haben, was .andere nicht getan haben. Redner bedauert, daß seine Worte mißbraucht und entstellt werden, insbesondere sei dies in der letzten Zeit in der palästinensischen Presse geschehen. Redner wendet sich dagegen, daß man eine klare Stellun na'rme zu den Problemen vermeiden will. Die Frage, auf die wir eine Antwort zu geben haben, ist: was soll morgen geschehen? Der hcu.tge Umfang unserer Arbeit ko,um einer Stagnation gleich. Von diesem G sichtspunkt auS muffen alle Vorschläge beurteilt werden. Aber es'gibt gar keinen Gegenvorschlag. Die Gegner begnügen sich damit, Trauerreden zu halten, damit aber macht man keine Kolonisation. Ich behaupte, ich stehe niemanden nach an Intensität des Monistischen Gefühls. - Aber gerade darum will ich einen Schritt weiter kommen, wenn ich auch die Gefahren nicht Verkennei Es gehört Mut dazu, itt Gefahren hineinzugehen, aber kein . Mut, sich zu verschanzen und auf ein Wunder zu warten. Dir können heute nicht mehr mit den Anschauungen des Odeffaer Komitees an die Palästinasrage herantreten, Palästina ist in die Welt hineingestoßen, und die Welt ist kalt urtb hart Hier müssen wir unseren Mnzn stellen und unsere Positivu behaupten. Es ist nicht wahr, daß.wir Amerika auf den Schild gehoben haben gegenüber Europa. Die Erfolge der Arbeit in Europa haben uns gerade in Amerika am meisten gefreut und ermutigt,-.die Arbeit der Keren Hajessod>Delegierten in Polen,.Rum3n.i e n, Südafrii%-. df« Arbeit in Deutschland, waren ..für uns eine große Freude. Mer Europa allein kann das Geld nicht geben. Wir dürfen nicht verächtlich davon" sprechen, ob wir 100.000 Pfund mehr oder weniger bekommen haben, denn gerade diese Hunderttausend sind .es, deren. Fehlen uns quälende Sorge macht. Es gibt Gefahren in der Jewish Agency, es wird von unserer Stärke abhanden, diese auf ein Minimum zu reduzieren. Aber wir müssen uns klar entscheiden. Wir dürfen nicht gleichzeitig ja und nein sagen. Auf eine Anfrage G r ü n b a u m s antwortet Redner, daß nach den anrerikanischen Plänen die Vertreter in der Jewish Agency auf zwei bis drei Jahre gewählt werden sollen. Niemand habe in Amerika an Notabeln gedacht, sondern die zionistische Opposition hat diese Terminologie erfunden, sie hat ein Bild aufgestellt, um dagegen zu kämpfen. Wenn sie von der drückenden Last befreit wird und sich auf definitive Aufgaben konzentrieren kann, wird sie den Einfluß behalten und die Kaders für Palästina stellen. Die Frage ist, ob das Aktionskomitee ein großes Programm für den Aufbau akzeptieren will. Mit einem Budget von 400.000 Pfund kann man nicht existieren, man wird leichter eine Million bekommen für einen großen Plan als 400.000 Pfund, mit denen man nichts anfangen kann, lieber alles andere werden wir uns. einigen, dies aber ist die Hauptfrage. Das Aktionskomitee muß sagen, ob es bereit ist,'sich dafür einzusetzen oder ob es sich in hundert kleinen - Sachen zersplittern will,. die 'bedeutungslos bleiben: Redner beto.nt, er betrachte diese Sitzung als einen Wendepunkt und wünsche, daß der neue. Wog mit Mut und Würde betreten wird. „Ich sehe das jüdische nationale Heim in greifbarer Nähe .vor mir, es sind Tantalusqualen, die wir erdulden. Wir müssen endlich den Kreis durchbrechen und vorwärts gehen." Zum Schluß betont Redner, daß die Zionistische Organisation bisher nicht engagiert ist, sondern frei entscheiden kann, ob sie die Vorschläge akzeptiert oder nicht. Die Zionistische Organisation muß aber ein Programm haben für die künftige Arbeit und dann die richtige Person zur Durchführung des Programmes wählen. Redner selbst ist entschlossen, auf kein anderes Programm einzugehen, weil er auf einer anderen Basis: als der von ihm vörgelegteu, keine Möglichkeit der Arbeit sieht. Im Anschluß än die Ausführungen Weidmanns erklärte Sokolow, er sehe genau so Wie viele der Redner die Gefahren des Zusammc narb eite ns mit den Ni chtzio nisten, aber trotzdem müsse er mit voller llebeyzeugung die Annahme der'Vorschläge empfehlen. Redner wundert sich über das Verhalten der Opposition, die sich so besorgt zeigt um den Stand der Zionistischen Organisation, aber sich nicht mit . voller Kraft für diesen Bestand einsetzt. Die Zirkulare und Briefe der Exekutive in Organisationsfragen bleiben meist unbeantwortet, die S ch e k e l s a m m l u n g e n können absolut - nicht befriedigen. Redner appelliert an die Opposition. sie möge die Anträge annehmen, damit das Aktionskomitee einen einstimmigen Beschluß fasse. Die Befürchtung, die Zionistische Organisation könne geschwächt wer-- den. sei nicht gerechtfertigt durch die Jewish Agency, sondern nur durch die Uneinigkeit in den zionistischen Reihen . und durch die Stimmung einzelner Zionisten. Redner spricht sodann Über die Art der Z u s a mmensetz u n g der Jewish Ag e ncty ■ insbesondere - in Amercka und zitiert auch das englische Beispiel, wo mit derjenigen Körperschaft verhandelt wurde,- diedie, demokratischeste Vertretung des. englischen Judentums' ist.' Redner eÄlärt, eS fei unmöglich, wieder ein Provisorium zu schaffen. Am Schluffe der Bormittagssitzung verlas .Dr. Feiw el einen Organ ifationsplan, der im Grund- , riß die Anschauungen der. Exekutive über die künftige Gestaltung der Jewish Agency im Falle der Annahme der'amerikanischen Vorschläge wiedergibt. ,.?%v - .. s - Nachmittag - wuM - die Debatte über die Vorschläge, der Exekutive wieder saufgenommen. Es sprachen zunächst Kurt Blume n f e l.d, welcher die Schaffung eines zentralen Propaganda institutes befürwortet, und Leo Motzkin, der darauf hinwies, die Jewish Agency könne ‘ Nicht als Definitivum akzeptiert werden, sondern wir müßten uns die Möglichkeit offen lassen, zur geeigneten Zeit den W e I t k o n g r eß einzuberufen. Sodann sprach Dr. ChajeS, der darauf aufmerksam machte, daß die Amerikaner nicht Rechte verlangen, sondern nur sagen, sie könnten keine Verantwortung übernehmen, wenn sie keine Rechte bekommen. Wir müssen den Leutenerleichtern, für Palästina zu arbeiten. Sollte jemals ein Konflikt zwischen Jewish Agency und Zionistischer Organisation., ausbrechen, so fürchtet Redner nicht, daß die Zionistische, Organisation unterliegen wird. Nachdem noch Locker, Grünbaum, Dr. Jakobsohn, Hellmann und Kaplan gesprochen hatten, welch letzterer darauf hinwies, daß die. Arbeit in Palästina nicht in dem bisherigen langsamen Tempo weitergeben könne, ergriff nochmals Dr. Weizmann das Wort zu einigen tatsächlichen Berichtigungen. Sodann schilderte Dr. Ru pp in seine Erfahrungen, in Amerika; er spricht die Ueberzeugung aus, daß die amerikanischen Juden ehrlich und ohne Hintergedanken beim Aufbau Palästinas Mitwirken wollen. Redner gibt einen Rückblick auf die E n t w i ck l u n g d e s j ü d i s ch e n Palästina in den letzten fünf Jahren und verweist darauf, daß nicht nur unser Ziel gefährdet ist, sondern auch politische Folgen entstehen muffen, wenn wir in diesem Tempo weitergehen. Unsere Immigration ist diel zn gering, wir besitzen-nur einen kleinen Prozentsatz des Bodens, und die Entwicklung des Landes schreitet rapid vorwärts, sodaß unsere Arbeit immer schwerer werden muß. Die Jewish Agency ist eine Möglichkeit, Mitarbeiter zu finden, die mit unsdie Verantwortung teilen. Verantwortung heißt aher immer Pflichten und Rechte Damit ist die Rednerliste erschöpft. Es wird beschlossen, eine Kommission für bi* Jewish Agency und eine Kommissiön für das Budge.t zu wählen. In die Jewish AgeNc.y- Kommission werden gewählt: Jakobsohn, Grüubanm, Farbstein, Hellmattn, Motzkin, Bruvny, Hindes, Gottlieb, Locker. In die Budget-Komtuission werden gewählt: Lewite, Fedevbusch, Hantle, Goldmann, Kaplan, Uffischkin, de Lieme,. Mereminsky, Aleinikoff. In später Abendstunde wurde die Sitzung geschlossen. . Freitag fand keine Plenarsitzung statt; au diesem Tage trat Vormittags der Anfsichtsrat des Jewish Colonial Trust zusammen,, am Nachmittag berieten die 'Kommissionen. # ErkänMNk der Präsenzliste. Es sind nachträglich folgende Sitzungsteilnehmer ein« getroffen: Mitglieder der . Exekutivc: Dr. Ruppin, Dr. Pick. Mitglied er de-s Aktiv ns ko mite r. E. Kaplan, A. Lewmson, JJfc Dwersky, I. Mereminski, David. Floventm. Än Stelle abwesender Mitglieder di-.' Ersttzrniig''edör:- B. Locker, Lazarus Barth.