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Wiener Morgenzeitung · 1924-07-30 · Heft 1960 (30.7.1924) · p. [Seite]

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1960 (30.7.1924)
Date
1924-07-30
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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--^»A -> ,., V, "' »kl,1,1 "V"- .■.)» '-^nr^rrrr-Tr- DAS BUCH DER ZEIT LITERATURBEILAGE DER .WIENER MORGENZEITUNG Nummer 20 ERSCHEINT JEDEN MITTWOCH 30. Juli 1024 ADMINISTRATION. WIENER MORGENZEITUNG". WIEN, II., TABORSTRASSE 1-3 üQSS UNSER BÜCH DER WOCHE Orientprobleme Griechenland. — Erez Israel. Auf keinem Teil , der Erde, der mit Schauplatz des Weltkrieges war, unter der Herrschaft der Friedensverträge Ruhe und politische Zufriedenheit erreicht worden. Den Eimvöhtiern der europäischen Staaten entgeht es unter dem Druck ihrer Sorgen sehr leicht, daß es Gebiete gibt, die noch Weit schwerer leiden, und insbesondere ist dies in den Ländern der Fall, die sich um das Mittelmeer lagern. Der Balkan ist Wieder in Erregung und insbesondere Griechenland, einer der unglücklichsten Staaten, ist immer wieder Gegenstand alarmierender Meldungen. Eine Revolution jagt die andere. Die Dynastie ist verjagt, ihr Gegner Veniselos hat das Land Verlassen und die letzten Nachrichten deuten wiedsk auf Sturm. Dabei ist anzümerken, daß det Mitteleüföpäer, der seine politischen Kenntnisse nicht auf den phildogi» sehen und WertlöSett Kram stützen Will, den die landläufige Erziehungsmethode als Wichtig äufmutzt, Von dem wahren Gesicht dieses Griechenland sehr .wenig weiß. Man muß deshalb dankbar anerkennen, daß der Schriftsteller Bernhard Outtttiänti, der uns schön ein gutes Buch über die bürgerliche Reform in England geschrieben hat, in einem ReiSetagebUch eine plastische, uiidöktfMfe Darstellung des neuen Griechenland gibt. („Tage in , Hellas", Blätter von einer Reise, Verlag der Frankfurter Sözietäts* druckerei.) Die Hypothese, die er aufs'tellt, lautet: Griechen! äft d g eh 6 r t Z um 0 r i e fl t. Europäische Formen, asiatischer Inhalt. Dabei ist dieser Inhalt, die Denkweise des Volkes, seine innerliche Ruhe und Vornehmheit der wertvollere Teil dieses mixtum compositum, dessen unheilvolle chemische Formel von Veniselos gebildet wurde. Er hat die Schäden und Verluste des ersten Balkankrieges unterschätzt. Sein Staat konnte die neuen Gebiete sich flicht Organisch angliedern und warf alle Hoffnungen auf Byzanz und Kleinasien. Im Gefolge der Großen wollte der Kleine ebenfalls groß werden, aber seine Organisation, seine Wirtschaft versagte bis zur Kläglichkeit. Bis zur Monstrosität aber entarteten die Verhältnisse durch den Lausäfltter Friedensvertrag, der die ungeheuerliche Belastung Griechenlands durch die Flüchtlinge brachte. Das Territorium ist unverändert geblieben, die Blüte des Volkes Wurde auf den Schlachtfeldern Kleinasiens dezimiert, aber Weit über eine Million Menschen strömte aus der Diaspora in das Mutterland. Probleme ungeahnter Hartnäckigkeit haben sich aufgetan, an denen sich jede Regierung Verbluten muß. Das schwerste Unglück aber ist der Verlust der „großen Idee“ des Hellenentums, die Hoffnung äuf KonstantinopeL Zu loben ist an dem Büch die flüssige Sprache und die eindringliche Beweisführung. - Einer anderen Örientfrage wendet sich Leopold Weiß zu, der gleichfalls ein ReiSetägebuch unter dem Titel „Unromantisch es Morgenland“ durch die Frankfurter Sozietätsdruckerei herausbringen läßt. Das mit vielen Bildern geschmückte Buch behandelt im Wesen den jüdischarabischen Gegensatz in Erez Israel, schlägt demnach ein Thema an, das die jüdische -ÖeffentliChkeit auf das innigste ergreift. Der Autor ist ein Wiener Jtide. Das sagt so ziemlich allesK was für seine Stellungnahme als Voraussetzung in Betracht kommt. Wie alle nichtjüdischen Juden ist er in der Betrachtung jüdischer Lebensfragen bis zum Exzeß objektiv, unbefangen, vorurteilslos. Er findet wenn er es auch nicht ganz so deutlich heraussagt -*■* im Zionismus eine empfindliche Kränkung der arabischen Welt. Die Araber sind eine Vereinigung alles erdenklichen Güten und außerdem im Besitze des Rechtes, jenes Rechtes, das nicht einmal sie sich, sondern nür die Westlich-euröpäüS.Chen KültüriSraeliten ihnen zuschreiben. Die Kritik des Zionismus ist von einem unerträglich hochmütigen Gesichtspunkt aus' geschrieben. Der Verfasser ist in Erez Israel — er sagt immer nur Palästina —, er durchwandert die jüdischen Kolonien. Aber er, der Jude, weiß nichts von ihnen zu sagen, nichts von der unerhörten Mühsal und Plage, die sie schuf, nichts von dem brennenden Idealismus, von dem jeder Zaun, jeder Stall ein Zeugnis ist. Aber die Araber! Was haben sie, denen doch das Land gehörte, für sein Blühen getan? Wo Sind ihre Schulen? Vom Paüäräbismus spricht Herr Weiß als von einer Tatsache. Aber diese Bewegung existiert doch gär nicht, oder nur in der Phantasie europäischer' Allesbesserwisser. Ueber SÖ Prozent der arabischen Nalion können nicht lesen und schreiben, stehen in bitterster Fron. Wie soll aus solchem Milieu nationale, soziale Organisation auch nur in den Anfängen kommen? Emir Abdallah, Husseins Sohn, sagt dem Autor in Amman, daß der Gedanke einer arabischen Einigung „keine politische Konstruktion ist, sondern aus dön Seelen vieler Millionen gewachsen“. Das ist hübsch, aber unrichtig. Der Separatismus und Egoismus des Stammesfürsteiitums ist heute noch immer tausendfach stärker als der aus religiösen Momenten entstandene arabische Gedanke. Wir wissen, daß die Lebenslinie des Judentunis, die schön vor langer Zeit mit der des Arabsfvölkes zusammeniief, wieder zu ihr neigt, und daß wir alles tun müssen, um diese Entwicklung zu beschleunigen. Aber so, daß von jüdischer Seite das jüdische Anrecht bestritten wird, das heute von seiten Europas anerkannt ist, kann eine Aktion nicht begonnen Wörden. Die Araber haben Asien, Afrika; die Juden nur das kleine Ländchen am Ostrande des Mittelfneefes und auch dieses Territorium besitzen sie erst in der Idee. Das Judentum hat wenig Geld, noch weniger Freunde. Es ist nur auf sich selbst angewiesen. Wenn es irt seinem Kampfe auch noch den journalistischen Widerstand seiner eigenen Angehörigen findet, die in ihrer Objektivität jedem Gegner ziistiitirtlen, dann hat man ein Recht darauf, diesen Defaitismus, der innerlich unwahr und klarstes Erzeugnis des Glietiögeistes ist, mit Widerwillen abztilehnen. j. 1. p gute i Iw lut) L verlahgfcn Sie von Sä I15ULSR (BUKUM> |8 I. Bail CrHm ar k t 18 »«srsKissi LEBEN IM BUCH Erziehungspröbleme Es ist vielleicht tiefstes Kennzeichen und zugleich äuch Wertmaßstäb heutiger sozialer Kultur, daß die große Masse der „Gebildeten“ für Etziehuhgsfragen keinerlei Interesse hat, daß vielmehr, was zentrales Problem der Allgemeinheit sein sollte, lediglich einen engen Kreis iön Fachleuten beschäftigt. In seinem jüngsten Büch „N e u e Men sch eil, Gedanken über sozialistische Erziehung“ (E. Lau besthe Verlagsbuchhandlung, Berlin) macht Max Adler auch der Partei des organisierten Proletariats deft Vötwurf, bisher die überragende Bedeutung des Er* Ziehungspröblefns vernachlässigt zu haben. Die Schrift ist aus marxistischen Gesichtspunkten geschrieben, wobei sich der Autor bettüht, seine Völufitäristlsche Auffassung des Marxismus gegenüber der mechanistischen zur Geltung zu bringen, die wohl vorherrschender ist als Adler wahr haben will. Die methodologisch ausgezeichnet äufgebaute Schrift des bekannten Theoretikers, aus der besonders dessen Auseinandersetzung mit Wyneketi Und die Darlegung von Fichtes pädagogischen Grundsätzen her* Vörgehoben sei, verdient die Beachtung auch der Nicht* marxisten, die das menschliche Aufbauproblem geistig beschäftigt. „Entschiedene Schul ref or m“ nennt sich ein Brösehürenserie, die der Verlag E r ft s t Ö 1 d e h b U r g, Leipzig, herausgibt. In Heft 3: „Strindberg als Erzieher“ unternimmt es Df. Erich Sehö ne beck StrindbCrgs Ideen über Erziehung äU9 dessen Werken fterauszüschäle'n. Das warm und klug geschriebene Büchlein ist eine Bereicherung der pädagogisGchen wie der Strifld* Berg-Literatur. In Heft 7 behandelt Otto K r u 11 „Die Tragik des Schullebens“. Gilt hier sein Kampf eigentlich der „Verpestung der Schulerziehüng“ durch das bureau*- kratische Inspekfiönsprihzip, so fallen in dem mit löblicher Entrüstung geschriebenen Büchlein doch zahlreiche Lichter auf die Not der Schule vöii heute. Seinen „Freunden in der proletarischen Jugendbewegung“ widmet med. Dr. M Hödafln seine Schrift „Bub oder Mädel“ (Heft 25) in welcher in sehr glücklicher Darstellung das Sexual- Problem in Dialogform behandelt wird. Das Schriftchen aus der Vortragspräxis in Jügendgruppert hervorgegangen erfüllt seine Aufgabe, Muster und Anregung zü bieten, in vorbildlicher Weise. — Im gleichen Verlage Oldenburg erscheint eine zweite Broschürenreihe: -Kulturtittd Zeltfrag e n, die sich mit der früher besprochenen zurr Teil inhaltlich berührt. Den uns vorliegenden Heften (3 uri< 12) von Dr. med. Georg M an es: Die sexuelle Nöi unserer „Jugend“ sowie „Erziehung im Geiste der Völker Versöhnung“ von Louis Satöw läßt sich Gutes nach rühmen. A. F Dr. Walter Fabian: „Friedrich Wilhelm Foerstef1924 Verlag C. A. SchWetschke & Sohn, Berlin. Der Autor unternimmt es. in einer knappen, in vier Kapitel gegliederten Schrift die ethischen und pädagogischen Grundgedanken Föersters aus dessen reicher literarischen Werk heratiszuschäleit. Es ist sicherlich dankenswert, Foerster stets weiteren Kreisen vorzusteilöto und ihn dem christlichen Deutschland als Führer zu empfehlen, den Mahn, bei dem es nicht so sehr auf Wissenschaft und Gelehrsamkeit ankommt, dem vielmehr alle Forschung in die praktisch-ethische Folgerung hiüridet. Das Schriftcheri ist, wie sein Aiitör selbst weiß, nicht besonders übersichtlich: als Einführung in die Gedankengänge dieses ebenso, unsystematischen wie geistreichen und menschlichen Deflkers wird es dennoch gute Dienste turi. a. f; Johannes R. Becher: „Am Grabe Lenins.“ Malik-Verlag. Becher, als politisch-revolutionärer Dichter nicht riietir unbekannt, widmet dieses Büchlein „dem Stoßtrupp des Proletariats, der KampfgefolsSchaft des Leninismus“. . Es ist eine Dichtung in sieben Teilen; freie Verse, zum Tejl an Walt Whitmans Vorbild geschult, in denen Lenins Tötenlied gesungen, die Wirkung seines Todes gezeichnet und ein scharfkantiger Querschnitt durch das Deutschland von heute gegeben wird. Den Schluß bildet die Vision des Dichters von der künftigen deutschen Revolution. Der Inhalt dieser Wilden Verse wird nicht jedermann änsprfechen, rein literarisch gewertet, enthalten sie echten Schwung tittd plastische Kraft. —d. VON BÜCHERN, DICHTERN ü. VERLEGERN Prometheische Phantasien Prometheus, der den Göttern das Feuer entwandte, wurde zur Strafe an' einen öden Felsen geschmiedet und täglich vort einem Adler besticht, den ihm die Lebier ab*- fraß. Trotz aller Leiden beugte er sich nicht vor Zetis und wurde so Zimt Symbol der Auflehnung gegen das Schicksal. So lehnt sich Beethoven ln titanischem Trötze gegen Sitte und Herkommen auf und so versucht auch der früh verstorbene russische Tondichter Alexander Skrjabin (1872—1915) in übermenschlichem Ringen die KUhst ln neue Bahnen zu lenken: Ein neues Gesamtkunstwefk schwebt ihm vor; in viel weiteren Grenzen ais RichäFd Wagner will er die verschiedenen Künste vereinigen, er verfolgt geheimnisvolle Beziehungen Zwischen Ton Und Farbe und strebt letzten Endes die mystische Vereinigung von KürtSt und Religion an: „Göttliches Gediöht“ nennt ef seine dritte Symphonie, deren einzelne Sätze die Untertitel „Kampf“, „Wollust“ und „Göttliches Spiel“ trägen. „Poeme de l’extase“ heißt sein nächstes Werk, dessen dätieriid erotischer Rauschzustand an den Trisfari gemahnt; in seinen zehn Klaviersönaten, in denen er Von Chopin ausgeht, gerät er allmählich immer tiefer in bange's Grübeln Und Jetiseitsgedanken, in seinem „Prometheus“ mit dem Untertitel „Poeme du feu“ findet das Streben ins Transzendentale, ja die Idee von der Vergöttlichung des' menschlichen Geistes, mit einem riesigen musikalischen Aufgebot von Ghor und Orchester einschließlich eines , dife Farben der Musik mitspiegelnden „Clavier ä lumiere“ seinen Ausdruck, Noch reiner zeigt sich sein Streben nach dem Gesamtkunstwerk in dem in Skrjabins Nachlaß aufgefundenen Text zum „Vorbereitenden Ritual“, das als Überleitung zum „Mysterium“ gedacht war und schließlich in seinem „PrömfetheiscHeii Phantasien“, welche sein religiös-philosophisch-künstlerisch-mystisches Glaubensbekenntnis am klarsten verdeutlichen. Diese Tagebuchblätter sind von Oskar Riese m a n n< dem bekannten Verfasser der „Monographien zur russischen Musik“, ins Deutsche übersetzt und, mit wohltuender Sachlichkeit eingeleitet, in der Deutschen Verlags ans talt erschienen. Sie erklären Skrjabins musikalisches Schaffen,' sie zeigen die zwiespältige. Welt- DER WOCHE STETS BEI Wilhelm Bfaumiiiier &£öim Wien, L <3 r a b t n 21 BRAUCHST DU BÜCHER, GEH ZU LÖWIT, Wien. i. rotenturMstrasse ii

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