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Wiener Morgenzeitung · 1924-07-30 · Heft 1960 (30.7.1924) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1960 (30.7.1924)
Date
1924-07-30
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Veite 4 Men, Mittwoch Mnzende Srsolge mit einem neuen Scharia chserum. AuS Brünn wird gemeldet: Im hiesigen Kinderspital sind während der letzten Scharlachepidemie bemerkenswerte Versuche mit einem neuen Scharlachserum gemacht worden. Einem Berichte des Primararztes Dr. Rudolf E n g e l m a n n an die medizinische Klinik ist zu entnehmen, daß nicht weniger als 20 Fälle behandelt wurden. Md zwar durchwegs schwere Fälle mit hohem Fieber, Schlafsucht, fliegendem Puls und Verfärbung. Bald nach der Infektion, spätestens in zwei Tagen, trat vollkommene Entfieberung Md da? Schwinden aller Vergiftungserscheinungen ein. DaS Serum wurde im Kinderspital nach der Vorschrift B o d e s Mga) hergestellt. _ Sie Verhaftung österreichischer Filmdarßeller in Frankreich. Minister des Aeußern Dr. Grünberger, beantwortete gestern im Nationalrat eine Anfrage über die Verhaftung der österreichischen Filmdarsteller in Frankreich, wobei er mitteilte: Am 11. d. wurden mir durch einen Vertreter der Helios- Filmgesellschaft von «sei in Mulhausen erfolgten Verhaftung von sechs Filmdarstelleru der Gesellschaft, darunter drei Damen, Miteilung gemacht. Ich habe daraufhin sofort telegraphisch die Gesandtschaft in Paris angewiesen, den Sachverhalt aufzuklaren und entsprechend zu intervenieren. Die fortlaufende telegraphische und schriftliche Berichterstattung der Gesandtschaft ergibt folgendes Bild: Gegen die Filmdarfteller wurde die Anzeige erstattet, sie hätten gelegentlich einer Filmaufnahme im Park von Versailles durch Vorführung von unanständig bekleideten Figurantin n e n d i e öffentliche Sittlichkeit verletzt, worauf ein richterlicher Haftbefehl gegen sie erlassen wurde. Die Gesandtschaft ist sofort im Augenblicke der ersten Nachricht von der Verhaftung und bevor noch mein Auftrag in Paris eingelrngt war. bei allen zuständigen Stellen mit größter Energie und Umsicht eingeschritten, um Aufklärung zu verlangen. Durch das Angreifer: des französischen Justizministers ist es schließlich gelungen, die Freilassung zunächst der Damen, dann auch aller anderen Verhafteten gegen Kaution — die zum Teil aus amtlichen Geldern vorgestreckt wurde — zu erwirken. Der gegenwärtige Stand des Strafverfahrens ist folgender Vier Figurantinnen vom Casino de Paris wurden unter Anklage gestellt: die Voruntersuchung ist jedoch noch nicht abgeschlossen. Daher wird die Einstellung des Verfahrens gegen die sechs Oesterreicher aus formellen Gründen noch verweigert; immerhin kann sie zufolge den vom Untersuchungsrichter ' dem Gesandtschaftsanwalt gemachten Mitteilungen, was die Damen und ein männliches Mitglied der Filmdarsteller betrifft, als sicher angenommen werden, wobei auch die vorläufige Rückreise bewilligt werden, dürfte. Eine weitergchende Intervention ist vorläufig nichc möglich, da in das schwebende Gerichtsverfahren selbstverständlich nicht eingegrisfen werdest kann. Die Gesandtschaft wird abe? in den Grenzen, die ihr durch die französischen Gesetze gezogen sind, tun, was möglich ist. Ebenso trachte ich die Helios-Filmgesellschaft und damit auch die österreichische Filmindustrie, soweit es irgend geht, vor Schaden zu bewahren. Zu diesem Zwecke habe ich, soweit der beanständete Film in Frage kommt, in Paris bestimm!.- Vorschläge machen lassen, die derzeit noch erwogen werden. i , i Neuerliche Arbeiterentlaffungen bei der Alpiaen; Moutaugesellschast. , Im Parlament erschien gestern eine Abordnung! /on Vertrauensmännern und Betriebsräten der Don awitzer Werke der Alpinen Montangesellschaft und sprach beim Minister Schmitz vor. Die Abordnung teilte dem Minister mit, daß die Alpine Möntangesellschaft, die erst 8ÖÖ Arbeiter entlassen habe, neuerdings einen Hochofen ausblaftn wolle und wieder 1000 Arbeiter entlassen werde. Die Abordnung verlangte, daß diesen schwer betroffenen Berg- und Hüttenarbeitern die Möglichkeit ge°- boten werde, in die Gemeinden, wo sie zuständig sind, zurückzukehren und daß ihnen die Arbeitslosenunterstützung zuteil werde. Des weiteren ersuchte die Abordnung den Minister, eine Aussprache mit der Direktion der Alpinen Möntangesellschaft herbeizuftthren, um auf die Folgen, die der große Abbau auf die zahlreichen Arbeiterexistenzen und für die Finanzwirtschaft vieler Gemeinden mit sich bringt, hrntveisen zu können. Minister Schmitz sagte zu, dem Wunsche der Abordnung zu entsprechen. Er werde sich ehestens mit der Alpinen Möntangesellschaft ins Einvevnehmen setzen und nach den erlangten Informationen die weiteren Schritte einleiten. Beendigung des Konfliktes bei Waagner, Biro u. Kurz. Die in der Eisengießerei und bm Stahlwerk vor Firma Waügner, Biro u. Kurz in Stad lau ausgebrochenen Differenzen, die am 14. d. zur Entlassung sämtlicher Arbeiter und zur Schließung der beiden Werke geführt haben, sind nun durch Vereinbarungen mit dom MeLallarbeiterverband beseitigt worden. Die Firma erklärte sich bereit, von der seinerzeit 370 Arbeiter umfassenden Belegschaft 313 Personen wieder auszunehmen, nachdem seitens >des Metallarbeiterverbandes Sicherungen für die Disziplin und Ruhe im Betriebe gegelben worden waren. Der Betrieb wird morgen wieder eröffnet. Wiener Morgenzeitung. 80. Juli IM Nr. I960 Pikantes vom „wilsenschastlichen" Betrieb in Sesterreich. mm IM mm Direktor Dr. Josef Bayer von der anthropologischethnographischen WteAung des Naturhistorischen Museums richtet in Angelegenheit der Trennung seiner Abteilung in drei Sektionen, über welche wir bereits mehrfach berichten konnten, ein Schreiben an unsere Redaktion, in welchem er ans die in unserer gestrigen Nummer tviedergegebene amtliche Mitteilung reflektiert. Direktor Dr. Bayer macht zunächst die Feststellung, daß in der vom Unterrichtsamte, wie Dr. Bayer sagt, „ohne jede, sachliche Veranlassung" veranstalteten Sitzung, bei welcher die Trennung der von Dr. Bayer geleiteten Abteilung in drei Sektionen ^schlossen wurde,' die Musealfachmänner, so der frühere Direktor des jetzt unter Bayers Leitung stehenden Institutes, Hosrat Heger, ferner der Prähistorilcr'und Anthropologe Hofrat Szombathy gegen die Zerstückelung der Abteilung ausgetreten seien. Dr. Bayer führt dann an. daß sich der bekannte Ethnologe Prof. P. S chm i d t (St. Gabriel, Mödling) ihm (Bayer) gegenüber vor kurzem für die; Beibehaltung der ad m i nist ra t i ve n Einheit ausgesprochen habe, wobei er, fügt Dr. Bayer hinzu, den drei Untergruppen der Abteilung das weitestgehende Maß wissenschaftlicher Selbstständigkeit gewahrt sehen will. Die Behauptung der amtlichen Darstellung, der erwähnte Beschluß sei nahezu einstimmig gefaßt worden, trefft somit nicht nur nicht arithmetisch, sondern insbesondere nicht qualitativ zu. Das Bundesministerium für Unterricht sei in dieser Sache Informationen gefolgt, die nicht von sachlichen, sondern persönlichen Motiven geleitet wurden. Die Fachleute, welche an der Konferenz teilnahmen, wie der Prähistoriker M c n g h i n und der Ethnologe E h r i st i a n, seien aus persönlichen Gründen unentwegte Fürsprecher von Bayers „Degradierung" gewesen. * Wir geben dieser Mitteilung Dr. Bayers Raum, well .uns die ganze „Affäre" von allem Anfang an typisch österreichischen Charakter zu tragen schien. Wissenschaftliche Angelegenheiten werden in Oesterreich gewöhnlich vom GesichtKPuntkte gewisser Stammtische und Burschenschastsbeisel, ob sie nun hakenkreuzlerisch oder gutkatholisch sind, behandelt. In der jetzt aufgetauchten 'Sache, mit der die Oefsentlichkeit „befaßt" wird, scheint es sich um etwas Aehnliches zu handeln, und die Informationen, die wir über diese Angelegenheit von gut unterrichteter Seite erhalten, bestätigen unsere Auffassung. Es scheint, daß hier Stammtische unterschiedlicher Wissenschaften zur Lösung dieses wissenschaftlichen Problems herangezogen wurden und-daß es schließlich am zweckmäßigsten erschien, das Banner der freien Wissenschaften aufzurollen für eine Sache, die schon lange mit Wissenschaft nichts mehr zu tun hat. Nach den Informationen, die uns zugekommen sind, besteht bereits seit einigen Jahren die Absicht, die ethnographische Sammlung aus dem Naturhistorischen Museum nach der H ofburg zu übertragen, sie mit der Sammlung des Erzherzog Franz Ferdinand zu vereinigen und., in den neuen Räumen eine neue Aufstellung Mch modernen Gesichtspunkten durchzusühren. Mit dieser räumlichen Trennung ist eine administrative naturgemäß verbunden. Dr. Bayer hat sich gegen diese Pläne ausgesprochen, was sein gutes Recht ist. Wie aber 'kann man in Oesterreich, wenn eS um eine wissenschaftliche Sache geht, seinen Willen durchsetzen? Dafür gibt es im Falle Bayer einen recht interessanten Beleg, der der Pikanterie nicht entbehrt. Nach den Informationen einwandfreier Gewährsleute hat sich Dr. Bayer vo« mehreren Wochen klerikale Hilfe zur Unterstützung für seine wissenschaftlichen Maximen be« züglich der anthropologisch-ethnographischen Abteilung gewinnen wollen. Diese Unterstützung wurde ihm verweigert, aus welchen Motiven, ist uns unbekannt. Hierauf erst wurde in der Sache die Fahne der freien Wissenschaft geschwenkt. . Es gibt aber da noch eine für das Wesen der österreichischen Wissenschaft bezeichnende Frage, das ist die Beiralfrage. * Von Dr. Bayer selbst wurde angeregt, einer der Abteilungen einen Beirat zu geben. Nun ging es nicht , recht an, eine solche — übrigens vom Standpunkte derjenigen, welche die stets verdächtige Wissenschaft so gerne kontrollieren, recht erwünschte — Maßregel nur bei einem Institut durchzuführen, weshalb man sich entschloß, sie bei allen drei Abteilungen in Kraft treten zu lassen. Es be-kam nun die Abteilung -des Dr. Bayer auch den Beirat, den er nur für eine Abteilung angeregt hatte. So löst man wissenschaftliche Fragen. Die Bestellung der Beiräte hat übrigens unter allen Wissenschaftlern entschiedene Gegnerschaft hervovgerufen. So weit unsere Informationen. Sie stellen der österreichischen Wissenschaft leider, wie so oft, kein gutes Zeugnis aus. Sie Wöllersdorser Affäre. Der Bericht der Polizei der Staatsanwaltschaft übermittelt. Wie wir erfahren, hat die Wrrtschaftspolizei die Untersuchung in der Wöllersdorftr Angelegenheit beendet und der Staatsanwaltschaft da- Aktenmaterial übermittelt. Es wird sich jetzt bald zeigen, ob die Anklage gegen die Schuldigen erhoben werden wird. Gestern erschien eine Abordnung von Vertrauensmännern und Betriebsräten der WMerborfer Werke beim Minister Dr. Schürff und ersuchte ihn um eine Zusage der Regierung wegen der Weiterführung des Betriebes der Werks, von welchem da- Schickst so vieler Arbeiter abhänge. Der Minister erklärte, daß er eine solche Zusage nich t machen könne. Dis Angelegenheit wurde den Behörden zur weiteren Amtshandlung übergeben und die Regierung.könne und wolle auch auf die Staatsanwaltschaft keinen Einfluß au?- üben. rvistben Ledersohlen und S> AI« M A- KautßChuk&ehlen und -Absätzen. Längere Tragdauer und grössere Haltbarkeit der Schuhe, elastischer, angenehmer Gang und Billigkeit sind die Vorzüge gegenüber Le«S«rsohlen! Verlangen Sie aber ausdrücklich „PALMA“! Sie fimuziefle Sanierung des Arsenals. Dis finanzielle Sanierung des Arsenals wird, wie gsntelbct, durch die Eskomptegesellschaft durchgeführt werden. Im Sinne der Sanierung des Arsenals wird in den nächsten Tagen von den 1600 Arbeitern eine größere Zahl entlassen werden müssen. DaS Arsenal hat mit Rußland eine Geschäfts« Verbindung durch die Oesterreichifch-rufsifche Handelsgesellschaft. Alle Mitteilungen über eineEntziehung der Konzession dieser Gesellschaft durch die russische Regierung sind, wie uns aus Kreisen der russischen Gesandtschaft mttgeteilt wird, unwahr. Die Depositenbank war an der Gesellschaft beteiligt und infolgedessen ist der Weiterbestand des Unternehmens in Frage gestellt, doch würden, wie uns versichert wird, die geschäftlichen Beziehungen zwischen dem Arsenal und Rußland in keinem Falle gelockert werden. Es wird uns weiters als unrichtig bezeichnet, daß daS Arsenal 800 Waggons Alteisen verkauft hat. Es handelt sich hier um eine tendenziöse Meldung, die wohl darauf zurückzuführen ist, daß das Arsenal gegen 40 Waggons Schrott verkaufen will, da es für diese Eisenaüfällo keine Verwendung hat. Ausfallend ist, daß tendenziöse Meldungen über das Arsenal immer dann austauchen, wenn sich in der Wöllersdorf.er Frage etwas ereignet, wie zum Beispiel diesmal die Ueberweifung des Materials an die Staatsanwaltschaft durch die Wirtschaftspolizei. In Ausführung des gestern abends gefaßten Beschlusses der Angestellten der sozialen DersicheruirgSinstitute sind gestern früh die Beamten der Krankenfürsorgeanstalt der Wiener städtischen Angestellten und Bediensteten in den Streik getreten. Der Betrieb der Anstalt ruht infolgedessen vollständig; am Tore des BureangLbäudes auf dem Schi'ostngerplütz ist ein Zettel angeheftet, auf dem es heißt: „Wegen Streik der Angestellten geschlossen." Die zahlreich erschienenen Parteien —* in der Anstalt ist ein i.^/" ’ci: Parteienoerkehr von 250 bis 300 Personen — mußten unverrichteter Dinge umkehren. In der vom Streik betroffenen Allstalt sind über 50.000 städtische Angestellte mit ihren Familienmitgliedern versichert, die Gesamtzahl bczisjert sich auf rund 160 000. Sollte der Streik nicht bald zum' Ziele führen, so wird der Reichsverein den Solidaritätsstreik, der Angestellten aller sozialen Versicherungsin st il nie in Wien und der Provinz proklamieren. Zer Brand des Variete« „MmM". Direktor Hainz enthaftet. Daß der Brand im Zirkusvariete „Olympia", der das Gebäude vollkommen dem Erdboden gleichgemacht hat, gelegt war, kann fast keinem Zweifel unterliegen. Doch hat die Untersuchung bisher keinen sicheren Beweis für die Täterschaft einer bestimmten Person erbracht, wennglich eine Reihe von Personen ermittelt wurden, die im Verlaufe vou DtfferenM auS dem Vertrags- und Dienstverhältnis Drohungen haben laut werden lassen.

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