Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1924-07-29 · Heft 1959 (29.7.1924) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1959 (29.7.1924)
Date
1924-07-29
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2979076-2980834-2981042--19874-3007056
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Wiener MorsenzettunK. 59. IM 192*4 Nr. 1959 Ar Samuel über die Bedeutung der Sudustrkalifierung PalMnar. - Die Seneraldedatte der Aktionrkomitrefitzuug beendet. Getto s Men, Dienstag »>- . —.-- ... .—- nottvepdig hielt, die Tapferkeit der südischcn Soldaten in der Feuerlinie rühmend hervorzuhehen. Aber sie wußten es nicht oder verschwiegen es, daß ein solches Machttvort bloß den Zweck hatte, die trotz der Tapferkeit der jüdischen Kämpfer um sich greifende Seuche des Antisemitismus nach außen hin zu verhüllen. Die militärischen Massenjusüzmorde an jüdischen Soldaten und jüdischen Biirgern drangen ins Ansland. Die ausländischen Blätter waren in der Lage, ganze Alleen justifizierter Inden in ihren Feiertagsgcwändern im Bilde wiederzngcben. Ganze aufreizende Flugschriften wurden im Ausland reproduziert. Dann erst kam das hoheitliche Pflaster auf die brennenden Wunden der Iudenschaft Oesterreichs und Ungarns. Man braucht sich nur die .Kreise anzusehen, in deren Händen heute die Führung der antisemitischen Bewegungen liegt, man braucht nur an die Heerführer der Pogromarmeeu in der Ukraine, in Ungarn und in anderen Ländern zu denken, um zu dem untrüglichen Schluß zu gelangen, daß diese Gesellschaft die Massenmorde und Verfolgungen gegen die Juden auch dann angezettelt hätte und vielleicht dann erst recht, wenn sie Sieger geblieben wäre. Deun.es sind dieselben, die in geschützter Sicherheit während des Krieges, als sie noch selbst an einen Sieg ihrer Waffen glaubten, die Pogrome vorbereiteten und die Seele ihres Volkes mit dem Judenhaß vergifteten. Trotz aller dieser Drangsalierungen haben die jüdischen Soldaten im Felde die höchsten Auszeichnungen in einem Ausmaß errungen, das die Grenzen des heute üblichen „Numerus clausus" bei weitem überschreitet. Auch die Zahl der jüdischen Invaliden, der jirdischen Kriegswitwen und Waisen und der jiidischen Kriegsbeschädigten aller Kategorien haben sich über die Schranken des „Numerus clausus" hinweggesetzt. Der Dank und die Anerkennung für diese Opfer ist der effektive Numerus clausus an den Hochschulen, der sogar unterbotene Numerus clausus in den öffentlichen Aemtern und der Sever-Erlaß, der den Numerus clausus überbietet. E Dieser traurige Rückblick ans die letzten zehn Jahre befestigt im jüdischen Volk den uralten unausrottbaren Abscheu vor jedem Krieg. Das neue Regime in Jugoslawien. Das Verhältnis im Parlament: 163:123.. " Belgrad, 28. Juli. Die neue Regierung der nationalen Einigkeit wurde heute um 11 Uhr vormittags vereidigt. Die neue Regierung übernahm sofort die Geschäfte der demissionierten Minister. In dem heute nachmittags stattgefundenen Minifterrat wurde die Pu- Ästatjon eines Communiques befchlosfen und in den Abenditunden veröffentlicht. Es hat folgenden Wortlaut: 3 Der Ministerrat hat beschlossen: : 1. Die Skuptfchina einzuberufen. 2. Me Minister sollen ein Rundschreiben an die Beamten ihres Ressorts richten, in welchem ihne ndie gewiss en hafte st e Anwendung der Gesetze, korrek-!es Benehmen dem Publikum gegenüber und die strengste Achtung auf Ruhe und Ordnung zur Pflicht gemacht werden. 3. Alle Minister sollen in ihren Ressorts den Stand )er Dinge seststellen, welchen sie am. Tage ihres Eintritts »orgefunden haben. / 4. Die Regierung soll besondere Aufmerksamkeit dem 6 e a m 1 e n g e s e tz sowie dem Gesetz über die Beseitigung md Bestrafung der Korruption widmen. 5. Der Justizminister wird alle Vorkehrungen treffen, rrn eine Revision der Aufhebung der Sequester von Vermögen der fremden Untertanen sowie eine Revision über die erhaltenen Reparationen mrchführen. -Außerdem wurden im Minifterrat Maßnahmen zur Sanierung des Privatkredits beraten. Auch in der Besetzung der Unterstaatsiekretariate wird ein Wechsel vorgenommen werden. Doch ist darüber noch keine Entscheidung getroffen. In den nächsten Tagen werden die der Radic-Partei reservierten Ministerportefeuilles mit Radicianern, unter Umständen.auch mit Bauernbündlern besetzt werden. Das neue Kabinett verfügt im Parlament über 168 Stimmen gegenüber der Pastc-Pribicevic-Koalition von 123 Abgeordnete. Üt Smtf «» len Vnnmtielatt. L»nd«n, 28. Juli. Ein Mitglied des Unterhauses fragte, ob einzelne Miigjlieder des Völkerbundes bezüglich ihrer Haltung gegenüber dem vorgesehenen Garantiepakt eine Entscheidung getroffen hätten. Premierminister Mac Donald antwortete, daß Belgien, Finnland und 8ettland sich im allgemeinen günstig geäußert hätten, wenn auch von Belgien und Finnland zahlreiche Abänderungen angeregt worden seien. Die Union der Sowjetrepubliken urtb die Vereinigten Staate» von Amerika hätten erklärt, daß sie nicht zustimmen könnten. Die Frage, ob die französische Regierung ihre allgemeine Zustimmung geäußert habe, wur-de von Mae Donald verneint. Ne «m* in StafKen. Washington, 98. Juli. Nach einer amtlichen Mitteilung hat die brasilianische Botschaft die Nachricht übermittelt^ daß die revolutionären Truppen Sao Paolo &mm das hierauf von den Regierungstruppen ßejetzt wurde. London, 2?. Juli. In seiner Ansprache zu Beginn der Miktwochsitznng hob der palästinensische High-Commissioner Sir Herbert Samuel hervor, sein diesjähriger Besuch in London falle glücklicherweise mit der Tagung des Aktionskomitees zusammen, er habe deshalb Gelegenheit, mit Persönlichkeiten zusammenznkommen, die die Führer d e 8 g r o ß e n N n t e rn e h m c n s in Palästina feien. Während der letzten vier Jahre seien in Palästina bedeutende Fortschritte gemacht worden, in den beiden letzten Jahren herrschte deswegen auch in Palästina eine größere Ruhe und Ordnung als früher. Die Immigration fand n i ch t in dem Maße statt, wie man es gewünscht hatte und wie dies im Interesse der. wirtschaftlichen Entwicklung des Landes nötig gewesen wäre. Zum Glück sei jedoch seit kurzem die Zahl der Immigranten gewachsen. Während seiner kürzlich unternommenen Reise durch Palästina hätte er mit großer Befriedigung die Entwicklung im Tale Jesreel wahngenommen. Als er früher einmal dort war, hatte er keinen einzigen Juden angetrofsen, nun aber seien blühende Städte in dem Tal entstanden. Die unlängst in Tel-Awiw statigefundcne Jndustrieausstcllung wirkte förmlich wie eine Offenbarung: sie war ein Merkzeichen einer vor sich gegangenen Entwicklung und ein sicherer Beweis dafür, daß Palästina in Zukunft der Jndustriemittelpunkt des mittleren Ostens werden könnte. Zum großen Teil sei diese Jndustrietätigkeit den Polnischen Juden zu verdanken. Die Regierung wird den normalen Zolltarif herabsetzen, damit die Erzeugnisse nicht nur in Palästina Verwendung finden, sondern auch in die benachbarten Länder ausgeführt werden können. Was die Vorschläge über Erweiterung der I e w i s h Agency betrifft, so sei es wünschenswert, daß auch die nicht in der Zionistischen Organisation vertretenen Juden zu dem Aufbau des jüdischen Nationalheims durch die Jewish Agency herangezogen werden. Dr. Weizmann und Oberrabbiner Dr. Chajes sprachen Sir Herbert für sein Erscheinen und seine Ansprache ihren Dank aus. Nach der Ansprache des Oberkommissärs wurde die Generaldebatte fortgesetzt. Zunächst sprach de Liem e, der erklärte, die Jrwish Agency sei notwendig, um die Arbeit in breiterem Maße weiter zu Mren. Man müsst; darcmf hinarbeiten, daß die amerikanischen Vertreter tatsächlich ÄS Vertreter drr organisierten Judenheit erscheinen; es bleibt aber die Frage der anderen Länder zu lösen, die noch Schwierig- Veiten machen wird. Der Redner bespricht dann das sogenannte K o l o n i s i e r u n g s b u d g e t und betont, daß daS Ziel aller Tätigkeit sein müsse, unsere Siedlungen so weit zu bringen, daß sie sich selbst erhalten. Mereminskh übte an Hand einer Reihe von Tatsachen Kritik an der Behandlung der Immigration nach Palästina. Die englischen niederen Beamten machen alle möglichen Schwierigkeiten. Me Zionistische Organisation muß sofort nachdrücklich verlangen, daß den Uebevgriffen, die zum Beispiel in Warschau geschehen sind, ein Ende gemacht wird. Es sei auch unzulässig, daß der englische Konsul Empschlungen von anderer Seite entgegennnmnt, während die Last der Sorge für die Immigranten im Lande auf zionistische Schultern fällt. Zur Frage der Jewish Agency betont der Redner die Notwendigkeit der Heranziehung der organisierten Arbeiterschaft Amerikas. Farbstein (Misrachi) .begrüßt die Tatsache, daß eine attjüdische Konferenz in Amerika geplant wird, als eine Vorstufe zum jüdischen Weltkongreß. Er befürchtet, daß die G e lhgebe r de? ganzen Jowish Agency ihren Willen auszwingen werden. Dagegen wäre eine willkommene Folge der Jewish Agency, daß die Verwaltung in Palästina nicht mehr wie bis jetzt ausschließlich zugunsten der Arbeiter erfolgt. Der Redner kritisiert ferner das Verhalten der Exekutive, besonders der Herren Holpern und Vriesland, gegenüber der Orthodoxie. Dadurch würde die Orthodoxie abgeschreckt. Die Exekutive müsse sich niehr wie bisher auch in politischen Aktionen der Mitwirkung der zionistischen . Orthodoxie und der Rabbiner bedienen. Stricker weichet sich mit Entschiedenheit gegen die Vorschläge der Exekutive. Es sei ein Fehler, daß man immer nur an Amerika denkt: in anderen Ländern sehen wir keine Ansätze einer organisierten n i ch t z i o n i st i s ch e n Judenheit, die am Aufbau Palästinas teilnehmen werde. Redner könne nicht verstehen, wieso ein antinationaler Jude die Verantwortung für den Aufbau des nationalen Heims übernahmen könne. Die Nichtzionisten würden wohl Geld für Palästina gelben, aber sie selbst sollten sich nicht mit politischer Verantwortnng beschweren. Redner bedauert, daß die Frakt ionen im Zionismus so wenig Interesse für die Fragen der Organisation haben; dies ist der wichtigste Grund für die allgemeine Resignation, djc uns befallen hyt. Redner befürchtet, daß durch die Jowish Agency d> Zionistische Organisation in den nächsten Jahren schr geschwächt werden wird. Ussischkin warnt davor, nur ans Amerika zu hoffen und Europa zu vernachlässigen. Man könne in Europa jetzt sehr viel Geld für Palästina bekommen, dies würde auch eine große Wirkung aus Amerika höben. Wir sollen uns nicht selbst degradieren, wir sollen nicht als Bittende kommen, sondern unsere eigenen Leistungen richtig würdigen. Das polnische Judentum hat trotz seiner schweren Lage im letzten Jahre sehr viel für den Aufbau Palästinas geleistet durch Gründung von privaten Unternehmungen und Industrien, deren Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes auch vom Oberkommissär anerkannt wurde. Auf die Lage in Amerika übergehend, spricht Redner seine Ansicht ans, daß trotz der kolossalen Arbeit, die Weizmann dort geleistet hat, im Grunde nichts erreicht wurde. Die Investment Corporation werde . wahrscheinlich nicht mehr werden als eine der vielen Gesellschaften, die wir schon haben; ihr Wert ist nicht zu unterschätzen, aber sie ist nicht ein entscheidendst Instrument für den Aufbau des Landes. Was den Keren Häjessod betrifft, so haben wir trotz der schönen Reden der amerikanischen Notabeln nur etwa 20 Prozent mehr bekommen als voriges Jahr. Nur in der Agencysachc hat Weizmann etwas erreicht, weil er er auf der ganzen Linie nach gegeben hat. Nicht nur haben die anderen keine Verpflichtungen übernommen, sondern man soll ihnen noch Rechte einräumen bezüglich des Keren Häjessod. Redner befürchtet, daß die Einnahmen des Keren Häjessod nicht stelgeü werden. Wir haben ein m o r a l ische Krise durchgcmacht, und wir gehen jetzt der Gefahr einer, organisatorischen Krise entgegen. Unsere Schwäche ist, daß wir zu wenig Menschen haben. Nachdem sodann Dr. Gottlieb sich gegen die Ausführungen Ussischkins gewendet hatte und für die Vorschläge Weizmauns eingetreten war, plaidierte Dr. Nahum Goldman» namens der zionistischen Fraktion für den jüdischen Weltkongreß auf demokratischer Grundlage. Der amerikanische Plan, den Weizmann vertrete, bedeute nichts anderes als eine vollständige Liquidierungder zionistischen Bewegung. Es wäre rmverantwortlich, wenn man Wahl- , los Nichtzionisten die Kontrolle über die politischen und Wirtschastlichen Arbeiten m Erez Israel Übergaben würde. Es fei verfehlt, die ganze Hoffnung nur auf gewifle amerikaniscb- Kreife zu setzen. Dr. Reich tritt für den amerikanischen Plan ein. ' ®tV Federbusch (Misrachi) protestiert namens des. Misrachi gegen , die von der palästinensischen Regierung gemachten Schwierigkeiten bei der Immigration. . Sprmzak (Hitachduth) fordert namens der jüdischen Arbeiterschaft in Palästina die Zionistische Organisation auf, eine klare Erklärung wegen der Kompetenzen und Arbeiten der JewW Agency abzugeben, damit späterhin keine Mißverständnisse erfolgen. Es sei unbedingt notwendig, die Immigration zu vergrößern und neuen Boden anzu sch affen. Ebenso verlange, er die Unterstützung aller jener Kreise, die für die Hebraisierung des Lander eirrtreten. Lewite spricht sich namens eines Teiles der polnischen Mitglieder unbedingt für Weizmauns Plan aus. Sodann logt Abgeordneter Grünbaum dar, daß der amerikanische Plan nichts anderes Äs die Auflösung der Zionistischen Organisation erzielen wird. In einem längeren Schlußwort antwortet Weizmann auf die Angriffe, die gegen seinen Plan erhoben wurden. Er und die Amerikaner hätten einen guten und konstruktiven Plan ansgeavbeitvt, mit dem alle zufrieden sein könnten. Es sei unmöglich, weiterhin nach den Methoden der Chowewe Zion zu arbeiten. Palästina müsse schnell gebaut werden. ' Hier sei nachgetragen, daß Weizmann in seinem Bericht der ersten Sitzung eine Erklärung abgab, daß seitens der e n glischen Regierung kein Widerstand gegen eine Vergrößerung der jüdischen Immigration bestehe, ferner daß in den Verhandlungen Englands mit König Hussein nichts berührt wurde, was irgendwie aus die z i on i st i s ch e Arbeit in Palästina ungünstig wirken könnte. Bezüglich der Jewish Agency erklärte er, daß die Mitglieder dieser Körperschaft für zwei oder drei Jahre gewählt werden. Er bespricht die Kompetenzen der Jewish Agency und und schließt seine Rede mit folgender Erklärung: „Das Aktionskomitee ist autonom und kann daher beschließen, was es will: ich werde aber für nichts anderes arbeiten, als nur für den amerikanischen Plan der Jewish A g e n c y." Nahum Sokolow fordert in seiner Rede die Mitglieder des Aktionskomitees auf, für den amerikanischen Plan e'inzutretcn. Er stimme vollkommen mit Weizmauns Ansichten bezüglich der Jcwifl) Agency überein. Nachdem dieser Teil der Debatte beendet war, referierte Dr. Bertold Feiwel über die Einzelheiten der Ie w i s h Agency. Ruppin heharrt auf seiner Demission. Wie Ihr Korrespondent aus zuverlässiger Quelle erfährt, hat Dr. Ruppin, der erst gestern in London cingetrossen ist, die TtrWrung gbghgchcn. daß er unter keinen Bedingungen der Zionistischen Exekutive in Palästina angeboren und seine Demi s s i o n nicht z u r ü ck z i e h r n werde.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.