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Wiener Morgenzeitung · 1924-07-28 · Heft 1958 (28.7.1924) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1958 (28.7.1924)
Date
1924-07-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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} «cke 2 D^N,MVntÄg Wrener Morgenzettüng. 25. 1924 , Zchn Jahre dauert der Krieg schon an. Konfe- Irenzen rmd Kongresse finden statt, zu Gaurisankarhöhe «Ermen sich Akten, Noten, Protokolle über den Massengräbern. Aber es gibt noch Waffen und Waffengebranch. 'Im Augenblick wird, soviel man weiß, in Marokko, in * »ernten, in Jnnerasien, in Südamerika geschossen. lLleberall gkbts Grenzen, Vaterländer, heilige Güter, «und alle haben miteinander das gemeinsam, daß sie! immer bedroht sind. Und währendort überall Menschen in Not und Dreck verröcheln, ist jn London die große Konferenz beisammen, um die Formel zu finden, wie man die Kontribution Deutschlands austeilen solle. Alle Staatsmänner, die sich dort zusammengesetzt haben, sichren den Frieden im Mund. Sicherlich glaüben "sie daran, wenigstens während sie davon sprechen. Aber! nach der' Sitzung finden sie sich in S p i t h e a d ein, tvo die englische Flotte paradiert. 196 Kriegsschiffe sind cha gestern aufmarschiert, der Dampf der Schornsteine jmtb der Artillerie verfinsterte die Sonne. Von dem verschossenen Geld hätten ein Paar tausend Schienenkiloi titetet gebaut, ein Paar hunderttausend 'hungrige Mäuler gestopft werden können. Um dies zu tun, hatte man die Wahrheit reden und bekennen müssen, daß es Frieden sein und bleiben muß, wenn man all die ungelösten Probleme aufheben will. Aber die Konzerne, die, die Kriegsschiffe bauen und armieren, dulden diese Sprache wohl, aber nicht die Tat. Sie lesen'mit lächelndem AugenMnrckern die Ministerreden von der Abrüstung und laden dann die Delegierten nach der Reede von 'Spithead. ttttb die Delegierten nehmen die Einladung an. Lüge am Beginn, Lüge am — nein, am Schluß sirck» wir noch nicht. Gäbe es bloß auf Seite der Sieger 'solche Kanonensabriken, dann stünde es doch besser. Aber 'sie und ihr Geist lebt auch in den Ländern der Unterlegenen. Sie haben eine Industrie des Mordens geschaffen und, damit die Maschine nicht leer lause oder die Lager nicht zu hoch gefüllt werden, auch für Absatz gesorgt. Diesen Absatz kennt man unter verschiedenen -Namen, in verschiedenen Kleidern. Hinter den Bezeichnungen und den Röcken steckt immer wieder der Krieg. ^,So dir bestimmt das Schicksal deinen Lauf, die Karten lügen nie, sie künden immer dir den Tod!" Das Carmen-Lied ist System. Ueber die Bühne hinaus trat es vor zehn Jahren. Grauenhafte Wahrheit ist es geworden nick es tönt fort, mit der suggestiven Kraft der Gewohnheit. '* Nie wieder Krieg! Man sollte glauben, daß nach ben Erlebnissen dieses Weltbankrotts der Kultur, der Sittlichkeit, der Zivilisation die Parole wie ein Sturm über die Erde gehen müffe. Aber es ist ein dünner, verzweifelter Klang, den die Kakophonie der Niedertracht übertönt. Sie ist aus dem Inferno des Schlachffeldes geblieben. Sie treibt die Menschen, die Völker und die Klassen widereinander. Und wenn man genauer zusieht, so ergibt es sich, daß sie aus derselben Quelle kommt, aus der der Krieg floß, daß sie mit den gleichen Mitteln.arbeitet wie der Berchtold, der den Rat der Vorsehung anrief, um seine Fälschung zum historischen Ereignis zu gestalten. Was soll, gemessen an dieser Erscheinung, all die Mühe um die Reparationen? Was kann sie erreichen, solange diese Frage überhaupt besteht, die für das nächste Menschenalter hinaus die Tradition des Haffes fortsetzen mutz? Die Antwort gibt die Kriegsindustrie. Sie,will nichts anderes als die Fortführung dieses Zustandes, in welchem es gute und schlinrme Böller gibt, in welchem die Völler über einander zu Gericht sitzen, Richter und Henker in einem. Das ist guter Verdienst für die Hyänen, die immer hinter den Helden schleichen. Das „Nie wieder Krieg!" wird durch sie zum dummen, sinnlosen Gestammel,, was man selbst in diesem österreichischen Mikrokosmos konstatieren kann. Hier haben wir die Waffensabriken und die zu chnen gehören: Die Hakenkreuzler, die Frontkämpfer, die Sturmtrupps, die Schutzbündler. Alle Geister sind wach, es ist eine Lust zu leben, Frankreich für ei« internationaler Znftktnt Kr intellektuelle gnsammenarbeit. Genf, 27. Juli. Im Verlauf der gestrigen Sitzung der Kommission für g Listige Zusammenarbeit verlas Präsident Bergson ein Schreiben des französischen Ministers für öffentlichen Unterricht und Kultus, worin der Minister im Namen der französischen Regierung erklärt, er wolle der Kommission die materi ellen Mittel zur Verfügung stellen, damit sie ihren Plan verwirklichen könne. Die französische Regierung möchte den Vorschlag machen, es solle ht Paris ein internationales Institut für intellektuelle Zusammenarbeit gegründet werden. Sie wolle durch Vermittlung des Völkerbundes das no i-- wendige Geld sowie die Räumlichkeiten für die Gründung mtfo den Betrieb dieses Organismus überweisen. Daher ersuche der Ministerpräsident Bergson in seiner Eigenschaft als französisches Mitglied der Kommission, in Verbindung mit ihr einen Organisationsplan sür ein solches internationales Institut auszua^beiten. Auf der Grundlage dieses Planes werde die französische Negierung Anträge stellen, die sie später dem Völkerbund rat unterbreiten werde. Gattenmord in Simmering. Bier ÄMm «ach der Hochzeit. — Ans Eifersucht? Geste r« früh ist in Simmering ein gräßliches Verbrechen verübt worden, Jn schwer berauschtem Zustand hak der 54jährige Maurergehilfe Franz Plank in seiner Wohnung, Lorystraße 73, seine 33jährige Gattin Anna förmlich abgeschlachtet. Plank, der dem Trünke ergeben war, war Witwer. Aus der ersten Ehe hatte er zwei Söhne, die jetzt 19- resp. 14 Jahre zählen und bei ihm wohnen. Der Aelteve zahlte wöchentlich K. 166.060 Kostgeld; das war dem "Vater zn wenig, und er wollte den Sohn aus -bem Hause drängen, stieß aber dabei auf den Widerstand des braven Burschen. Schon daraus entwickelte sich oft Streit, und die beiden Söhne waren aus den Vater nicht gut zu sprechen. Vor einiger Zeit hatte nun Plank seine ziveite Frau kennen gelernt. Sie gefiel rhm so sehr, daß er ihr schon nach kurzer Bekanntschaft die Ehe antrug. Trotz des großen Altersunterschiedes willigte die Frau ein, und erst vor vier Wochen wurde Hochzeit gehalten. Plank war in seine zweite Gattin sehr verliebt und quälte sie vom ersten Tage an mit grundloser Eifersucht. Das Ehepaar bewohnte in dem großen Hause Lorhstraße 73 eine aus Vorzimmer, Küche und Zimmer bestehende Wohnung, in der auch die beiden Söhne erster Ehe verblieben. Seit der Hochzeit gab es in der Familie beständig Streit. Plank, der nach wie vor trank,-war gegen-seine junge Gattin brutal und beschimpfte Und be- ‘Traget 6Ik 704 Schahei mit eingebautem „BersGsr^-frümmi-Absatz Ar Mmvia-Baüele in Hernals vollWndis niedergebrannt. Das gesamte Inventar vernichtet. Heute nachts, unmittelbar Nach der Äen beendeten Vorstellung, ist in der Richthauserstraße in Hernals das dort vor etwas mehr als einem Jahre errichtete Olympia-Variete, das unter der Leitung des Direktors Czejka stand, ein Raub der Flammen geworden. Bei der gercwezu unheimlichen Schnelligkeit, mit der das Feuer um sich griff und binnen einer halben Stunde das ganze Gebäude in Asche legte, wäre von den vierhundert Personen, die kurz vorher das Haus füllten, kaum eine mit dem Leben davongekommen. Als der Brand entdeckt wurde, befand sich nur e i n Nachtwächter mit seinem Hnnde in dem Gebäude. Er konnte -um Glück das Freigewinnen und Alarm schlagen. Gestern abends begann ldre Vorstellung kurz nach 8 Uhr, und zwar etwas später als sonst, weil die kühle Mttrrung einen stärkeren Besuch zur Folge hatte. Es dürsten etwa 356 Personen zur Vorstellung gekommen sein.. Das Programm wickelte sich aber normal ab, wenige Minuten nach 16 Uhr war Schluß der Vorstellung und gleich darauf verließen das Publikum und nach ihm die Angestellten das Haus. Kaum hatte sich Direktor C z e j k a mit den Schlüsseln zu den Eingängen entfernt, als die Parteien der umliegende» Häuser durch einen mächtigen Feuerschein erschreckt wurden. Sie eilten an die Fenster und sahen, wie die Flammen schon turmhoch gegen de« Himmel schlugen und ein ungeheurer Funkenschwaden vom Winde durch die Lust getragen wurde. Zum Glück wehte der Wind nicht gegen die Stratzenbahyremise und die Wohnhäuser, sondern gegen einen in der Wattgasie liegenden weiten Materialplatz der Straßenbahn, so daß ein Umsichgreifen des Brandes auf fremde Objekte nicht zu befürchten stand. Kaum war das Feuer entdeckt, so eilte auch schon der Werkmeister der städtischen Straßenbahnen Czapp mit etwa 26 Straßenbahnern und Löschmaterial auf den nahegelegenen Brandplatz. Allein angesichts des riesigen Umfanges des brennenden Objekts beschränkten sich die Männer daraus, das Feuer zu lokalisieren und es gelang auch eiue dicht neben dem Brandherd befindlich« Trafikhütte zu retten. Mm wartete auf das Heröeikomnren der städtischen Feuerwehr, Viertelstunde um Viertelstunde verrann, aber'erst volle dreißig Minuten nach Ausbruch des Brandes, als nur einige rauchende Stumpfe arls dem Boden ragten, das brennende Gebäude längst mit großem Getöse zu einem glühenden Trümmerhaufen zusammen gestürzt war, erschienen die ersten Auto spritzen der Feuerwehr und die Dampfspritze von: Hof. Auch Branddirektor Wagner kam an, allein es gab nichts mehr z« retten, es war alles nledergebrannt. drohte sie. Samstag war ihr Mmenstag. Plank feierti ihn aus seine Art,' indem er ins Wirtshaus ging und. sich wieder einen Rausch antrank. Spät nachts kam er betrunken nach Hause. Er ging i^das Zimmer, und der Streit ging wieder los und die wüsten Schimpfereien waren so laut, daß die Parteien im ersten Stocke die Nacht über kaum schlafen konnten. Gegen 7 Uhr früh hörten die Höhne Planks aus dem Zimmer mit 'einem Wale. . ' furchtbares Hilfegeschrei der Stiefmutter. Der ältere Sohn wollte ins Zimmer dringen; da öffnete sich die Türe und der Vater kam sehr aufgeregt heraus. Jn der Hand hielt er das blutbefleckte KÜchenmesser. Er M dem Sohne zu! „Schau, daß du weiterk o m m st, geh' hinaus . . .!" Mt diesen Worten verließ Plank die Wohnung und eilte aus die Straße. Der Sohn öffnete die Türe vollends und zu sah seinem maßlosen Entsetzen Frau Plank blutüberströmt - im Bette liegen. Vorerst lief, er d^m Vater aus die Straße nach und veranlaßt, daß er von einem Machebeamten sestgenommen werde. Dann lief er wieder Ins Haus. Die Rettuügsges-ellschafi wurde, berufen. Der Arzt konnte bei Frau Planlk nnr den Eintritt des Todes festftelleN. Sie «hatte durch die Stiche mit «dem ungewöhnlich starken Küchenmesser grätzliche Verletzungen erlitten, Außer dem Eigentümer Czejka sind durch die Brandkatastrophe die V a r i e t e k r ä s t e g e s ch ä d i g t, die den Verlust ihrer Kostüme und Utensilien beklagen, sowie die M u s i k e r, die um ihre Instrumente gekommen sind. Die Ursache des Brandes konnte noch nicht ermittelt werden. * Ein neues Beethoven-Museum in Wien. Unter der zableichen Beethoven-Häusern in Wien und insbesondere des als „Künstlerheim" bezeichneten Teiles von Döbling und Heiligenstadt, wo sich auch Grillparzer, SÄubert, Lenau, Bauernfeld, Körner usw. gerne anfhiclten und das auch der bevorzugte Sommerausenthalt Beethovens war, ist das sogenannte „Er oi ca-Haus" in der heutigen Döblinger Hauptstraße 92, am interessantesten. Der Magistrat der Stadt Wien hat nun, wie wir erfahren, dieses „Croica-Haus" angekanft, und beabsichtigt, darinnen ein Beethoven-Museum zu errichten. Jn dem erwähnten Hause hat Beethoven seine dritte Symphonie „Eroica" komponiert, die am 7. April 1805 zum erstenmal in Wien aufgefuhrt wurde. „Eroica", welche Beethoven zuerst Napoleon den Ersten zugedacht hatte, spater aber seinem Gönner und Förderer Fürst Lichnowsky widmete, wird auch die „Schicksalssymphonie" genannt, weil sie der Künstler rn einer Zeit schrieb, wo er bereits die Wahrnehmung machte, daß er sein Gehör verlieren werde. * Entlassungen tut Bergwerk von Hart. Die Harter Kohlenbergwerksgesellschaft hat 200 Arbeiter entlassen. Es wird erzählt, daß vor allem jene Arbeiter entlassen wurden, die zu offenherzig den untersuchenden Organen Mit» Leitungen gemacht haben. Es sind Bemühungen im Gange, die Gesellschaft zur Z u r ü ck z i e h u n g der Kündigungen zu bewegen. * Jüdische Archäologen ln Sibirien. Aus Mv-S!kau berichtet I. T. A.: Zwei -jüdisch? Archäologen, die Prozessoren Sosnowski und Au er'bach, die sich seit 1622 -mit Ausgradüngen in Sibirien beschälst igen, halben dort die ersten menschlichen Wohnsiedl»ugen erforscht. Auch haben sie menschliche Ueberreste aus der Steinzeit aufgchunden sowie Knochengerüste des Mammut und Bison, ferner mehr als 760 aus Stein angesertigte'Pfeile, Wnrsisperre, Aexve und Hausrat/ Die wissenschaftlichen Kreise Moskaus messen den Entdeckungen der Kvei Mischen Gelehrten groß« Wichtigkeit bei. Tanzinstitnt Hermann Bra«n> 14. Bez, se 42- (Eirtgeltl'ich.) Löhne und Kunst.! Ferrnklio Busoni gestorben.! 27. IM. Der berühmte K-laviewirtuose Ferrucio y i«. joni -ist heute im Alter von 5 8 Jahren hier einem Berlin, 27. Juli. Der berühmte Klaviervituose Ferruccio Eiire Zigchtnerphantasie Ravels. Der berühmte fraiHösl. fche, Komponist Maurice Ravel hat eine Phantasie (-Tzigane) für Klavier und Moline vollendet, die der Zigeunervictuosin Jelly d'Aranhi gewidmet ist. Ludendorff in Bayreuth. Man schreibt unL aus BayveuiH: Man kennte es, vielleicht §ls Privatsache auffassen, die dve Öffentlichkeit nichts angeht, daß Ludendorff allen Proben und Vorstellungen in Wahnsri-ch beiwohnt, wenn sich nicht darin Und in tausend anderen Din'gen der Geist Richard Wagners manifestieren würde, der sich 'in der Schrift „Das Judentum in der Müstk" spiegelt. Wagner und L-udendorff sind nicht so wei: voneinander entfernt, und das Geld, das Siegfricd^ Wagner aus Ameriika von J-nden ersammellt. wandert teils nach Wahn!fri«e-, teils nach München. Die diesjährige Bayrcuther Festschrift ist aüf den rasselnden Ton der Hakenkreuzlerei eingestellt. Sie betrachtei die Kunst vo>n Standpunkt, des polü-ilsierenden Philisters. Es wird verständlich, daß eine junge Generation fremder Merffchen von einem so propagierten Erlös-ertum sich adwendet. Dieses Spießertum gefährdet aber auch in Bayreuth selbst die künstlerische Leistung. Hier werden alle Errungen-sch«asten der modernen Bühnenrechntt. der Dramaturgie und Regie ignoriert, das Kunstiverk als Mumie serviert. Franz. i« großer AllLWühl m e n . u a o i e n <s assb^ vWo»»r)e 703/3.-^

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