Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1957 (27.7.1924)
- Date
- 1924-07-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2979076-2980834-2981040--19848-3007028- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
ÄMWWWM WMWUWWMWWM MMS^MWWWWMWWMM Wiener Morgenzeitung. 27. Juli 1924 M 1987 Ae zionistische Konferenz in London. Sir Herbert Samuel in der Aktionslomiteesitzung. — yine Ansprache des LberkommWrs (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Veite 2 _^ Wien, Sonntag ' geleistet und werden aus öffentlichen Mitteln besoldet. Sie können zwar von ihren: Gehalt nicht so leben, wie sie wollen, und sind bcmtm darauf angewiesen, wenigstens vor der Oeffentlichkeit Kompromisse zu machen. Es gibt Juden, die dem Staat zu Hilfe kommen und fiir Wissenschaft und wissenschaftliche Zwecke oft und gerne Geld hergeben. Man darf sie deshalb nicht allzu sehr kränken und allzu kräftig vor den Kopf stoßen. Es könnte ja sein, daß sich diese Juden einmal auf' ihre jüdische und bürgerliche Ehre besinnen. Und so erfolgt der antisemitische Akt in der verschwiegenen Stille der Fakultätsberatungen unter Peinlichster Beobachtung aller Tücken der Habilitationsvorschrift. Zuerst geschieht die Mehnung des Juden, der Grund findet sich später. Sollte keiner zu finden sein, dann genügt ein Aviso an das völkische Kultnramt. Kommt es zu dem angeordneten Radau, so ist der Jude unmöglich; geht er sich beschweren, dann ist er auch unmöglich. Es gibt taufend Wege, um dem deutschen Volk zu helfen und seine Belange zu schützen, gibt tausend Ausreden, um, wenn die Oeffentlichkeit Lärm schlägt, sie zu beschwichtigen: vor allem aber gibt es tausend Listen, um die reichen Juden davon abzuhalten, die Subventionen für die arische Mensa, für den arischen Professorentisch, fiir die arisch ' gemachten Laboratorien einzustellen. Denn schließlich' und endlich, nicht wahr, bleibt Geld doch immer Geld. Das arisch-deutsche Volk gibt nichts her. Die Würde der deutschen Wissenschaft erfordert es, daß' sie' jüdisches Geld nimmt und sich von Juden aushalten läßt. Und sie erfordert es, daß die Quittung an jüdische Dozenten mit dem Bannfluch, an jüdische Hörer mit dem Gummiknüttel erteilt wird. Die Regierung kann gegen dieses Treiben nichts tun. Sie hat keine Zeit. Sie ist vom ftühen Morgen bis in die späte Nacht hinein mit der Sanierung beschäftigt. Sie saniert ununterbrochen, in leidenschaftsloser Beharrlichkeit. Sie sperrt den Nowosad ins Irrenhaus, den Hedenigg in die Zelle nebenan (und läßt ihn dann wieder frei), die Hakenkreuzler ins Landesgericht (und läßt sie dann auch wieder ftei). Das Sanieren nimmt sie ganz in Anspruch. Sie ist zwar mit den deutschen Profefioren nicht ganz einverstanden, denn was der süße Pöbel heute gegen jüdische Dozenten wagt, das wird er morgen gegen katholische versuchen. Einstweilen aber handelt es sich nur um Juden, und solange die Professoren sich mit den Juden befassen, denken sie nicht an die Wissenschaft, die in den Kreisen der Regierung nicht sonderlich in Ansehen steht. Es ist ja auch bereits so weit gekommen, daß man in den ausländischen wissenschaftlichen Zeitschriften die Wiener Universität nicht mehr kennt, lvenigstens nicht mehr ihre arisch-, völkischen Lehrer. Mit der Zeit — so argumentiert, man' — .' V* -- o,f, fv v^rscbwindM• und der wissenschaftliche Betrieb wird sich dann in völlig ausreichender Weise auf die Kenntnis des Lesens und Schreibens und des kleinen Einmaleins beschränken können. Das ganze ist somit nur eine Frage der politischen Taktik. Für Oesterreich und für seine Regierung. Nicht aber für die Juden. Es ist eine Frage unserer Ehre als Bürger und Menschen, ob wir diesen Zustand noch weiter dulden und insbesondere, ob wir es noch länger zulassen dürfen, daß jüdisches Geld zum Kampf' gegen das Judentum verwendet wird. Den ersten Teil können wir vielleicht "der Zeit überlassen. In fünf Jahren wird man von der Wiener Universität nichts mehr wissen. Sie verkommt und verdorrt und befindet sich heute schon auf dem geistigen Niveau der Fidschi- Insulaner. Was aber den zweiten Teil betrifft, so' müssen wir doch die deutsche Wissenschaft in der Ostmark auf den deutschen Stamm in der Ostmark verweisen. Wenn die ehrvergessenen Gesellen ohne Schnorren nicht leben können, dann mögen sie bei ihresgleichen schnorren. Für die Juden aber, die für diese Universität, für diese Professoren, für diese Studenten Geld spenden, muß ein Pranger errichtet'werden. Venus vom Kriege! Von Armin %. Wegn^r Jene aber find nicht besser, die rufen: „Genug vom (kriege — wir wollen uns betäuben mit Wein, Tanz, Religion, Theater, Liebe, Fröhlichkeit. Wir sind satt vom Tode!" Die so sprechen haben das Leiden nicht gekannt. Sie sind es,' die in Wahrheit der Lüge dienen; um eines Witzes, eines schönen Buches willen sind sie bereit, die Stunde' um ihren Schmerz zu betrügen. In ihrem Schlaf, in chrer Feigheit, ihrer Gedankenlosigkeit, ihrer Armut werden sie den Frieden immer wieder verraten, wie sie ihn das erste Mal verraten haben. Wir aber wollen den Krieg singeu 'ohne Ende. Wir Dichter, wir Maler, wi-r Musiker, wir Schauspieler, wir Philosophen, wir Volkswirte, wir Meirschheitsfreunde, wir wollen den Krieg so furchtbar an die Wände eures Lebens malen, daß ihr nie mehr aufhört, ihn anzustarren. Wir wollen seine keuchenden Geschütze, die ungezählten 'Scharen seiner Leichen, die den Erdkreis bedecken, seine blutdurchnäßten Uniformen, die herausgerissenen Gedärme, den öhrenbetäube'nden Lärm, die aufgeschlitzten Leiber der Pferde, die brennenden Städte, die Massengräber, die mit Aas uno Kot gefüllt sind, das Gift der Seuchen, den Eiter der Geschlechtskrankheiten, das Gebrüll der Verwundeten, die hungernden Kinder, die gelben Gesichter der Gefangenen, die von Verzweiflung und Tränen zerrissenen Mütter — mit solcher Liebe mit solcher Sorgfalt, mit solcher Hartnäckigkeit ohne Aufhö.ren vor euch. hinhMen,, daß ihr von .Entsetzen London, 26. IM. In der ersten Sitzung des Zionistischen AiktionKkonntees^ folgte, wie bereits berichtet, auf den Bericht Dr. Weizmanns das Referat Sw kolo w s, welches die außenpolitische. Lage der jüdischen Welt beihandelte. In seiner Rede unterzog Sokölow die politische Tätigkeit ^r Agudas Jisroel einer scharfen Kritik; er.wies unter anderem darauf hin, daß die Agudas Jisroel durch ihre geradezu verbre cheri sche Politik konsequent die Einheit der jüdischen politisch«» Front durchbreche. In der sodann folgenden Debatte trat der erste Redner Dr. Hantke grundsätzlich für das Programm ein, das Dr. Weizmann in seinem Referat entwickelt hatte, kritisierte aber einige Details, besonders den Plan der Zusammensetzung der Jewish Agency. Nachdem noch Jean Fischer (Antwerpen) gesprochen hatte, wurde die Debatte für die nächste Sitzung'verschoben. gepackt, ein zu Tode gehetztes Wild, durch alle Stunden eurer 1 Zukunft jagt. Nein, niemals genug voni Krieget. Niemals genug vou Haß, Leiden, Verrat, Feindschaft, von zerstörten Feldern, die keine Saaten mehr tragen, von Fliegern, die sich in den Lüften zerfleischen wie Geier. Niemals genug von in der Tiefe zerrissenen Schiffen,, von einem Brei von Blut und menschlichen Fleisches, von erschossenen Kindern, Erhängten, von abgeschnittenen Gliedern und geschändeten Frauen. Niemals genug von feurigen Flammen, die die Gesichter zerfressen, von todbringenden Geschossen, die über viele Meiler: die Städte zerspalten, die Häuser in Trümmer legen und den von den Hunden angenagten Leibern der Toten, die uns zu rufen: „Wofür starben wir?" Ihr sollt nicht atmen, ohne daß eure Gedanken von den Schrecke:: der Verfluchung erfüllt sind. Noch die Stunden eurer Arbeit, eures Müßigganges, eurer Mahlzeiten, eurer Liebe, eures Schlafes wollen wir mit dem ekelerregenden Geruch des Blutes und der Verwesung erfüllen, daß euch der Schweiß der Angst auf der Stirne steht und sich die Kehle cm eurem Speichel verschluckt. Wie die Braut, die den Geliebten, die Gattin, die den Mann geopfert hat, noch mit seinem Schatten das Lager teilt, so sollt ihr mit dem Schatten des Krieges schlafen. Hundert Jahre sollen eure Nächte von grauenhaften.Träumen gequält sein, daß noch die Enkel entsetzt.aus. ihren Betten fahren und der Schoß der Mütter, die von Wehen Durchzuckt sind, sich schließen möchte aus. Furcht, dem Krieg einen. Sohn zu gebären — bis das Verbrechen dieses Jahrhunderts getilgt ist, und die Menschen, die in Schuld und Wahnsinn den Erdball bevölkern^ erkennen, daß keine Macht mehr ihre Herzen bewegen darf als die Güte. . ' ein oberster Kriegsrat in Der Tschechoslowakei. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Prag, 26. IM. Rückwirkend vom 1. April wurde-in der Tschecho-Sloiwakei jetzt die Institution, eines Obersten Kriegsrates geschaffen. Sie führt den TM ,>Genevcklsekretariat des interministeriellen Avbeitskollegiums für AuMlegenheiten der ivatiomälien Verteidigung". Der Generalsekretär, das heißt also der Chef, ist der Legiouärgeneral Klee an da, 'der bisherige Prager Brigadier. Der Kriegsrat soll die OMnisjation des .ganzen Volkes für den Fall eines Krieges vorbereiten und die Kriegsagenden der verschiedenen Ministerien unifizieren. In seiner Stellung gegenüber dem sranMistschsn Generalstabsches ist Klecanda düm Prager Vertreter desselben gleichgestellt. __ Sie Unruhen in Brasilien. Paris, 26. Juli. Nach amtlichen Meldungen aus Brasilien haben die Bundestruppen in der Nahe von Sao Paulo die Stadt Sorocaha lbesetzt. Hierbei seien 100 Gefangene gemacht und zahlreiche Maschinengewehre erbeutet worden. Die Aufständischen zogen sich schrittweise zurück und verließen die Stellungen, die sie bisher inne hatten. Das amerikanische Staatsdepartement sei verständigt worden, daß die Ausländer in Sao Paulo nicht gefährdet seien. Eine Meldung aus New-Aork besagt, seit gestern'habe der linke Flügel der brasilianischen Regierungstruppen beträchtliche Fortschritte gemacht. Die Truppen hätten Villa Mariana und Ariso eingenommen. Die Artillerie vertreibe die Aufständischen aus ihren Stellungen, um den Jnsanterieangriff vorzubereiten. . Sie Mossul-Frage. Jerusalem, 26. Juli. Wie aus Bagdad berichtet wird, ist Jl A'ska ri Pascha, der Ex-Pvemierminister des Irak vor kurzem nach London äbgeveist, um mit der britischen Regiern:^ ein si nauzielles Abk om m e n zu trefesen. Er wird ferner mit dem Foreign Office über ' die Mos sul - Frage konferieren, die augenblicklich zwischen Großbritannien und der Türkei den Gegenstand ein-er Diskussion bildet. . In der Mittwochsitzung erschien >der HW Comissioner von Palästina, Sir Herbert Samuel, der bekanntlich gegenwärtig in England weilt; Sir Samuel wohnte zum ersten Male einer offiziellen zionistischer: Tagung bei. Er wurde vom Vorsitzenden Doktor Chaje's im Namen des Aktionskomitees begrüßt und ergriff sodann 'das Wort zu einer kurzen Ansprache. In dieser wies der Oberkommissär auf die großen Fortschritte von Industrie und Landwirtschaft in Erez Israel hin und dankte der z i o n i st i s ch e n Bewe^gung für ihre Arbeit am Aufbau des Landes; er betonte am Schluß, die I e w i s h Agency werde ein w e s e n t l i ch e r F a.k t o r m der Arbeit für den Aufbau des j ü d i s ch e n nationale n H e i m s in Palästina wenden. Sie englisch-knssischen Verhandlungen. Joffe statt Ralows». London, 26. IM. (Reuter.) Rakowski ist naä Moskau abgereist, um die Sowjetregierung über den Stand der englisch-russischen Verhandln ngen zu unterrichtein, die während seiner Abwesenheit fortgesetzt werden. Josse ist hier eingetroffen. Er wird der russischen Delegation bei der Textierung des Be rt r ages zur Vevfügung stehen. Die Rückkehr Rakowskis wird für den 2. August erwartet. Sie Lage in Bnlgarieu. Die königlich bulgarische Gesandtschaft dementiert aus das entschiedenste die stets aus ausländischen Quellen stam-- menden Nachrichten Wer angebliche Bombenattentate und Atordülberfätte in Bulgarien. Diese Nachrichten sind entweder glatte Erfindung oder maßlose Uebertreibung von belanglosen lokalen Zwischenfällen. . Es handelt sich bei allen diesen Meldungen um neuerliche Aeußerungen einer seit Jahr und Tag gegen das bestehend? Regime betriebenen s h st e in a t r s ch e n Kampa g u e, dieVdeu Zweck verfolgt, Bulgarien bei der öffentlichen Meinung Europas zu diskreditieren. Sie thrnzische Grenze. Konsümtinopel, 26. Juli. (Havas.) Eine Kommission, die aus je einem englischen, französischen und italienischen Delegierten zusammengesetzt ist, hat mit der Bestimmung der Grenzlinien Thraziens begonnen. Abflanen des Aurftimder in Süerschleften. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Kattowitz, 26. Juli. Die Verhandlungen zwischen den Vertretern der Hüttenindustriellen und den Streikend'! betreffs der Reglung, der Lohnfrage nehmen einen günfl gen Verlauf. In den meisten Hüttenwerken hat die A beiterschast freiwillig die Arbeit wieder ausgenommen. Sie Berwaltnng in den polnischen Randgebieten. (Eigendieiist der „Wiener Movgenzeitung".) Warschau, 26. Juli. In der letzten Senatssitzung hat sich der jüdische Senator T r u s k e r in einer längeren Rede nttt der Tätigkeit der dem Innenministerium unterstellten Organe beschäftigt. Unter anderem führte er zahlreiches Material über das Verhalten der P o l i z e i o r g a n e zur jüdischen Bevölkerung an. Es komme noch immer vor, daß die Polizei jüdische Bürger schlage; gegenüber den von verschiedenen natronaldemokratischen Hochschnlern provozierten Prügeleien gegen die Juden verhalten sich die Polizeiovgane nach wie vor lau. Besondere Aufmerksamkeit müsie den Verhältnissen in den Randgebieten zugewendet werden. Dort werden von du lokalen Behörden der jüdis cheu Bevölkerung ohne jedweden Grund K o ntributio n e n in recht ansehnlichem Ausmaße auserlegt. Die Ansführuugen Truskers wurden von den nationaldemokratischen Senatoren durch Zwischenrufe unterbrochen, vom übrigen Plenum aber mit Aufmerksamkeit angehört. Sie Agndas gisrorl gegen die hebröische Schnle. Aus Lemberg wird uns geschrieben: In den letzten Monaten versuchen orthodoxe Agudah-Kreise, in. kleineren Städtchen mit allen Mitteln das moderue hebräische Schulwesen zu verfolgen. So hat der 'Rabbiner in Kamionka Stumilowa die Väter von 170 Kindern, die die dortige hebräische Schalle befllchen, mit dem Cherem (Bann) belegt. Dieser Bannfluch liefert einen äußerst interessanteu Beitrag zu der geistigen Verfassung innerhalb gewisser orthodoxer Kreise in den polnischen Kleinstädten. In diesem Dokument wird erklärt, daß die 'hebräische Schule ,^>ie jüdischen Kinder dem Tkldentum übtrünma mache" und die Lehrer „aüsgefpvochenIGottes- ^lleWner"- .sinh. verbiete daher, die Kinder in die