Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1955 (25.7.1924)
- Date
- 1924-07-25
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Bfc. 1965_<_ Men, Freitag In der Folgezeit habe ich mich dann darauf-geschränkt, Zuschauer der sich entwickelnden Vorkommnisse, zu sein, und habe der Regierung erst dann meine' Dienste zur Oerfügung gestellt, als ich seitens des Sklarz in einem Wiener Nach. NittagSblatt ohnesede Veranlassung angegriffen würde, und sin zur wahlberechtigten Abwehr geschritten." Mar Donald Nobelpreisträger. Ein Vorschlag der dänischen Toz!aldemokr«rtie. Einer Berliner Meldung zufolge habe die Kopen- Mgener Sozialdemokratie dm Vorschlag gemacht, in diesem Jahre den Nobel-Friedenspreis dem britischen Premierminister Ramsey Mac Donald zuzusprechen, weil er durch seinen unablässigen Kampf für eine gerechte Lösung der Reparationsfrage, für die Liquidierung der Rühr- und Rheinbesetzung, für die Machtevweitevung und Universalität des Völkerbundes, für die Abrüstung und den Weltfrieden am meisten dazu getan Habenden Frieden zu erhalten und für die Zukunft zu sichern. Versöhnung! Vom 9. bis 16. JE fand in Stmmlberg eine mtttel- SnropMsche Konferenz des Internationalen VerWnungsbnndes statt, die sich Mit der Frage Praktischer Wege zur Verständigung beschäftigte. Es wurde folgende Kundgebung angenomimen. Die Teilnehmer der mitteleuropäischen Konferenz des Internationalen Vevsöhuungsburtdes, und zwar Tschechen, Deutsche und Ungarn aus der Tschechoslowakei, sowie Vertreter aus Oesterreich/ Ungarn, Polen, Rumänien, Bulgarien und Rußland gelben ihrer Ueberzeuyung Ausdruck, daß Verständigung Md gegenseitiges Vertrauen die sicherste Grundlage für ein friedliches, harmonisches Zusammenleben der Völker sind; daß Vorurteile und Haß zwischen verschiedenen Völkern, Rassen oder Konfessionen (Antisemitismus), «welche für jedes Volk eine Quelle großer Gefahr bedeuten, zu verurteilen sind; daß wir eine neue soziale Ordnung anstveben müssen, in der die bisherigen Klassengegensätze und die soziale Ungerechtigkeit überwunden sind', daß alle Fragen zwischen den Völkern im gegenseitigen Einvernehmen auf friedliche Weise zu lösen sind. Sie betrachten die An wendung von Gewalt zur Schlichtung internationaler Streitigkeiten als verwerflich und treten dafür sin, daß mit den bisherigen Methoden der Gewalt gebrochen und alles getan wird, was eine freie Verständigung der Völker unter Wahrung und Anerkennung der Rechte aller herbeiführen kann. Dazu dient, nach ihrer Meinung, der Ausbau des Völkerbundes, Förderung der Beziehungen zwischen allen Völkern und Beseitigung der bisher gestehenden Paßvovschristen, bzw. Anf- _Wrenev _ Geist von Weimar. Wir lesen in der „Frankfurter Zeitung": Im Hellen und in der frühen Wärme-des Vormittags liegt die alte Straße und der schwache Verkehr der Provinzstadt — „wie Bethlehem in Juda, klein und groß" — geht über sie hin. An der einen Seite steht, von Bäumen beschattet, ein niederes altes, ein weltbekanntes HauS mit einer schwarzen Gedenktafel: „Hier wohnt Schiller." Der Wanderer empfängt es mit seiner ehrfürchtig machenden Ruhe, und still geht jeder umher in diesen kleinen Räumen, die einen Genius mit seinem Geist und seiner leiblichen Hinfälligkeit umschlossen. Dann öffnet sich der Blick in das Gärtchen, und die Verträumtheit der Stunde wächst, Vergangenheit steigt auf, Unruhe fällt ab von der Seele, und ins Ewige sinkt die Stunde. — — Da tönt Gelärm aus der Nebengasse, die rechts vorbei führt. Kinderstimmen und Gesang, euphemistisch: Gesang. Langsam kehrt man in die Gegenwart zurück, widerstrebend faßt das Gehör bekannten Singsang --und allmählich schält sich der sogenannte Sinn, hebt sich das Wort heraus. Was singen die Kinder? Gewiß alte Volkslieder oder neue Gesänge von Wanderlust und Jugendfreude! Bewahre! — sie brüllen auf gut „diringsch" — denn wir sind ja im Herzstück Deutschlands von 1924 — sie brüllen: „Hakenkreuz ' am Stahlhelm, schwarzweißrotes Ba—a—nd, die Prikate Ehrhardt werden wir kenannt. . In einer schmalen Straße halte ich einen jungen Mann an mit der Frage, wie weit es noch bis zum Liszt- Museum sei. Verständnisloser Blick des sonst nicht nmintelligent nussehenden Mannes. „Ich möchte zum Liszt- Museum. Liszt war ein berühmter Musiker." —, Ein Leuchten der Erkenntnis: „Och so, Se wolln zu d'r Musike. Ja, da gehn Se mol do de Straße nauf, da gomm'n Se kleich hin, do um de Ecke." — So, danke, schön, also geradeaus und dann wohl dort, wo das gelbe Haus vorguckt?" — „Ei ja, do gehn Se immer drauf zu, da gomm'n Se schon richdig, weil do nämlich gleich a Gino is." — Das gelbe Haus stand aber, wie sich bald zeigte, am Frauenplan und hieß Goethe-Museum. Das „Gino" aber war wo anders. Führung: . . . „Es war Schiller Einsfimwenachzig groß, einer der krößten Männer, wohl überhaupt der kröste. Sein Bett, das Sie hier sehn, ist Einsdreieneunsig, außen gemessen. Die Beschädchungeir da drkem rührn von Besuchern her, wo sich Stücke abgeschnitten Ham, von wejen Andenken. Darum is mer jetzt beschränkt durch die Abkrenzung mittels Seil." „Das ist nu das Scheckspier-Denkmal. . . Sehr hübsch . . . das ist dec Mann, der ’it Hamlet geschriem hat." Einige Zwischenbemerkungen. Dann: „Na ja, da gann m'r ja verschiedener Meinung sein. Jedenfalls" (mit starker Entschiedenheit) „unsere schwächliche Keneradsjon gann solche Kunstprodukte nich mehr hervorbringen. Ueberhauvt der Pferde Expressionismus-. . ."! Faurer-Gedenkfeier in Paris. Me unser Pariser Korrespondent meldet, veranstalten die Pariser Sozialisten am 31. d. eine internationale Gedenkfeier für JanreS, der am 31. Juli 1914 ermordet wurde. Sie haben den ehemaligen Präsidenten des deutschen Reichstages L o e b e eingeladen, nach Paris zu kommen und bei der Gedenkfeier eine Rede zu halten. L o e b e hat die Einladung angenommen. „HitoT auf der „Hohen Warte". Italienische Opernstagione. ' lieber ein halbes Jahrhundert ist vergangen, seitdem Verdi auf Bestellung Jesmail Paschas, de's Vizekönigs von Aegphten, anläßlich der Eröffnung des Suezkanals für das Theater in Kairo gegen ein Honorar von 100.000 Franken seine „Aida" schrieb. Schon i-4 Tage vor. der Pvsmiere waren sämtliche Sitze vergriffen und der ' Riesenerfolg blieb der Oper auch in Mailand, iu Berlin, in Wien, Paris, Brüssel und London treu. Allerorten erkannte man die wunderbare südliche Glut und die geniale Urkraft dieser Musik. Auf sie passen so recht die ahnungsvollen Worte, die Werfel in seinem Verdi-Rowan den Maestro zum deutschen Gehirnmusiker Fi schock sprechen läßt: ,Ms das erste Rezitativ, die erste Arie erklang, war die Musik neu und wiedergeboren . . . Wozu alle Reflexionen! Sie verwirren nur! Wir Jtalienei: sind arme, naive Eingeborene. Ihr Herren aber habt zü viel Geist, viel zu viel Geist." Mit dem feurigen Brio ihrer Arien, der Wucht ihrer Chöre und dem großartigen Elan ihres Einzugsmarsches vermag die „Aida" gleich den „Meistersingern" auf den allergrößten Bühnen zu bestehen, und so mochte der Versuch reizen, sie auf einein riesigen Freilufttheater aufzuführen. Schon unter den Pyramiden und in der gewaltigen Arena von Verona war er, wie man erzählt, geglückt, und so wagte man ihn auch in Wien, das seit jeher die italienische Musik mit offenen Armen empfing. Nicht wie sonst an der Schönbrunner Ruine, im Schönbrunner Schloßhose oder am Heldenplatze, sondern auf dem Sportplätze der .Hohen Warte, auf welchem etwa 17.000 Sitzplätze und 8000 Stehplätze bereitgestellt sind, finden die Aufführungen statt; ein Amphitheater von geradezu antiken Dimensionen, ein Unternehmen, gegen welches die vor Jahren von Reinhardt in der Rotunde veranstalteten Mirakel-Ausführungen fast wie Kinderspiel erscheinen! v 50 Waggonladungen Holz langten beim Aufbau des München, 24. Juli. Der 17jährige Gymnasiast Keßler, her unter dem Verdachte steht, den Studienrat Merz aus Berlin in der Nähe von Berchtesgaden ermordet und beraubt zu haben, wurde gestern auf dem Münchener Hauptbahnhof verhaftet und hat bereits ein vollkommenes Geständnis abgelegt. » Er hat, wie er angibt, den Studienrat auf einem Spaziergang kennen gelernt, und als sie an einer einsamen Stelle des Waldes waren, ist ihm der Gedanke gekommen, Merz zu ermorden, weil er in Geldverlegenheit Theaters zur Verwendung, die Bühne ist 49 Meter breit und 35 Meter tief, die hohen Aufbauten der Tempelmauern von Memphis und die zwei Obelisken im Vordergründe sind 18 bis 20 Meter hoch. Die prächtigen Bühnenbilder, die in Italien angefertigt wurden, sollen an die 3000 Quadratmeter seuer- und wasserfester Leinwand erfordert haben. Die Verwandlungen geschehen bei offener Bühne, welche durch das ins Publikum gerichtete rote Licht von Scheinwerfern verdunkelt wird. Ueber 1000 Mitwirkende, über 100 Tänzerinnen bevölkern die Bühne, eine große Zahl von Pferden und Kamelen zieht im Einzugsmarsche mit, im Orchester, unter dem drei Hohlränme und überdies eine dichte Lage vor: Glasscherben als Resonatoren lagern, sitzen über hundert tüchtige Musiker. Kurz, eine ganze Armee von Mitwirkenden ist anfgeboten, um beit Wienern mit einem noch nicht dagelwesenen Schauspiel aufzuwarten. Zwei 'banae Fragen lasteten auf den Veranstaltern der Stagione: Wird der Wctteraott gnädig sein und mildes Mondlicht auf die Tempelmauern von Memphis ergießen? Wird die Akustik nach Nutzbarmachung aller nur möglichen physikalischen Errungenschaften — Schallwände, Resonatoren usw. — so weit günstig sein, daß ein musikalischer Gesamte in druck möglich ist. oder wird je-der Windstoß die Musik gleich dürrem Laub wegscgen, wie wir es schon einmal bei einer symphonischen Aufführung am Heldenp'atz erlebt hatten? Noch am Vorabend regnete es in Strömen, so daß die Probe abgesetzt werden mußte, doch als die Aufführung nahte, hatte der Wettergott Einsicht und zerstreute zeitweilig die Wolken. Und die Akustik? Sie. ist besser, als man es nach früheren Erfahrungen befürchten mußte. .Verlor sich auch mitunter das Piano, so blieb doch das Klangbild als Ganzes bestehen, und Solisten, Chor und Orchester vermochten sich gegen alle Einflüsse der Atmosphäre durchzusetzen. Einzelne Bilder werden noch lange in der Erinnerung nachwirken, so.der grandiose Einzug mit seinen mächtigen Admschenmassen, mit seinen Tänzergruppen, mit seiner Fülle von Tieren, Wappen und Enblemen. 25. Juli 1924 "_" gelte, 8 war. Er hat die Tat ausgest'ihrt und dann eine abenteuerliche Flucht nach verschiedenen Richtungen unternommen. Elf Tage nach der Tat kehrte Keßler nach Berchtesgaden zurück, überfiel dort in der Abenddämmerung auf einem einsamen Fußweg eine Dame, verletzte s'e durch mehre.e Messerstiche schwer und raubte ihre Handtasche. 8ine kinbrechrrbande in Berlin. Ans Berlin wird uns gemeldet In verschiedenem Stadd :■ teilen Berlins ist in der letzten Zeit eine Bande von g u t ge- ' kleideten Einbrechern aufgetaucht. Die Bünde geht in der Weise vor, daß zunächst zwei oder drei ihrer Mitglieder . in Häuser gehen, um festznstellen, bei welchen Wohnungen nicht geöffnet wird. Anderen Lages erscheinen sie dann wieder und erbrechen die Wöhnungs'.nreu. So raubten sie in einer einzigen Wohnung 160 Gramm geschmolzenes Gold, mehrere Brillantving-, und eine graste Anzahl sonstiger Wertgegenstände. In einer anderen Wohnung raubten sie 10.000 Goldmark und zahlreiche Wertgegenstände. Bis jetzt ist es noch nickt gelungen, der Bande auf die Spur zu kommen. r Der König der Sümpfe. Der Krieg gegen Terente. Aus Bukarest wird gemeldet: Die militärische Versalgung des Näuiberhanptma^ns Terente, die von Infanterie, Grenzsoldaten und Marinetruppen, unterstützt von Polizei und Gendarmerie, durchgeführt wird, ist bisher e t« folglos geblieben. Die Zeitungen drücken die Besorgnis aus, daß es dem Banditen gelingen wird, zu entkommen, da in dem Sumpfgebiet, wo tt sich versteckt hält, eine Umzingelung unmöglich ist. Gestern sind neuerdings Truppenverstärknngen für den Feldzug gegen Terente in Braila eingetroffen. Infolge der gewaltigen militärischen Aktionen stockt die Flußschiffcchrt und . die Fischerei im Gebiet der unteren Donau vollständig. Der Präfekt von Braila wurde telegraphisch zur Berichterstattung; über die Angelegenheit zum König berufen. Sämtliche Zeitungen veröffentlichen unterdessen spaltenlange Schilderungen über das Leben und die Persönlichkeit ' Terentes, der sich den Beinamen eines „Königs der Sümpfe" beigelegt hat. Danach ist der Räuber sehr viel in der Welt herumgekommen. Er spricht türkisch, französisch und deutsch. Terente hat bisher sieben Morde und unzählige Raubanfälle auf dem Gewissen. Sein erstes Verbrechen war ein Mord an seiner Geliebten, die er erwürgte.' Terente wurde damals verhaftet, entsprang jedoch aus dem Kerker. Seitdem macht er gemeinsam mit zwei Komplicen die; Gegend von Braila bis Galetz unsicher. Auf die Ergreifung Terentes wurde eine Prämie von 200:000 Lei ausgesetzt. 6in holländischer Wellmnslieger. Aus Amsterdam wird gemeldet: Der bekannte Kapitän nnd Flieger C a n n i wird morgen bei Sonnenaufgang in A m st e td a m aufsteigen. um die R e i f e u tn b i e Welt im Flugzeug anzutreten. Da« Wetter. Gestern hat es in Oesterreich vielfach noch geregnet., Eine dauernde Besserung der Wetterlage ist noch nicht gesichert. Für die N o r d a l p e n ist vorübergehende An «Kelterung mit folgendem trüben, regnerischen Wetter, für die S ü d a l p e n Vor . wiegend heiteres Wetter angekündigt. Maestro Pietro M a s c a g n i befehligte als Generalissimus die gewaltigen Heerscharen, mit der Schwungkraft und Elastizität der Jugend gebiete er über Bühne und Orchester, langsam und feierlich beginnt'er da's Vorspiel, breit und majestätisch fließt die herrliche Musik dahin und die Freude und -die Begeisterung, mit welcher der jugendliche Sechziger am Werke ist, strömt auf alle Mitwirkenden über. Sie alle haben die südliche Glut des Belcantö, die man bei den Wiener Aufführungen so ungern vermißt. Lauter routinierte, bühnensichere Sänger, mit großen Stimmen, deren Feuer selbst unter den zeitweilig niedergehenden Regenschauern nicht erlöscht. Herr V i g l i o n e - B o r g h e s e, dessen herrliche Stimme an Tamag.no erinert, singt und spielt mit der Leidenschaftlichkeit eines afrikanischen Wüstensohnes, eine Prachtleistnng boi auch die heißblütige Spanierin Maria Gah-Zenat e l l o; welche Wiener Sängerin vermag mit solchem Glanz, so edlem Timbre und mit solcher Ausdauer die Amneris zu singen! Ihr Gatte, Giovanni Zenatello. war ein prächtiger Radamcs. >d:r gle'ch mit seinem Sang an die „holde Aida" die Herzen der Zuhörer eroberte. Die holde Aida sang mit a.nßerordentl'chcr Bravour Tina Po li-Randaceto und erwies sich in der Marie als Sängerin ganz großen Stils. Auch Herr Nighetti als König und Herr Marotta als Rem plus waren allen Lobes wert. Während die Solisten italienisch sangen, verharrte der Chor bei der deutschen Mutterspracbe. Eine Ueberraschung brachte das von Cacilia C e r r i einstudierte Ballett, in welchem man neben entzückenden Tänzerinnen reizende Negerkinder säh. Als Primaballerina brillierte Cia Farnaroli von der Mailänder Skala. Die Regie besorgte Giuseppe Cecchetti. ein italienischer Miniatur- Reinhardt, der mit viel Geschick die Masstn in-Bewegung setzte. — Der künstlerische Erfolg der Stagione ist stark und echt und Wien ist gegenwärtig um eine Hörens- und Sehenswürdigkeit reicher, für welche wir der ikf ^nt-i'nchmung Dank wissen. ' Erwin F^,l b e r.