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Wiener Morgenzeitung · 1924-07-23 · Heft 1953 (23.7.1924) · p. [Seite]

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1953 (23.7.1924)
Date
1924-07-23
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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S'f' ’.n 1 LITERATURBEILAGE DER ."WIENER MORGENZEITÜNG* «• .• : . N ummer 19 ERSCHEINT JEDEN MITTWOCH 23. Juli 1924 ADMINISTRATION, „WIENER MORGENZEITUNG“, WIEN, II.. TABORSTRASSE 1-3 ADMINISTRATION, „WIENER MORGENZEITUNG“, WIEN, II.. TABORSTRASSE 1-3 UNSER BUCH DER WOCHE Kant-Literatur Nicht sowohl der innere als der äußere Anlaß der 'iweihundertjährigen Geburtstagsfeier bildet die Ursache des starken Anschwellens der Kant-Literatur auf dem ■Büchermärkte. Die einzelnen Erscheinungen derselben sind jedoch nicht nur ungleich zu bewerten, sondern gehören auch zuni Telle verschiedenen Kategorien an: die einen sind mehr fachwissenschaftlichen Charakters, die anderen , suchen in der Kantschen Philosophie Lösung von ewigen j oder Zeitproblemen, die dritten sind entweder Neuausgaben j (sogar erstmalige Ausgaben neu aufgefundener Vorlesungen) oder nehmen in intimerer Weise Bezug auf die Persönlichkeit des großen Denkers. Zur ersten Kategorie gehören vor allem die Aufsätze der Kant-Featschrift*), welche auch separat erschienen sind. Sie knüpfen a& bestimmte Probleme öder Schlagworte, an Beziehungen der Kantschen Philosophie . zu bestimmten Persönlichkeiten oder* Lebenserscheinungen an. So kommentiert Rud. Ungar das berühmte Wort vom „bestirnten Himmel über uns- und dem Sittengesetz in uns", Martin Schulze den vielumstrittenen Begriff des „radikalen Bösen". Eine Art Schema höchster Lebensbegriffe entwirft in Weiterführung Kantscher Gedanken der Rickert-Schuler Wilhelm Sauer. Heinz Heinsoeth sucht das Persönlichkeitsbewußtsein vermöge der darin erlebten Spontaneität als „Ding an sich" zu fassen, während in einem gewissen Gegensatz zu ihm Otto Schnitze (ebenso wie Störring) den .Freiheitsbegriff in psychischen Determinismus umbiegt. Arnold Kowalewski behandelt mehr äußerlich.die verschiedenen Methoden der Kantschen Darstellung, E. Me yer 1 versucht, Rants unbestimmte Stellung zum Okkultismus zu kennzeichnen, während Hans Rust persönliche Parallelen und durch den Pietismus vermittelte historische Anknüpfungen an Kalvin nachweisen will. Eine wertvolle methodische Darstellung gewisser Grundzüge der Kantschen Philosophie ist diejenige des bekannten Psychologen Gustav Stör ring**). Sein. Bestreben geht vornehmlich. dahin, den abstrakt-formalen Charakter des ethischen Imperativs durch inhaltlich konkrete .Gesichtspunkte zu ergänzen, welche von der objektiven Seite her in der Förderung des allgemeinen sittlichen Wpllens (also noch immer abstrakt!) und auf niedrigerer Stpfe in der selbstlosen Steigerung des allgemeinen Lustmomentes, von der subjektiven Seite her in der Triebfeder der,moralischen Selbstachtung bestehen. Einseitiger, und zwar auf eine eigentümliche Umdeutung; des „Synthetischen" ist die Behandlung der theoretischen Seite des Kantschen Systems eingestellt. Eine vortreffliche Darstellung, wenn auch in jener bestimmten Auffassung,' die auf Fries und Apelt zurückgeht, enthält die fast .gleichbetitelte Schrift von Hellmuth Falkenfeld.***) ■ .In sehr engem Rahmen werden hier, anknüpfend an das Problem der synthetischen Urteile a priori, gerade die schwierigsten Fragen der Kantschen Philosophie auf glück-; liehe, verständliche Weise zur Darstellung gebracht. Charakteristisch ist vor allem die Verlegung der Quelle der reinen Verstandesformen in das Gebiet der „praktischen Vernunft.“ Auf dem Gebiete der letzteren lehnt auch .der Verfasser: den Kantschen Standpunkt ab, daß der •Inhalt des Sittengesetzes aus der bloßen Form desselben ableitbar Sein müsse.- Sympathisch ist die Stellungnahme i zur Kantschen Auffassung der Politik, welche „kein .Selbstzweck, sondern bloß Mittel zur Herstellung des •Rechtes und des Rechten" sein könne. Eine leidenschaftliche Absicht, Kant zu einer Art .Retter der Gegenwart zu machen, beherrscht vor allem die sehr persönlich gehaltene und hiebei nicht immer einwandfreie Schrift Karl August Meissingers.f) ’t)er Verfasser sucht das Kantsche Lebenswerk aus «dem Kampfe der auf das Diesseits gerichteten Renaissance .gegen das mittelalterliche Lgbensprinzip zu begreifen. Gibt die Kritik der reinen Vernunft „dem wissenschaftlichen *) Immanuel Kaiit-Festschrlft zur zweiten 'Jahrhundertfeier seines Geburtstages*« Dieterichsche Verlagsbuchhandlung, Leipzig*. **) „Was ssll uns Kant sein?" Verlag Wilh. Engelmahn, Leipzig., ., . ***). ,»Was ist uns Kant?" Verlag* Erich Lichtensteiri, Weimar. „ t) „Kant und die deutsche A u f g a b e." Verlag Englert und Schlösser, Frankfurt a. M* Ürgefühl der Renaissance die gültige Theorie," so, wird durch den kategorischen Imperativ in seiner von aller Sinnlichkeit gelösten Form eine Theorie der die älteren Zeiten beherrschenden großen geistigen Werte aufs neue begründet, während die „Kritik der Urteilskraft" die fruchtbare Synthese beider Strömungen bezeichnet. So erblickt denn schließlich der Verfasser in der Erneuerung des. von Kant gestifteten „Landfriedens zwischen zwei entgegengesetzten Welttendenzen" die „deutsch Aufgabe"« Eine im Gegensätze zur vorigen nichts weniger als populäre Darstellung der Kantschen Lehre unter dem Hauptäspekt der Bewußtseinsanalyse bietet das in Wien erschienene Buch vor* F. W. Gar bei s.*) Es ist durchaus auf selbständiges Philosophieren angelegt, doch macht gerade die individuelle Art der Problementjvicklung auch den Stil recht schwer. Charakteristischerweise wird im Sinne Kants das psychologische Element aus dem Fragenkomplex des reinen, erkennenden Bewußtseins ausgeschieden. Doch bildet das Gebiet des Bewußtseins an sich nur die sehr beschränkte Sphäre des „Rationalen", während der Erkenntnisprozeß gerade dahin zielt, im Rationalen das „Irrationale" zu fassen. Der Verfasser geht über Kant hinaus, wenn er, an ein gelegentliches Wort Kants anknüpfend, zwischen Empfindungs- und Verstandesobjekt, wovon jenem nur „Wirklichkeit", diesem nur „Wahrheit" eigne, ein transzendentes „Affinitätsprinzip" als „Grundlage des Erfahrungsbewußtseins" annimmt. Die Forderung der Möglichkeit jedoch einer solchen, jenseits des subjektiven Ich stehenden Einheit der Anschauungs- und Denklormen führt den Verfasser zur Annahme eines „logosartigen", von der lch-Beziehung losgelösten Bewußtseins, das er in der Kantschen Bezeichnung „Bewußtsein überhaupt" angedeutet glaubt und dessen Region nicht mehr durch das Denken, sondern höchstens noch durch das Fühlen erreichbar sei. , .Zur,, intimeren.. Kenntnis ..cie.r Persönlichkeit Kants bietet reiches Material der B r i ef w e c h s e 1«*), von dessen vierbändiger Akademieausgabe ein Auszug in der bekannten „Püosophischeri Bibliothek" vorliegt. Wir .werden hier'unmittelbar in die Sphäre jenes merkwürdigen geil i^e i 1 e e.is in den Anfänge des :e.itsci.e i K a.$izis;r.us versetzt, wie es sich um den führenden Denker gruppiert. Untei den figurierenden Persönlichkeiten: Naturforscher!), Philosophen, Dichtern, Aerzten usw. begegnen uns unter anderen Lambert, Herder, Lavater, Jacob!, Haman, Schiller, Hufeland.. In den jüngeren Jahren überwiegen die Naturforscher, nach Erscheinen „Kritik der reinen Vernunft" die Philosophen, vtfr allem Beck, Reinhold, gelegentlich auch der junge Fichte in etwas schwülstig ekstatischen Briefen. Hiezu kommen Besprechungen von wissenschaftlich-literarischen Unternehmungen, Protektionsbriefe über hilfsbedürftige Studenten, deren, sich Kant mit väterlicher Fürsorge annimmt, und gefühlvolle Briefe von . Verwandten; die Sammlung enthält auch Kants Bewerbung um die Professur »sowie das berühmte Schreiben an den König von Preußen aus Anlaß der Anschuldigung der Religionsverletzung, welches übrigens ebenso devot im Tone wie gelehrtenstolz im Inhalte ist. ■Vom persönlichen Leben des Denkers hören wir sonst wenig, Höchstens von seiner hygienischen Lebenskunst, welche ihn wohl ein hohes Alter erreichen ließ, ihn ■aber nicht vor einer Art Erstarrung in seinen eigenen Gedankenkreisen'bewahrte. Interessant ist für uns Kants Verhältnis zu den drei bedeiitendsten jüdischen Freunden und Schülern; zu •Moses Mendelssohn. Markus Herz und Salomon M a i m o n. Den ersteren hat Kant, wenn derselbe auch vden Höhepunkt seiner Leistungen nicht mehr geistig mitmachen könnte, außerordentlich geschätzt, ja er bedauerte ■gelegentlich, nachdem ihn Mendelssohn einmal in Königsberg besucht hatte, „ihn nicht zum beständigen und innigen Umgang haben zu können“. Zu Markus Herz stand Kant :ltj jener Zeit, die der Abfassung seiner Hauptwerke vorab*- ging, gerade in intimster philosophischer Beziehung. ■Lassen sich ja gerade in den Briefen an Herz die verschiedenen Etappen zur Konzeption der „Kritik der , reinen . *) „Da s P rob 1 e m d es :;> B,e w u ß tseims »in d e r P h i 1 o,s o p h i e K a n t s." Eine, erkenntnistheoretische Untersuchung der Grundlagen des .Denkens und des Seins. Verlag W. Braumüller, Wien-Leipzig. **) „Immanuel Kants B r i e f w e c h s e 1". Herausgegeben von Otto Schöndörffer. Philosophische Bibliothek, fede. 52 a, 52 b. Verlag Felix Meiner, Leipzig. Vernunft" verfolgen. Nicht so eindeutig ist das Verhältnis zu Salomon Malmon, der Kant seinen eigenen „Versuch über Transzendentalphilosophie" mit demütiger Devotion überreichen ließ, zugleich aber mit einer Kritik der Kantschen Kritik einsetzte, so dass ihn Kant sofort als den verständnisvollsten seiner Gegner erkannte. Zum Schlüsse sei noch auf ein Bändchen Kant- Anekdoten*) hingewiesen, welches das Bild des großen Denkers und Begriffsarchitekten sozusagen ganz von der anderen Seite zeigen will, In seiner etwas pedantischen Lebensführung und puritanischen Schlichtheit, die doch eines gewissen Humors und des Zuges menschlichheiterer Geselligkeit nicht entbehrten. Ernst Müll er. DAS MODEBUCH verlangen Sie von HELLER (&URUM) I. Bauernmarkt kostenlos! Lustige Bücher Der Verlag Karl Stephensohn, Leipzig-Wien, vermittelt in seinen „Lustigen Büchern“, von denen bisher drei erschienen sind, die Bekanntschaft eines Autors, der sich hier bedeutend vorteilhafter einführt, als vor etlichen Monaten am Wiener Akademietheater, wo seine Komödie ..Das Kaiserreich Guyana“ sozusagen sanft .entschlafen wurde. Alfred Rottauscher hat diesmal mit seiner Geschichte „Sepp Höltzl aus den .Alpen'1in dankenswerter Welse die Bewohner der alpenländischen Höhenluft porträtiert. Einige kräftige Wahrheiten über Biederkeit und Gemüt der Groß- und Klelnkropfeten aus dem Bergländerbund, über ihr Verhältnis zum „Hoamatr werden recht ansprechend vorgebracht und die Konti»tat zwischen der Zeit, da „man die Fremden bloß an eichenlaubbekränzten Altären schlachtete“, und der heutigen, da man ihnen Sommerwohnungen vermietet, hergestellt. Das zweite, der lustigen Bücher erneuert eilte liebe alte Bekanntsenaft. Freund W i p p c h e n, der Kriegsberichterstatter aus Bernau, der so lange seine Redaktion mit ,-,größeren Gemetzeln" aus aller Herren Länder versorgte, ist hier in einer Auswahl wieder auferstanden, die den aus Wippchens russisch-türkischem Kriegsbericht zitierten Satz: „Die Kanonen machten bum! bum! Nur lauter" als Titel führt. Julius, Stetten heim, der vor nicht langer Zeit halbvergessen gestorben ist, hat die Wippchen-Figur geschaffen. Seine in ihrer Blutigkeit doch so harmlosen Kriegsberichte sind, liest man sie genauer, eigentlich gar nicht so harmlos. Sie sind blutige Satiren auf den Geist der Presse? Sensation, der es ja allmählich dazu gebracht hat, daß durch einige Jahre sehr ernsthafte Kriegsberichte ge? . schrieben werden mußten. Bel deren Abfassung wurden ' dieselben Methoden und Hilfsmittel verwendet, die Stettenheim seinem Wippchen — um in seiner Ausdrucks? weise zu bleiben — in die Feder legt: Sensationslust gepaart mit Ignoranz, Vornehmtun vereinigt mit gerissenstem Weitvomschußsein, Verlogenheit verbunden mit Selbstüberhebung. „Eine Schlacht muß geschrieben sein" — der köstliche Satz Wippchens ist in der Zeit Wahrheit geworden, da, um nur ein Beispiel zu nennen, eine „heldenmütige“ Schlacht bei Llmanowa wirklich geschrieben wurde. Von difesen bitteren Wahrheiten abge-, sehen, die Wippchen noch heute machen, bringt der lustige Patron Humore, die unverwüstlich und in mancher Beziehung eigenartig sind. Seine Kontamination .dex disparätesten Sprachbilder und Metaphern ist, so liebenswürdig sie klingen, grimmige Satire auf die sprachliche LäcJ^rlichkeit im Ausdruck, den die sich die analphabetisene Journaille bis heute bewahrt hat. Besonders der hie ausübende Typus des züchtigen Journalisten wird ausgezeichnet karikiert, wie in dem zum geflügelten Wort gewordenen Ausdrucke „Verzeihen Sie das harte Wort"; bis zür metaphysischen Grenze des Grotesken geführt in dem Begriff ..Mundesei" (statt Maulesel). Der alte, liebe, halbvergessene Wippchen hat heute noch Kraft des Humors in sich, die weit über den Tag hinausreicht und ' darum unverwüstlich ist. Es ist erfreulich, daß er wieder zu Ehren kommt, E. G. F. *) Kant-Anekdoten, gesammelt von Kurt Joachim Grau. Verlag Georg Stilbe, Berlin. Wilhelm BraumUller & Sohn Abteilung: Antiquariat Wien, I. B6s.r Bauernmarkt Nr. 3 a ------- Hächev | PÜF dte Pemry BRAUCHST DU BÜCHER, GEH ZU LÖW1T ■ WI£N, I. ROTENTURM3TRASSE 22 ■V >, l 1

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