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Wiener Morgenzeitung · 1924-07-23 · Heft 1953 (23.7.1924) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1953 (23.7.1924)
Date
1924-07-23
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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.*< AVi*nc/•t^^TP^W^V1’***‘Ä<--wTWi',”M’* *wr y**>!W'''»*"'>• <K??sr< ~7W »'■'•• '-•.- Nr. 1953 Witzn, Mittwoch Wiener Morgenzeitung. 23. Juli 1924 Helle 3 Vom Echisssiimgen mm Mzelömg von Indien. Die Karriere des Carl of Reading. Man hält immer Amerika für das Land der unbegrenzten Aufstiegsmöglichkeiten. Und doch ist eine solche Karriere wie die des englischen Juden Rufus Daniel Jsaaes gerade in Amerika unmöglich, wie der Earl of Birkenhead in seiner Darstellung dieses fadelhasten Aufstieges in einer der letzten Nummern der „Sunday Times" mit Recht'bemerkt. Er erinnert dort an das alte Wort: „Jedes Land hat die Juden, die eS verdient", und knüpft daran die Bemerkung: Großbritannien verdient gute Juden und im großen und ganzen hat es sie auch. Ich war oft erschüttert, so sagt der Earl Birkenhead, von dem merkwürdigen Kontrast zwischen der sozialen Stellung der Juden in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten. In Amerika kann kein Jude in einen der vornehmen Klubs eindringen, er mag ein noch so guter Sportsmann, ein noch so guter Kamerad, Gentleman, ja selbst Millionär sein; die Tore der exklusiven amerikanischen Klubs bleiben ihm verschlossen. In England aber ist folgende Geschichte eines Mannes möglich: Rufus Daniel Jsaaes — heute hat er den etwas langatmigen Titel eines First Earl of Reading Viscount Erleigh, First Viscount Reading — ist in London am 10. Oktober 1850 geboren worden. Sein Vater war ein einfacher Kaufmann in der City. Vor 47 Jahren segelte aus dem Hugli River in Indien, in der Richtung nach Kalkutta aus einem altmodischen Fahrzeug ein Schiffsjunge. Wenn man ihm prophezeit hätte, daß sein nächster Besuch in Indien mit Kanonendonner begrüßt werden wird, der nur für den Empfang des Vizekönigs reserviert ist, hätte er den vorwitzigen Propheten sofort für verrückt erklären lassen. Aber gerade dies hat sich ereignet. Rufus Jsaacs hatte nicht allein anzukämpfen gegen die Nachteile, die seine Zugehörigkeit zum Judentum mit sich brachte, sondern auch gegen einen besonders unglücklichen, ge schäftlichen Ausgangspunkt seiner Laufbahn. Er ,-fallierte" nämlich ohne eigene Schuld und wurde an der Londoner Börse als junger Kaufmann „verhammert". Es handelte sich , um eine bedeutende Summe. Ohm Erfahrungen, ohne einen Penny Geld, ohne Freunde, schien es, als ob diese Laufbahn beendet wäre, noch ehe sie begonnen hatte. Hier aber setzte der Um schwung ein. Mit unglaublichen Mühen verschaffte er sich die Mittel, um Jus zu studieren und sich zur Gerichtspraxis ausznbilden. Er erwarb in kurzer Zeit eine anfchnliche Meisterschaft in der Strafrechtspflege. Es begann einer der glänzendsten forensischen Aufstiege, die man je erlebte. In fünf Jcchren hatte er all« seine alten Handelsschulden bis auf den letzten Penny bezahlt. Staunenswert waren seine Qualitäten als Advokat. Er irrte nie. Er war stets taktvoll, er stellte den Zeugen niemals Fallen, er war stets liebenswürdig und freundlich. Das Gericht hatte immer den Eindruck, daß die Sache, die er vertrat, eine ehrenwerte sei, vorgetragen von einem ehrenwerten Advokaten, vor einem sehr ehrenwerten Gericht. Nie war ein Jurist populärer bei den jungen Kräften. Er umgab ihre Jrrtümer mit dem Schutz seines eigenen Ansehens, und er war immer der erste, ihre Vorzüge und Erfolge in das richtige Licht zu stellen. Er stieg auf der Leiter der juridischen Praxis immer höher und höher. Bald vertrat er nur die allerwichtigsten Fälle, bei welchen sein unglaublicher Scharfsinn erfordert wurde. Er war das Haupt' der englischen Anwaltschaft, als er in das Unterhaus gewählt wurde. Dort saß er von 1904 bis 1913. Er kam nun in den staatlichen Justizdienst.-So wurde er 1913 Generalanwalt und noch im gleichen Jahre Kronanwalt. Schließlich der oberste Justizbeamte des Reiches, der Lord Chief Justiee of England. In seine eigentliche Sphäre brachte ihn aber erst der Krieg. Denn Rufus Jsaäcs ist vor allem Diplomat. Was er als Anwalt erreichte, verdankte er seinen menschlichen Qualitäten, die ihn zum Diplomaten prädestinierten. Mit dem Ausbruch des Krieges sehen wir Rufus Jsaacs mit Lloyd George zusammen im englischen Schatzamt die gmial erdachten finanziellen Maßnahmen ausführen, mit welchen England in den Krieg eintrat. 1916 wurde er Präsident der englischxfrauzöfischen Anleihemission in den Vereinigten Staaten. 1917 wuvde er mit besonderem Auftrag noch einmal nach Amerika geschickt und 1918 schließlich zum außerordentlichen Botschafter in den Bereinigten Staaten ernannt. Lord Birkenhead, ein konservativer englischer Politiker, sagt in dem erwähnten Artikel: „Ich zweifle daran, daß irgend ein Vertreter unseres Landes in Washington sich je einer größeren Beliebtheit und Popularität erfreut,e als Jsaacs Rufus — und dies in Amerika. Er erklomm schließlich den Gipfel, er wurde Vizekönig von Indien. Dies ist kein Ruheposten. Er nahm damit ein großes Risiko. auf sich in einer Zeit, da er kein Jüngling mehr war. Die Schwierigkeiten, bie die britische Herrschaft in Indien in den letzten Jahren begegnet, sind bekannt. Man erwartet in'England von seinen persönlichen Die letzte« (Radiodienst der „Wiener Morgenzeitung".) London, 22. Juli. D e v i s e n f ch l n ß k u r s er Wien 311.500, Prag 147,75, Netv-York 4,89V,. Baris 85.24'/,. Brüssel 95,18*/*, Rom 101,37'/,. Zürich 23.95'/,. Madrid 32>95'/,, Amsterdam 11,46, Kopenhagen 27,22'/„ -Cbristiania 32,69'/,. Stockholm 16,48'/,. HelsingforS 145. Berlin 18.30. Paris, 22. Juli. Die leichte Versteifung des englischen Pfunds batte zur Folge, daß die von London abhängigen Werte ehr fest waren. Im übrigen wären die Banken ziemlich gedeckt. Im allgemeinen behauptet waren französische Werte, russische Werte waren ziemlich gesucht, in Anbetracht des Eindruckes einer russisch-französischen Annäherung. Wechselkurser London 35,38, New-Iork IS,37, Prag 68.10. Wien 27.25. Paris, 22. Juli. (Radio.) Effektenschlußkurfe: Bangue de France —, Pragobanka 414.—. Credit LyonatS 16,10, Suez 14,335,' Platine —Dabrowa —.—, Banque Ottomane —,—, Central Mining —, Rio Tinto 29,02, Le Naphta ruffe 413. Sueeeried Egypte 1146, Cautlchoues sin 157,50, Chartered 59,—, DebeerS ordin. 1030, Goldfields 79,20, Huanchakas 347, Jägers Fontain 260.50, Malacca ordin. 159,50. Maltzoff —. Mexican Eagle 80,—, Padanq 378,—, Rand Fontain 87,50, Randmine 258,50, Silva plana 170,—. Tanganyika 165,50, Tubice wie 642.-. Utah Cepper 1603, Shell 347.-, Royal Dutch 24,200, Burmah —. Eigenschaften, von seinem Charm, von seiner diplomatischen Begabung eine wohltuende Wirkung zur Beruhigung Indiens. Wenn Lord Reading nach England zurückkehren wird, wird ihm, so nimmt man an, ein Sitz im Privy Council, im Staatsrat, sicher sein. Ser Falobsftek« in der Westminfterabtei. In der alten englischen Krönungskirche, der Westminsterabtei in London, befindet sich unter dem Krönungsstuhl ein Stein, von welchem die Mythe geht, daß er dem Patriarchen Jakob als Ruhekissen gedient habe, der, auf ihm ruhend, den Traum hatte von der Leiter, deren oberstes Ende in den Himmel reichte und auf deren Sprossen Engel aus und ab gingen. Dieser Stein wurde aus Schottland nach London gebracht. Man nennt ihn „Coronation Stone" (Krönungsstein) oder „Destiny Stone" (Schicksalsstein). In der Mittwoch-Sitzung des Unterhauses stellte der schottische Arbeiterdeputierte Kerkwood den Antrag, daß dieser Stein Schottland wieder zurückgegeben werde Er,begründete den Antrag unter anderem wie folgt: „Laut der Ueberlieferung ist das jener Stein, auf welchem der Urvater Jakob in Betlehem schlief, als er vor seinem Bruder Esau floh, weil er ihn um seine Erstgeburt brachte. Die Famlie des Patriarchen Jakob nahm diesen Stein mit sich nach Aegypten, oder wie es in der Bibel heißt, in das Land Goschen, das einen Teil Aegyptens bildete, und.bort blieb der Stein lange Zeit im Besitz der Könige von Aegypten. Von dort kam der Stein nach Irland. Im Jahre 700 vor der christlichen Zeitrechnung befand er sich auf dem Berge Toro. Das lehrt uns die Ueberlieferung. Ob das alles wahr ist oder nicht, weiß ich nicht. Was ich aber sicher weiß, ist, daß der Stein ein schottischer Stein ist, daß er 500 Jahre läng in Scone lag, bis dann infolge eines Streites der Schiedsspruch des Königs Eduard des Ersten, des „Hammers der Schottländer", angerufen wurde. Eduard kam als Schiedsrichter, ließ jedoch alle Archive von Schottland aufstöbern und nahm sie mitsamt dem Stein nach England mit." In seinen weiteren Ausführungen verweist Kerkwood auf die Abmachung zwischen England und Schottland aus dem Jahre 1328, in welcher ausdrücklich bestimmt wurde, daß dieser Stein, sowie andere Altertümlichkeiten an Schottland zurückgegeben werden müssen. Mr. Kerkwood schließt seine Rede: „Man wirft uns vor, daß wir Materialisten seien. Dieser Vorwurf ist unberechtigt. Wir verlangen nicht nur Brot für unser Volk, sondern haben auch Sinn für seine gefühlsmäßigen Wünsche. Die großen geistigen, historischen und sentimentalen Bande, die uns als Rasse miteinander verbinden, sind auch uns teuer. Materialisten sind jene, die über die Forderung einer Nation, ihr das Symbol ihrer Nationalität auszufolgen, lachen und spotten." Lord Upsleh sprach gegen den Antrag und vertrat den Standpunkt, daß, wenn die Tradition der historischen Wahrheit entspricht- und der Stein tatsächlich der sogenannte „Jakobstein" ist, er dann wieder den Juden zu rückgegeben und nach Betlehem, von wo er gekommen ist, überführt werden müßte. Redner führt dann verschiedene Legenden über den Ursprung des Krönungssteins in der Westminfterabtei an uub bittet um die Ablehnung des Antrages. Der Antrag Korkwoods wird bei der Abstimmung mit 201 gegen 171 Stimmen angenommen und so wird schon in nächster Zeit ein Gesetzentwurf wegen Uebev führung des Steines nach Schottland das Unterhaus be ' schäftigen. Von den jüdischen Unterhausmitgliedern stimmten, die Arbeiterdeputierten Sh in well und Terner-Samuel für den Antrag, die Abgeordneten A. M. S'a m u e l und Dr. Spiro gegen ihn, während sich die übrigen jüdischen Deputierten der Abstimmung enthielten. Gto christlicher BoMmpser des Herzlicher Zionismus. « In der Zeit, da die ganze jüdische Welt Theodor Herzls an seinem 20. Todestage gedenkt, mag es nicht m angemessen sei, daran zu erinnern, daß Herzl auch di» tätige Mithilfe mehrerer nichtjüdischer Persönlich leiten hatte und haß diese der zionistischen Bewegung groß, tes Interesse entgegenbrachten. Es ist nicht unbekannt, das. der verstorbene Großherzog von Baden Herzls Idee große Sympathie entgegen brachte und dem zionistischen Führer manche diplomatische Wege ebnete. Zu der. begeistertsten nichtjüdischen Anhängern Herzls zählte bei in Wien lebende englische Reverend Hechler, dessen gütiger Kopf auf manchem Zionistenkongreß zu sehen war. . Im Jahre 1896 lernte Herzl einen Engländei kennen, der schon lange Jahre vorher die Rückkehr bei Juden nach Erez Israel tätig verfochten hatte. Willian Grant, ein Bankier aus Edinburg, ist, wie er fetbs; sagt, durch das Lesen der Bibel, das er seit früher Ingen! eifrig betrieb, zu der Idee gekommen, daß die Juden unbedingt in das Land ihrer Väter zurückkehren müssen un! daß es Pflicht aller Christen sei, den Juden zur Rückkehi nach Erez Israel zu verhelfen, schon als Entgelt für di« Leiden, welche das jüdische Volk von den Dölkerr christlichen Glaubens zu erdulden halten. Im Jahre 1892 legte Grant zum erstenmal einer Versammlung von J uden und Christen in Edinburg, die er einberuser hatte, seine Idee vor; er fand wenig Gegenliebe, ließ sich aber dadurch in seiner Propaganda für die Jde nicht behindern, sondern predigte in Kirchen und Synagogen de§ Jnselreiches unentwegt die Schaffung einer jüdischer Heimstätte in Palästina. Damals erfuhr er auch von bei Existenz eines Chowewe-Zion-Vereins in London, mit den» er in Verbindung trat; schon damals verfocht er den Standpunkt, daß England allein berufen sei das Protektorat über Palästina zu übernehmen und so die Schaffung der jüdischen Heimstättt zu beschleunigen. Nach dem Auftreten Her-zls schloß er sich sofort der politisch-zionistischen Bewegung an, in der er di« einzige Möglichkeit zur Lösung der Judenfrage sah. Bis heute ist William Grant zionistisch tätig. Im Jahre 1922 hat er seine sämtlichen Geschäft und Unternehmunngen in Edinburg und Liverpool l iq ui vier t, um feine letzten Lebensjahre gänzlich derzionistischenSache zu widmen. Seit zwei Jahren bereist Mr. Grant die verschiedensten Ortschaften und Länder (so Australien und Kalifornien), um nicht nur unter Juden, sondern auch unter Nichtjuden den Zionismus zu propagieren. Grant war auch in Palästina, wo ihn, wie er selbst in einem Interview mitteilt, die Leistungen der jüdischen Kolonisten zur Uebetzeugung brachten, daß die Juden berechtigt seien, von der nichtjüdischen Mitwelt vollste Unterstützung ihres palästinensischen Aufbauwerkes zu verlangen. Gegenwärtig befindet sich Grant in New -- Dork; dort hat er sich der Keren- Häjessod-Zentrale zur Verfügung gestellt und nimmt an der gegenwärtig im Gange befindlichen Keren Hajessod-Aktion regen Anteil. , , Gewerbetreibende gegen Mflchtrlose Ltenev einhebnng. Die Genossenschaften der Kleider- und Schuhmacher Wiens sowie der Deutschösterreichische Gewcrbebund hatten für gestern abends in die Volkshalle des Rathauses eine Versammlung -einberufen, in der gegen die rücksichtslose Art der Steuereinhebung und der Steuerbemessung seitens der städtischen und staatlichen Steuerbehövden Protest erhoben wurde. Die einzelnen Redner führten besonders krasse Fälle der Steuervorschreibung an. Die Behörden kümmern sich gar nicht um die Fütterungen der Steuerträger. So wurde z. B. einem Kleingewerbetreibenden, der eine Fassion auf 24 Millionen machte, ein Steuermandat von 180 Mil-, ltonen zugeschickt. Alle Rekurse scheitern an der Verständnislosigkeit der Steuerbeamten und es. wird rücksichtslos mit Pfändungen vorgegangen. Besonders kraß treibe der Finanzreferent der Gemeinde Wien Breitner diese Steuereintreibungspolitik. Auch gegen den Finanzmincher wurden Vorwürfe erhoben. Die Redner drohten, für den Fall der Nichterfüllung ihrer Forderungen, einen D e m o n st r a t i o n s z u g vor dem Finauzministerium, dem Parlament und dem Rathause zu veranstalten und dort die Türen einzuschlagen. Die christlichsozialen Abgeordneten Reiner und Partik nahmen die Regierung in Schutz und verwiesen auf die „Erfolge der Sanierung", woraus die Versammlung „Hoch Seipel!" ries. Sie versprachen, eine Deputation' der Kleingewerbetreibenden zum Finauzminister zu führen. In einer einstimmig angenommenen Resolution wird das Finanzministerium aufgesordert, die Steuerbehörden und m-agistratischen Bezirksämter anzuweisen, bis zum 30. September l. I. Pfändung etzn wegen aushastender Steuern zu stunden und Zensiten, die die Listen über Personalstenerabzüge oder Fürsorgebeträge während der Monate Juli, August und. September nicht vorgelegt haben, nicht zu b e-st r a fe n. eleganten Halbleinenbanden der „Wiener Morgevzeilung", der die Bezugsgebühr für 1 Jahr im voraus bezahlt, erhält A u ß e r d e r I a h r e s g e.b ü h r s i n d f. ü r V e r s -a n d s p e send e s „G r a e tz-- .n o ch ö. 25.000 zu entrichten. ca

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