Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1952 (22.7.1924)
- Date
- 1924-07-22
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Rechtsausschuß des Reichstages hat dem Anträge des Unterausschusses auf Einführung der Wiederaufnahme des Verfahrens gegenüber Urteilen des bahrijchen Volksgerichtes zugestvmmt. Die deutschen Sozialdemokraten. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Berlin, 21 .Juli. Die sozialdemokratische ReichskagSfraktion hat heute nachmittags eine Sitzung abgehalten, in der der Vorsitzende Müller-Franken über die gegenwärtige politische Lage berichtete. In dem Bericht und in der darauffolgenden lebhaften Aussprache zeigte sich starke Un Zufriedenheit, die hauptsächlich die Schutzzollvorlage, den Achtstundentag und die neueste Entwicklung der Steuerpolitik betrifft. Die sozialdemokratische Fraktion wird außer der bereits vorliegenden großen Anfrage über den A ch t st u n d e n t a g wahrscheinlich noch Interpellationen zur Schutzzollvorlage und zur Steuerfvage einbringen. ' Sie Unruhen ttr Brasilien. (EigeMenst der „Wiener Morgenzeitung".) Die brasilianische Gesandtschaft in Wien erhielt heute folgende Depeschen: 18. Juli: Die aufständische Artillerie erwidert das Feuer der Batterien der Bun-destruppen nicht mehr. Flugseuge führen die Rekognoszierung durch, die infolge der herrschenden Stürme sich sehr schwierig gestaltet. - 19. Juli: Günstige atmosphärische Bedingungen ermöglichten RekognoszievungMige. der Flugzeuge. Die Bundestruppen treffen die. I,etzten Vorbereitungen zur endgültigen Entscheidung. Der Legltimisiendrozeß In Lngam niedergeschlagen. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Budapest. 21. Juli. Wie die Montagblatter melden, hat der Reichsverweser die Abolition des Prozesses der an dem.Königsputsch im Oktober 1921 beteiligten Personen. darunter Graf Andrassy, Dr. G r ä tz, Rakovszky, Beniczky und Major Osztenbürg, "ngeorduet. Znland. Die Bolschkifse an die BnndesangestMe». Das Bundesmiursterium-für Finanzen -hat an alle unterstellten Organe und Aemter einen Erlaß ge vite t, in dem es heißt: „Da die Durchführung des am 18. Juli im Nationalrat beifchlossenen Bundesgesetzes über das Drensteinkommen und die Rrchegenüsse erst im Laufe des Monats August vollendet sein dürste, wird den unter das Bestimmuugsgcsetz fallenden aktiven Bundesangestellten zu den bereits am 17. Mai und 17. Juni erteilten Vorschüssen ein neuerlicher Vorschuß auf die vom 1. Mai d. I. gebührenden neuen Bezüge gewährt. Die Vorschüsse, die in den nächsten Tagn ausgezahlt werden, betragen je nach den zuvückgÄcgten Dienstjahren sowie den einzelnen Gruppen 10 bis 5 0* Prozent der irtzigen Bezüge, Lei den höchsten Gehältern 100 Prozent. _ Die Ausgabe von SchiMgey. Wie wir erfahren, setzt das Münzamt die Prägung der Schillinge weiter fort, doch werden sie erst in Verkehr g<bracht werden,. bis ein größerer Vorrat der Münzen augesammelt sein wird. Wir hatten seinerzeit daran*'hinge wiesen, daß dem Hamstern der Schillinge nur dadurch entgegengetreton werden könne,, daß mit der Ausgabe erst dann begonnen werde, wenn der Markt mit einer großen Anzahl überflutet werden kann. Das Finanzministerium scheint mm zu derselben Ansicht gelangt zu sein. W letztenKurse. (Radiodienst der „Wiener Morgenzeitung".) London, 21. Juli. D e v.i i e n s ch l u ß k u r s er Wien 311.600, Prag 147,75, New-Aork 4,38 V Paris 86,05, Brüssel 65,87V,. Nom 101'/,. Zürich 23,98'/,. Madrid 33.02'/,, Amsterdam 11,51V4, Kopenhagen 27,29'/„ Cbrlstiania 32,62'/„ Stockholm 16,46'/,, HelsingforS 147,62, Berlin 18,25' Billionen, Bukarest 975. Paris. 21. Juli. Die heutige Börse war besonders wenig belebt. Die Börsenkreise bleiben noch immer zurückhaltend und die leichte Entspannung batte zur Folge, daß alle internationalen Werte etwas abgeschwächt waren. Fest war lediglich der russische Markt, da die Börse den Depeschenwechsel zwischen Herriot und Tschttscherin günstig bewertet. In der Kulisse waren leichte Kursrückgänge allgemein. Petroleumwerte waren fest. Wechselkurse: London 64,64, New-Aork 19,34, Prag 51,70, Wien 21,50. Parts, 21. Juli. (Radio.) Effektenschlußkurse: Banque de France —. Pragobanka 413.—, Credit Lyonais 16,05, Suez 14,235, Platine 807.—, Dabrowa 775.—, Banque Ottomane Central Mining 935, Rio Tiuto 28,53, Le Naphta russe 412, Sueceried Egypte 1141, Cautschoues sin 166,—, Chartered 48,76, Debeers ordin. 1028, Golbfields 82.25, HuanchakaS 346,50. Jägers Fontain 261.—, Dtalaeea ordin. 150. Maltzoff —, Mexican Eagle 80,50, Padanq 375,60, Rand Fontain —,—, Randmine —, Silva plana 169,—. Tanganyika 163,—, Tubice wie 641.-, Utah Ccpper 1450, Shell 343.-, Royal Dutch 23,800, Burmah —.—. New'Bork.21.Juli.(Radio.) Devisenschlnßkurier Taggeld 2,5%. Wechsel auf London 4,39, 60 Tage-Wechsel 4,36, Paris 5,15l4, Amsterdam 38,21, Berliner Schlußkurs 23V, bis 24, Silber 67% Prag 2,97. Der Gang zum Grabe tzerzls. Dank an die Ordner. Das Zionistische Landeskomitee für Oesterreich hat gestern die, folgende Danksagung beschlossen: Das Zionistische Landeslomitee für Oesterreich spricht allen zionistischen Gruppen, die durch Beistellung von Ordnern die mustergültige Ordnung beim sonntägigen Hevzl-Grabgang ermöglicht, haben, seinen Dank aus. Besondere Anerkennung wird dem Gesamtleiter des Zuges, Herrn Paul Foldes, ausgedrückt, der durch seine umsichtige Leitung zur Aufrechterhaltung der Disziplin und Ordnung wesentlich beigetragcn hat. Mil warmer Genugtuung erfüllt uns die Tätigkeit aller jener Jugendlichen, die sich in den Dienst der Sammlung für den Jüdischen Not enalfonds gestellt haben und mit reg,iem Eifer ihrer freiwillig übernc-mmeuen Pflicht nachgekommen sind. Aiimerimgen an Herzl. Von Josef Cowen (London). Meine Bekanntschaft mit Herzl Mann aus den: ersten Zionistenkongreß in Basel 1897. Zangwill hatte mich überredet, in die Schweiz zu gehen. Er führte mich bei der Frühstückstafel im Hotel „zu den drei Königen" am ersten Kongreßtag ein., Ich erinnere mich, wie ich am Kongreß, wo ich Herzl nur schwer folgen konnte, mir die Frage vorlegte: „Ist dieser Aiann ein Träumer oder ein Scharlatan?" Noch lange Zeit beherrschten diese Zweifel mich, der ich. wi° meiner Meinung nach die meisten Juden, mißtrauisch bin. Denn ich war nicht nur als Jude argwöhnisch, sondern auch als Engländer von Natur insular veranlagt, und die Kombination dieser zwei Eigenarten machte mich doppelt vorsichtig vor „fremden Juden". Denn es war mir damals noch etwas Selbstverständliches, daß „kein auslälldischer Jude einem englischen Juden gleich sein oder dessen volles Vertrauen genießen könne". (Ich ftirchte, daß dieses durchaus ungerechtfertigte und idiotische Gefühl in England noch immer besteht.) Aber kehren wir zu Herzl zurück. Ich erinnere mich, wie er, äußerst höflich und zuvorkommend, Zangwill und mir an seinem Tisch Platz machte, obgleich ich zugeben Muß, daß die Zweifel, die ich hatte, meine Freude am Mahl schr herabminderten. Er schien mir von Enthusiasten und Anbetern umgeben zu sein und ich hatte die Empfindung, hier nicht auf meinem Platze zu sein. Nach dem Frühstück : bot er mir mit der Genialität, die, wie ich später sah, ihn stets auszeichnete, das zionistische Abzeichen — eine blau-weiße Rosette — fürs Knopfloch, die ich jedoch zurückwies, w'.e ich es auch im Jahre 1898 tat, als er mir vorhielt, dc»ß ich kein Zionist sei. Im Jahre 1899 erließ die englische zionistische Föderation kurz vor der Eröffnung des Jewish Colonial-Tcust, zu dessen führenden Mitgliedern ich damals gehörte, ein Manifest, in welchem die Forderung ausgestellt wurde, daß, bevor noch die Shares der Kolonialbank dem Publikum angeboten würden, ein Leiter für die Bank ernannt werden solle. Diese- Forderung stammte hauptsächlich von mir. Herzl kam bald nachher nach London und nahm an einer Konferenz der englisch-zionistischen Föderation teil," in der diese Frage zur Diskussion stand. He^l war über unser Dazwischentreten in einer Angelegenheit, die nach so vielen Schwierigkeiten mit-großer Mühe erledigt worden war, furchtbar wütend. Ich werde niemals die Art vergessen, wie er sich gegen mich wegen meines Auftretens gewendet hat. „Mr. Cowen möge sich's ein für allemal merken" — schloß er — „ich bin ich und Bank ist Bank". Ich war vollkommen vernichtet, und zwar mit Recht. Nicht immer und auch nicht für lange Zeit waren nnserg Beziehungen so, wie ich sie beschrieb. Bald noch diesem Zusammenstoß wurden wir nicht nur Führer und Anhänger, sondern ich darf Wohl von uns beiden sagen, gute Freunde. Und welch schöne Zeiten wirklicher Freude verlebten wir miteinander. Es gab' keines: liebenswürd^ geren Menschen, keinen, der trotz der großen Bürden, d'u er sich selbst auferlegt hat Und die ihm sein Genius , uni der einmütige Wunsch seines Volkes ihm aufgelastet haben, im Grunde seines Herzens so fröhlich sein konnte wie er. Zu allen Zeiten, in London, Wien oder Paris, Kon st?.n« tinopel, Budapest oder Cookham, in Alt-Assee oder Fo.lkestone, in Augenblicken ängstlichen Harrens oder beim Einlangen günstiger Meldungen, zu jeder Stunde des TageS und der Nacht war eine nimmer versagende Quelle der Inspiration, der guten Laune und des.Optimismus, mit dem Herzen eines Kindes und der Energie eines Motors. Er war genau informiert über die letzten Sensationen vxn Paris wie auch über die neuesten wissenschaftlichen oder Reiseentdeckungen und beherrschte drei Sprachen mit der Kenntnis all ihrer Nuancen wie nur wenige. Unvergeßlich bleiben mir die herzliche, leichte Art, mit der er den Droschkenkutscher anrief, und die Gutmütigkeit, mit der er dem Blumenmädchen doppelt so viel gab,' als es erwartete. Durch alle seine Heiterkeit ging ein unverkennbarer Ernst. Wie gern war er in England. Ich glaube wohl, daß neben Mt-Aussee, wo Mandelstam, Wolfsohn, Katzeuelson und ich während des Sommers häufig mit ihm und seiner Familie beisammen waren, England es war, das er vor allen anderen Ländern liebte. Und dann die allerletzte Szene — Edlach, wohin ich nach meiner Rückkehr von 'Amerika eilends fuhr, als. ich von seiner schweren Krankheit erfahren habe. Ich weilte bloß ein, zwei Tage bei ihm, denn ich mußte wegen dringender Geschäfte nach England zurückkehren. Ich versprach ihm, in einer Woche wiederzukommen, um ihn anderswohin zu bringen. Ach, ich dächte damals nicht daran, wohin ich ihn werde sichren müssen, wenn ich ihn wiedersehcl Alexander Marmore?. Aufstellung eines Grabmals. Au» Pa: 4 wird jn? b.'rickiet: Vorigen Sonntag wurd^ aut dem Friedhof- Bagn-.au de. Paris i" Anwesrnhüt eines überaus zahlreichen Publikums der Grabstein über dem Grab des verstorbenen Zionistenführers Tr. Alexander M a r m o re k ausgestellt. Ansprachen wurden gehalten von Rabbiner Weil,'den Professoren Basch und Schach, ferner von D. I a e o b s o n, Zlatopolskh und einem Vertreter des Pasteur inst ituts. Sämtliche Redner würdigten in ihren Nachrufen den Verstorbenen als Inden, Zionisten, Gelehrten und Arzt. Großer Bodenkauf in PalWna. 16.000 Dunam in der Ebene Esreel. Jerusalem, 20. Juli. (I. T. A.) Der Palestine Land Developement EomPany fft es nach langwierigen Dechant lüngen gelungen, das Gebiet von Af.uleh im Emek Esreel käuftich zu Erwerben. Das erworbene Territorium hat ein Ausmaß von 16.00 0 Dun a m. Es ift die?'in der Geschichte der neueren jüdischen Kolönisätftn der größte bisher aibgefchlosfene Bodcntaüf deZ Privät^ besitzes. Auf diesem Gebiet, das zur Hälfte an die American Zion Commonwealth zwecks Abgabe an Siedler aus Amerika, und zur Hälfte an die Ge'eSchaft. Mesch ek zwecks Parzellierung und Veräußerung an europäische Interessenten übergeben wurde, soll'eine moderne S t a d t s i e d l u n g als Zentrum nmd ein'e Anzahl neuer D ö rfe r an der Peripherie entstchen. Afule-h hat als Knotenpunkt von drei Eisenbahnlinien und als MttelpuM von zwölf bereits bestchenden Dor'-' fern alle Voraussetzungen für die Entstehung einer blichen-' den Stadt. Die Meschek-^Gcsellschaft, die die Hälfte des Bodens übernommen hat und dessen Parzellierung durch-' führt, hat bereis mit den Arbeiten für die Kultivierung : des Bodens, zur Anlage von Straßeniiügen und zur Pewässeru'Na begonnen. Diese - Arbeiten wirrden von der Ge- . selkschaft Sal-eNonch in Auftrag genommen. Es ist zu er-' lvarien, daß die genannte Gesellschaft, bMnntliich ein - Tochtevinstitut der Palestine Land Tebelopomen-t Company, von den neu erworbenen Ländereien einen Teil auch ö st e r r e i ch i s ch e n Interessenten für Siedlungszwecke anbieten wird. Am BMtrMWKkWdAebMg für Mf. GMWer. E'ne Selbstanklage völkischer Pryfcssvren. Aus M ü n ch e n wird uns berichtet: .Sechs bedeutende Mitglieder des Lehrkörpers der Universität München, dev bisherige Rektor der Universität Kraus, die Physiker Wien und Sommerfeld, der. Geologe'Dri'galsky. der Jnmnmediziner Friedrich Müller und der Chirurg Dr. S a u e r b r u n n, zum Teil Herren, die der v ö l k is ch e n Bewegung sehr nahe st e h e n und nicht gan; unffchuldig sind an der Entwicklung der Verhältnisse a-n der Universität, haben eine Vertraue n s k u n dg e b u n g für P r o f. W i l l st ä d.t e r unterzeichnet, in der.es unter anderem heißt: Die allgemeine politisch! Spältnng hat auch die alte Universität nicht verschont^ Auch hier l>aben sich schwere Gegensätze eingestellt. Näment. lich haben darunter manche der unserer Universität angehörenden Lehrer und Studenten gelitten, denen, insolg« ihrer Konfession oder A b st a m m u n g nationaler Empfinden abgesiprochen wurde. Leider ist nicht z r Ieug!nen, daß -diese Gegensätze gelegentlich die Be. rufüng eines Dozenten beeinflußt', haben Wir verstehen, daß solche Wahwehmungen unseren Will. 4629