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Wiener Morgenzeitung · 1924-07-21 · Heft 1951 (21.7.1924) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1951 (21.7.1924)
Date
1924-07-21
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 19öf n ’ Wen, Montag Wiener MorgenzeitunG 81. Iubi 1924 Sette« °re!\ semtch cm O Pratermärchen. * s Jm Prater blühen bie Bäume < Und es klingt eine Melodie. .Dort wachten so allerlei Träume» Dort blüht auch die Monarchie. In den Gärten steigt voll Feuer Der Radrhkymarsch in die Höh'; Das Vaterland wird gleich so teuer Wie die Preise, im Duliöh! Und wenn die Soldaten marschieren Hinunter in strammer Reih', Dann müssen sie 's intonieren So schön, wie einst im Mai. Der Bürger kann ruhig ins Heu geh'n, Satriotisch verklärt sich sein Blick: och klingt das Lied von Prinz Eugen In dieser k. k. Republik. Das Leben ist wirklich so heiter Und es kann uns nix gescheh'n. Die Welt, die dreht stch halt weiter Und Oest'rrich wird ewig peh'n. Geschäjtsusancen im Sommer 192 4. Brief eines Fabrikanten an seine Kunden. Herrn N. N. Loco. Ich bestätige dankend Ihr Wertes vonr 3. d. M. und habe die Ehre, Ihnen mttzuteilen, daß die von Ihnen bestellten Waren an Ihre w. Adresse abgegangen sind. Die Rechnung sandte ich mit gleicher Post an meinen Advokaten zur >gerichtlichen Eintreibung der Forderung. Ihren weiteren geschätzten Aufträgen mit Vergnügen entgegenzusehen, zeichne ich hochachtungsvoll I. K. Der Situationsbericht. Mit der Ueberprüfung der Bücher in der zusammengebrochen Depositenbank hatte sich auch ein als sehr seriös bekannter Bankdirektor zu befassen. Als er einmal nach mühseliger Arbeit das Bankpalais verläßt, sängt ihn ein Bekannter ab und fragt nach der Lage der Bank, vorläufig schwimmt mir noch alles," antwortet der Direktor. „Ich sch' ka Depot, ka Sitten, ka Bank!" Amtliches. ,-Warum verschieben Sie denn eigentlich Ihren Urlaub, Herr Kollega? Gehen Sie doch jetzt, tvo nichts zu tim ist." „Fällt mir nicht ein. Ich werde gehen, wenn viel zu tun ist." Sommerfrischenunterhaltung. Bauer: ,-Svg amol, du Stadtfrack, ös Israeliten tuat's bös ganze Jahr nix als wie's Geld hamstern, gel?" Sommerfrischler: „Fa, und ihr da draußen nehmt uns in drei Wochen das ganze tveg." Aus der Rolle gefallen. Hu einem reichon älteren Junggesellen kommt ein Schadchen und redet ihni zu, zu heiraten. „Schauen Sie," fängt er an, „ist Ihr ganzes Leben nicht traurig: Sie sitzen herum in Kaffeehäusern. Abends, wenn Sie nach Hause kommen, haben Sie niemanden, zu dem Sie ein Wort sprechen können. Ist das ein Leben? Schauen Sie mich an: ich bin ein armer Teufel und laufe den ganzen Tag meinen paar Kreuzern nach, aber wenn ich abends müde nach Hause komme, springen mir meine acht Kinder entgegen und fragen: Vater, was hast du mitgebracht? Mein teures Weib fängt an zu reden, das Mckelkmd weint, die größeren schreien. Die Frau red' und red' und das Kleine brüllt wie verrückt. Ich sag' Ihnen, das ist ein Familienleben! Nie hält' ich es sollen kennen lernen!" Zur Abwechslung eiu neuer Schüttelreim. Wenn man kein' Nattern nicht zum Kindel sind't, Dann wird es meist ein Findelkind. T. Unglaublich, aber nicht wahr! In der vergangenen Woche wurde kein R a m s a u e r« Urteil abgeändert, da der Vorsitzende erkrankt war. In oen letzten Tagen gab es keine neue Theaterpleite. Die Ursachen sind unbekannt. Dagegen wird erst jetzt die Wahrheit über die Fall- Tournee bekannt: Sie wurde dringendst nach Wien zurückberufeu. um die Saison zu retten. Dieser Tage beanständeten die Gäste in einem vornehmen Kasfeebans den „Schwarzen" wegen seines ungewohnten Geschmackes. Es stellte sich heraus, daß er ans reinem Bohnenkaffee gekocht war. Da nur sportliche Schießübungen auf Schießstätten gestattet sind, haben die Hakenkreuzler die Republik Oesterreich als Schießplatz angemeldet. ... : ,..., .. . t Briefkasten. Originell 80, Ihren Witz haben uns noch zehn andere Einsender geschickt und unserem Redakteur ist er zufällig auch eingefallen. Känguruh. Ein Beitrag angenomm«n. Abwehr. Die Hakenkreuzwitze sind leider sehr traurig. Erscheint demnächst Neugierig. Warum die Leute so gern in das Strandbad gehen? Wahrscheinlich, um zu baden. Nörgler. Lassen sie doch die Straßenbahnschaffner in Ruhe. Sie sind genug geplagt. Wo kämen die hin, wenn sie sich noch für Höflichkeiten Zeit nehmen würben. UebrigenS sind Sie ja nur Fahrgast. Librettist. Alte Witze haben wir selbst genug auf Lager. Verwendbare Sinsenbungen werden selbstverstiin-- lich honoriert. Jictncfe/ondf \k/andet | Vf kk-MMüLM. DriNschmtionale Mr-BankvoMIk. Vor kurzem erschien in Wien eine Broschüre mit dom Titel „Das Bankwesen in Oesterreich", auf die ein sehr genauer Leser der Tagespresse erst durch spaltenlange fortsetznngswefse erschienene enthusiastische Artikel der hiesigen deutschnationalen Tageszeitung aufmerksam wurde; diese so auffallende Besprechung wird allerdings erklärlich, wenn man erfährt, daß der Verfasser des Buches zugleich Handelsredakienr dieses Blattes ist. Im christlichsozialen Organ war vor einigen Tagen gleichfalls eine Kritik, die zwar unter mannigfachen Einschränkungen und Ausstellungen, aber immerhin aus Gründen der antisemitischen Solidarität noch lobend war; man konnte also, wenn man sich für Bankfragen interessierte, ans den Inhalt gespannt sein. Diese Neugierde würde noch durch den vom Verlag beigestellten Umschlagzettel bestärkt: „Jeder Werktätige fühlt, wie er v o n u n s i ch t b a r e n F e ss e I n n i edergehalten wird, ahnt eine g eh e i m e Diktatur. Ist es nicht wissenswert, wer diese Macht besitzt und wer sie erobert hat?" Gewiß, doch war bisher diese Aufmachung für ein ernstgemeintes «wissenschaftliches Werk nicht üblich. Im Vorwort schreibt der Verfasser schon ziemlich selbstbewußt: „Die Zahl derer, die mich an meiner Arbeit geflissentlich behindert haben, ist nicht gering. Ihr Widerstand bestärkte mich in der Ueborzeugung, daß dieses Buch geschrieben werden nmßte." Wer jene waren, die die Arbeit verhindern wollten, wird leider verschwiegen; man kann nur annehmen, daß damit die Wiener Hante-Finance gemeint sei. Nun war es ja bisher nicht üblich, den Inhalt einer wissenschaftlichen Arbeit vorher den beteiligten Kreisen bekanntzugeben oder ihnen Bürstenabzüge zu übermitteln; sollte dies aber doch geschehen sein, so ist nicht anzunehmen, daß sich diese Faktoren gegen das Erscheinen des Werkes anssprachen, im Gegenteil, sie hätten alle Ursache gehabt, diese Fundgrube unfreiwilligen Finanzhumors zu begrüßen, trotz der anhangsweise beigegebenen Liste über ,H0heitsbeamte im Dienste des Leihkapitals". Von den 380 Textseiten umfassen 208 die Zeit bis zur 1873er-Krife, worüber wir ails der vor mehr als zehn Jahren erschienenen Seminaravbeit Dr. Fritz Georg! Steiners hinreichend informiert sind; das Gute ist somit Nicht neu, dafür ist das Neue nicht gut. Im Kapitel Inflation" schreibt der Autor über die Relativitätstheorie — auch so eine jüdische Erfindung — des Zusammenbruchs die erschütternde Wahcheit, daß der Bermögensaufzehrung einerseits enorme Vermögensbildung andererseits gegenübevstehen, und im Abschnitt: „Ein Blick ins Getriebe" wird dem aufhorchenden Publikum das Wesen der Begriffe „Aüfveißen und schieben^ klargemacht. Bon erstaunlicher Naivität und durch praktische Sachkenntnis nicht getrübt, ist, wie der größte Teil des Buches, das Kapital über Syndikate, denen der Verfasser bovwivft, daß sie nicht die Stabilität des Unternehmens gewährleisten, und „eventuell jederzeit bereit seien, das Unternehmen den Botokuden zu überantworten". Als Doktor juris müßte der Autor immerhin wissen, daß Shnid'ikate Gelegenheitsgesellschaften sind und daß die Stabilität des Unternehmens nur durch das Patronanzinstitut gewährleistet wird. Das Kapital über die neuen Reichen verrät jedenfalls eifriges Lesen der Tagespvesse; wenn von der Umwandlung der Unternehmungen in Aktiengesellschaften in hochtrabenden, nichtssagenden Worten behauptet wird, dieser Prozeß der Umwandlung von Produktivkapital in Rentnerkapital und von diesem — da es kein führerloses Kapital gibt — in Leihkapital schreite ständig fort, so scheint offenbar übers-chen, daß das von den Banken zur Finanzierung verwendete eigene Geld natürlich gleichfalls ProduktMaipital darstellt und auch die Unternehmer, fast immer, sowohl mit Kapital wie mit Aktienbesitz an der Gesellschaft beteiligt bleiben. Im Schlußkapitel meint der Autor — natürlich in vornehmer Zurückhaltung, ohne Namensnennung —, ein Volk, das nur einem konkreten Ziele zustrebe, nämlich der Herrschaft, des Kapitalismus, sei mit dessen Erreichung zwecklos geworden; -er beruhigt aber einige Zeilen 'später feine Leserschaft mit der tröstlichen Mitteilung, daß das Streben nach dief-em Ziele das Nationalgefühl der ansässigen Bevölkerung stärke und daß es kein restloses Glück gebe. Im Stile der usuellen Buchbesprechungen könnte noch hinzugefügt werden, daß eine Anzahl von Tabellen über Bankbilanzen und Bankkonzerne den Wert der Arbeit erhöht; allerdings konnten diese Daten auch aus dem Kompaß" und aus Jahresberichten glatt entnommen werden. Alles in allem ist der Titel des Werkes vollkommen irreführend; er erfordert unbedingt den Zusatz „vom deutschnationalen Standpunkte eins", und die Sachkenntnis dieser Kreise gegenüber dem Bankproblem einwandfrei anszoigen, ist der einzige Wert des Buches. fcRjäOAKTION LESERS M ME Zum Problem der abgebauten Beamten, j Geehrte Redaktion! Ich finde, daß das Problem der äbgebauteu Beamtet in der Tagespresse nicht jene Beachtung und ernste Behänd lung erfährt, die es verdient. Es wird übersehen, daß diest Frage nur deshalb nicht sofort ihre gefährliche Auswirkung ans das gesamte öffentliche Leben verspüren läßt, weil riv Teil der Abgebauten vorläufig noch von den Abfertigunas^ summen zehrt und ein anderer Teil der arbeitslos gewordener Bureauangeftellten, deren Firmen sich im Ausgleichsverfahren befinden oder insolvent geworden sind, noch intmei ans eine mehr oder weniger ansehnliche Absertigungssumm! rechnet. Dazu trüg: auch die Sommerzeit bei, daß die Gefahr, die in der Arbeitslosigkeit so großer intelligenter Master steckt, nick/ unnnuclbar in tic Erscheinung tritt. Der Herbß wird alle diese Beamtenkategorien ihrer letzten Barmittel entblößt fin.bcu und es wird dann ohne Zweifel schwierigei sein, bcm Problem beizukomimen, als jetzt, wo die meisten noch über Beträge verfügen, die zu gemeinsamen, etwa genossenschaftlich organisierten, Unternehmen herangezogen, zur Schaffung neuer Existenzen dienen könnten Es wäre sehr wichtig, wenn jemand die Führung -dieser ratlosen Menschen übernähme, eine Rechtsschutz- und Beratungsstelle schüfe und vor allem einen gangbaren Weg zeigte, wtt die um ihre Arbeitsmöglichkeit gebrachten Beamten durch ent. sprechende Berufsumschichtung die ihnen heute noch zur Verfügung stehenden Geldmittel nutzbringend, jedoch ohn« Spekulation, in Produkt wen Unternehmen anlegeri könnten. Am besten entsprechen würde das Genossenschaftssystcm. Hochachtungsvoll E i n Abgeb >auter Die Judenakten aus der Friedenskonferenz, Geehrte Redaktion! Die Anregung, die „Historicus" in der Nummer 193<J vom 30. Juni d. I. der „Wiener Morgcnzeitung" gegeben bat, berührt eine so brennende Frage, daß man sie nicht mehr ruhen lassen sollte, bis der Plan der Schaffung voit Juformattonszentralett über Antisemiten und antisemitische Bewegung in der ganzen Welt geschaffen ist. Ich selbst mache in meinem Wirkungskreis starke Propaganda für die Durchfi'chrung dieser Idee und will Ihnen demnächst auch einiges Material zur Verfügung stellen. Heute jedoch gestatten Sie mir, die folgende nicht minder wichtige Frage zu berühren: Wir haben in Paris ein „Comitee des Delegations Juives", das bekanntlich aus Vertretern jüdischer Organis-ationen in allen Weltteilen gebildet ist und seit dem Abschluß des Waffenstillstandes nach dem Krieg in Paris bei der Friedenskonferenz die Interessen des jüdischen Volkes in allen Staaten vertreten hat. Die Tätigkeit dieses Komitees war eilte äußerst bedeutsame und wichtiges wenn auch — was ohne die Bemühungen des Komitees herabsetzen zu wollen, gesagt werden kann '— nicht immer so erfolgreich, wie es erwünscht gewesen wäre. Aber immerhin bestand zwischen dem Komitee und dem Präsidium der Friedenskonferenz und später auch zwischen dem ersteren und dem Sekretariat des Völkerbundes ein reger Notenaustausch, dessen Inhalt gerade jetzt für die Führung einer jüdischen Politik in den verschiedenen Staaten von außerordentlichem Wert wäre, wenn die breite Oeffeutlichkeit, und zwar nicht nur die jüdischevon ihm Kenntnis erhielte. Jch glaube kaum, daß es irgend ein diplomatisches öder taktisches Hindernis gibt, das von der Veröffentlichung dieses Aktenmaterials in einer Sammlung abrateu läßt. Alle übrigen Nationen, insbesondere die nationalen Minderheiten, haben bereits die diesbezüglichen Akten veröffentlicht oder deren bevorstehende Veröffentlichung anaekündigt. Diese Akten bilden für ihre Politiker unschätzbare Behelfe in ihrem Kampf um ihre Minderheitsrechte. Die jüdischen Politiker, Jawohl die in den verschiedenen Bertretungskörpern aktiv tätigen als auch die publizistisch wirkenden Politiker, sind aus die. Kenntnis dieses Materials angewiesen. Wohl gibt das Komitee von Zeit zu Zeit Berichte und Bulletins heraus, doch sind diese nur sehr wenigen Personen zugänglich und entsprechen nicht dem oben bezeichneten, stark empfundenen Bedürfnis. Ue'brigens erlaube ich mir, der Meinung Ausdruck zu geben, daß das Pariser Komitee auch die geeignetste Stelle wäre, um die Vermittlung zwischen den verschiedenen bereits bestehenden jüdischen Informationsstellen und . gleichzeitig die Schaffung eines interstaatlichen Verbandes jüdischer Informationsstellen im Sinne der Anregung von „Historicus" in die Hand zu nehmen und durchzuführen. Genehmigen Sie usw. ' Krakau, den 15. Juli 1924. Dr. P. S. Wo ist das jüdische Kviegsarchiv? Geehrte Redaktion! Während des Weltkrieges wurde ttf Wien ein jüdisches Kriegsarchiv gegründet. Die Leitung wurde damals Dr. Nathan Birnbaum übertragen, und so viel mir bekannt ist, enthielt das Archiv bereits eine ansehnliche Zahl für die Geschichte der Juden in Oesterreich-Ungarn wichtiger Daten und Dokumente. Ich selbst habe von der Front einige eigene Erfahrungen dom Archiv bekanntgegeben, die, wie wahrscheinlich auch die Meldungen anderer jüdischer Frontsoldaten, davon zu berichten wußten, wie aufopfernd wir unsere Soldatcnpflicht erfüllten und auf der anderen Seite, wie wir schon damals im Felde die antisemitische Agitation und den Judenhaß der aktiven Offiziere zu spüren bekamen. Später erfuhr ich, daß das Archiv auf Einschreiten höherer militärischer Stellen beschlagnahmt, jedoch nach längerer Zeit wieder sreigegeben würbe. Was ist nun mit diesem Material des jüdischen Kriegsarchivs geschehen? Es wäre schade, wenn es verloren gegangen wäre. ES könnte als Grundstoff für ein groß angelegtes Zentralarchiv über den An t isem itismu s in Oesterreich dienen und könnte sich in den von „Historicus" in der letzten Montagsnummer Ihres Blattes angeregten Plan, den ich und wohl jeder Jude beherzigenswert findet, einsügen. Hochachtungsvoll Ben no

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