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Wiener Morgenzeitung · 1924-07-20 · Heft 1950 (20.7.1924) · p. Seite 9

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1950 (20.7.1924)
Date
1924-07-20
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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„Was halten Sie vonder Lesterreichs V Unser Berichterstatter hatte Gelegenheit, in den letzten Lagen eirtiH hervorragende Persönlichkeiten unseres Lfftntlichen 'Leben? über, dieses Thema zu befragen und gilbt uns ^folgende kurze Schilderung des Interviews: Ich traf den ausgezeichneten Politiker beim Büfett. M entwickelte sich folgendes Gespräch: I ch: Die BevMerung zeigt für das parlamentarische "Leben einen Wissensdurst, der. . . - Der Politiker: Wissen S', Durst Hab' ich auch.., Ich: Was hört man im Hause? Der Politiker: Ein Lärm ist drinnen, man hört sein eigenes Pfui gar nicht. . * Ich: Welche Etappe der Sanierung haben wir bereits erreicht? Der Politiker: Jetzt halten wir bei Wölkersdorf. Ich: Und unsere Währung? Der Politiker: Das Land ist mit Schillingen überschwemmt. Ich: In'der Stadt sind aber keine zu sehen. Me republikanischen Errungenschaften sollten .. . Der Politiker: In so Judensachen lass' ich mich nicht ein. Ich: Wann durfte die.Eröffnung der neuen Session...? , Der Politiker: So lang' alle Theater zu find, dürfen wir auch gesperrt halten. ' Danrit war die Unterredung zu Ende, die das Bekenntnis Zum Optimismus klar erbrachte. # « Die berühmte BankTapazität traf ich in der Volksküche. Er ließ sich gemde noch ein Gemüse geben. „Eigentlich Leichtsinn", scherzte er melancholisch. I ch: Was halten Sie von der Lage? : Der Bankmensch: Die Gerichte find übertrieben. Ich: Aber die Zusammenbrüche, " Der Bankmensch: Haben ganz andere Ursachen. Es Mtzet eben Me Genemlstvsion zu eßnemeinzigen Institut statt. Ich: Ihre-Plane für die Zukunft? ' Der Bankmensch: Ich schreibe meine Memoiren: Vom Auto bis zum grünen Wagen. - I ch: Me wäre die Situation' zu retten? Der. Bank me nfch: Man müßte zurück zur Devise: 'Die Keinen Diebe hängen und die großen laufen lasten. Er bestellte ein drittes Gemüse, womit die Unterredung jüh Ende war. Auch hier stürmische LebensbejahMg. » *;■ Den Theaterdrrektor erwischte schim Prater. Mit großem Interesse verfolgte er die Produktionen beim „Wurstel", I ch: Immer studieren,. Herr Direktor? •, Der Thegt e r dir e k I o r: Ja, man Huß wieder etwas Armes bringen. Ich: Welche Pläne hciben Sie für die Kommende Spielzeit? . , ' > , . '1". Der Theaterdtrektor: Ich werde wohl das ganze Jahr umbauen. Außer' man erlaubt meine projektierten Box- I ch: Und die Näckitänze,. ' Der TheLter-dürekior: Ziehen nicht mehr, seitdem das Publikum selbst nackt herümläuft. Ich: Dennoch glaube ich, daß Men eine Metropole des Theaters bleiben muß. Der Theaterdirektor: Gewiß, daher der Name Metropolcheater!- Mim, mein Freund! . Auch hier der unzerstörbare Glaube an die- Zukunft. Den Herrn Universitätsprofessor traf ich gerade dabei, wie er eine neue Ankündigung verfaßte, in der die Benützung der akademischen. Bedürfnisanstalten nur nachweis- Ach deutschen Ariern erlaubt werden sollte. Ich: Ist die Krise auf akademischem Boden bereits...? Der Professor: Bei uns gibt es, wenn man alle sich -een Sinnen daMetenden Umstände gewissenhaft und gemäß den Vorschriften des Kulturamtes der deutschen Studentenschaft, erwägt, gleichzeitig aber auch an die verehrten israelitischen Gönner des Professorentisches denkt, kaum so etwas, was Sie mit dem Fremdwort ,-Krbse" zu bezeichnen belieben. Gestatten Sir, daß ich Ihnen die Lektüre... Ich: Ist das ein deutsches Wort? - < Der Professor: Ich werde später beim Kultur amt Nachfragen-., des Büchleins „Sprich deutsch" empfehle. Um 'aber Ihre Frage sinngemäß zu beantworten, wäre es vielleicht angezeigt, sie in ihre Bestandteile zu zerlegen. Bor allem aber ist zu entscheiden, ob ich gemäß den letzten Beschlüssen-des Hochschultages befugt hin, iiber Anschauungen akademischer Stellen auf Anfragen näher Änzngchen, die, wenn sin rich-tig verstanden sein sollen,'ebenso richtig erfaßt werden müssen in Anbetracht hes nicht ganz von der Hand zu weisenden Umstandes, daß die Leser einer Zeitung sich doch nicht so sehr in die gedankliche WÄlt der Mm mrster eiinleben Mneu, die in vielen und sehr wichtigen Belangen von den anderen Dingen, die Staat und Gesellschaft bswegen oder vtelmchrzu bewegenschemen, unterschieden^ sind, so Mr, daß sich bei. näherer Betrachtung das hevausstellt, was man hierzulande und auch anderwärts, wenigstens so weit meine bescheidenen Kenntnisse und, wie ich wohl mit einigem Recht, als Zeuge gelten , zu dürfen, hinzu- Gangzum Grabe Herzls. Die Anovdrmng des Zionistischen Larideskomitees für die heutige Feier. Das Zionistische Landeskomitee teilt mit:' Anläßlich, des 2V. Todestages Theodor Herzls wird die Wiener Judenschaft durch eine Mrsfenbeteiligung am Gang zum Grabe das Andenken des großen Führers ehren. Der! Gang findet heute den 20. Juli statt. Jede Bezirkssektion, jeder.Sonderverband und jede Föderation hat beim Gang'mit'einer Auffchrifttasel zu erscheinen. Die Leitung .des Zuges hat das MitMed des Zionistischen Landeskomitees Herr Paul Fisides inne. Die Leitung der Sammeltätigteit für den Keren 5dajemeth ruht in den Händen des Herrn Karb Glaser. ' . I Die Teilnehmer versammeln sich um 9 Uhr früh wie folgt: 1. Die Mitglieder der Aktionskomitees, Landeskoimtees, Parteirates, Mandatare, Lvlalkomitee, Keren Hajestod, Keren Kajemech, Palästina-Amt, akademischer Landesverband sowie die akademischen Verbindungen, die den Zug eröffnen, in der H o.ch f ch u l st r a tz e, gegenüber der Hochschule für Bodenkultur. 2. Turn- und'Spörtverband, zionistische Jugend, Ehakrzim Karl-Ludwig-Platz bis Felix-Mottl-Straße. 3. Bezirkssektionen 1, 2, Prater, 3, Iehuda HalotviPeier- Jordän-Stratze. 4. Bezirkssektionen 4 und 6 Feistmantelstraße (Ecke Hochschulstraße). ' 5. Bezirkssektionen 6 bis 8, 9, 10 und 11 Felix-Mottl- Straße. 6. Bezirksfektionen 12 bis 18 Eottagegasse (Ecke Jelix- Mottl-Straße). 7. Bezivkssektionen 16 und 17 Cottagegasfe (Ecke Hasenauerstraße). 8. Bezirkss'ektionen 18 und 19 Eottagegasse (Ecke Felix- Mottl-Straße). 9. Bezirkssektionen 20 und Zwischenbrücken Blaasstraße 1 (Ecke Hasenauerstraße 32 bis Felix-Mottl-Straße). * 10. Hitachdnth Lannerstraße (Ecke Blaasstraße). 11. Misrachi Lannerstraße (Ecke Blaasstraße). Die AufstellrmgSplStze find durch Tafeln gekennzeichnet. Die Tafetträger der Sektionen und Sonderverbände versammeln sich um 8 Uhr früh bei der Endstation des 40er-Wägens. Sämtliche Ordner und Sammler haben sich nur halb 8 Uhr früh bei der Endstation des 4l)er-Wagens einzufinden. Die Jugendlichen erscheinen in Wanderkleidung mit Kopfbedeckung. Die Weisungen der Ordner, die durch Armschleifen gekennzeichnet sindsind unbedingt zu befolgen. Ruhe üud Dis- Mi« sind zu bewahren. In Anbetracht des zu erwartende« MassenaufzugeS hat auch, wie uns mitgeteilt wich, die Wiener Porrzeidiremon alle nötigen Anordnungen getroffen. Gin starkes Wacheapfgebot wird gemeinsam mit den von der Zionistischen Organisation gestellten Ordnern den Zng regeln und dasSr sorgen, daß Stockungen irgend welcher Art nicht eintrete« können. Es ist demnach alles vorgekehrt, um einen würdigen Verlauf der Feier z« sichern. fügen möchte,' die ebenso bescheidenen Kenntnisse des hohen Senats'und des noch.höheren, stets infaMlen,. sakrosankten Kulturamtes reichen, unter der von Ihnen gebrauchten Bezeichnung einer'Krise zusammenzufassen sich gewöhnt hat...; ., Ich: GM es #! doch eine Krise? Her' Prosessor: Seit wir' zu Hakenkreuze gekrochen sind, kaum. WeniBens nicht im Gesichtskreis des Kulturamtes, ' Ich: Ist es wchr, daß in der letzten Zeit einige junge Gelehrte bloß weil sie.-.. Der Professor: Wir sind nicht gegen die Dozentur von nicht Bodenständigen. Nur von unserer Hochschule wollen wir sie. fernhalten. Ich: Aber die frei« Forschung... .Der Professor: Nach Geldquellen? Ja, das ist etwas anderes. Heil Bösel! Unsere klassischen Bildungsstätten können, wie man steht, der Zukunft getrost entgegensehen. ■ * ,.' Den berühmten Chirurgen traf ich bei einer Operation. Das Gespräch war ganz kurz. Ich: Was halten Herr Professor von der Sanewung? .' , Der b erühmt e Chir u r g: Auch wenn man nichts an einem Patienten konstatiert, müssen dach einschneidende Maßnahmen vorgenommen werden. ' (Welch eine weise Voraussicht!) Den v ölkis ch e n Führer erspähte ich in einem Bierlokal/Er trank gerade noch eins. Er Oies auf seine im Garten spielenden Kinder, die mit Tschako, Hozsäbeln und Gewehren „übten".' Der Aelteste hatte schon eine iKnallPistole. Auf .ein Zeichen des Vaters begannen sie?das schöne Lied: „Wer will unter die Soldaten..." zu singen. ,^ehen Ne", sägte der völkische Heros lächelnd: „Das ist die Zukunft Oesterr ei ch:s!" ■ .; ’ - (Ein solches Land hat wahrlich'nichts zu befürchten!) V : .■■ ■: ■■ AU. ■■ Angenehme Nachbarn. In den E-Wage» der Straßenbahn steig? «im «Astt beleibte und wohlgeschminkte Dame. Stolz schreitet sie «[•; sechs fteien Plätzen vorüber Md wählt den siebenten ndfali mir. Ich fühle mich geschmeichelt, aber nur eine halbe Sekunde lang. Daun meldet meine Raser Parfüm. Selbst der deutscheste Deutsche könnte diesen Wolken md Sturzfluten gegenüber nicht Duststoff sagen. Das Wort Duft ist immerhin noch mit dem Begriff leicht, zerflatternd verbunden. Die Parfümatmosphäre, die meine Nachbarin umgibt, ist schwer wie ein Holzklotz. Ich vermute, daß sie Haar und Gesicht in Kölner Wasser (unverdünnt, versteht sich, wir haben's jq!) gebadet, ihre ^Kleider mit new mown bah übergossen, auf ihr Taschentuch Milles fleurs gespritzt und ihre Hände mit Rosencveme gesalbt hat. Das Ergebnis ist entzüSend, mehre Nase bäumt sich wie eine getretene Ringelnatter. Während ich überlege, ob ich, ohne die Frau ünverdientermaßen zu . kränken, in die andere Ecke entweichen könnte/ werden die freien Plätze besetzt. Der Wagen füllt sich', ich bin festgebannt. Zutraulich rückt die lebende Parfümflasche näher an mich heran. Mein Kopf beginnt zu schmerzen. Da und dort steigt ein Fahrgast aus, , meine Nachbarin weichet und wanket.nicht — es steigen aus dem Leben und Ms der Straßenbahn eben immer die Unrechten aus. Sengende Mttagsglut liegt über bett Straßen. Ich verlasse trotzdem schon bei der Taborstraße den Wagen und' trabe bis zum Praterstern. Die Parfümdame grüßt mich mit einem halben Lächeln und thront weiter auf ihrenr Eckplatz, die Lust mit balsamischer: Düften verpestend, stolz, unbesiegbar, tadellos. Wüßte sie, bis zu welchem Grade ich sie. hasse — Ohren und Nase sind' die. ödsten Hasser — si^ würde mich vermutlich für wähnsiMig halten und nach der Polizei schreien. Sie hat mir doch nichts getan . nur das bißchen Parfüm... und sie braucht man doch nicht Rücksicht zu lehren, sie nicht... , Meine Hausuachbarin ist, tvie man das genlermglich nennt, musikalisch, das heißt, sie spielt Klavier. Welche Nachbarin? .Jede. Die zur Rechten, die zur Linken und die im Stockwerke unter uns. Wenn "über uns nicht Klavier gespielt wird, so liegt fritä nur daran, daß sich daselbst der Dachboden befindet. Die dort wohnhaften Mäus'lein zernagen zwar gelegentlich' die Lederriemen unserer Handkoffer, aber sie'lassen-Beethoven in Ruhe. Den Insassen der Hochparterrewohnung kann solcher Edelsinn nicht nachgerührnt werden. Denn sie haben eine musikalische Tochter.. Das wackere Mädchen spielt von acht Uhr Morgens bis zwölf Uhr mittags und Würde es für eine arge Pflichtvergefsenheit halten, diese Hebung später als um viertel zwei Uhr wieder aufzunehmen.. Von vier bis' acht gibt es Erholungspause, dMN aber geht es unerbittlich weiter bis zchn Uhr. Teppichklopfen darf man in ünsevem gut gehaltenen Hause nur dreimal in der/Woche, von sieben bis zehn Uhr morgens. Klavierspielen-'darf' man' den ganzen lieben Tag. Und Teppichklopfen ist eine sehr nützliche Beschäftigung? Dabei ist das Navierfräulein noch vbendrei-lr eine lüfthungrige Sttle. Angeblich hat ihr der Arzl empfohlen, nur bei geöffnetem Fenster zu übeir. Ich wünsche ihn in den tiefsten Schlund der Hölle, nein, keine Schonung! ich wünsche ihm, eine Woche lMg zuhören zu müssen. Um das Unheil voll zu machen, ist hie Mufikbeflissene gründlich geartet. Sle spielt die F-Moll-Sonate von Beethoven und den „Frühling" von Grieg und das M-MoU-JmPwmPtu von Schubert. Sie spielt es seit Weihnachten. Wenn fie die drei Programmnummern absolviert hat, fängt sie von vorne an. Die Nachbarin links hat zwei hoffnungsvolle Sprößsinge. Sie lernen seit einem halben Iahe- „Geburtstägsstücke", der Bub ein dveimal verwässerter Aufguß vom Preislied, das Mädel eine Erleichterung der Erleichterung einer Liszt- Rhapsodie. Ich werde nie wieder zu den Meistersingern gehen. , . Der Schn einer Nachbarin ist anerkanntermaßen absolut nrmmsikalifch, daher muß er BiolinfMen lernen. Er ent. wischt zwar mitunter, aber er wird doch wieder zur Lektion eingefanM. Jetzt hat chm der Lchrer das erste. Biotti-Konzert verheißen in der Ferne winkt die „Legende" von'Wieniawsky -- mir bleibt nichts erspart. Im ersten Stoch wird ge« fungen alles, was gut und teuer'ist. Warum soll man sich nicht an Hugo Wolfs un^ Brahms machen, wenn man erstens keine Stimme Und zweitens kerne Ohren hat. In die Sapphisch, Ode klingt das G^-klappn einer Ezerny-Ätiide, die Studentin vom Hochparterre macht hartnäckige, wenn auch durchaus vergebliche Versuche, eine Laute g» stimmen und der erfolgreich« Grün-warenhändler gegenüber «Älärt seine unbeugsame Entschlossenheit, seiner Einzigen zum nächsten DaisoNboginn ein Klavier anzuschaffrn. .Ich fordere dringend dom Nationalrcrt gesetzgeberische Schutzmaßnahmen gegen die MuM-euche. Wie wäre es mit dem Befähigungsnachweis; hier wäre einer der wenigen Fäll':, wo rr Nutzen brächte. Im Wartezimmer d;s Zahnarztes. Ich befinde mich in jenem Zustand der Spannung, der den Versuch, die Wände hinaufzutlettern, überanf, naheliegend erscheinen laßt. Mein« „Vordermänner", die man als Bollwerk gegen die Bohrmaschine und als HinierniL der Endbefreinng ohnehin liebend haßt» sind eine Dame mit einem etwa KvöUährigen, sehr . hübschen Töchterchvn. In Abständen von , vierzig Sekunden sagt das Kind: „Um GotteSwillen! Das ist aber ein-e Sitzung!" Als ich mich nach dem -ersten Dutzend räusperte, bemerkte die Mutter stolz: „Ja, meine Kleine ist eben so lebhaft" und.sah tams Herzls 29.3ult am Gang zu dessen Grabe. Endstation L0er Wagen) TrGuntt: Hochfchulftr.. 8 Uhr vorm. M BSrse verftörtter Straßenbahnvertehr)

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