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Wiener Morgenzeitung · 1924-07-20 · Heft 1950 (20.7.1924) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1950 (20.7.1924)
Date
1924-07-20
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. IM •Ar-- Wstn, SoMtag Wiener Morgeyzertuns. 1924 mk% S E I FE N BLX T T C EN Trikotseide behält ihre blendende Farbe beim Reinigen mit IXX, Ein Reiben aller farbigen feinen Stoffe, wie es durch das Waschen derselben mit gewöhnlicher Seife bedingt wird, beschädigt die Farben und nimmt ihnen den Glanz. Bei der Verwendung des weichen Schaumes, der durch Auflösen der über die ganze Welt geschätzten MJX-Seifenblättchen gewonnen wird, wird ein Reiben überflüssig gemacht, weil . dieser den Schmutz von selbst aus den Seidenfasern herauszieht. IAJ X ist wieder in allen einschlägigen Geschäften erhältlich. Beachten Sie genau die Waschybrschrift auf den Originalpaketen. i MMMMMMMpl Plane. Völlig gefangen jedoch nahm ihn seine Idee, das Judentum auö seiner Bedrückung zu erlösen. Zu diesem Zwecke erivarb er mit Hilfe einiger Freunde im Staate NeM-Dork in der Nähe der Stadt Buffalo, am User des Niagara die 13 Kilometer lange und 5 Kilometer breite /Insel,Mvand Island". Auf diesem Flecken Erde wollte \wc die „Heimstätte Ararat" gründen, in welcher die /Kchen unter der Souveränität Amerikas ein völlig auro-!noMes Leben führen sollten. Die Regierung in diesem Ju- MNfÜaat wollte Noah selbst in Händen behalten, begnügte sich dabei allerdings mit dem bescheidenen Titel eines ,Mchters". Der^ Plan Noahs wuchs inzwischen immer mehr ins PhaartaiMche. Er träumte von einem 'Judenstaat, während Mne Insel kämm 10.090 Einwanderern Platz zu gewähren vermochte. Im September 1825 wandte sich Noah „an alle Juden der Welt" mit einem Aufruf, in dem es hieß: ,^ch, Mordschai Manuel Noah, Bürger der Bereimgten Staaten von Nordamerika, . vormals Kvinsul in Dunis, Sheriff von New-HM und von Gottes Gnaden Richter in Israel, mache allen Juden der Welt kund, daß fitst sie eine Heimstätte vorbereitet wird, in welcher sie jenes AriÄ>ens, Trostes und des Glückes teilhaftig werden können, ärS Hntzn die Unduldsamlkeit und die Irrungen früherer Jahrhunderte vorenthälten haben. Eine Zufluchtsstätte in mm Lande, das wegen des' Reichtmns seines Bodens und;Wnes gefunden Klimas berühmt ist, in welchem der Weiß, Aufmunterung findet und die Treue belohnt wird. Ein Land, w dem Mich und Honig fließt, wo Israelbei feinem Wemstock und unter seinen Wigenbäumen in Moden leben kann und wo unser Volk, nachdem es die MDmschast der Verwaltung und die Segnungen der ZivilliEabion kennengekernt haben wird, in der Lage sein wird, fernen alten Platz wieder eiuzunehmen." Hievauf folgte die Beschreibung der Insel und dam: der foHlg ende Satz: / Ät Namen Gottes stelle ich die jüdische Nation unter dem.Schutze der Verfassung und der Gesetze der Bereinigten Staaten wieder her und rufe sie zu neuem Lcherrl" Im werteren Verlauf des Aufrufs „befiehlt" Noah den RaMmern und Vorstehern aller jüdischen Gemeinden, BoWtzWungen drwchAuführen und die Auswanderung der Juden — besonders der jungen — zu fördern. Der Staat war noch, : nicht gegründet, 'aber schon erläßt Noah als sein Regent an die Fäden in Asien und Afrika ein Verbot der Dielwsiberei und dekretiert die strenge NeukvMtät im damaligen MMfch-g-riechis chen Krieg, und Hiav „uvrt Rücksicht aus die bedrückende Lage der unter dev .Herrschaft der Hohen Pforte' lebenden Juden". Er wrfit auch.sofort eine Kopfsteuer von' drei Silberschekel oder einem, panischen Taler' pro Jahr «aus. Nach feinem VevfaffungsentwUrs soll der an der Spitze des Fudenftaates stchewde. Richter vom Pariser ZentvaKoNsistovittM ernannt werden. Als Vollstrecker des Planes werden von Noah nominiert: der Pariser; Grand-Rcibbin Abraham de E o l o g na, die Rabbiner von Bordeaux und - London, ferner der Präsident des Berliner. Kulturvereins Eduard Gl ans (der, nebenbei erwähnt, im selben Fahr die Taufe MhM), der jüdische Gelehrte Z u n z und andere. Sämtliche Zeitungen Amerikas urrd Europas ver- Mentlichten damals den sensationellen Aufruf. Er würde Merall mit Mißtrauen, geradezu feindselig ausgenommen. Der Gedanke dev Wiederherstellung,; Errichtung einer solchen Art jüdischen Staates 'mid der Ton des Aufrufs machte viele stutzig.' Der Oberrabbiner von Frankreich, Cologna, beeilte sich auch, im eigsnett Namen und im Rainen des GroßvaMners von Lortdon, die ihnen zugedachte Rolle zurüHuweifM, weil sie es nicht'für zulässig ^teu, daß bezüglich der Erlösung deS/ ^IÄentumS den Wsichten Gottes vörgreife und die? Glaubenst schon jetzt ans jenen Landern hevausreiße, in dmen sie „unter guten Regierungen Frieden und Freiheit genießen." Das hebräische Wochenblatt der Wiener jüdischen MMnttlet.^DiRwe - Ha-ittm" fertigre den AufüH NÄhS mit etmv beißend twüischen GWe ab. Der Staatengründer Nöah ließ sich jedoch weder durch 'die Kritik noch durch Spott Abschrecken. Am 15. September 1886 fand die feierliche Grundsteinlegung des neuen Staates statt. Die Feier ging in der Hauptstadt der von Noah erworbenen Insel „Grand Island", in A r a rat vor. sich. Die geladenen Gäste und eine große Masse Neugieriger versammelten sich in der Stadt Buffalo. An der Spitze des-Zuges, dem. sich Militär, die'Vertreter der Behörden, der Geistlichkeit und der Freimaurerlogen angeschlossen hatte, schritt in rotem Samttalar Noah, „der Richter ' von Israel". Seine Brust schmückte eine wunderschöne Medaille. Unter Musik- und Gesang zog die lange Prozession in die christliche Kirche ein, wo der Grundstein der Stadt Ararat bereits ausgestellt war. Ter Grundstein trug die oben zitierte Inschrift. Der protestantische. Geistliche sprach ein Gebet, ein-Chor trug Psalmen vor und Noah hielt eine große Rede über die Wiedergeburt Israels in der Neuen Welt. Mt dieser Zeremonie war auch das Unternehmen zu Ende. Die Stadt Ararat wurde niemals aufgebaut, und der Grundstein liegt auch heute noch im Museum der Stadt Buffalo als Erinnerung an einen, unerfüllten- Traum. Kein einziger Jude hatte sich nach^Aramt gemeldet, wo Noah als Richter von Israel über 10.600 Untertanen hätte herrschen sollen. . Noah wirkte noch lange als Publizist,/ Politiker und- Philanthrop. Er verfaßte auch einige Theaterstücke, die auf der Bühne erfolgreich waren. Wer seine fixe Idee der Gründung eines Iudenstaates in. Amerika hielt ihn bis an sein Lebensende gefangen, obgleich er bloß einige gutmütige Nichtjuden fand, die seinen Ausführungen über die grandiose Idee lauschten. - Von Egon Dietrichstein. Bon Mailand führt eine kleine, eine sehr kleine Dampftramway nach Gorgonzola. Die Fahrt ist lein vergnüglicher Ausflug, die drei Waggons sind überfüllt mit Arbeitern,' die Fensterscheiben fehlen teilweise oder ganz und außerdem hat die scheinbar so bescheidene Dampfmaschine eine das Trommelfell irritierende, schreiende Art, sich lärmend und höchst unangenehm bemerkbar zu machen. Gorgonzola steht keineswegs 'weltberühmt und International aus. Es hat alle Qualitäten eines kleinen, italienischen Dorfes. Dieser Ort der weitverbreitetsten, in. allen Ländern bekanHen Meart, ist vor allem höchst unappetitlich, und es wird sich empfehlen, wenn man ein Freund von Gorgonzola, den' so richtig als „Flecken" bezeichneten Ort lieber nicht zu besuchen. Die paar Gassen schwimmen in einer, schwarzen, morastigen Kotsance, sie überschwemmen das Geleise der' Dampftramway und man wundert sich, daß sie' ttt: dem verkehrshinnerlichen Schmutz nicht stecken bleibt. Diese Verkeh rsanläge gezeichnet die- Hauptstraße des' Ortes, obgleich sie keineswegs hauptsächlich aussieht; wenn nicht gerade: die Lokomotive mit ihren leuchtenden Augen durchfährt, ist die Straße schwarz wie ihr kotig aufgeweichter Boden. Die Kinder Gorgonzolas warten den ganzen. Tag auf das seltene Vergnügen, die Bahn mit Geschrei-zu begrüßen.^ Und die Lokomotive antwortet, indem sie'zwei ohrenzerreißende Trompetwschreie ausbläst.' Dann zieht 'sie bedacht davon. . \ ' Außer diesem Verkehrsmittel, das einer - belgischen .Gesellschaft gehört, die mit > dem Reiseverkehr' zur Käsestadt schlechte Geschäfte macht Wd sich daher bemüht,, die drei Waggons der Stadt Mailand anzMängen, zählt zum.stolzen Besitze des Ortes eine übep seinen geographischen Umfang hinällsreichende Zahl von 1 Bars,. Kantinen, Kastanstn- ' bäckereien, DelikatesstuhandlrWen, von denen eine auch-die amtliche Ausgäbe der Bahnbilsttte besorgen muß, eine AnderbelvahraNstalt, eine Kirche, ein Mediziner und, Advokat, eind Knäben-' und-Mädchtznschüle, die in-einem weißest, sehr respektablen Hause untecgebracht ist, ein Postamt, ein paar -grüne Landvillen und was sonst-noch zu einem friedlichen Leben der Landbevölkerung gehöct.Kanülwasstr, trWe. und dustkül. in dem die Kinder' und HsiusetMtmern ihre - Füße baden, zieht sich bassinartig hin. Das ist die italienische , Riviera Gorgonzolas, das Wasser scheint- -vor .allem .dazu angelegt,' um, die schmutzige Wäsche.des Ortes äuszubaden,. die dann an den verschimmelten, scheckig verfärbten,, bröckelnden Mauern' der Häuser ausgehängt..wird, die dem gelbgrünen, von Pilzen und Krautern' durchsetzten Käse, der gleichfalls in die verschiedensten Färbungen übergeht, so ähnlich sehen.'. ..... .; Es gibt, sehr ehrenwerte, ernste Menschen, die zu einem ganz unberechtigten, unmotivierten Lächeln herausforderst, Menschen, die als komische Figuren, als drollige Originale, über die man sich mokiere,- umhergehen, obgleich sie d:e Heiterkeit gar nicht, verdienen, Gorgonzola hat das Schicksal dieser Leute. Der Ort ist weltberühmt geworden durch feine Delikatesse. Das würde allen Respekt und Hochachtung begründen. Dennoch lächelt man erheitert, wenn man die höchst ernsthaften Plakate an den Häusern liest, die eine politische Partei propagandierendiese'-Amtsedikte und Verordnungen. Sie tragen einen seht großen und würdevollen Stempel und. unter diesem Stempeldruck steht mit fettgedruckten Buchstaben: „Gorgonzola!" . . . . . . „Gorgonzola!" Ein Name, höchst schmackhaft und.ch renvoll und dennoch - die' Würde der! amtlichen -.Aufschxrfwn. verringernd und ms Drollige herabsetzend. Bergson hat über die Ursachen des Komischenphilosophiert und Gorgonzola würde, in seine Analyst'gehören. Man lächelt und'weist nicht weshalb.' Der Gorgouzolest weiß-, aber 'nichts Won stimm heiteren Eigennamen und von seiner drolligen Eigen- -schaft. Dieser einfache Dörfler scheint seine Beziehungen , zur internationalen-Welt nicht zu kennen,-. In den Delikatessenhandlungen Gorgonzolas liegt neben anderen Waren auf einer Schüssel der hohe Kuchen — gelb mit-grüner: Ornamenten — und durch dieses Fabrikat ist der Ort, sonst nicht mit besonderen - Eigenschaften -ausgezeichnet, bekannt geworden. Der Gorgonzolest ist weltberühmt und es gibt auch andere Menschen, andere Zelebritäten, und- - Kapazitäteu, von denen man ähnliches behaupten kann. Ueber Gorgonzola kann man-noch sggen, daß sein Name eine kleine/zumindest eine geographische -Hochstapelei ist. Tenn, wenn man es-mit der Geographie sehr genau nimmt, muß nmn stststellen, daß der Käse nicht in Gorgonzola erzeugt nmb, sondecn m einem kleinen.benachbarten Ort, einige. Minuten entfernt. Die -nächste. Station ist eigentlich! die -Käsestadt: Villa de Fomani. Hier srrck die. Fabriken etabliert, die den Weltmarkt mit Gorgonzola versorgen; nicht, so ausgeb reitet wie der Ruf, bescheidener als man. vermuten würde. Bescheiden vor allem an der, Zahl. Zwei Unternehmungen sind die Geburtssiäsie des Gorgonzola. 1 Er selber ist allerdings interessanter, und komplizierter als man ihm ansieht. Es . gibt Feinschmecker, Gorgonzolaspezialisten, die alle seine , raffinierten. Eigenschaften entdeckt haben. Ein- Mann auf - der Bahn, ein Kunsthändler, der zur Käsestädt fuhr, erklärte mir, daß 'man den Gorgonzola nicht verstehe, nicht zu essen verstehe. Mittelalt, sagte er, tauge er nichts, ganz jung, weich, oder ganz alt, scharf und bröcklig, das seien die richtigen Gorgonzola-Jahrgänge. Den Gorgonzola auf Brot zu streichen, sei eine Barbarei. Der Gorgonzola müsst selbständig genossen werden. Und' dann wurde der Gorgonzola-Sachverständige intim, zwinkerte mit den Augen, legte mir die Hand auf die Schulter-und flüsterte, als . würde er das Geheimnis der Seligkeit verraten: „Folgen Sie dem Räte des' Freundes, essen. Sie nur.ganz alt. . Dann stieg er aus und watete im' Schlamm zur Kästfabrik. . Ich nehme, diese. Gebrauchsanweisung als wertvolle Erinnerung an Gorgonzola mit. An das Dorf, das so-bezeichnend „Flecken" heißt, mit seiner morastigen Eistirvahn, mit seinen schmuHigen Häusern, die durch ihr Alter nicht besser geworden süü), die schwarzen Kinder, die mit der , Dampfmaschine um die Wette laufen, bis das-letzte Haus von Gorgonzola ihren Wettlauf frühzeitig beendet. Gorgonzola. . . es steht nicht auf der großen Landkarte, aber.er. steht auf den ganz kleinen italienischen Speise^ karten/ Und vstMcht liegt darin die kölnische Pikanterie des Ortes ,. - , .

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