Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1947 (17.7.1924)
- Date
- 1924-07-17
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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.Gißt I DmmerMg y „ »s dienet Motgenzettu«-. „Die Lösung der Zudeufrage." Stur kn Wen verteilte Schandschrlft. - „Wo Steine nicht zur Hand find, dort KnSphel verwendet werden." An Wüm und Österreich -wird getzewwartvg u-nter feix Gche» der Behörden in tausenden von Exemplaren eine Schmutzschvift verteilt^ die schon in ihrem Titel «ihren Ziveck verrät, der Vurs in die Worte zusammengesaßt werden kann: AuswtiMtz des Judentums durch eine generelle Todesstrafe über die Juden. Der langatmige Titel dieses Sudelpamphlets lautet: „Die Lösung der Judenfrage auf der Grundlage des von den Juden mit Jehova (ist gleich Gott) geschlossenen und beeideten Bundes dürch die bei diesem Diilaß auf sich herabbeschworeuv Tode Astrase." Ms Verfasser zeichnet SadAlavS Adam N. Olschowh, römisch-katholischer Christ. hWe man nur den Titel und das auf 47 Seiten hingeschmierte Gefasel und den römiisch-Eatholischeu Christen 8. Ät. N.' Olschowy vor sich so Würde man sich vielleicht damit abstnden Vnnew, daß man es mit einem unschuldigen Irrsinnigen zu tun habe, und mau könnte dann höchstens die natürliche Forderung stellen, den gemeingefährlichen Narren in eine Heilanstalt zu sperren. Aber Olschowh ist kein von einem Wahn besessener Irrer, sondern, wie er selbst zugibt, ein bewußter Verleumder, ein Betrüger, der die gesamte nichtjüdische Bevölkerung durch eine Druckschrift Zum Massenmord gegen die Juden sufreiigt und den breiten Volksschichten den Glauben beizubringen sucht, daß die Ermordung der Juden nicht nur keine strafbare, sondern eine gottgefällige und daher auch von den irdischen Behörden nicht vevfolgbare gut christliche Tat sei. Au dieser Ueberzengung gelangt man, wenn man die wichtige Bemerkung des Verfassers dieser Schandschrift kiest: ,-Vorliegendes BeloeiLnmterial wurde der geprüften Thrwah Dan Eß-Bibel), dem Thalinmd Schulchan-Aruk, den Michern der Kabalü, den Protokollen der ,Meisen" von 'Zion usw. entnommen und zusammengestellt." Mt dieser Bemerkung verrat der „römisch-katholische Lhoift" eben, daß er ein bewußter, vielleicht auch ein von einer der cmtisemkrtischen Zentralen bezahlter Betrüger und Mochhetzer ist. Denn alle die von ihm zitierten Quellen wurden in den meisten Kulturstaaten, in Amerika, in England und aitc| in Deutschland, als plumpe Fälschungen, Entstellungen und erdichtete Phantasmagorien gerichtsmäßig enthüllt und die Verbreiter dieser gefährlichen Märchen verurteilt. Das enthebt uns auch der Ausgabe, ans den angeblich sachlichen Inhalt einzugehen und uns mit den: angeblichen Autor mevitorisch an'seinanderzusetzen. Wir rufen nicht gerne nach dem Staatsanivalt und nach der Polizei, wenn es sich um eine noch so scharfe Preßpolemik handelt. Erstens, weil wir die Preßfreiheit als eines der höchsten Guter eines demokratischen Staates selbst Hochhalten, und dann allerdings auch deshalb, weil es wenig Sinn hat, nach dem schützenden Arm der Rechtsordnung z-u rufen, wenn dieser Arm sich immer schwach und schlaff zeigt, so oft e's sich u,m Juden handelt, und wenn, wie setzt, das sträfliche Unheil durch die Verbreitung des verbrecherischen Hetztraklats in tausenden von Exemplaren, nun einmal bereits hat ungestraft geschehen können. Aber nun wird es doch schon ungemütlich, nun kann man doch nicht ruhig bleiben, wenn man sieht, daß in einer Schrift auf 47 Seiten von Seite zu Seite, von Blatt zu Blatt in großen, fetten Lettern «dem Volk in die Ohren geschrien wird, daß „alle Juden sich der Todesstrafe schuldig gemocht haben". „Wo Steine nicht zur Hand sind, dort können Knüppel verwendet werden." Wenn man ferner sicht, daß der Autor sich so sicher fühlt, daß er sich nennt und auch die Druckerei (Ha n sa -B n ch-- d r u ck e r e i, Leipzig, N.) nicht verhehlt: Dann müssen wir Inden doch vor aller Welt die Frage aufwersen: Muß es denn unbedingt dazu, kommen, daß dieses ewige Wühlen gegen die Inden auch seine blutigen Früchte trage? Haben die Behörden bloß die Aufgabe, Inden gegenüber erst dann, nach Pogromen, ihre Pflicht zu tun, um sich dann als unzulänglich zu erweisen, oder ist es nicht eines Rechtsovdnungsstaotes würdiger und staatsmännisch Küger, di« Movdhetze «im Keime zu ersticken»?! Der Massenmord, einmal entfacht, ist noch niemals und nirgends auf die Judengasse beschrankt geblieben . . . Sie geMrdeten Amtrstundeu. Die ,Amtsstunden biilden eine unangenehme Unterbrechung der freien Zeft und sind in vielen Fällen daS Hindernis für die Ausübung eines ordentlichen Hauptberufes. Die Beamten haben nichts Gutes, aber das Unangenehmste sjind ganz bestimmt die Amtsstunderr. Und da kommt noch so ein Erlaß des Herrn Vizekanzlers, in dem verlangt wird, man möge die. Amtsstunden, deren Borhandesein schon ein Uebel ist, obendrein noch einhalten. Was soll man denn eigentlich noch tun? Nicht wahr, einmal in der Woche hat doch heutzutage jeder bessere Mensch irgend eine behördliche Vorladung, in der Regel als Zeuge in irgendeiner Hakenkreuzbubengeschichte oder sonst irgendwie. Dann, kommt Besuch aus Amerika oder <yrs Oberstinkendorf. Em Erbonkel, Kyinkert man dem Herrn Vorstand zu, den rnan schon zwanzig Jahre nicht gesehen hat. Besagter Onkel trifft zu jedem Quartal mindestens zweimal ein. Dann ist wiederum j einmal die liebe Frau Schwiegermrma leider sehr gefährlich, sehr gefährlich erkrankt und, wenn die Zeit kommt, nicht wahr — man ist doch ein Beamter und weiß, was man dem Staate schuldig ist —, geht es halt wieder einmal Lei der holdem Gattin los. Höchstens war es falscher Alarm. Nck, und einmal darf man doch so am Montag auch selbst ein bisserl ma?od sein, hehe, überhaupt, wenn das Vier am Sonntag so gut geschmeckt hat und nachher der gute Original 17er, net wahr? Aber sonst geht man, weil doch die Arbeit das Leben versüßt, fleißig ins Amt, jawohl. Natürlich macht man zuerst ein Blickerl in die Zeitung, dann wäscht man sich die Hände, dann kommt das Jausenpackttl daran, worauf man sich doch unbedingt eine ins Gesicht stecken muß. Na, und dann werden einige Parteien, die schön seit ein paar Stunden warten, höflich, aber entschieden abgefertigt; dann schnell noch einige Unterschriften, worauf es in die Mittagspause geht. Natürlich gibt es auch so, hm, menschliche Bedürfnisse, die einige Zeit m Anspruch nehmen. Nachmittags zieht mm: sich den Rock ans, weil man so schwitzt vom Arbeiten oder von der Hitze. Hierauf wird man. wiederholt „angerufen", gerade, während man. ernstlich beschäftigt ist, die Urlaubsreife zusanmrenzuftellen, so daß man zuletzt noch ein gutes Biertelstnnbchen über die Zeit gearbeitet hat. So ist es immer gewesen, jahrzehntelang, nnd gut ist es gegangen, zum Wohle des Staates. Ihtb auf einmal ist es beit Herrschaften da oben nicht recht: Sie kommen mit einem Erlaß, um an einer alten, österreichischen Tradition zu rütteln. Eingefleischte Gebräuche .und hie Uebung von Generationen kann man nicht so mir nichts dir nichts umsch meisten, bitte schön, das wird sich kein Kollege bieten lassen. Anfstehen werden, sie alle wie ein Mann und gegen diese Vergewaltigung slainmcuden Protest erheben. Man hätte aber nicht so abbauen sollen. Jetzt kann einer nicht alles machen. Der Eingriff in die heiligsten Güter muß energisch zurückgcwiesen werden. Das muß man eben mit aller Deutlichkeit erklären. In diesem Sinne werden die Amtsstnnden weiter eingehaltcn werden. rs. Die KassenbeMde der Gemeinde Men. Gemeinderat Dr. Plaschkes über die Geheimniskrämerei mit den Kassenbeständen. — Die Wohnbausteuer augenomenen. Der Wiener Landtag nahm gestern «ach dem Referat Dr. Dannebergs die bereits von uns ntitgcieilte Erhöhung der Wohnbausteuer an. Der Referent begründete die Erhöhung mit dem Ausfall von 280. Milliarden Kronen jährlich, den die Gemeinde durch das neue Abgabenteilungsgesetz erleidet. Dieser Ausfall müsse durch die Erhöhung der Wohnbausteuer gedeckt werden, von der ungefähr 18.000 Gcschästslokale nicht betroffen werden, weil sie ohnehin schon fasteine Ibprozentige Erhöhung bisher zu zahlen habe«. In der sehr sachlich geführten Debatte wies der Wortführer der Christlichsozialen, Gemeinderat Kunschak, darauf hin. daß es fraglich sei, ob die Gemeinde mit ihren gefüllten Kassen es nötig habe, die ausfallenden 880 Milliarden durch eine Erhöhung der Wohnbausteuer zu decken. Er erklärt schließlich, aus finanz- und vevwaltungspolitischen Gründen werde seine Partei gegen die Vorlage stimmen. Er beantragt die Rückverweisung. Rach Kunschak stellten einige seiner Parteigenossen Zn-! satzanträge, welche Erleichterungen in der Handhabung des Gesetzes bezwecken. Hierauf ergriff Dr. Plaschkes das Wort nnd führte unter anderem aus: Die Wohnbausteuer als Zwecksteuer ist unter der Voraussetzung geschaffen, daß ihr gesamter Ertrag dem Wohn ungst a u, der einzigen Möglichkeit zur Linderung der Wohnungsnot, zugewiesen wird. Der gute Zweck dieser Steuer rechtfertigt ihre weitgehende Forderung, aber nur dann, wenn sie Ausgaben für den städtischen Wohnungsbau nicht anders bedeckt werden könneri. Daß ich für die A uf r e chte rh aItun g des Mieterschutzes biu, habe ich wiederholt betont, daß aber die gnnst'gen Wirkungen 'des Mietengesetzes durch Abgasen der > Sozialdem.'kraten praktisch verschlechtert werden, das; aie gc-! schützten Klei n wohn:t n g e n von der sozialdemokratischen Mehrheit o e 11 e u e r t werden, und zwar ohne Not. sas ist j tief bedenklich. Die Bein st u n g der Bevölkerung jm heutigen Zustande, uruer dem Einfluß der schrecklichen Wirtsch.rftskrift, ist an sich gefährlich, entschieden abzulehnen vom GestchrsMkr, daß die Gemeinde nach Überzeugung weitester Kreis« der L-essenftichkeu die D e cknngs möglich keil für die 278 Milliarden in ihren Kassen besitzt, .daß Herr Breitner geradezu im Geld schwimmt, welches er G e to e r b e, Handel nnd I n d u st r i e s ck on u n 3 § I o l aus de n K n o ch e n s a u g t. Vorsichnge Beurteiler der städtischen Finanzen berechnen die 5lassenbestände mit 1,5 Billionen, das sind 1500 Milliarden, aber auch Schätzungen ans 3 Billionen hört man und liest daron in ichr verbreiteten Tageszeitungen. Was:im Sic mi: Den K.asie:»beständen? Hält Herr Breitncr diese Ge.'.d.>r in 17. IM im , ’, dvr. 194f Mitteilungen aus dem Publikum. 225 RESTAURANT S. BILLET VORZÜGLICHE POLNISCHE KÜCHE Wien, II. Hammer-Purgstallgasse 4 feiner Tasche? Nein, er gibt sie den kapitalistischen 'l'uiern.bmungen, den vonseiner Partei so gehaßten Banke« gegen gute Zinsen. Zst -s gerecht, Handel, Geäverbe und Industrie beim klrinst-'n Verzug 26 Prozent VevzugsKÜrscn anz'üa'ten, -wenn man das Gelv dazu verwendet, um es gegen Wochenodet Monatszinsen anzulegen? Wer kleine und mittlere Betriebe kennt und den Druck beobachtet, den z. B. die Zahlung der Fnrsorgeäbgabo wöchentlich ausübt, der muß es als arg: Frivolität bezKchner. diesen Unternchmungen das Geld zu entziehen, um es in der Eskomptegesellscha st an- , zulegeri. Exekutionen werden geführt, -Ausglerchsversaliren geradezu hervcrgerufen weis der städtische Steuerdruck unerträglich ist. Dis Gemeinde Wien treibt eine Finanzpolitik, der man nachgerade die Gefolgschaft verweigern nrnß. Man spricht von den fabelhaften.Erträgnissen FÜrsorgeadgabe! Nwmand von den öffentlichen Funktionären kann Aus» knnft darüber geben, wie hoch die Eingänge aus dieser Steuer sind. Das ist cm unzulässiger Zustand! Jedes Mitglied der Gemc:ndevcrtre''ung hat das Recht aus Einblick m die Bar-' walnmg und vor allem auf Bekanntgabe >der Kasseubcstände und der Höbe der jeweiligen Steuereingänge. Ein öffentlicher Funktionär, der für dieses Recht nicht kämpft, verletzt die auf Grund seines Mandais übernommene Pflicht. Wir haben daS Recht darans. uns selbst ein BW von den Einnahmen der Gemeinde zu machen, selbst die Entscheidung zu trefj'eu, ab die 250 Milliarden, welche als Ausfall durch das Abgabenteilnugsgejetz angegeben werden, nnr durch Erhöhung der Wohnbau' srruer, durch schwere Zuschläge auch zu den gan^ klemev Wchnungstnieten hereinoebracht werden können oder auch anders gedeckt sind. Ich glaube, die gesamte Bevölkerung har das R e ch t aus restlose Mörung dieser Frage vor der ganzen Oeffentlichkeit, und. Sie verletzen nicht bloß die berechngten Forderungen der Vertreter im Gemeinderrl und Landtag, sie beleidigen die ganze Bevölkerung unnötiger Weise. Kein selbstbewußter, ruhig deutender?R'.'ndatar der Minderheit bars.bei dieser.Sachlage,dem Gesetz seine Zustimmung erteilen. Nachdem noch ein Redner von der Majovrtät geiorocheu hatte, hielt der Referent das Schlußwort, in welchem er, auZführlich die Darlegungen Dr. Plaschkes zu entkräften versuchie. Er motivierte die Geldsammelpolitik für Kostgeldzwecke damit, naß jeder Fmanzreferent flüsfige Mittel brauche. (Zwischenruf Dr. Plaschkes: „Flüssige Mittel wohl, aber nicht überflüssige!") Die Wohnbausteuer sei keine große Belastung der Bevölkerung. Bei der Abstimmung wurde die Vorlage mit den Stimmen der Majorität angenommen, die sümi- I liche Anträge der Minorität ablchnte. Der öfterrekKisch'sranMche FilmkonW. Versailles, 16. Juli. (Hava's.) Die wegen der 6c» ffanntett Filmaffäre verihasteten Oester reicher sind heute nachmittags vom Äniersuchungsrichter en-. vernommen worden. Sie erklärten sich für nichtschuldig, Sie wuvden hewte Über -hre sstevsonalien besragt und werden über das Wasen der Angelegenheit Ende der Wo che in Anwesenheit eines Mitgliedes des Pariser BarveauS, den sie sich zu ihrem Verteidiger bestellt.haben, verhört werden. Nach dem Verhör hatten die üsterveichlschen Filiuärgsten eine Besprechung mit dem Rechtskonsutenteu der österreichischen Gesandtschaft m Paris. Sie kamen mit ihm überein, zu ihrem Rechtsvertreter den Pariser Anwalt Be er zu bestellen. Der Regisseur und der Operatur, beide' Oesterreicher, werden morgen mit den zwei'Artisten der Maasie Hall, die hei dem FiAr mitgewirkt haben, konfrontiert werden. Cs ist wahrscheinlich, daß nach dem Abschluß der Konfrontation der' Rechts'heistand der Verhafteten das Anlsuchen stellen wird, sie gegen Erlag einer K a u t i o u auf freien Fuß zu setzen. kin Autounfall Louis RothschiUs. Der Kammerdiener Mlich verletzt. Aus Ü e i p tt t k (Mähren) wird uns berichtet t Der llbe? deS Wiener Bankhauses S. M. Rothschild, Louis Rothschild, machte in Begleitung seines Kammerdieners hier eine Auto tour. Unvermutet blieb eine Person vor dem Automobil stehen; um den Mann vor dem Ueberfahrenwerden zu retten, riß der Chauffeur den'Wagen scharf zur Seite; dadurch verlor der Kammerdiener das Gleichgewicht, wurde aus die Straße geschleudert und. durch den Anprall tätlich verletzt. Louis Rothschild und der Chauffeur blieben unverletzt. PeWlle in Saloniki. - Rom, 16. Juli. Nach einer Belgrader Meldrurg sollen .in Saloniki neuerlich sechs Fälle von Buböueu pest vorgekommen und auch in den umliegenden Dörfern und unter den Banden ÄlexandrowS bei Ucsküb verdächtige Erkrankungen verzeichnet worden feilt.