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Wiener Morgenzeitung · 1924-07-16 · Heft 1946 (16.7.1924) · p. [Seite]

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1946 (16.7.1924)
Date
1924-07-16
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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LITERATUKBEILAGE DER .WIENER MORGENZEITUNG* l N ummer 18 ERSCHEINT JEDEN MITTWOCH 16. Juli 1924 ADMINISTRATION. .WIENER MORGENZEITUNG«. WIEN, II.. TABORSTRASSE 1-3 UNSER BUCH DER WOCHE Jung-lndien Recht dÜTftig sind im allgemeinen die Kenntnisse des MitteleuTOpSers vom Osten, vom nahen und vom fernen. Ueber den, Balkan und Vorderasien ist man in den letzten Jahren einigermaßen unterrichtet, mindestens was die politische Lage in allgemeinen Umrissen und die Veränderungen der Landkarte betrifft. Vom fernen Osten, von Persien, Indien, China und Japan aiber weiß man nur wenig, wenn man nicht'gerade Politiker mit östlicher Einstellung, Ethnograph oder Kunsthistoriker ist; ein paar mittelmäßige Romane oder oberflächliche Reisebesohreiburigen geben nur ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit. Ani allerwenigsten; aber Hört man im kontinentalen Europa — von gelegentlichen Zeitungsaufsätzen abgesehen — über Indiens neueste politische Gesohiohte,. über die mächtige; indische Nationalbewegung und ihren Führer Gandhi. Romain Rolland, der mutige Vorkämpfer für Völkerversöhnung, hat als erster die Persönlichkeit des Mahatma Gandhi, des Apostel der indischen Freiheitsbewegung, den europäischen Menschen nähergebracht.. (Deutsche Uebersetzung, Rotapfel-Verlag, Eflenbach-Zürich, 1923.) Eine liebevolle, psychologisch durchdachte Biographie, aber nur in Umrissen die Schilderung der politischen und kulturellen Wirksamkeit Gandhis. Rolland hat dies nun selbst nachgeholt. Zusammen mit seiner Schwester Madelaine hat er die wichtigsten Atrfsätee Gandhis aus den für Indien politisch so bedeutsamen Jahren“ 1919 bis 1922 gesammelt' und unter dem Titel „Jungen d ie n“ veröffentlicht, . die ebenfalls im Rotäpfe 1- Verl ag mit einer Einleitung von John H-aynes Holmes, erschienen sind. Dieses umfangreiche Buch ist eine der gewaltigsten und eindruokvol’lsten Manifestationen; des. neuen menschlichen Geistes. Es ist vielleicht das stärkste ethische Werk der Neuzeit und ein Lehrbuch für Völker und Politiker, Gandhi erweist sich als wahrer Staatsmann und Volksmann. Dem menschlichen Fortschritt ist ein begeisterter Vorkämpfer und Prophet erstanden, dem britischen Imperialismus der schärfste Widersacher. Gandhi predigt nicht Gewalt und Waffenanwendung, sondern seine politische Lehre beruht äuf den Methoden von Non-cooperation, Civildesobedience und Noh-violence; letzteres ist der Verzicht auf Anwendung von G e w a l t in Gedanken, Worten und Taten. Den Mitwesen — also auch der regierenden britischen Oberschichte — soll man keine Gewalt antun, sondern „sie Heben und in dieser Liebe erhöhen und erlösen.“ Non-cooperation aber, die Gandhi mit aller Begeisterung predigt, Ist ' das Streben, mit der englisch-indischen Regierung in keiner-Form zusammen zu gehen. Civildesobedience ist die letzte Steigerung der Noncböperation. Wer ihr Anhänger ist, v e r w e i g e. r t allen Gesetzen und Verordnungen, dieJ für den einzelnen und das Volk entehrend erscheinen, den Gehorsam. Weiters aber predigt Gandhi „Swa'deshi“, das ungefähr Selbstgenügsamkeit oder wirtschaftijche Unabhängigkeit bedeutet., In konsequenter Durchführung dieses Programmes empfiehlt Gandhi an Stelle des Gebrauches ausländischer Stoffe Wiedereinführung des Spinnrades und des Webstuhles zum. häuslichen Gewerbefleiß in alleq indischen Familien und rechnet dem verarmten und ausgehungerten indischem Volke vor, daß es, 600 Millionen Rupien im Jahre dadurch ersparen könne. Gandhi trat zum ersten Male in Südafrika als Anwalt seiner bedrückten Volksgenossen auf, aber als anerkannter Führer des indischen Gesamtvolkes erwies er sich erst nach Kriegsende, als es ihm in der Kalifat frage gelang, mosleminische und hindmsti'sche Inder zu gemeinsamem Handeln zu vereinigen. Die britische Regierungskunst wußte nichts Besseres, als ihn, den Reinen und Heiligen, aüf sechs Jahre in den Kerker zu schicken. Mac Donalds Regierung ließ ihn frei, hat aber sorst dem Indischen ^olk in kirnet Weist* Gerechtigkeit widerfahren lassen. Die Forderung Gandhis, die Inder mögen nur „Khaddar“, handgesponnenes oder handgewobenes Tuch tragen, macht auch die britische Arbeiterschaft zu erbitterten Feinden der indischen Nationalbewegung und ihres Führers. Seine Reden aber werden überall mit Begeisterung vernommen und gelesen, Überall dort, wo man hofft, daß die Geschicke der Völker in Zukunft durch Non-violence und durch Ethik bestimmt werden mögen. Dr. Paul J. Di am an t. DAS MODEBUCH Tarzan Tarzan ist bereits so pöpulär, wie die Gärcönne Monfaue, wie der Uridil oder das — übrigens inzwischen erwachsene — Nilpferdbaby. Hemdkragen wurden bisher nach ihm noch nicht benannt, aber das kann noch kommen. Dieser so populäre Tarzan ist nämlich ein englischer Lord, welcher durch ein sehr umständliches Schicksal dazu kam, von seinem Säuglingsalter bis zum 20. Lebensjahre unter Menschenaffen aufzuwachsen. Mit 20 Jahren kommt er ln die zivilisierte Welt der Affenvettern, in der er sich, im Grunde genommen, gar nicht wohl fühlt (was ihm übrigens nicht zu verdenken ist, vor allem deshalb, da Tiere nie mutwillig töten, sondern dieses schöne Vorrecht nur den Menschen Vorbehalten ist). Nur die Liebe zu der schönen Amerikanerin Jane Porter fesselt ihn an flle Menschenwelt. All dies erzählt Edgar Rice Buiroughs in den „Tarzan-Geschichten“, welche bei Di eck & Co. in Stuttgart deutsch verlegt sind; der erste Band „T a r.z a n b e i den Aff en“ hat bereits die 67. Auflage, der zweite „Tarz“ans.Rückkehr in den Urwald“ die 50. Auflage ■ erreicht. Dem dritten Band „Tarzans Tiere“, der demnächst folgen soll, wird sicher der Erfolg der beiden ersten treu bleiben. Denn die „Tarzan- Geschichten“ sind eine trefflich komponierte Mischung von Dichtung und Kitsch, so rücksichtsvoll dosiert, daß sie — wie sagt man doch? — „allen Ansprüchen genügen“ können. Der dichterische Vorzug dieser Bücher ist Tarzans Affen-perlode; manches klingt kiplingisch, vieles aber zeigt Beobachtung und Phantasie in gleich starkem Maße. Ganz ausgezeichnet, wenn auch mit einem Schuß teleologischer Weltauffassung durchsetzt, ist die Schilderung der allmählichen Entfremdung Tarzans von den Affen. zu gefühlsmäßigen Werturteilen. Diese Verschiebung unserer Urteile, die eben so oft unabsichtlich und absiebt» j lieh erfolgt, ist eine der Hauptursachen des Streites und des Mißverstands. Die mit zahlreichen Beispielen aus allen Lebensgebieten belegte Methodologie der Debatte, welche Erdmanns Büchlein entrollt, zeigt uns oft in der humorvollsten Weise als betrogene Betrüger mit dem Wort. Und Recht behält zumeist der, dem der Trug zu Hilfe kommt, der im Worte liegt. Das Wesen der Debatte aber liegt darin, daß wir nicht „eine Ueberzeugung haben, weil wir Gründe haben, sondern wir haben Gründe, weil wir eine Ueberzeugung haben“. Betrachten wir aber neben den Üeberzeugungen, welche den Streit hervorrufen, die Grundlagen des Streites noch näher, so ergeben sich neben, der verschiedenen Wertungsweise noch zwei fundamentale Gegensätze im sogenannten „Standpunkt“. Der sittlichpathetische und der alles-begreifende Standpunkt sind die Gegenpole der Linie, auf welcher jeder Streit tobt. „Schulmeister“ oder „Weltmann“ ist sozusagen das persönliche Leitmotiv streitender Menschen. Im Grunde aber liegt in den großen Erhitzungen der Wortgefechte dennoch viel Kleines und Lächerliches — und diese Dinge hat Erdmann in seinem Büchlein mit verstehendem Auge analysiert. Es ist eine erfreuliche Begegnung. S.-S Paul Ufermann und Karl Hüg 1 in : „Stinnes und seine Konzerne“. 1 $24 Verlag für Sozialwissenschaft, G. m. b. H., Berlin, SW. 68. . - In einer ausführlichen Darstellung, die durch übersichtliche graphische Aufstellungen unterstützt ist, versuchen die beiden Verfasser, die Gesamtheit der Stinnes- Unternehmungen systematisch zu ergründen. Es wird von mancher Seite bezweifelt, ob tatsächlich Hugo Stirines bei seiner weitverzweigten Betätigung auf allen möglichen Gebieten von der Idee des einheitlichen Aufbaues eines großen Wirtschaftskörpers beherrscht.war. Die Verfasser wollen nun einen solchen großen Konzern und seine einheitliche Gliederung dem Leser vot Augen führen. Dies ist ihnen vollkommen gelungen. Eine Unmasse von Material ist in mühsamer Arbeit aus einer Unzahl von Zeitschriften und Tagblättern' .zusammengetragen. Es gehörte viel Fleiß, Ausdauer, Geschick und gründliche Beherrschung der Materie dazu, um dieses gewaltige Material richtig zu verwerten. Wenn auch manche Einzelheit bereits durch die Ereignisse überholt ist, so kann doch das Buch als wertvolle Bereicherung der deutschen Literatur über die moderne Wirtschaftsentwioklung angesehen werden. R—g. Der Eintritt Tarzans in die Menschenwelt und seine Schicksale in dieser hätten, um nicht dem Kitsch zu verfallen, eines satirischen Talentes bedurft, das Burroughs nur in geringem Ausmaße zu Gebote steht. In diesem Teil kommt eine dutzendabenteuerliche Vorstadtkinogeschlchte heraus (wenn ich nicht irre, hat auch schon das Kino nach den „Tarzan-Geschiohten“ gegriffen). Primitive Schwarz- Weiß-Technik wird für die Figuren ausgiebig angewendet. Im Ganzen aber sind diese Bücher ein Wert, wie er sonst unter den Massenartikeln des Buchladens selten zu finden ist. Die Schilderung des Urwaldes und seines Lebens erklimmt selten erreichte Höhen. Auch sonst sind die Geschichten gut geschrieben und — was besonders angemerkt zu werden verdient — gut übersetzt. Beinahe hat diesmal der Modegeschmack recht. Siegfried Schmitz. verlangen Sie von HELLfcR (BUKUM'l I. Bauernmarkt kostenlos! LEBEN IM BUCH Die Kunst, recht zu behalten Schopenhauer, der feststellte, daß das Streiten eine Kunst sei, hat dieser Behauptung eine gallige Methode der Eristik auf dem Fuße folgen lassen; weit amüsanter behandelt die Methoden und Kunstgriffe des Streitens K. O. Erd mann ln seiner soeben Im Verlag H. Haessel, Leipzig, erschienenen Schrift: „Die Kunst, recht zu behalten“. Grund des Streites ist der Trug des Wortes, über dessen Vieldeutigkeit Erdmann bereits früher eine recht gefällige Studie „Die Bedeutung des Wortes“ geschrieben hat. Im Wort steckt bekanntlich mehr als der Begriff, den es zum Inhalt hat; vom Begriffsumfang führen verschwommene Grenzgebiete zum Gefühlsinhalt des Wortes. Die aus Worten zusammengesetzten Urteile nun erfahren gerade durch den Gefühlsinhalt der Worte leicht eine Verschiebung und werden aus logischen Sachurteilen Dr. Rob ertBartsch : „Johann Georg Grasei ,und seine Kameraden.“ (Aus dem Archiv des grauen Hauses, eine Sammlung merkwürdiger Wiener Streitfälle, Heraus- •gegeben vom Präsidenten des Landesigerlohtes Wien. Hofra-t Dr. Ludwig Altmann.) Mit neun Abbildungen und einer Karte. — Preis: drosch. 45.000 oster. K.» Halbleinen 55.000 oster. K. — Rikoia Verlag - A.-G., Wieu-Leipzig« München. 1924, Der Wiener Rechtshistoriker Unlv.-Prof. Robert Bartsch hat es unternommen, ein Lebensbild des heute noch In Oesterreich. Böhmen. Mähren populärsten Verbrecher« hauptmaimes Grasei zu gestalten. Eine mühevolle Arbeit, denn die Akten waren zum Teil nicht mehr vollständigerhalten, zum Teil .in vie en Archiven verstreut. Zahlreichs Anekdoten, Voikssagen, Novellen und Dramen haben Grave! und zum Teil dessen Vater zu«n Heliden. Das wirkliche Schicksal Grusels weist nicht nur in seinem Oesamtverlatrf einen ausgesprochenen Zug auf, es ist auoh reich an spannenden Einzelheiten' und köstlichen Zwtisehenfälien, alle Erfindungen der Sage in den Schatten stellend. 1 * Das Werk erzählt zunächst die Jugendgeschichte Graseis. größtenteils nach dessen eigenen Mitteilungen vor Gericht, schildert dann die gemeinsamen Verbrechen von Vaiter und Sohn und daran anschließend die Laufbahn des Sohnes, der abwechselnd mit verschiedenen Kameraden, unterbrochen durch mehrfache Verhaftungen, die immer wieder zur Entweichung aus dem Gefängnis führen, Einbruch auf Einbruch begeht und dadurch die ganze Gegend unsicher macht. Je gefürchteter Grasei wird, desto unsichererwird er selbst. Verschiedene Versuche, einen ehrlichen Erwerb zu ergreifen, scheitern, bis er schließlich ahf höchst romantische Art von einem geriebenen PoltzekHemer ins Garn gelockt und verhaftet wird. Die Darstellung des Prozesses und der Hinrichtung» bed der Grase! eine wahrhaft heldenhafte Haltung' bewahrt, schließt das Buch. •Bel der Fülle des Stoffes, Grasei hatte nicht weniger als 205 Verbrechen begangen, konnte der Verfasser nur' edne Auswahl bringen, und auch das, was er bringt, ist in die knappeste Form gegossen. Dem Buch sind zahlreiche Bilder (iPortralts und» Örtsansiohten), in denen; Grase! gehaust hat, und ein ausführliches Personen- und Ortsregister beigegeben. Zahlreiche Anmerkungen, in denen sich der Verfasser mit den Quellen kritisch auseitiänderseflzti, geben dem Buch auch einen wissenschaftlichen Wert. Man liest das Buch wie einen fesselnden Roman in einem Zuge! DER WOCHE STETS BEI Wilhelm Braumüller & Sohn Wien, I. Graben 21 JdäcbeM BRAUCHST DU BÜCHER, GEH ZU LÖWIT WIEN. I. ROtENTURMSTRASSE 22

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