Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1943 (13.7.1924)
- Date
- 1924-07-13
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2979076-2980834-2981026--19679-3006845- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 1943 Wen, Sonntag Bai sind Dr. Hofff bauere Entf ettungstabiefcsn , TonbesterWlrlcung, angenehmen Oesdimack, vollatändltc unschädlich. Kein DiStewang oder Aenderunz der Lebensweise, prompte Gewichtsabnahme Kain« Schilddrüse 70s Kein Abführmittel! Apotheke H. Bayer, Wien, I. Wollaelleis Zwei Leben. /! Von Julius Vertessh. „Welche Manie hat dieser Kranke?" fragte ich den Arzt hi traurigen Hauses der. lebendigen Toten, auf einen ungefähr vierzig- bis fünfzigjährigen Geisteskranken mit aufgeounsenem Gesichte und gläsernem Blicke deutend, der, die Arme auf der Brust verschränkt, mit zusammengerunzelter Stirn vor sich hinstarrend, fern von den übrigen Gefährten einsam auf einer Gartenbank saß. „Dieser? Der wartet auf fein zweites Lcken. Er wird es dir selbst erzählen. Er ist auch schon aufgestanden, er kommt auf ms zu." „Mein Kompliment, Herr Doktor," rief der P-atient dem Apzte zu und schüttelte kräftig seine Hand. „Glauben Sie also noch immer, es mit einem Verrückten zu tun zu haben?" Keineswegs! Sie haben eine Nervenkrankheit, eine leichte Nervenkrankheit, das ist alles; Sie müssen sich aber noch weiter behandeln lassen, damit Sie gänzlich geheilt wecken." „Ich bin also nicht verrückt, und das hier ist keine Irrenanstalt? Gut, ich glaube es, wenn Sie es wünschen — obwohl ich weiß, daß Sie mich für verrückt halten und daß dies sine Irrenanstalt ist. ZHÄer mir ist das ganz gleichgültig, so wie mir in diesem Leben alles gleichgültig ist. Dieses Leben, hier vst so nichtig, daß es nicht einmal der Rede wert ist." „Das Leben hier — im Sanatorium?" „Ach was! Das ganze irdische, lumpige Dasein, das man mit „Leben" bezeichnet, nur in Ermanglung eines besseren -Ausdruckes. Ich kann kaum erwarten, daß es zu Ende sei. Ich bin es schon zu Tode überdrüssig und wünsche nur, endlich doch zu sterben, um mein zweites Leben zu beginnen." „Aha, ja, . Ihr zweites Leben." „SG&er, warum tun Sie so, als wüßten Sie, wovon ich spreche? Ihr sogenannten Klugen, die man nicht ins Irrenhaus sperrt, habet keine Ahnung davon, daß es auch ein zweites Leben gibt. Das kann man auch nicht wissen, daran ltznn man nur glauben." ,>Auch ich glaube an eine andere Welt." „Unsinn! Sir glauben, Latz Ihre Seele auferstchen wird. Nicht tmchr, das glauben Sie? Ich pfeife auf die seelische Auferstehung. Ich will körperlich nochmals leben und ich werde e8 auch. Ich werde auferstehen, aber nicht so, wie Sie und die anderen verrückten Tiere, die hier gut gelebt haben und denen hier alles geglückt ist. Nur wir werden zu einem glücklichen zweiten Leben auferstchen, die wir das erste Leben hindurch gedarbt haben; dir wir hier nicht das werden konnten, was wir gerne geworden wären, wir, die wir hier unser Ziel nicht erreicht haben. Nur uns wird bas zweite Leben Entschädigung bieten. Ihr. die ihr hier euer Ziel erreicht habt, ihr wecket erst im zweiten Leben darben. W es irgendwo und irgendwann denn doch eine Gerechtigkeit geben mutz." Der Dokwr entschuldigte sich, da er s>wr übrigen Patienten besuchen müsse, und ließ uns allein. Bor dem Weggehen flüsterte er -mir zu: „Höre ihn nur ruhig an, er ist ein harmloser Narr." ,Ich weiß, was dieser Mensch gesagt hat," sagte nach Weggehen des Doktors der Mann. . „War?" „Sie mögen sich vor mir nicht fürchten, ich beiße nicht. Ich beiße auch nicht. Selbst ihn würde ich nicht beißen. Ich bedang ihn nur. Weil man im zweiten Leben ihn für verrückt halten wird. Und das *4 die Rechtspflege. Darauf müssen diejenigen vertrauen, die hier jetzt darben. * Es kommt der Tag der Gerechtigkeit, die Morgenröte des zweiten Lebens. Nur darf man es nicht übereilen- Wer übereilt, bricht die Brücken unter sich ab. Die Selbstmörder werden, zur Strafe, auch im zweiten Leben nur das sein, was sie hier gewesen sind. Man kann nicht dann sterben, wann wir wollen; das uns bemessene traurige Leben müssen wir ansfülleu, nur dann haben wir Anteil an einem zweiten, schöneren Leben." „Was erwarten Sie also im zweiten Leben?" „Daß ich das werde, was ich hier nicht werden konnte." „Was konnten Sie hier nicht werden?" „Schriftsteller konnte ich nicht werden. Aber im zweiten Leben wecke ich es fein." „Nur deshalb wünschen Sie sich das zweite Lebert?" ,Ich bekäme Sie, wenn Sie das so fragen. Dieses „nur" bedeutet hier „alles". Das größte Glück im Selben ist, ein berühmter, großer Schriftsteller zu werden. Und ich mußte statt dessen Postbeamter werden. Ist das keine Satire?" Haben Sie'etwas geschrieben? Irgendeine große Sache?" habe nichts geschrieben, nur einige nichtige, kleine Sachen, weil Goft so beschlossen hatte, daß in diesem ersten Leben mein Talent nicht zum Durchbruch gelange. Ich hatte welches, aber meine Feigheit hat es getötet. Ich fürchtete mich vor der ungewissem Zukunft, wagte es nicht, mich den Wetten anzuvertrauen, sondern ich blieb am User. In einem rauchigen, stinkenden Beamtenzimmer, das im Winter den einen Vorteil hatte, daß es warm war; und ich hatte mein Brot, mein sicheres Auskommen; all dem getraute ich inich nicht, zu entsagen, um als Schriftsteller nach Pest zu fahren" . „Sie taten auch sehr klug daran."; ' Wiener Morgenzeilrma. _ „Nicht aus Klugheit tat ich, es, sondern weil es über Mich so beschlossen war. Ich mußte den Ruhm wou mir werfen fürs tägliche Brot. Und meine schönsten Jahre vergingen im Amt, in dem elenden Amt, unter ewigen Scelenkampfen, diesen meinen Beruf aufzugcken oder wegen des Brotes in dem Joche zn bleiben? Und ich blieb. Ich beschloß zwar Abend für Abend, mich am nächsten Tage frei zu machen. Aber am nächsten Tage ging ich doch wieder ins Amt. Und so blieb ich ein elender Unterbeamter. Ich versuchte Zu schreiben, doch di? Zeitungen schickten meine Arbeiten zurück. Sie hatten recht. Meine Schreibereien waren ein Blödsinn. Ein Schriftsteller kann nichts anderes sein als Schriftsteller. So ließ ich denn die Anstrengung sein. Ich rechnete damit ab, daß es mit mir in diesem Leben anders bestimmt war. Und nteine Seele, mein Talent vertrockneten zwischen den Ulkten, in dem Loch, in dem Joch. Ich wurde alt, dick, verblödete vor der Zeit. Später begann ich dann auch zn trinken. Attch das ordnet der liebe Gott so an, daß der eine oder andere durchs Trinken sein Abgchen atls diesem feinem ersten Leben beschleunigt, das ihm nicht gefällt. Die Liebe zum Trinken bekommt der Mensch als Geschenk, um dem Leben schneller entfliehen zu können. Als ich mich sodann zu Tode getrunken hatte und man mich nicht mehr verwenden konnte, wurde ich hierher geschickt. Und man tat klug daran. So kann ich mich wenigstens rtchig auf da? zweite Leben vorbereiten." „Wie bereiten Sie sich vor?" „Seitdem ich hier bin, kann ich schreiben. Scheinbar bin ich schon in die Vorhalle des zweiten Lebens geraten. Nicht wahr, Herr Doktor, ich wecke bald von hier fort können?" fragte er den zurückgekehrten Arzt. „Ja, ich hoffe, Sie werden bald geheilt sein." „Dummes Gerede! Ich habe bloß eine Hoffnung, die, bald zu sterben und mein zweites Leben zu beginnen. Ich habe es auch schon begonnen. Ich bringe Ihnen, was ich geschrieben hübe." ■ „Bringen Sie es nur." ,^ch werde sofort wieder hier sein." „Jetzt machen wir, daß wir fortkommen! Denn wenn dieser arme Verrückte seine Schriften herausbringt, können wir ihn nicht los werden, und wollen wir ihn zurücklassen, beginnt er zn toben." „Ein interessanter Fall! Was er erzählt, ist alles wahr, ein Wahn ist nur, woran er glaubt. Auch das ist nicht wahr, daß er kein Talent zum Schreiben halte. In seinen jungen Jahren hatte man ihm eine große Zukunft prophezeit, er aber hat geheiratet, ist Beamter gewocken uwd verkommen. Wahrscheinlich ist der Hauptgrund der, daß er sein Talent nicht entfalten konnte.. Im übrigen macht er es ja nicht mehr lange." „Und welches Glück erwartet ihn in diesen letzten Minuten! Und er hatte auch recht, als, er sagte, daß Gott jeden entschädigt, der hier nicht das wecken konnte, was er gerne gewocken wäre. Aber nicht mit einem zweiten Leben, sondern mit den letzten Augenblicken dieses Lebens..." Und ich gedenke seither oft des armen Verrückten und beneide ihn. Wie gut wäre es auch für uns übrigen Elenden, an ein zweites Leben zu glauben... (Einzig autorisierte Uebersetzüng von Maurus M e z e i.) ' Seile 7 Iud Sütz. Stets und immer ist in der Geschichte der Jude der Sündenbock gewesen, auf den mau alles gehaust hat, was andere gefehlt haben. Verlor irgend ein. Regierungssystem das Vertrauen des Volkes, so waren cs die Inden, die in ihm gearbeitet hatten, die man dafür haftbar macht«, waren auch die leitenden Persönlichkeiten andere gewesen! Wer kennt Nicht jene schöne Novelle „Iud Süß" von Hauff, und wer hat da nicht schon in seiner Jugend voll Abscheu von ejuenr jüdischen Finanzmann gelesen, der Württemberg arg bedrängt und schließlich als Lohn für seine Sünden in einem Käsig aufgeha.ngen wurde! Und doch sagr Hauff am Schluß: „Er mußte nicht sowohl für seine eigenen schweren Verbrechen als für die Schandtaten mächtiger Männer am Galgen sterben". Er bezahlte die Zeche für das, „was hie übrigen verzehrt hatten". Trotz allem aber blieb an seinem Namen viel hängen, und vielleicht dürfte es gut sein, jetzt, wo auch wieder unser Volk für alles und jedes auf dieser Ecke verantwortlich gemacht wird, einmal die näheren. Umstände dieses außerordentlichen. Lebens näher ins Auge zu fassen. Im Jahre 1692 ist Josef Süß Oppenheimer in Heidelberg geboren, lieber seiner Herkunft schwebt ein Dunkel. ES ist nicht ausgeschlossen, daß sein Vater ein adeliger Herr gewesen ist und er das Kind einer verbotenen Liebe, jedenfalls war er ein außerordentlich befähigter Knabe, der in seinem Wesen seine jüdische Abkunst, die von seiner Mutter ans unbedingt feststcht, nicht verleuguete. Sein Verhältnis zur jüdischen Religion war ein lockeres, aber mit Entschiedenheit wies er atu Ende seines Lebens, als man ihn. zur Richtstätte führte, das Ansinnen ab, sich taufen zu lassen. Wollen mit sein Leben ganz verstehen, so müssen, ein paar Worte über die Zustände au den Fürstenhöfen in jenen Zeiten gesprochen werden. Jeder dieser kleinen imb kleinsten. Machthaber wollte in seiner Residenz ein Ludwig XIV. sein, wollte prunkvoll leben und branchie dazu unerhört viel Geld, das geschasst wecken mußte. Jose,' Süß war ein solches Finanz» gerne, er fand immer neue Geldquellen für die Fürsten, in deren Diensten er stand. Das Volk liebte ihn nicht, konnte ihn nicht lieben; aber muhte es den Fürstein nicht mehr hassen, der doch schließlich die Ursache aller Unterdrückung war, d:e mau über die Untertanen verhängte? Das bequemste Mittel, sich .Geld zu schaffen — man wird dabei ^eune.-phöip t: herabgesetzter!. an die Gegenwart erinnert — war das Aus prägen unterwertiger Münzen. Sohatte Süß in den Dieitsten der. verschiedensten Auftraggeber gestanden und zu ihrer Zufriedenheit gearbeitet, als er mit dem Manne in Berührung kam, durch dru erzu den höchsten Ehren emporsteigen sollte und aus dessen Dienst er den schwersten Sturz machen mußte: Karl Alexander von Württemberg. Er war nicht besser und nicht, schlechter als die Fürsten, seiner Zeit, und Süß, der als Fiuanzrat ohne eigentliche amtliche Stellung ihm zur Seite stand, wußte, was der Herzog stets brauchte, nämlich Geld. So gewann er das unbedingte Vertrauen des Fürsten, der-eine Reihe! von Jahren alles nach seinen Ratschlägen tat. Ein großer Machtdünkel mag damals über Josef Süß, gekommen sein, und er mag diese Macht nicht immer zum besten augewendet und das Volk bedrückt haben. Gewiß mag es vorgekommen sein, daß manch alter, bewährter Rat beseitigt wurde, der mit. seiner Meinung nicht hinter dem Berge hielt, und der den Herzog warnte, aber immer glaubte doch .Süß im Interesse seines Herrn zu handeln. Daß er selbst auch einer der reichsten Leute seiner Zeit tvurde, ist chm nicht zu verübeln. Das Hanpteinkommen zog er ans der Pachtung der Münze, aber es ist stets zugegeben worden, daß seine Münze die beste seiner Zeit war. Eine Schande jener Tage war der rücksichtslos betriebene Aenlterschacher. Wenn Süß.-feinem Herrn riet, ein Gratialamt einzurichten, weiljeder, der ein Amt haben wollte, gern noch etwas in die herzogliche Kasse gebe, so konnte später Süß, als mau ihm daraus einen. Vorwurf machen oder sich mit der Landschaft Überwerfen solle." Aber der Schatulle verspürt und daher das Gratialamt, .um die Extraausgaben zu best reiten, aas die Bahn-gebracht; er habe dieses lieber angeraten, als daß Serenissimus Schulden, machen oder ^sich mit der Landschaft über werfen solle." Aber an Süß blieb auch diese Maßnahme hängen.-So suchte er immer neue Einnahmsquellcn 31t finden, und die Wut des gequälten Volkes stieg; aber es war das ganze Svstem des fürstlich-en Absolutismus, das man dafür hätte verantwortlich machen sollen. Süßselbst wußte, wie alle rasch reich' gewordenen Leute — auch in der Gegenwart soll es ja nicht viel anders sein —, von seinem Gelbe keinen besseren Gebrauch zn machen, als daß er ein üppiges Leben führte, sich, einen Hofsta.it hielt und dadurch, natürlich die gequälte Bevölkerung noch Mehr erbitterte. Und wenn man sich auch äußerlich vor der! „hebräischen Exzellenz" tief; verneigte, innerlich haßte man ihn noch um so mehr, weil er Jude war. Ungeheuer viel galante Abenteuer soll er gehabt haben, und er ließ sich auch sonst nichts abgehen, was ein M arm von seiner Stellung in damaliger Zeit sich erlaubte. Darüber aber vergaß er, daß der Jude das niemals darf, was behänderen erlaubt ist. Auch an ihm rächte sich der Abfall von der Sitte der Väter! So ging das Verhängnis seinen Weg. Es kam der Augenblick, wo der H erzog den Juden - nicht mehr braucht^ weil seine Finauztm saniert waren. Inzwischen, wurde ungeheuer gegen Süß gearbeitet, und als der Fürst plötzlich starb, da-war der Augenblick gekommen, wo man dem verhaßten Juden den Prozeß . machen konnte. Nun mußte er für die Sünden eines anderen büßen. Das Verfahren, das man gegen ihn anhängig machte, schlug jedem Rechtsempfinden ins Gesicht. Hier saß ein. System aus dem Anklagestuhl, gewiß ein verruchtes, meuschenquälmdes System, aber der Jude sollte gehenkt werden, der alle diese Dinge nur.ft'ir den Fürsten, in dessen Tiensteu er stand, getan hatte. Ein namhafter'Rechtsgctehrier. der Unluersilätskanzler, Professor Harpprecht, dem man die Akten zur Aeußeruug züschickt«, äußerte sich gutachtlich in dein Sinne, daß mau „auf Grund der bestehenden Gesetze des Deutschen Reiches und des Landes Württemberg den Angeklagteir nicht zum Tode verurteilen könne, mnu solle ihm seinen Raub, solvcit er erwiesen sei, ab nehmen und ihn ans dem Herzogtum verbannen". Harpprecht betonte vor allem, daß, wenn mau Süß den Prozeß mache, dann auch alle Räte iiut> Minister verurteilt werden müßten. Aber was nützte Las Urteil dieses aufrechten Mannes! Wer hätte sich au die Beamten des Staates Württemberg gewagt! Am 4. Februar 1738 mußte Süß den Weg zum Galgen antret-en:-Als guter Jude ist er gestorben, er fühlte sich nicht mit Unrecht als Märtyrer für seine Religiv.n. Als mau ihn -in den' letzten Tagen noch immer wieder mit Bekehrungsoersuchen quälte, da soll er geäußert haben: „Religion ändern, , ist Sache für einen freien Menschen und steht gar übel an — einem Gefangenen." '.! Ans seinem Schicksal ist viel zu lernen und leider wenig gelernt ivorMn. - Dr. MM C o.lt u-