Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1939 (9.7.1924)
- Date
- 1924-07-09
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Buch der Zeit LITERATURBEILAGE DER „'WIENER MORGENZEITUNG' Nrailletl7 9. Juli 1924 ADMINISTRATION, „'WIENER MORGENZEITUNG“, WIEN, II., TABORSTRASSfc 1-3 UNSER BUCH DER WOCHE Deutsche Wirtschaftsfüh rer Es ist schwer, die Wirtschaftsentwicklung Deutschlands in den letzten zwanzig Jahren, zu studieren, ohne auch seine Wirtschaftsgrößen einer gründlichen Betrachtung zu unterziehen. In keinem Lande hat das persönliche Moment in der modernen Wirtschaftsentwicklung eine so gewaltige Rolle gespielt wie gerade in den letzten Jahren in Deutschland. Es ist nicht leicht, die verschiedenartigsten Individuen, die hier tätig sind, und die es verstanden haben, sich hervorragende Stellungen nicht nur in der Wirtschaft Deutschlands, sondern auch in gewisser Hinsicht im internationalen Wirtschaftsleben zu sichern, gründlich zu erfassen. Es gehört dazu die gründliche Kenntnis der einzelnen Individuen und der vielgestaltigen Charaktere dieser, um sich ein Bild über die Wirtschaftsindividualitäten zu machen. Der Volkswirt des^ „Berliner Tageblattes“, Felix Dinner, hat sich dieser Auigabe unterzogen. Unter dem Pseudonym Frank Faßland hat er in der Berliner Wochenschrift „Die Weltbühne" die Charakteristik der einzelnen Wirtschaftsgrößen in einer Reihe von Artikeln gegeben. Diese Artikel wurden nunmehr zusammengefaßt und sind in einem Buche unter dem Titel „Deutsche Wirtschaftsfü'hrer“ im Verlag der „Weltbühn e“ in Charlotten bürg erschienen. Man gewinnt den Eindruck einer Poträtsammlung, wenn man die einzelnen Seiten dieses Buches durchblättert. Es ziehen alle Wirtschaftsgrößen Deutschlands am Auge vorüber, die in den letzten zwanzig Jahren eine größere Rolle im Wirtschaftsleben Deutschlands gespielt haben. Neben den Industriemagnaten, die schon Generationen hindurch an dem Ausbau ihrer ■ Industriekonzerne arbeiten, die Inflationskönige, die wohl ebenfalls auf fester Grundlage basieren, die Konjunktur der Nachkriegszeit dabei gründlich ausgenützt und gewaltige Gebilde geschaffen haben, deren Grenzen fast unübersehbar sind. Endlich auch gewisse Spekulantennaturen, die unter dem Einfluß der Inflation Mittlerdienste zwischen Industrie und Finanz geleistet und es dabei zu Ansehen und immensem Reichtum gebracht haben. Das Urteil kann naturgemäß nur über diejenigen Wirtschaftsmagnaten abgeschlossen sein, welche schon tot sind. Die Charakteristik der anderen Größen gleicht der Beschreibung eines Stromes, dessen weitere Windungen man unmöglich voraussehen kann. Nie hat sich die Aenderung im Wirtschaftsleben so rasch vollzogen wie gerade in der letzten Zeit; das kommt auch in der Porträtierung einzelner Wirtschaftsgrößen prägnant zum Ausdruck. Es sind Gestalten hier gezeichnet, deren wirtschaftliche Größe seit Jahrzehnten fest fundiert ist und die der Sturm der schwersten Zeit nicht hinwegraffen konnte. So wenn man die Zeichnungen eines Krupp, eines Tyssen, Kirdorf, Stumm,'Henkel v. Donnersmark, der Mannesmanns oder der Warenhausgründer Tietz betrachtet. Andere wiederum, über die in den letzten Jahren gar oft gesprochen wurde, sind bereits verschwunden. Nichts erinnert mehr an sie. Das Schicksal der Dreißigjährigen ist noch völlig ungewiß. Bernhard Dernbürg gehört ebenfalls zu den in der Versenkung Verschwundenen. Bezeichnend ist die Aeußeruttg Pinners, der da den Abschlußstrich dieses Porträts mit den Worten zeichnet: „Dieser Bernhard Dermburg, der ein paarmal so etwas wie Löwenkkuen gezeigt hat, ist schließlich .doch kein Löwe gewesen“. Gut ist die Skizze über Hugo Stinnes, der als ein unruhiger Geist gezeichnet wird, den das Eigeinwohl über das Wohl des Staates ging, der in seinem Patriotismus unvernünftige seiner Politik naiv und in seiner Wirtschaft ein Raffer war. Das System dieses „Organisators der Krankheit des deutschen Volkes“ wird ganz kraß-gemeiselt. Es fehlt kein Strich und ist dabei doch so charakteristisch für diesen Mann, den „das deutsche Volk als seinen Abgott verehrte“, well es in seiner Naivität« persönlichen Erfolg mit Wirtschaftsgrösse der Nation vertauschte. Ehrenvoll wird Albert Ballins gedacht, der die deutsche Weltschiffahrt geschaffen und an seinem Ende ihren Zusammenbruch erleben mußte. Als der „große Antisemjtenführer“ Ludendorff knapp vor Friedensscliluß in seiner Ratlosigkeit weder ein noch aus wußte, da hat, so erzählt Pinner, dieser es nicht verschmäht, den zweiten großen Antisemiten Stinnes zu veranlassen, daß er Ball in «zur Schaffung des Friedens herbeiziehe. Siemens, Hel ff er ich, Havenstein, Reichsbankpräsident Schacht, Fürstenberg, die Berliner Bankdirektoren, Max War bürg, dem großen Börsenfaiseur H e r z f e 1 d, den Organisator der A. E. G. Deutsch und einiger, österreichischen Wirtschaftsgrößen ist hier gedacht! Eine Porträt-- Sammlung der Wirtschaftsgrößen wird liier zu geben versucht. Heute ist sie noch aktuell. Ob sie nicht in kurzer Zeit -.durch den raschen Wechsel der Wirtschaftsereignisse verblassen werden, das ist die Frage; daß er sie aber festgehalten und sie wahrheitsgetreu porträtiert, das ist das große Verdienst, welches sich der Journalist Pinner um die Erkenntnis der deutschen Wirtschaft der letzten zwei Jahrzehnte erworben hat. Dr. M. R-g. zösischen un-d sei sehr schnell, da das Burgtheater nicht' warten kann, von Liebstoeckl überse'lt worden.) Diese kleine Blutenlese, der noch die bildhafte Regievorschritft „das Wort wie eine bittere Frucht zerkauend“ beigefügt sei, die unbedingt nach Pallenberg schreit, ist eigentlich 'der Ausdruck .einer Tragik: sie liegt darin, daß die Tagschreiiberei dem Stil alles Wesentliche nimmt; und soll dann einmal von einer Sache nur das Wesentliche bezeichnet werden, so rächt sich die Sprache furchtbar, indem ste Karikaturen liefert'. Unld wie im Sprachlichen, so ist es auch in der Gestaltung. Das neue Bungtbeiaterstiüdk ist ein Schulbeispiel: Zum künstlerischen Schaffen braucht man Talent, zur Tagschreiberei nur Gewandtheit. Diie aber wird zw Lächerlichkeit, .wenn sie Talent imitieren will. Siegfried Schmitz. verlangen Sie von HELLER f BUK LAU I. Bauernmarkt kostenlos! DAS MODEBUCF Das jüngste Burgtheaterstü Wer andern eine Guillotine gräbt, fahl selbst hinein . . . Plem, plem > . Solche Weisheit kann sehr amüsant sein, wenn sie, mit dem nötigen Pathos zur Hanfe vongeb nacht, in der Moritatweis’ serviert wird. In der Ta-gblattweis’ als Schauspiel aufgeräumt, ergibt solcher iLesebuchkoinflikt eine lebensunfähige dramatische Zangengeburt. Das Schauspiel JDoktor Guillot.in“ von Ludwig W li n d e r (R i k o l a V e r 1 a -g, Wien-tLelipzig), um das es sich hier handelt, wurde vom Burgtiheater zur Aufführung erworben. Man höre, was das Burgtheater aus der zeitgenössischen Dramatik sich zur Aufführung aussucht: Der Chirurg und Anatom Guillotin, ein Gegner der bisherigen Hmriiahtumgsmethodeft, möchte diese verbessern. Da er mit seiner Idee den Henker von Paris belästigt und ihn und einen deutschen Mechaniker beim Musizieren (es wird Gluck [!] gespielt) stört, erfindet der Mechaniker, um den lästigen Patron loszuwerden, schnell die „Enthauptungsmaschine“; sie wird Ludwig XVI. vorgeführt und der verbessert sie. Dr. Guillotih, nach dem die „patente“ (nicht von ihm erfundene) Maschine von den Weibern auf dem Pariser Karussellplatz benamset wird, bekommt es mit Selbstvorwürfen, weil er — man beachte die Schlüssigkeit des Gedankengianges! — hoffte, seine Methode „werde den Mensahen die Lust am Morden nehmen, weil die Maschine so rasch arbeitet, daß der Zuschauer gtar nicht dazukommt, sich an der Todesqual des Delinquenten zu weiden“. Aber „wie habe ich mich verrechnet!“ (So spricht der gute Doktor wirklich; wie hat stich mein ganzes Inneres mit sanfter, alles begreifender Heiterkeit erfüllt, da ich diesen Satz las!) „Meine. Maschine ermöglicht eist den Reivölutionsmännern den Massenmord!“ Zahlen beweisen: „Sie köpft 62 Menschen in 45 Minuten.“ Soll nach solchem Höhepunkt noch weiter erzählt werden,' daß besagter Chirurg natürlich Ahnungen hat, von der Maschine nicht 1-oskommt, seine Frau und seine Praxis vernachlässigt, worauf beide, wie es in der Welt Brauch, anderen- Leuten Zufällen (die Praxis kriegt ein anderer Chirurg, die Frau ein Opernsänger, der überdies raisoniert), daß dann Guiillotin nach der Entdeckung des Dritten sein „Opfer bringt“ und seine Frau der Guillotine ausliefert, aber dann (wer andern'usw.) sich selbst zum Opfer bringt, womit die arme Seel* endlich a Ru ah hat? Zu all dem muß gesagt werden: Die französische Revolution hat viele schlechte Dramen auf dem Gewissen, aber keines, das ln seiner unsäglichen Leere — fürs heutige Burgtheater mehr geeignet wäre als dieses. Die Aufführung wird so recht auch die Spraebgewalt dieses Stückes zur Geltung bringen; welche Knappheit und Kouzentriertheit des Ausdrucks! „Sie kennen mich schlecht.“ „iDie Spiegel werden immer blinder, je sehender die Menschen werden.“ „E s hängt davon mein Lebemstglück ab.“ (Da muß man unbedingt annehmen, das Stück stamme direkt aus dem Fran- LEBEN IM BUCH Georg Bonne: „Die Bodenbesitzreform.“ Ein. Weg zur Volksgesundheit und Volkseinheit. Verlag Ernst Reinhardt in München. Es ist eine ganz eigenartige Sache mit all den Versuchen, sämtliche wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Probleme durch ein einziges Allheilmittel lösen zu wollen. Immerhin kann aber in solchen Versuchen ein ganz gesunder Kern enthalten sein. Auch die vorliegende, lebendig geschriebene Broschüre Bonnes bringt den Beweis dafür, daß die ungesunde und ungerechte Bodenverteilung Deutschlands die Ursache so mancher Schäden ist (worauf übrigens Oppenheimer schon früher in klarer und eindringlicher Weise hingewiesen hat). Zu primitiv erscheint die Ansicht des Autors, daß die Lohnfrage zum größten Teil eine Wohnfrage ist, weil „der Lohn für den Arbeiter erst dann anfängt, eine Art wertbeständiger Größe zu werden, wenn der Arbeiter durch die Art seiner Wohnung, mit Stallung und Kleinvieh und Garten zu einem nennenswerten Teil unabhängig vom Lebensmittelmarkt, vom Lebensmittelwucher geworden ist“, da ihm sonst jede. Lohnerhöhung wieder abgenommen wird durch die dadurch eintretende Steigerung sämtlicher Lebensbedürfnisse. Die Lösung dieser Wohnfrage erblickt Bonne zunächst in der Schaffung gartenstadtähnlicher Siedlungen in der Umgebung der Städte, sohin Zerschlagung der Großgrundbesitze, speziell Auflösung der „Toten Hand“ und Ueberlassung von Parzellen an die landhungrige Dorfbevölkerung, ferner Ergreifen von Maßnahmen zur Herbeiführung einer Bedarfsstatt einer Profitwirtschaft. Glaubt aber der Autor, daß es seinen lobenswerten Absichten förderlich sein kann, wenn er vom „jüdischen Arzt“ Clemene.au oder von Lord Northcliffe „ans dem Geschlechte der Jakob Stern aus Frankfurt am Main“ spricht? Dr. L. G. . Dr. joh. Hessen: „Die Religlonsphilosophie* des Neukantianismus.“ 1924. Verlag Herder & Co,, Freiburg im Breisgau. Diese Schrift ist durch eine überaus klare Disposition ihres Themas charakterisiert. Der erste Teil enthält eine Darstellung, der zweite eine kritische Würdigung des Neukantianismus in den Religionsphilosophien der Marburger und der Badischen Philosophenschule. Die eine umfaßt die Namen: Hermann Cohen, Paul Natorp, Albert GÖr- 1 and; die andere: Windelband, Rickert, Mehlis, Br. Bauch, Münch, Jon. Cohn. Das deutlich ersichtliche Streben des Autors nach Objektivität in der Beurteilung der einzelnen Denker und ihrer religionsphilosophischen Einstellungen kann es freilich nicht immer vermeiden, daß hin und wieder die Formulierung des Urteils, zum Beispiel über Hermann Cohen, etwas einseitig berührt, Es zeigt sich immer wieder, daß die Sympathien und die Übereinstimmung mit einem einzelnen oder auch die Ablehnung desselben mit viel geringeren Schwierigkeiten sich begründen läßt, als wenn man es mit einem Komplex von einzelnen oder gar mit mehreren Richtungen und Schulen zu tun hat. Und dennoch will auch solche Arbeit geleistet sein, wenn man in der geistigen Flut sich und andere orientieren soll. Für solche Orientierung mitten ln der immer stärkeren Gärung der ethisch-religiösen Strömungen der Gegenwart ist obige Schrift nur zu empfehlen. B. T. Wilhelm F i 1 c h n e r: „Sturm über Asien.“ Erlebnisse eines diplomatischen Geheimagenten. Verlag von Neufeld & Henius in Berlin. Seitdem Ossendowsky in seinem prächtigen Buche „Tiere, Menschen, Götter“ das geheimnisvolle, geistige, politische und religiöse Leben in,Tibet uns näher gebracht hat, greift das Leserpublikum mit großer Neugierde nach Büchern, in denen es Aehnliches zu finden sich erhofft. An dem vorliegenden Werke des bekannten Tibetforschers F i 1 c h n c r wird man keine Enttäuschung erleben. Es bietet nämlich nicht nur eine fieberhaft spannende Unterhaltungslektüre, es vermittelt uns auch einen tiefen:Einblick in die Menschen, deren Seelen, Welt und Religion sowie die .Natur des Landes: Geheimnis: auf Geheimnis wird gelüftet, von welchen das tibetanische Hochland bisher wie von einem tausendfältig gesponnenen Netze umgeben war. Der Dalai-Lama, das gefürchtete aber auch Wilhelm Braumttller L Sohn Abteilung: Antiquariat ------- Wien, I. Ser., Bauernmarkt Nr. La,------- ■Pör dis Serien: Ril<ola.}|ücb«r! I BRAUCHST DU BÜCHER, GEH ZU LÖWIT |WIEN, I. ROTENTURMSTRASSe 22 '