Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1938 (8.7.1924)
- Date
- 1924-07-08
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Davon abgesehen, kaust man sich bei uns aber wirklich frei bewegen mld Manche gebärden sich, geradezu überschwänglich. Sehr beliebt sind da ganz besonders Freudenschüsse. Von dieser republikanischen Uebung macht auch die monarchistische Jugend gerne Gebrauch, s namentlich im schönen Wienerwald und Umgebung; wahrscheinlich weil dort erstens das Echo so wunderschön widerhallt, und zweitens, weil niemand zurückschießt. Schließlich!kann man doch so etwas nicht gut im Stadtpark machen.. Dort genügen auch Gummiknüttel. - Also draußen in der grünen Natur wird Front gemacht,; wenn man schon nicht an der Front war, woraus in die Lust! geschossen wird. Daß manchmal so ein Schuß etwas tiefer geht und harmlose Frauen und Kinder trifft, kann in der besten Republik Vorkommen, ist aber, sicherlich incht der Zweck der Uebung dieser begeisterten Jugend vonzwölfJähren aufwärts. Die Knalleffekte der „ertüchtigten" Buben sind gewiß harmloser als die ähnlichen „Unarten" der diversen Weißen Gesellschaften in Ost und West. Was da in Kl ostern eu bürg vor sich ging, war nichts anderes, als frisch-fromm-feucht-fröhlich-sreier Jugendrausch. Andere Motive dürste auch die deütschvolkrsche Studentenschaft kaum zutage fördern, die ein Preisausschreiben für die. beste Darstellung der Gründe und Zusammenhänge erlassen hat, die zum Attentat auf den .Bundeskanzler Doktor Seipel führten. Wenn man einem die Waffe in die Hand drückt und man damit frei Herumläufen kann, geht so ein .Ding schon von selbst los. Die fooschungseisrige deutsche Stu- »dentenschaft wird da zu keinem anderen Resultate gelangen, selbst wenn wir ihr noch andere Falle zum Ergründen vorlegen, was sie ganz bestimmt als gute Anregung dankbar astnehmen wird. So zum Beispiel Rathenau, dessen Ermordung in das Preisausschreiben noch nicht einbezogen wurde, und doch dürfte für seine Tötung sogar ein Preis' ausgesetzt worden sein. No wo fad und der Mord an Still sind unbedingt auch ganz dankbare Themen. Aber Studien werden der Schießfreudigkeit gewisser Elemente kaum .Abbruch tun. Solange so gewichtige Probleme wie Leon oder Leib die Fundamente des Staates bedrohen, werden derartige Untersuchungen das Kraut nicht fett machen und das Unkraut nicht auswerfen, und solange wird in der republikanischen Milch der frommen Denkungsart der Rahm sauer bleiben. äs. . Pärts, 7r JnÜ. F i n a l t im L äüs e« übe 1 4.00 M e t eft: T a y lor. (Vereinigte Staatur) kommt in 52 s{$. Sek un d e n als Erster vor V i l en. (Finnland), Riley (Vereinifte Staaten).und And r ö (Frankreich) an das Sek rm'ö schlägt damit den W e l t. r e k o r d um L^Sekmide«. Finale im Laufen über 106 Meteor Erster A b r a h a m (Großbritannien) in 103/# Sekunden. Zweiter Sch oltz (Vereinigte Staaten). Dritter Porrit (Pen-Seeland). Vierter B i m a n n (Vereinigte Staaten). Fünfter P a d.d. o k (Vereinigte Staateu), . Finale im A o ch s p r u,n gr Erster E a b o r n e (bereinigte Staate»),.jMK'At e-tzWDr' B ro lp n (Vereinigte Staaten) 1,95 Meter Dritter L e w d e n (Frankreich). . Paris, 7. Juli. Degenfechten: Zweite Runde: Italien schlägt Holland 9:6, Bel gien schlägt die S ch w e i z 16!Z, P o r t u ga l - schlägt Gr oßbri tanni-e n 12:4 und Kuba 11:5, Spanien schlägt Großbritannien 18:5 und Kuba 9:7, Frankre-i ch schlägt. Holland 18:8. , Wacker in Belgrad. Eitt unentschiedenes Spiel. Die Wmrer W a ck e r - Mcmnjschäst konnte gestern trotz großer ErMüdun-g gegen Jngaslovi a ein 3:3-Rasultat er- Men. In der HchMt führte Wacker 2:0. Zu seinem 26. Todestag. , / Am 6. Juli sind es 25 Jahre geworden, daß der größte und bedeutendste jüdische Gelehrte seiner Zell, Prof. Dr. David Kaufmann, infolge^ eines Unfalles, in der Vollkraft seines Schaffens aus dem Leben schied, '47 Jahre ist David Kaufmann alt geworden und ha: der Wissenschaft eine solche Fülle von grundlegenden Arbeiten 'hinterlassen, wie sie noch kaum ein Forscher auf jüdischem Hkbiet bis zu einem viel höheren Alter jemals vollbracht hat. David Kaufmann wurde, als er lebte, von den. bedeutendsten Männern als gründlicher Polyhistor anerkannt. Es gab zu seiner Zeit keine wissenschaftliche Zeitschrift in der Welt, die nicht um seine Mitarbeit geworben hatte. Denn Kaufmann vertiefte sich in alle Zweige der Wissenschaft, die ihm bei seiner Erforschung der jüdischen Kulturgeschichte von Nutzen sein konnten.und aus denen er den jüdischen Einfluß auf diese; Wissensgebiete aufzuspüren trachtete. Was ihm feine Arbeit so sehr erleichterte und wessen sich kaum ein zweiter Geehrter rühmen konnte, war seine umfangreiche Spvachenlenntnis. Er schrieb seine Artikel für die wissenschaftlichen Revuen in der Sprache der betreffenden Zeitschrift. In Kojetein in Mähren geboren, absolvierte er das Gymnasim-'in Kremsier und die Universität und die theo. logische Hochschule in Breslau. Als er im Jahre 1877, als kaum 25jähriger, die Breslauer Lehranstalt mit vorzüglichstem Erfolg als Absolvent verließ, genoß er bereits einen so guten Namen, daß er an das im selben Jcchr — 1877 — eröffnest Budapester Landesvabbinerftminar für die LehrbanzeL für Religionsphilosophie und Geschichte des Judentums sowie für Homiletik, Griechisch, und Deutsch berufen wurde. Bezeichnend für sein Sprachentalent ist, daß Kauft mann auf die an seine Berufung geknüpfte Bedingung ' Plutarch Mer die Erdölquellen von Mossul. Anläßlich des Streites der englischen und amerikanischen Petroleüminteressinten um den Besitz von Mossul und seiner , Petroleumqnellen ist es nicht ohne Interesse, daraus hintzuweise»,'.daß diese Erdölquelle schon int Altertum bekannt war. Plutarch erzählt in seiner Biographie Alexanders des Großen, daß der Mazedonier während seines Feldzuges gegen die Perser aus dem. Boden von Irak ans eine Quelle stieß, deren öliges Wasser sich entzündete. Seme. Soldaten begossen mit diesem Wasser Strohgarben, mit äderen Hilfe sie die Stadt Susa in PranL setzten. Plutarch teilt unter anderem auch die folgende Anekdote über das Petroleum mit: Alexander der Große hatte an seinem Hof einen Lieblingsbarbier und einen Lieblingsdichtei.i Der Barbier war, wie in jener Zeit Mich, gleichzeitig Arzt Und Philosoph ans der Schule der Zyniker. Von den Dichtern hatte dieser Hofbarbier keine gute Meinung, mit der er auch nicht zurückhiett. Er nannte die Verse des Hofdichters „wässeriges Geschwätz". Der Dichter hinwieder war eitel wie die meisten Dichter, ließ sich die ' verunglimpfende Kritik nicht gefallen und lief mit seiner Klage zum König. AlexaMr stellte seinen Leibbarbier und Arzt zur Rede, der Dichter sei empfindsam und führte Klage über ihn. Besonders aber schmerze ihn die Behauptung, daß seine Verse wässerig seren. „Dieser Junge hat gar kein Feuer" — antwortete der Barbier —, „er vermag sich an nichts zu entzüden und Feuer zu fangen." . Der König verteidigte noch immer seinen Lieblingsdichter. Hieraus bot der Barbier eine Probe an. „Wir können es ja versuchen, Majestät! Tauchen' wir unfern Dichter einmal in dieses ölige Wasser und zünden wir ihn an. Mtd er Feuer fangen, sö will ich anerkennen, daß es nicht wässerig ist." :;;;; innerhalb dreier Jahre die ungarische Sprache so zu beherrschen, 'daß er in ihr Vorlesungen halten könne, einging und dresr Bedingung auch pünktlich einhielt. Und Kaufmann beherrschte die ungarische Sprache und Literatur in so vollendetem Maße, daß er dazu ausersehen wurde, den König, der die von ihm gegründete Lehranstalt besuchte, namens «des gesamten Lehrkörpers in ungarischer Sprache zu begrüßen. Dreißig feWstandige Werke und 'Mehr als 500 Mhandlungen von bleibendem Werte in hebräischer Sprache sowie in allen europäischen Sprachen, abgesehen von dem großen handschriftlichien Nachlaß, sind beredte Zeugerl einer geradezu übermenschlichen Schaffenskraft eines großen Geistes. Kaufnraun entdeckte und gab ^die Memoiren der Glackel von Hameln" heraus. Dann folgte „Die letzte Vertreibung der Juden aus Wien und ihre Vorgeschichte (1625—1670)". Dann kamen „Die Erstürmung Ofens und ihre Vorgeschichte mach dem Berichte Isaak Schulhofs (1650—1732)". Die Monographien ,L)r. Israel Conegliano" und ,-Santsou Wertheimer der Oberhofpckstor". Kaufniann -war dev erste, der eine ganze Bibliothek über jüdische Kunst schrieb. Die bedeutendsten Arbeiten auf diesem Gebiete sind die Abhandlungen: . „Zu^GöschichtiL Mi MMft'der SYnagoAen"- und „Zur Geschichte der jüdischen Handschriftenillustrationen". Gr selbst befaß eine Sammlung kostbarster jüdischer Manuskripte, 'die nach seinem Tode durch Schenkung der Familie in den Besitz der ungarischen Akadeinie der Wisfenschafteu überging und heute ihr unschätzbares Kleinod bildet. Zu seinen Hauptwerken zählt seine „Geschichte der Attmbudeulehre", in welcher der Gottesbegriff vom zehnten bis zum zwölften Jahrhundert behandelt ftÄ Ein Teil seiner Arbeiten wurde Don seiner Witwe und nach deren Tod von seiner Schwiegermutter Rosa Gomper8 unter dem TM ,M» sammelte Schriften" in br i Bänden he-rausgegebeir. Von Unschätzbarem Wert ist die hinberlasstne Korreft pondenz mit den Gelehrten, Philosophen, Dichtern und Publizisten. .in allen Weltteilen. Groß ist die Zahl seiner 8. >.m König — so Wählt Hlutärch — gefiel der>VoL schlag und der Dichter war auch einvevstauden. War es! doch die'be!ste Gelegeuheft, eine Prchbe s^neS'.FeUerS!SuHefeM.' Rhch am selben Tag wlttde die iPwbe Msgeführt. Der Dichter wurde im Wasser von: Irak gründlich gebadet und darm aitgezündet. Nun denn, der Dichter hat Feuer gefangen. Da erschrak am meisten der Barbier, der sofort Löschmittel herbeischiffte, den fenrigen Dichter in öe-n Sand üoarf, so daß es gelang, ihn vom Feuertod zu retten. Der Poet trug wchl einige Brandwunden davon, aber er war glücklich, denn, — so schließt Plutarch diese Erzählung — er habe bewiesen, daß er -nicht wässerig sei und daß ihm auch keine wässerigen Verse entströmen. Knau ch der Bav'bier schwur seitdem, daß der Dichter fÄtriger sei als Thrtäos.; Beherbergt der Weltraum BMerke«? Ein 'amerikanischer Gelehrter hat vor kurzem die Frage anfgeworfen, ob sich «auch im. interplanetarischen Raum Mikroorganismen oufhasten können, und öb es ihnen möglich ist, bis zur Erde zu gelangen und hier als Krankheitserreger wirksam zu werden. Es würde sich dann auch der llvsprung verschiedener neuer KanHoiten und unerklärlicher organischer Störungen erklären, die den Aerizten -bisher ein Rätst! sind. Der hier evörterte Gedanke ist nicht neu; er wurde zum ersten Maile von dem englischen Physiker William Th o m f o n, dom späteren Lord!Ke lv i n, aufgofteM. Lord Kelvin vertrat auch die These, daß das Leben auf der Erde durch die Meteore Herhorgebracht worden sei. Nach seiner Annahme könnten die Kvanikheitskeime, die sich in der Atmosphäre eines in der Zusammensetzung der Erde ähnlichen Planeten aufhcrlten, allmählich in iunner höheren Regionen a«fftei>RN, in denen beständig Wirbelwinde herrschen. So könnte es wohl geschehen, daß nach dem Heraustreten aus der Atmosphäre eines Planeten die Bakterien, da sie nicht mehr dem Schwergesetze unterworfen sind, eine gewisse Zeit im Weltraunr hevumirren, bis sie in ihrem Lauf der Anziehung eines anderen Planeten unterliegen, wo sie aufs neue ihrer Entwicklnn-g günstige Le-bensbedingungen vorfinden. Diese Theorie sieht sich durch die jüngst festgestellte Tatsache begründet, nach der die Bakterien -auch unter außerordentlich niedrigen Demperatur-en, wie sie rm interplanetarischen Raum herrschen, zu existieren vermögen. Es ist also durchaus nicht unmöglich, daß JnfvktioMeime aus dem freien Weltraum auf die Erde gelangen Snd uns hier mit neueu Krankheiten überraschen. Ae Unkverkllllt «yd die Bibliothek in Zemsalem. Aus London berichtet I. T. A.: Das Komitee für dik hebräische Universität in Jerusalem hat für, den 20. und, 21. d. nach London eine außerordentliche ' Konferenz einberusen, die über die Organisation der Fa k u ltät für jüdische Wifsenschaft zu beraten haben wird. Zur Konferenz werden Vertreter aus Palästina, Amerika, Frankreich und Deutschla.nd erwartet. Graf Kraszewskis BücherspMde für die Jüdische Nationalbivliochek. Wie I. T. A. aus Warschau Meldet, hat Graf Kraszewski der Warschauer Gesellschaft der Freunds der Jerusalemer Universität eine reichhaltige B.üchersammlung gespendet, in der sich überaus kostbare mtd seltene Werke über die Geschichte der Juden irt Polen befinden, Diese Büchevsammlung wird der Jüdischen Na^ tionalbibliothek in Jerusalem cinveAMt. Schüler, demn Kaufmann ein fördernder Freund und' Berater war. W im Jahre 1900! einer s-Mer Schüler in dem „GedenWuch M Erinnernng an David Mufmann" die Worte niederfchrkb: „SeineLgleichen findet sich nicht so bald wieder", fand er bei der -MÜbevschbaren Schar der Freunde und Verehrer des so früh verstorbenen, die' im persönlich oder aus ftÜW.AWKm' kanMn, schmerzlE Zustimmung., “ 'i ^"''T . Ae Mische wissenschaftliche Berlin. Gesellschaft in Aus Berlin berichtet I, T. A.: Die erste Sitzung der neu gegründeten Jüdischen w ifs ensch aftlich eu Gesellschaft in Berlin fand am 3. d. statt. Professor S. M. Dubnow hielt einen Vortrag über die allgemeine Auffassung der jüdischen Geschichte und dir damit zusammenhängende Periodisterung. Dubnöw vertritt den Standpunkt, daß eine grundlegende Reform der jüdischen Geschichtsschreibung nötig sei. Es handelt sich um die Säkularisierung der Geschichtsauffassung, die in Einklang gebracht werden.könnte mit einer allgemeinen wissenschaftlichen soziologischen Methode, Eine Reihe von wichtigen Beispielen sollte diese Auffassung bekräftigen. Der Vortrag von Dubnow veranlaßte die größere Zahl der Anwesenden jüdischen Gelehrten und Schriftsteller, um eine Vertagung der. Diskussion zu bftten; dst FortsttzWg wird in acht Tagen staltftnden, ' . km K: Des weiteren wurden .in der SitzüNg ßi Kmpt'richtlinien für die Statuten der neuen' Gesellschaft besprochen und fest gelegt. Eine Reihe von Rddnern legte Nachdruck daraus, daß die neue Gesellschaft eine Stznthese des ost- und Westjüdischen Geistes anbahuen müßte. Die Wahl des Vorstandes wurde bis zum Herbst verschoben. Mit der GeschäftsfuhrMg ist emstiveilen ein provisorischer Ausschuß betraut, der sich aus folgenden Herren zusammen setzt: Dubnow, Ellbogen, Koigen, Lischnitzer, Sol»weitschik, Steinberg, Torezhner und Weil. '