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Wiener Morgenzeitung · 1924-07-05 · Heft 1935 (5.7.1924) · p. Seite 7

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1935 (5.7.1924)
Date
1924-07-05
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 19SS :?T"" vmxt, Samstag ggjeney Movgenzertung. _ 5. IM 1924 Seite 7 ist der Wendepunkt, das große Ziel für Schüler und Professoren, deren stärkste Waffe sie bedeutet. ,Mit so wenig Wissen wollen Sie zur Matura gehen?" „Das wird eine nette' Matura werden!" „Meyer, wie werden Sie bei der Matura ausschauen/ wenn Sie diese wichtigen Jahreszahlen nicht können? Ich kann Sie so nicht für reif erklären!" Sie weinen es gut, die Professoren. Schülergenerationen kommen und gehen, die Professoren bleiben. Jähra-us, jahrein formen sie das Material, wenden im undankbarsten Berufe Energien auf, bis sie müde und abgekämpft vom Katheder wanken. Das ist ihr Los: Wauwau oder Karikatur zu sein. Die Professovenwitze tauchen auf. Jeder hat sie erlebt und doch sind sie Gemeingut aller Schüler und haben sich überall ereignet. „Gch'n Sie weg vom Fenster. Wenn einer herunterfcillt, war es wieder keiner." Und wenn der „Alte" in die Klasse tritt, wo balgende Jugend tollt, und melancholisch konstatiert: „Immer, wenn ich sintrete, dieselbe traurige Erscheinung!" so ist das ureigenstes Erlebnis, das sich aber ebenso in allen Anstalten begab. Scheu hasten die Schritte zu den -altbekannten Räumen. Dort rechts ist der Turnsaal. Schüler verlassen ihn soeben: bleiche Jugend mit Au-gen-gläfern. Man kann nicht sagen, daß dieser Nachtouchs den Beweis der „Ertüchtigung" erbringe Die Turnstunde.! .G-etuvnt hat man nur in. Len unteren Klassen; spater Haben die unbeholfenen, gut genährten Jungen während dieser Zeit ihr, Pensum für d ennächsten Tag erledigt und die hageren, Proletariersöhne, die Kinder der Stväße, in der Turnstunde Fußball gespielt. Ein langer Gang dehnt sich düster. An den Wänden hängen noch die alten Bilder: Der Tafelberg bei Kapstadt,, Der, Grand Canon des Colorado, Dachsteingletscher und so fort. .Professoren gehen vorüber. Lauter fremde Gesichter, manches Mal einer, der damals jung und frisch war, mit lebendigem Kommandoton; jetzt haftet er welk und zerknittert,vorüber. ' Wieder Sommer; Sonne, Ferien Md Matnra. Dreißig bleiche Schüler atmen am Abend aus. Acht Jahre sind vorüber und der , Ernst des Lebens beginnt. Dreißig Jünglinge find „mf" geworden, mit Jahreszahlen und Fonn-eln. Sie fliegen. Waus ins Leben, in den Beruf, dessen Wahl so zuversichtlich, für den Jahresbericht angegeben wird. Aber die Wege der Zeit führen kreuz und guer; aus dem hilflos stockenden Schüler wird ein satter Besitzender, der schüchterne, versonnene Metbe prunkt spater als berühmter Anwalt mit seiner, forensischen Beredsamkeit, die Brandreden -des völkerbeglückenven RÄvkutionärs versanden; er wird schließlich Versichernngsbeamter. Denn , die FKgel, mit denen der Abiturient in die Welt flattert, sind beschwert von dem Ballast der Theorien und die Vorzugsschüler bleiben gar oft die letzten in der Schule des Lebens, dessen Gegenstände und Prüfungen unerbittlich find und Ä)ne Weltschmerz. ' Doch jetzt strömt die Jugend feurig hinaus und fi'chlt sich Sou den Fesseln der Jahre befreit. Draußen Sommer und Lonne;, aber man möchte doch gerne wieder einmal hinLinlauchen $rt das Land der. Kindheit, in das Haus mit den öfteren Magen und in die Geborgenheit von dantals. MkmeWnde in Wm. Seit über 10 Jahren lebt in China Äs Montan-Sachberständliger 'der Regierung der schwedische Geologe und Polarforscher Johann G. Andersson. In den letzten Jahren hat er, vom schwedischen „Chmakomiitee" (dessen Präsident der schwedische Kronprinz ist) finanziell unterstützt und unter BeihiGe der chinesischen Behörden eine Reihe von paläontologtschen nnd archäologischen Untersuchungen in verschiedenen Teilen Chinas ansgefiihrt. Diese haben überreichende Aufschlüsse über die dortige tertiäre Fauna und Flora ergÄben und fchlieWch auch eine ganz neue Welt eröHnet: Die S t e inzeit Chinas. Bor ldvei- Jahren fand Andersson in einer Höhle bei Sha Kuo Tun (Südmandschure-i, an der Bahn Pebi-ng- Mukden) MenischeNkndchen, Steingeräte, Perlen und Ringe aus Stein und Muscheln, Knvchengeräte und viele Gefäßscheckben, Mige schwarz aus rot bemalt. Mel häufiger waren solche noch ans spater untersuchten Wohnplätzen in der Provinz Honan (anr gelben Fluß). -Man fand viele Steingeräte (Aexte und Meißel ohne Schasdloch, rechteckige Messer), Spinnwirtel, PftiWitzen, - Nadeln u:fw., alles nach Art der jüngeren Steinzeit Europas, und vor allem.Massen an Scherben. Neben den groben, aus freier Hand gefertigten' Gefäßen interessieren vor allen: die auf der Drehscheibe erzeugten, bemalten. Schwarz auf rot oder, rat auf grau ist die Vorherrischende Dekoration. Die Formen sind halbkugelige Schalen und hohe Urnen. Die Muster bestehen aus geraden, Bogen-, Wellennnd Spiralmotiven, Triangeln, HaWkreiisen, Kreisen usw., zu verschiedenen Mustern kombiniert. - Beziehungen, dieser Keramik zu westasia bischer und südosteuropäischer waren sofort erkennibar. Prof. Hubert Schmidt vom Berliner Museum hat als Mitglied der PumPellh-Expedition bei A n au in Westturkestan. große Ruinenhügsl durchgrabm, deren ältere Schichten dein Ende der Stein- und dem Anfang 'der Kupferzeit entsprechen. Die Keramik dieser Schichten iist allieMngs -etwas, gröber als die chinesische. Weitere Verwandischaftsbeziehungen zsigt die Kera-M vom Ende der Steinzeit aus Südrußland, Oftgali-zten, der Bukowina, aus Rumänien nnd dem Balkan und zum Teile Armenien. Die schönste bemalte Keramik der Kupferzeit stammt aus dein: Mitteilungen aus dem Publikum. )akob Weinstein und frau Leihen hiemlt die Oeburt eines Sohnes an und laden alle Verwandten und Bekannten zu der am Sonntag den 6. Juli um 10 Uhr vormittags in ihrer Wohnung, XX. Webergasse 24, stattfindenden nV» n’-ia «>». Telephon 61.198 Telephon 61.198 Bernhard Schimmermann Salon für feine Herrenkleidung nach Mass Laufende Instandhaltung der Kundengarderobe WIEN, I. 10704 Graben 29, Trattnerhof 2, Mezzanin 72 74 _ Strandäadehäusep im Stadt. Strandbad Klosterneuburg mit einem und mehreren Räumen, Sommer über bewohnbar, verkauft mit 20jMhrigem Pachtvertrag auf den Grund. Wir liefern auch Holzhäuser nach auswärts Klosterneuburgcr Wagenfabrik A. G., Wien, 12. Bezirk, Grieshofgasse 16, Telephon 82-4-39 ssi Schutthügel der ela mischen Stadt Susa m Persien. Zum Unterschied davon zeigten die Funde And-nssons in Honan aber gar kein Metall. Im vergangenen Jahre grub Andersson mehr im N o r d w e st e n China s. Bei Lantschou (Pvc-Vinz Kawsu) und sogar im uovdöskl'ichen Tibet (am See Knknoor) fand er neue riesige W o hn pl ä tze nnd S1 e il e t t f r i e d h ö f e. Es gelang Andersson, eine ältere Kultur mit bemalten Gefäßen ohne Kupfergeräte zu trennen von einer jüngeren mit grober, einfarbiger Keramik, Ne auch Steinnnd Knochengeräte aufweist, dane.ben aber auch schon Kn Pf e rschmuck. Schalen der Kaurimuschöl (Cypraea maneta) Perlen aus Ehalcedon und HM-vdePcin, Schasknvchen waren hier ebenso häufig, wie in Honan die Reste vom Hansschwem. Andersson hält die Träger dieser Kultur für Protoch i n e s e n, die Vorfahren der heutigen Chinesen, die vom Westen in China eingedvnngen sind und datiert sie ins dritte Jahrtausend vor der heutigen Zeitrechnung. Die geschilderten Zusamt menhänge mit Westa!si.e n und Südostenropa lassen die chinesische Ktvltur nun nicht mehr so isoliert erscheinen. Die H o ch E n l t n r e n der alt e n Welt scheinen e i n h e i t li ch e u Ursprungs zu sein. Qstturkestan rückt derart als D^ittelglied in ein ganz neues Licht. Andevssons biKhevige Funde, die nun mehr als 2000 Jahre alter sind als die berühmten Funde der großen deutschen, englischen und französischen Expeditionen nach Turkesta n (Le Coq und Grünwedel, Marc Aurel Stein, Pelliot) können schon jetzt den großen Entdeckungen auf Kreta, im alten Hethiterveich Ustv. an die Seite gestellt werden. Ueber diese epochemachenden Funde sprach kürzlich der Direktor der prähistorischen Sammlungen in Stockholm im Vortragssaal des Wiener Natnrhistövischeu Museums Dr. T. I. Ä p p e Vor einer zahlreichen Zuhörerschaft und gab an Hand Von Lichtbildern eine wertvolle U.ebersrcht über den Stand dieser für die Urgeschichte der Menschheit so wichtigen Forschungen. _ - ', . Ler erstö Mische Welttongrch. Eine zeitgenräße Ermnenmg. Von Dr. Willy Cohn. ' Der Gedanke des jüdischen Weltkongresses, der in den letzten Jahren immer wieder ausgesprochen worden ist, und die zahlreichen, weltumspannenden jüdischen Kongresse unserer Tage lenken unsere Anstnerksam-keit aus einen ähnlichen Versuch, -den Napoleon der Erste vor mehr als hundert Jahren gentacht hat und der in der Weltgeschichte bisher einzig dastand. Es verblelbt ja dem großen Korsen überhaupt das Verdienst, die Ju-denfrage ernsthaft belhandelt und ein Stück vorwärts gebracht zu haben, wenn er auch natürlich nicht voMommen vorurteilslos an die Dinge heranging und sich auch manchen bedauerlichen Mißgriff zufchulden kommen ließ. Für den 30. Mai 1806 -hatte er eine Versammlung der jüdischen N otabeln Frankreichs nach Parts einberufen, an der 112 Abgeordnete teilnahmen. Ihr wurden eine Reihe von Fragen vorgelogt, an deren Beantwortu-ng dem Ktris'r sehr viel gelegen war. und die auch in einem ihm eriwüotschten Sinne beantwortet wurden. Das Verhalten dieser Versammlung war -— dies sei nebenbei bemerkt — ein wenig würdiges, man könnte fast von Liebediericrei dom Kaiser gegenüber sprechen. Mitdieser Versammlung 4 „Meser MorgenzettMg" I wollen wir uns hier nicht näher beschäftigen; worauf tk uns hier' anlommt, ist das folgende: Die Beschlüsse dieser Notabelnversamnrlttng konnten natürlich für das Gesamt» -jndentum eine bindende Kraft nicht erlangen; da aber Napoleon gerade hieran besonders gelegen war, beschloß iz ei-n Sarthedrin einzuberufen und sich dadurch die religiöse Garantie für die Beschlüsse der vorher genannten Körperschaft geben zu lassen. In der Botschaft, in derer sich an die Notabelit wandte, heißt es folgendermaßen: ,/Es ist notwendig, daß die Antworten von einer anderen, a cht u n g g e b i e te n b c n und heiligen B e rsanimlung zu Beschlüssen erhoben und neben d-c/r Talinrttd gestellt werden, damit sie so in den Augen der Juden aller Zeilen ttud Länder die größtmöglichste Autorität gewinnen. Dieses ist attch das einzige Mtttel, der Größe und Hochherzigkeit der Absichten Sr. Majestät enigegeuzukoimmen und allen euren Glaubensgenossen den glücklichen Einfluß der gegenwärtigen denkwürdigen Zetr ztt beweisen. Die Menge der Ausleger eures Gesetzes hat seine Reinheit zweifellos getrübt. Und die Bescheidenheit ihrer Anffassungw -nntßte die Mehrzahl ihrer Leser zu Zweifeln führen. Jetzt handelt es sich darunt, der Gesamtheit der Inden den richtigen Dienst zu tun, ihre Glatt denslehre über die Materien festzitstellen, welche euch, bereits unterbreitet waren. Um in der Geschichte Israels eine Versammlung aufzufinden, welche durch die ihr verliehene Autorität geeignet iväre, die erwarteten Wirkungen hervorzttrufen, muß man Vi's ans das große Sanhedrtn zurückgehen. Dieses Sanhedrin beabsichtigt Se. Majestät jetzt Zttsammenzuberufen. Diese mit dem Tempel gestürzte . Körperschaft soll wieder auftrstchen und in aller Welt das Volk erleuchten, dem sie einst Vorstand. Sie wird das Volk zttm wahren Verstän^dnis feines Gesetzes zurückrufen und ihm eine würdige Darstellung desselben geben, um alle lügeuhasteu Auslegrtngen zu unterdrücken. Sie wird ihm die Liebe und Verteidigung der Länder, welche es bewohnt, zur Pflicht machen und wird es lehren, daß es mit allen Banden der Zuneigung, welche es an sein altes Vaterland fesselten, au den Orten hängen muß, wo es zum ersten Male seit seinem Zerfall seine Stimme erheben darf." Dieses Sanhedrin tagte in Paris mit einer Mitgliedrrzahl von 70 Köpfe« in der Zeit vom 8. Februar bis 9. März 1807. Die Beschickung dieser Versammlung entsprach nicht durchaus den Wünschen des Kaisers, denn nicht alle Synagogen der Welt hatten der Einladung Folge geleistet, sondern in der Hauptsache waren ans ihr außer den Vertretern der franzöfischeu Juden solche der deutschen utÄ> italienischen anwesend. Napoleon hatte für diese Versammlung, um ihr die volle religtonsgesetzliche Wucht zu geben, ein besonderes Kleiderreglement ausarbeiten lassen, nnd der Anblick dieser zum größten Teil atrs Rabbinern bestehenden GeseMchaft war für die Pariser ein bisher nie gesehenes Schauspiel. Audeverseits natürlich, fühlte man sich in diesem jüdischen Parlament durch die Oeffentlichkeit, an die man nicht gewohnt war, beengt. Bon den Männern, die in diesem ersten Mischen Weltkongreß, wie ivir ihn wohl nennen dürfen, besonders ^hervortraten, seien vor allein der Präsident (Nassi) David Sinzheim sowie Abraham de Cologna aus Mantua, vor allem auch F n r t a d o, der rednerisch besonders hervortrat, erwähnt. Die Verfanmrlung konstitnrerte sich als Nachfolgerin des alten Saathedrin und gibt sich das Recht, Beischlüsse zu fassen, die religionsgesetzlich für das Gesa-intjudentunt bindend sein rmtßterr. Es sind zwölf Fragen, die ihr iu derselben Weise, wie ihrer rein französischen Vorgängerin, der Notabsluversaurmlung, vorgelegt wurden. Die Rabbiner sind fortan verpflichtet, bei^ der Einsegnung und Trennung von Ehen hie Staatsgesetze zu berücksichtigen, auch sind Ehen zwischen Jrtden und Christen nnumchr gültig, und joder zu-m Militärdienst einbevusene Jude ist fiir die Zeit seiner Dienstleistung von jeder religionsgesetzlichen .Pflicht entbu-n-den. Die anderen Beschlüsse richteten sich vor alle-m auch auf Wucher nnd Zin'ssragen, in denen das Sanhedrin ausdrücklich beschließt, daß die Staatsgesetze dolle Gültigkeit haben. Napoleon hatte die Versaitnmlungsteilnehmer nicht persönlich empfangen können nnd so wurden di-e Beratungen nach glücklichom Abschluß beendigt. Aus der Schln.ßrede Fttrtados heben wir die folgenden Sätze hervor: „Mit Bezug aus das Darlehett habt Ihr erkannt, daß die m den unglücklichen Zeiten, tu welchen die persönliche Freiheit und das Eigentum hättsigen Angriffen ansgesetzt war, bei unserem Volke entstandene Gepflogeniheit de's Wuchers tineutschuldbar wird unter dem Einfluß einer vortrefstichen Herrschaft, unter welcher es VoMommen Schutz sindet. Daher war es Zeit, daß diese Gepflogenheit, welche den Juden sooft als ein Ausfluß ihrer Religion vorg-eworfen wirb, durch ein jüdisches Tribunal die unauslöschliche Geißelung findet, welche sie verdient. Dann werden wir nach nnd nach die uttgerechte Meinung verschwinden sehen, welche auf die Gesamtheit einen Tadel warf, den einzelne verdientau, und welche auf Grund der Handlungett einzelner eine moralische Gemeinsamkeit für eine ganze Klasse gewissermaßen konsekrierte, nur aus dem Grttride, weil sie denstlben Glauben bekannte." Nunmehr versuchte die n a p o l c o n i s ch c Regier ung alles, nnr die Beschlüsse des Sanhedrins wirklich bei allen Juden des E r d k r e i s e 's in Achtung zu setzen, und in diesem Sinne erließ der Präsidertt Sinzheim eine Proklamation in hebräischer und französischer Sprache. Dies war der erste jüdische Weltkongreß. Brokat-Seide K5 l«ASS«8g#. m

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