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Wiener Morgenzeitung · 1924-07-04 · Heft 1934 (4.7.1924) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1934 (4.7.1924)
Date
1924-07-04
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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"HM L Men, ffieWg Der Massenmörder Haarmann. . Menschenfleisch verkauft? " Hannover, 3. Juli. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) iDer Massenmörder Haarmann bestritt, neuerlich verhött, schieden, menschliche Fleischte ile verbaust oder ver-! 'wendet zu haben; das in dem Fleischhandel, den er bis Zum : vorigen Fahre betrieb, umgesetzte Fleisch sei nur Fleisch von Tieren gawesen. Dach vermochte er die Adressen nicht - anzugoben, von denen cr das Fle-rsch 'bezogen hatte, und auch die Nachforschungen der Polizei in dieser Richtung sind ^bisher erfolglos geblieben, so daß es tatsächlich möglich ' «scheint, daß er <mit Menschensleisch gehandelt 'hat. ,Fn die polizeiliche Untersuchung sind bisher noch zehn andere Männer verwickelt. Die Polizei, welche veriorattet, daß die Zahl der von Haarmann begangenen Morde größer ist als er bisher eingestand, hat alle Angehörigen vermißter junger Männer, namentlich solcher, die aus ernte Reise den Bahnhof Hannover passierten, aufgcfor- ‘ifcät, sich bei der Polizei zu melden. Nachdem Haarmann bei seinem ersten Geständnis bereits sieben Morde an Jünglingen zugegeben hatte, hat die Kriminalpolizei noch einen achten Mord an einem 18sahrigen Burschen sestgestellt. lieber das Vor- Men des achtfachen Mörders wird von maßgebender Stelle mitgeteilt, 'daß Haarwann, nachdem er die Schule verlassen, ein. halbes Jahr die Vorschule der Unteroffizierss dfat I e besuchte. Dort wurde er schr bald wieder entlassen, kam dann verschiedentlich in die Lehre, ging aber fast überall «ach kurzen Zeit wieder davon. Er wandte sich schließlich dem Hlaäel zu, handelte mit den verschisderrsten Gebrauchsgegenständen und geriet dabei in Verbrecherkreise, mit denen er intimen Verkehr unterhielt. Bereits in jungen Jahren verkehrte Haarmann mit jungen Leuten und dieser Verkehr brachte ihn in Konflikt mit der Polizei. Das Verfahre« wurde eingestellt und Haarmann der Irrenanstalt in HWesheim überwiesen, die ihn für unzurechnungssähig «Märte. Don dort entlassen, kam er bald wieder auf die BerbrecheÄaufbcchn, und wurde wegen Diebstahls und Betruges mehrmals mit Gefängnis- und Zuchthausstvastn betraft. In den Jahren 1618 und 1919 wurde er abermals wegen unerlaubten Verkehrs mit jungen Leuten ÄWösperrt. Diese jungen Deute waren spater verschwungen, und man hatte Haarmann im Verdachte, sie beseitigt zu haben.. Nachdem er längere Zeit in Untersuchung geseffen war, wurde er mangels an Beweisen wieder entlassen. Haarmann will seine Opfer -in Sinnesrausch umgebracht Haben, und zwar nach V ampirart. lieber seine Tätigkeit als Detektiv fW nur so viel fest, daß er der Polizei ab und zu Mitteilungen über Verbrecher gemacht hat. Haarmann hat niemals einen polizeilichen Ausweis besessen und auch keinen bekommen. Den Ausweis, mit dem er sich zu den Wartssälen des Bahnhofes Eingang verschafft hat, hat er sich selbst geschrieen und selbst mit einer Stampiglie versehen. Er trägt die Unterschrift: Detektei Lasso. Haarmann hat heute vor -dem Untersnchungsr icht e r sein Geständnis, das er bei der Verhandlung gegenüber der Kriminalpolizei abgelegt hat, wiederholt. Inzwischen sind .von -den Behörden -weitere VermHte sestgestellt worden. Man 'hat bisher zwölf Lustmorde 6eS Haarmann konstatiert. HMyr MttelschlllpolM. Me man den Numerus clausus noch weiter verschärft. Aus Budapest schreibt man uns: Das Gesetz über den Numerus clausus hatte bekanntlich eine MinisteriaMrordnung zur Folge, wonach die Schüler bei der Ausnahme in eine Milte-lchnle -wie auch beim Aufstergen in die fünfte Klasse einer Mittelschule einer strengen Prüfung zum Zwecke einer rigorosen Auslese zu unterziehen seien. Dies« Verordnung wurde -von den Schulleitungen immer so cmsgefaß-t, daß die jüdischen Schüler vom Mittel- und Hochschulstudium möglichst serngehaltxn werden sollen. In diesem Jahre haben die Lehrkörper mehrerer Mittelschulen eine förmliche Verheerung unter dsn Aufu-ahmebÄveöbsrn angerichtet und eine ganze Reihe von Schülern, die alle Klassen als Vorzugsschüler absolviert hatten, bei der Ausnahms-Prüfung geworfen. Die Betroffenen sind säst durchwegs Inden oder Kinder politisch verdächtiger Personen. Der Magistrat der Stadt Budapest hat, wie bekannt wird, die Prüsun-gslommissäre der städtischen Mittelschulen in einem vertraulichen Rundschreiben crusgefordert, in -diesem Jahre mit besonderer Strenge vorzugehen, und eventuell an ch solch e Schule r a'bzuleh neu, die Borzugsz e u gar i s s e aufweisen. Der Magistrat begründet dies nachträglich mit der Notwendigkeit, die Parallelklassen in den Mittelschulen abgubaum, was sich nur aus die geschilderte Weise erreichen läßt. Mbg. Fabian hat in der letzten Sitzung der Nationalversammlung in dieser Angelegenheit eine Jnteripellation an den Anterrichtsmimster gerichtet und dabei die Bosheit geschildert, mit welcher die Professoren durch unmögliche Fragestellungen die besten Schüler zu Falle zu bringen bestrebt waren. Tabei ergab es sich, daß die Schüler richtige Antworten gaben und eigentlich di« Professoren hätten durchfallen müssen. Bezeichnender Weise war der Unterrichtsminister bei der Begründung der Interpellation der Sitzung ferngeibliebev Wkeffer MSLMnzerklMg. r.Mk IM - Nr. 'im Krise der ♦ Die Schließung der Renaissancebrihae. - TrSbe Avrsichten für tie Schauspieler der Kieuet Mue«. Es kriselt schon seit geraumer Zeit in den Wiener Theatern. Die wirtschaftliche Lage, die Usberspannun-g der Besteuerung und Preisvechältnisse, die Häufung don Uuternehmeriuteressen lasten schwer auf dem Aheaterbetrieb. Die direktorialen Fragen, die Fustonsbeströbungen sowie die wohlbekannten „Renovierungsar'beiten" den Theateraebäuden konnten über die schwere Krise nicht hinwegtäu scheu. Der Krach ist da, und die Zahl der Bühnen, die mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben, wird täglich größer. Abgesagte D orstellungen und Schließnng der Theater über Nacht sind nichts Außergewöhnliches mehr. Die ZöHl der Wiener Theater dürfte sich zur 'Wintersaison vermindern. -1 Die Lage bei der RenaissarieeLtthne. Der Direktor der Renaissancebübne Ernst Oesterreicher übermittelt uns eine Zuschrift, wonach Ptvstssor Robert als Konzessionär der Bühne die Verpflichtung übernommen hatte, für alle BerbindNchkeiten zu Hüsten. Da das G a st s p i e l der Berchtesgadener einen Mißerfolg auifwies und sie die abendlichen Regien des Theaters nicht decken konnten, ergab sich ein nicht s i ch e r g e st e l l t e r Gagesirest von 23 Millionen. Die Schauspieler des Theaters sind zum größten Teil bezahlt und haben zur Gänze aus den Mitteln des Direktors die Urlaubsgebühren erhalten. Herr Oosterreicher schließt: „Ich verlasse meinen Posten anchjetztnicht, nur weiß ich nick/, wie ich mich weiter verhalten soll, da Pros. Robert nicht in Wim ist und das * Theater ohne Dispositionen läßt. Warum Pros. Robert nicht in Wien w e i l t, ist m i r u n b e k a n n 1" Die Polizei veranlaßt die Schlietznng. Dem Direktor Dr. Robert wurde für das vergangene Spieljahr für bi« Renaissancebühne eine Konzession verliehen. Diese Bewilligung ist am 30. Juni a b g e l a u f e n; die Polizeidirektion hat daher über Auftrag des Magistrats als Wiener Landesbehörde den Pächter, Direktor Oesterreicher, verständigt, daß er das Theater zu schließen habe. Ueber Einschreiten des Bühnenverems hat der Magistrat die Konzession des Direktors Robert nicht mehr verlängert, weil er bereits eine solche besitzt und der -Bühnenverein «auf dem Standpunkt steht, daß kein Direktor mehr als eine Konzession erhalten soll. Den Pächtern von Konzessionen wurden derart drückende Bedingungen auserlegt — im Falle der Renaissancebühne mußte der Pächter nicht weniger als zehn Prozent der Bruttoeinnahme und die ganzen G«rd er ob espesen bezahlen —, daß es stift regelmäßig zum Zusammenbruche kam. Dies geschah zumeist aus K o st e n der Schau spie l e r. Was der Präsident des Mhnenvoreines Stark sagt. Sämtliche Wiener Theater befinden sich in einer trost-» losen finanziellen Lage. Seit dem Bestände deS Österreichs scheu Bühnenvereines hatten die Theater noch nie mit solchen Schwierigkeiten zu kämpfen wie jetzt. Bei den meisten Theatern ist es fragil sich, ob sie bis zum Beginn der Wintersaisvn werdendurchhalte<'' können. Neun Theater stehen vor dem Zusaurrrienbruch, d r e i von ihnen waren nicht einmal in der Lage, die JünkgeWter^zur Gänze, auszubezahlen. ' Der Bühnenverein macht alle Anstrengungen, gemeinschaftlich Mit den Direktoren, um diese Institute über Wasser zu halten und die Künstler und Angestellten vor der drohenden Arbeitslosigkeit so lang als möglich zu bewahren. 500 Schauspieler, von den Angestellten und Arbeitern ganz abgesehen, sind bereits v e s ch ä s ti g ü n g l o §. Weiteren 700 Künstlern droht dasselbe Schicksal,' da ihre' Verträge, die mit 31.^August d. I. ablausen, nicht erneuert wurden. ' Betreffs der Südamerika-Tournee teilte Präsident Stärk mit, daß sich das Ensemble bereit8 auf der Rückreise befinde. ES wurde mit den Ber-- anstaltern ein Vergleich abgeschlossen, in welchem sich diese verpflichteten, den Schaustzielrn für fünf Tage Gage und die Spesen für die Rückreise zu bezahlen. Was einen Betrag von mehr als einer Milliarde erforderte. * .- Auch das Moderne Theater Erste MM dieses Monats eine Unterbrechung der Vorstellungen für die Hochsomm-erwochen eintreten kaffen. Der Grund der Sperrun» sind strenge behördliche Bauaufträge^ Die Volksoper. -- In der Volksoper hat sich seit der BeschWtaWe de- Kaffe nichts besonderes ereignet. Direkt^ Mark-owSkh ist gestern von feinem Echolun-gsurkaub zurückgekehrt und hat die Direktionsgeschäste der VoMopep wieder - alüfgenMrmen. Dieser Skandal wird noch ein interessantes Nachspiel h^ben, denn die Lehrer jener Schulen, deren VorzugsschA-er von den Prüfungskommissären gestürzt wurden, sind entschlossen, gegen sich die Disziplinaruntersuchung zu fordern. Sie stehen auf dem Standpunkt, daß entweder sie sich eines Mißgriffes schuldig Seemacht haben, indem sie unfähige Schüler als vorzüglich qualifizier ton, oder aber hätten die Prüsu-ngskommiffäve die Pflicht der U-nParteilichkeit verletzt. Die MiirchenschreibmaWue. Zwei Nachrichten — die erste: es wurde eine Schreibmaschine erfun'den, die das gesprochene T^ort d r r -e 4 t n b e r t r ä g t; die zweite: in Kopenhagen ist hvchbetagt -der Kanzleirat lIakvb Ahrend PeterS gestorben. Cs best-vht ein enger Zusammenhang zwischen beiden Duldungen; denn Peters war der Erfinder des ersten brauchbaren Schveibmaschmensystems. Die Schreibmaschinen, die 'heute in Gebrauch sind, mögen es min Tastenmaschisten oder tastenlofe Maschinen seiw, 'beruhen aus dem- Prinzip, das Peters im Jahre 1867 erfand. Wohl hatte es schon früher Schreibmaschinen gegeben; ihre Erfindung wuvbe durch das Bedürfnis einer Schreibmöglichkeit s ü r B l i n d e angeregt. Die ältesten Maschinen (die Erfindung einer solchen durch den Engländer M i l l i-m Jahre 1714 ist ziemlich legendär), wie sie von dem Amerikar^r A. Burt (1829), dem Franzosen Fvneauld (1843) und dem Däri-en Hansen konstruiert wurden, waren die sogenannten S ch r e i b k u g e l n. Erst Peters, der Leh^r in Holstein ivar, ging zum Hebelsystem über, das bis heM der Schreibmaschine zugrunde liegt. Aber die Verwertung der Erfindung gelang denr uupr-aktischen Lehrer nicht. Für seine, Ersindung erlangten pw amerikanischen Buchdrucker Skol«s und Soule züsaMnren mit dem Mechaniker G l i d d e n das Patent; sie trat-m es im Jahve 1873 an die New-Dorker Wasfensabrik R emington and Sons ab, welche es industriell verwertete und den Siegeszug 'der Schreibmaschine durchsetzt. Peters aber erhielt — eine goldene Medaille und Zeitungsartikel. Er starb als armer, vergessener Mann, nachdem er zuletzt als Organist an einer Kirche in Kopewhagen sein Kärgliches verdient chatte. Nur eine Freude hast« er: die bereiste dem alten Manne, der mit seiner Ersisi-- dung dem unerreichbaren Ideal der Weltverbefserung hatte dienen wollen, die große Dichterin Selma Lagerlöf; sie schrieb ihre wundervollen Märchen ans seimr Schreibmaschine. Märchenglück — das cinzigtz, das dieser alte Lehrer erlebte . . . Oder ist es das e-inzige, das uB allen zuteil wird? .. Wissenschaft in Haläftma. Ueber die Zukunft des politischen und koloachatorlsche« Zionismus kann man denken wie man will, optimistisch oder Pessinriftrsch: eines ist sicher, daß Palästina ein geistiges Zentrum" geworden ist und täglich mehr und mchr wird. Die Zehl der wissenschaftlichen Forscher und GÄehvten, welche sich sn Palästina im Laufe der letzten drei Jahre Niedergelassen haben, ist so groß, daß man ruhig bchanpten kann, di« Zahl evnster, wissenschaftlicher Arbeiter unter den Jirden Palästina- Habe ßcL in den letzten drei Jahren verfünffacht. Obwohl der wiffenschastliche Forscher in Palästina mit Schwierigkeiten zu kämpfen hat, wie in keinem Lande Europas oder Amerikas,, obzwar er in Gefahr ist, den Kontakt mit der wiffenschaftlichen Well zu verlieren, obzwar er fast gar keine Gelegenheit hat, dir ne^rscheinenden wissenschaftlichen Zeitschriften und Bücher zu scheu, so übt das Land doch seine Anziehungskraft gerade aus Gelchrte aus und ihre Zchl vermchrt sich, nwx kann fast sagen, von Woche zu Woche. ' . . In der vergangenen Woche konnte Jerusalem Mi neue Gelehrte begrüßen, die sich in seinen Mauern niedergelassen haben: Harold M. Wiener und Max L. M a r g o l i s. Harold M. Wieners Name ist für manche wissenschaftliche Kreise sozusagen ein rotes- Tuch. Er hat sich der gesamtenoffiziellen Bibelschule enbgegengestellt und in einer ganzen An»/ zahl von Schriften, .Iersuche über Bibelkritik" (1910), „Der Ursprung des Pentateuchs"/ (1912), „Studien über PentNeuch" (1913), „Die israelitischen Propheten in Geschichte und Kritik" (1928), „Tie Integrität des Alten Testaments (1824) ^alle in. engl sicher Sprache), die moderne Bibelkritik bekämpft. Er stellt, nicht in Abrede, daß eine.Textkritik des Alten Testamentes not-. wendig ist, aber er verficht vor allem den guten Glauben d er Verfasser Und lleberlieserer des Men Testamen's und wendet sich gegen eine Theorie, deren Hypothesen ans die Annahme m. Fälschungen oder Interpolationen des Textes gebä::: sind. Damit kam Wiener vor allem in Konst kt mit der dcurschen Wissenschaft, die seit mehr als einem Menschenalter aus dem Gebiete der Bibelforschung fast die' Alleinher«schaft hatte und deren Forschungen nicht intinct frei von beabsichtigter Parteilichkeit waren. Wiener beschuldigl die Deutschen, daß chr Pangermanismus mitbeteiligt an ihrer Einstellung zur Bibel war, indem sie nicht zngcbcn wollten, daß das jüdische Volk der Menschheit eine Offen-' barnngsschrist gegeben hätte. Wiener trägt den Titel eines Doktors der Rechte, und eine unpassende Kenntnis des alten Rech-tes zusammen mit einer juristischen Betrachtung der Hypothesen des Gegners ermöglichen ihm manches Argument, das dem reinen Philologen nicht zur Verfügung stünde. Wiener glaubt, daß seine Kritik der modernen Bibelkritik im

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