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Wiener Morgenzeitung · 1924-06-30 · Heft 1930 (30.6.1924) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1930 (30.6.1924)
Date
1924-06-30
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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vxsvmtt Mrorgerizenung. otr. iMnrr <rw>* Mey, SWtttag BSflKWS ■ ver'. UWMMWWW Copyright by IW Nachdruck verboten. »y 9 oriette Verlag, Wieh. Erster Teil: Kampf. 1. Kapi teI. Die Würfel fallen. Die Leiden Männer, die einander -in dem -geräumigen Arbeitszimmer gegenüber saßen, bildeten den denkbar größten Gegensatz. Der alte weißhaarige Anwalt mit dem peinlich glattrasierten Antlitz, das von einem Netz feiner Runzeln übevsät war, das schlohweiße Haar glatt zurückgesttzichen, und der Junge, kraftstrotzend, achletisch ge'baut, em zweiundzwvngigjähriger Necke. Mt dem gütigen wehmütsvollen -Lächeln des verstehenden Alters Nickte der Greis auf seinen Besucher, der tot starrer Verschlossenheit vor sich hinblickte, einen bitteren Zug um die streng geschlossenen Lippen. „Du -weißt, ich war ein guter Freund deines verstorbenen Vaters, Richlvd," sagte der alte Herr, „und ich halte es sMstverstäMich für meine Pflicht, deine Zukunft s-o gut als -möglich sicherzustellen. Du mußt mir nur deine eigenen Wünsche nennen und die mannigfachsten Möglichkeiten stehen dir zur Auswahl offen." „Ich bin Ihnen so dankbar für Ihre Güte," klang es Mter zurück, ,/cher ich muß schauen, daß ich mich allein durchschlage. Bettler dürfen sich wohl kaum ihr Schicksal 'Wahlen, womit ich nicht sagen will, daß mir außer Ihrem gütigen Angebot bis jetzt überhaupt Gelegenheit gegeben wurde, eine solche Wa-hl zu treffen." „Um so mchr Veranlassung für dich, mir-zu evlcmben, daß ich dir eine Existenz gründen helfe," sagte der. alte Herr eindvingliHer. ,/Sir Josef Martin, der Bankier, ist mein Freund; ein Brief von mir würde genügen, um.. ,Muf die Gefahr hin, daß Sie mich für einen Narren halten," unterbrach Richard Marr, ,/rIber ich kann ein solches Angebot nicht annehmen. Ich dm fest entschlossen, mir meine Existenz felbst und ohne fremde Hilfe zu schaffen. Meine Erfahrungen in den letzten acht Dagen haben mir die Augen geöffnet. Man 'hat mich immer in dem Glauben gelassen, daß mir, wenn ich erst meine Studien vollendet haben würde, die schönsten und angenehmsten Möglichkeiten offenstehen werden. Trotzdem kann mich jetzt niemand brauchen. An wieviel Türen habe ich schon angeklopft, doch niemand war bis jetzt bereit, mir für meine Univetsrtätsbildung soviel zu befahlen, daß ich uwin nacktes Leiben fristen kann. Ich könnte mir die Haare ausvaufen, wenn ich daran denke, wieviel GeW mein armer alter Vater für meine Erziehung verschwendet hat." Der Anwalt wollte Einwendungen erheben, doch der Jüngling ließ ihn nicht zu Worte kommen und führ fort: „Die vielen Enttäuschungen, die ich da erlebte, haben aber ihre Wirkung auf mich nicht verfehlt. Sie haben mir den Mut zu meinem Entschluß gegeben, den Kampf ums Dasein aus eigener Kraft zu führen. Ich wiederhole: was ich zu tun gedenke, will ich ohne fremde Hilfe tun. Trotz bester Absicht würde Sir Josef Martin, öder irgend jemand, der mir durch Ihre gütige Vermittlung helfen wollte, das Gefühl halben müssen, daß er an mir einen Mt der Wohltätigkeit übe. Wohl weiß ich, daß ich es mir jetzt kaum gestatten darf, Skrupel zu halben, doch ich habe mich an die neuen Verhältnisse -noch nicht genug gewöhnen können, um Wohltaten in Anspruch zu nehmen. Ich glaübe, Sie verstehen mich, wenn ich mich auch nicht ganz klar ansdrücken kann. Vor der -Arbeitslosenfürsorge schützen mich schließlich noch ein paar Pfund. Es wird sich mir schon etwas bieten, um mich vor dem Aeußevsten zu bewahren. Jetzt möchte ich Ihnen aber," er streckte dem alten bewährten Freund seinerFamilie die Hand entgegen, ,cherzlichft danken,-nicht wir für die viele Mühe, die Sie sich bei-der Ordnung der Berlassenschaft meines armen Verstorbenen Vaters genommen halben, -s-oüdern auch für Ihre gütige Besorgnis um mich, die mir sehr wohl getan'hat. Ich glaube, Sie würden an meiner Stelle nicht anders gehandelt haben." Mr. James Goltghtly lächelte ein wenig traurig. ,>Jch bin ein alter Mann, Richard," sagte er, „und wenn man alt ist, ist man geneigt, pessimistisch und voller Zweifel zu-sein. Die Welt scheint uns grausamer als sie vielleicht in WirWchkeit ist. Ich erinnere mich als ich zswantzig Jahre alt war, da -lachte ich über alle Schwierighast recht; wenn ich an 'deiner Stelle ivare, würde ich sicher so gesprochen haben, wie du es jetzt getan hast. In-dir lebt der Geist deines Vaters, Richard — der Geist, der.aus ketten, die sich mir in den Weg stellten. Ja, Richard, du einem armen Jungen einen der reichsten Männer gemacht hat, wenn auch diese furchtbare Katastrophe seinen Besitz zerstört 'hat. Ich -habe das größte Vertrauen zu dir; doch du mußt mir fest versprechen, wenn du wirklich einmal fremde Hülfe brauchst, zu mir zu koinmen; ich werde dir beistehen." Er drückte fest die Hand des Jungen und wendete sein Antlitz a'b. Der alte, in seinem Beruf hart gewordene Jurist unterdrückte nur mit Mühe seine Bewegung, denn dieser Jüngling war ja der einzige Sohn des Mannes, dem er ein ganzes Leben lang Freund gewesen war. Auch war er, wie er vorhin schon selbst gesagt hatte, ein alter Mann .geworden: und Alter zeugt Mitgefühl. „Bleib' mit mir in Verbindung, Richard," bat er, als der junge Mann die Tür öffnete. „Sicherlich! Wenn ich Erfolg habe, sollen Sie der erste sein, der die gute Nachricht hört, das verspreche ich Ihnen." Eine ungewöhnlich freundliche Novembersonne erhellte mit ihren Strahlen die muffigen dunklen Winkel des Gerichtsviertels, als Richard Marr auf die Straße trat. Aus den Dächern und in den Nestern unter den Dachrinnen zwitscherten fröhlich die Vögel. ' Marr liebte die wundervolle Einsamkeit dieses Viertels, um welches das tumultöse Leben Londons tobte, wie die tosende Weichschäume nde Brandung an den Userfebsen einer winzig Namen Insel im wetten Weltmeer. Templ'e, der jahrhundertealte, weitverzweigte Gebäudekomplex, feit undenklichen Zeiten der Zentralsitz englischer Rechtsgel-chrsaimkeit und Rechtsprechung, übte durch feine eigen-' artige Atmosphäre von undurchdringlicher Würde eine große Anziehungskraft auf ihn aus. Er erinnerte sich, daß er sich, als ihn vor Jahren fein Vater zum erstenmal zu James Golightly mitgenommen hatte, fest vornehm, auch Jurist zuwerden und ebenso wie die würdigen Herren, . die ihm hier auf.Schritt und Tritt begegneten, in diesem Hasen von Ruhe und Gelehrsamkeit sein Leben zu verbringen. Noch einmal umfaßte sein Auge das vertraute Bild. Er hatte beschlossen, London so bald als möglich den Rücken zu kehren und dachte jetzt daran,, es werde wohl lange dauern, bis er diese Stätte feiner Jugend Wiedersehen würde. Nun war er wieder draußen im ohrenbetäubenden Tumult der Riesenstadt und schlenderte, wie er sich Mter sagen mußte, ohne Ziel und Plan in der endlosen Prozession geschäftiger Menschen.-' Trotzdem bewegte sich Marr mit der leichten Anmut des trainierten Sportsmannes, und mancher stulbenblasse Bureaumensch, dem das gesunde Rotbraun des jungen Gesichtes, der tadellos sitze-nde 'Anzug auf dem ath'lletischen Körper und der leichte unbeschwerte Gang des jungen Mannes auffiel, mochte den glücklichen Burschen Wohl mit Neid betrachten. Man hielt ihn eben für das, wonach er aussah, 'einen jungen Mann von Melt, der es sich gestatten konnte, mchr Zeit ans den Sportplätze.» zu verbringen als in der staubigen, übelriechenden Atmosphäre Londons. Hätten diese blassen Arbeitsmenschcn Richard Marr vor vier Wochen gesehen und so beurteilt, 'dann hätten sie zweifellos recht gehabt. Damals war Richard ein reicher junger Mann, dessen vovwiegendstes Interesse der Sport tvar; heute jckdoch war er bettelarm, ohne jede sichtbare. Möglichkeit, sich zu helfen. Eine unerhörte Finanz" kataströphe hatte die Börse bis in ihre Grundfesten erschüttert und auch den sicheren Frieden seiner Jugend zerstört. »Sein Baker hatte den harten Schlag, dev ihn zum Bettler »rächte, nicht verwinden können und überlebte den Berlulst feines Rie'sienvermägens nur um wenige Da,ge. Selbst jetzt konnte der junge Mann noch nicht ganz begreifen, wie das alles hatte kommen können. Abgesehen von den regelmäßigen Mona-tswechseln, die er als Student von seinem Vater bekam, hatte er gar keine Erfahrung in Geldangelegenheiten. Aber es mußte wohl stim-- men, wie es ihm der alte Anwalt seines Vaters auseinandeyzusetzen.versucht hatte, -obglÄch er es nicht,Wz verstand, daß eine Woche wildester Börseumanöver auf den großen europäischen FinanßPlätzen ein Vermögen, das auf mehr als eine Million Pfund geschätzt wurde, in nichts zerrinnen lassen konnte. Mt dem Wagemut des echten Spielers hatte der alte Daverton Marr sein Vermögen für einen „Eoup" eingesetzt, welcher sein Vermögen verzehnfachen sollte, ihn jedoch statt dessen ' zum Bettler machte. Der Ruin war vollständig. Nicht mit das Geld, sondern auch das stattliche Palais -und der ganze Privatbesttz des unglücklichen Finanzmanues ging verloren. -Als der alte Golightly die Titanenarbeit der Ordnung des Nachlasses bewältigt hatte, war es ihm klar geworden, daß dem vom Schicksal so hart getroffenen jungen Burschen nicht viel mchr geblieben war als ein Schrank guter Garderobe. Er wußte allerdings nicht, daß der größere Teil des Inhalts dieses Schrankes bereits seinen -Weg zum Trödler genommen hatte; denn Richard war zu stolz gewesen, um ihm davon etwas zu sagen. Zur Zeit, als-Richard Marr ziellos durch die Straßen Londons wanderte, hatte er in seinem Besitz zwei -Anzüge und die fürstliche Summe von 25 Pfund. Der Menschenstrom staute Lei -der KvöWnng der Wellington Street, um eine unabsehbare Wut von Vehikeln aller Art vorbeizuliassen. Geduldig wartete Mar^ Plötzlich fühlte er, daß «ihn jemand am Avm zog. „Richard Marr!" rief eine aufgeregte Stimme. Marx wendete sich um und die Düsterikeit der letzten Stunden verschwand aus -feinem Gesicht. Er griff erfreut nach der Hand des Mannes, der ihn angeffwochrn hatte und riß sie vor Erregung so kräftig <mf -und nieder, wie den Schwengel einer Pumpe. Das war ein Mann aus feiner früheren Zeit, ein Mann, den er kannte, lielbte und überaus schätzte. ,^Johnny Bell!" rief er. ,/Wie ich mich foeue, dich zu sehen! Komm, wir suchen uns einen Platz, wo wir ruhig plaudern können." Der andere stimmte lachend zu und Avm in Avm strebten die beide-n Freünde weiter. Marr-war eiin armer Mann, aber — so sagte er sich, sein Gewissen beruhigend — diese Begegnung -war ein Anlaß, der unbedingt gefeiert werden mußte. Fabiano ivar in diesem Falle gerade noch gut genug und nach diesem berühmten uno teuren Restaurant lenkten die beiden ihre Schritte. ,Ms tut mir wohl, Sie Wiederzusehen, Marr," sagte sein Gast, als sie nach einem opulenten Mittagessen bei Kaffee und Zigarren angela-ntzt waren. ,/Lange nicht so Wohl wie mir, Johnny," antwortete der junge Mann dem alten Fußball-Jndernatlionalen, der Richards Mannschaft, das Oxsord-iUniversitätsteam die letzte Saison trainiert hatte. ,Mir war sehr trübe zumute in dem Augenblick, als Sie wich trafen, Ihr bloßer Anblick aber 'hat genügt, um alle unsrohen Gedanken zu verscheuchen." „Ich habe von Ihrem Unglück gehört, Marr," sagte der alte Internationale teilnahmsvoll, „uüd es tut mW sehr leid, Ihretwegen- und auch wegen Ihrer Mannschaft. Es ist sehr -unwahrscheinlich, daß Wir einen Mttölstüvmev Ihrer Klasse finden werden, Marr. Es wvr besonders für mich ein harter Schlag, als ich hörte, daß Sie Ihren Austritt an,gemeldet hatten. Ich bilde mir ein, etwas dom Fußball zu verstehen, und ich sage Ihnen ehrlich: ich kenne keinen besseren Mittelstürmer in England.-Ich vermute, Sie werden jetzt» Wohl für die EorinihianS spielen?" Marr unterdrückte ein Stöhnen. Der Gedanke daran, was er verloren hatte und was ihm noch versagt bleiben sollte, war fast zu diel für seine SeWstbchevvfchuug. - ,/Jch fürchte, Johnny, ich -werde das Füßlballfpiel aufgeben müssen, weil —nun ja, weil ich es mir nicht länger leisten -kann. Wenn ich die Wahrheit sagen soll, Johnny, mir geht es «schlecht, erbärmlich schlecht. Die ganze vergangene Woche 'habe ich mir die Füße abgelaufen, um einen - Posten zu bekommen, aber. ohne. Erfolg. Es-scheint, als. gebe es gär keine Möglichkeit für mich, jemals eine Stelle zu findem Es Äi-ngt komisch, besonders wenn man mich von -früher hex gekannt hat — aber ich habe tatsächlich kein Geld mehr. (Fortsetzung folgt.)

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