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Wiener Morgenzeitung · 1924-06-28 · Heft 1928 (28.6.1924) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1928 (28.6.1924)
Date
1924-06-28
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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' lüia Lamtlag Mnimrns Notrnvreffe. Budapest, 27. Juni. CUug. Tel.-Korr.-Birr.) Laut Ausweis vom 23. d. hat der Staatsnotenumlauf gegenüber dem Stande vom 16. d. um. 50^ Milliarden zugenommen. AutlsrmWchrr Skandal km eWndWe» Parlament. 24. Juni. sI. T. A.) Im Parlament von E ftland kam es bei der Äufrollung der I u d e nfrage zu e r r eg t e n Sz e n e n. so daß die Sitzung vom Präsidenten aufgehoben werden mußte. Der frühere Minister des Innern, Abgeordneter Ei ubund, beschuldigte unter dem Beifall der Rechten den sozialistischen Exminister des In- Nern. A l o § f o daß er in bezug auf die E i n w a n d er u n g von Juden nach Estland zu liberal gewesen sei. Er erinnerte daran, daß in der zaristischen Zeit kaum ein Jude nach Estland einwandern durste. Der sozialistische Abg^ordnue wies die Behauptung, daß die Juden für die schlechte Lage verantwortlich seien, scharf zurück, worauf die Skandalszeuen einsetzten. ' Fnländ. l -»e Regierungskrise? degen eine Kündigung der Regierungskoalition durch die Großdeutschen. Die den Großdeutschen nahestehende „Tcutschösterreichlschc Tageszeitung" batte gestern in der offenkundigen Absicht/ die Beamten zn beschwichtigen, angekündigt, daß in der heutigen NeichSparteileitunassitzimg der Großdcutschen entscheidende Beratungen über ein von der Partei ausgeavbeitetes Mindestprogrüvnn für die Dcsoldungsreform stattfinden werden. Falls diests Miudestprogramm von der christlichsozialen Koalitions- Partei abgelehnt werden sollte, würden die Großdeutschen mit der Abberufung ihrer Minister Dr. Frank und Tr. Schür ff antworten, was einer Kündigung und Auflösung der R e g i e r u u g s k o a l i t i o n gleichkäme. Tarauf antwortet nun das christlichsoziale „Grazer Volksblatt": „Wir meinen, daß sich die Großdeutschen seinerzeit mit * den Christlichsozialen verbündet haben, um das Genfer Programm zu Ende zu führen. Es geht nicht an, daß die Großdrnlschen in einem Falle, wo cs sich um die Interessen von K: eisen bandelt, die einen Teil des Bestandes an großdeutscheu Wählern bildet, nunmehr den Bundeskanzler ' Doktor Seipel, der sich, im Vertrauen auf die Zuverlässigkeit der Großdeutschen, in einen so starken Gegensaß zur" linken Seite des Parlaments gestellt hat, einfach im Stiche läßt. W'r hoffen zuversichtlich, daß es sich in diesen Dingen nur um eine journalistische Entgleisung, und nicht um die ernste Meinung führender und verantwortlicher großdentscher Politiker handelt. Außerdem gehen die verschiedenen Kombinationen über n e n e M e h r h e i t s s y st e m e von einer ganz falschen Voraussetzung aus. Jene christlichsoziale Zar RosenMleiR. C'ne Lrzsnde in drei Auszügen von Julius Bittner. Erstaufführung im Opernthsaier. Auch die neue Oper von Bittner, d'e übrigens schm -or Jahresfrist im Mannheimer Rationallheatcr ihre Uraufführung erlebte, weist wieder in die österreichische Vergangenheit. Sie führt uns auf die alte Donaufeste Aggstein, auf welcher das Naubrittergeschlecht der Küenriuger in der Babei'berger-Zeit hauste. Am ärgsten trieben es die Brüder Hadamar und Heinrich von Kuenring, welche von Aggstein und von den benachbarten Burgen Dürnstein und Hinterhaus aus zur Zeit Leopold des Glorreichen die donanabwärts fahrenden Handelsschiffe plünderten. Auch kündet die Sage, daß sie widerspenstige Schiffahrer auf einen, gegen die Burg zu mit einem Eisengitter verschlossenen Felsvorsprung zwangen und dort dem'Hungertode oder dem tödlichen Sprung in Tiefe Überließen. Noch heute bezeichnet der Volksmund jenen Fels als Nosengärtlein; in der von Vittner frei erfundenen Handlung ist das Opfer freilich kein Handelsherr, sondern — wo bliebe sonst die Oper! — eine blonde, sentimentale Jungfrau. Das Bauernkind Witha (Roswitha) liebt ihren Hadamar, den alle anderen den „Hund von Kuenring" nennen, schwärmerisch ans weiter Ferne wie Elsa oder Senta ihren Ritter und lehnt jede Annäherung des ihr treu ergebenen Jägers Leupold ab. Sie bewahrt Hadamar selbst ihre Liebe, da er sie von Schergen auf seine Burg schleppen läßt, um sie bei Wasser und Brot sich'gefügig zu mach'n. Doch sie muß sich ihm verwehren, da sie ihm nur in Freiheit und Neinhüt angehören will, und so' wagt sie nach einem Geständnis ihrer Liebe den Sprung '.n den Abgrund, um mit ihrem Opfertode ihren Ritter zu entsühnen. Hadamar glaubt an ein Wunder und geht in sich, doch in zweites Wunder erlebt er, da die ihm fatalistisch ergebene und darum von ihm nur gering geachtete Aral erin Fatime in der Stunde der Not, da alles ihn verlaßt, treu bei ihm ausharrt, ihn mit ihrem eigenen Leibe g?gen die Pfeile der den Burghof stürmenden Bauern schützt und so für ihn und mit ihm in den Tod geht, der den Ritter mit seinen beiden Frauen vereinigt. ' Ter Mann zwischen den zwei Frauen ist immer ein dänkbarcs Theaterproblcm. Vor etwa einem Jahrzehnt l rnte man in Hardts Schauspiel „Schirin und Gertraute" einen Ritter kennen, der daheim seine Frau-zurückließ, .aus d?rn ,r.v. r. -;tn eine Orientalin als zweite Gattin heimsü 'c i. n;.t t beiden Frauen in schönster Eintracht Wiener- Morgens cunn. Julius Meinl Kaffee-Jmport Gegr, 1862 f'JL WM. Politik, die eine stärkere Bindung der Sozialdemokraten an die Interessen des Staates deren oppositionellen Haltung vorziehen würden, sind keinesfalls bereit, falls sich das jetzige Regierungssystem wirklich als unhaltbar erweisen sollte, einfach in die Bresche zu treten, sondern wir meinen, daß dann der Bevölkerung im Wege von Neuwahlen Gelegenheit gegeben werden müßte, darüber zn entscheiden, welche Parteikonstellationen künftig die Regierungs-geschäfte dieses Staates führen sollen." Die Großdeutschen werden diesen Wink mit dem Zaunpfahl wohl verstehen, haben sie doch bei Neuwahlen nur die Aussicht, auch ihre paar Reststimmenmanda,te zu verlieren. Zer Arert «m die Arbeitsloseim«teMtzlmg. Im Ausschuß für soziale Verwaltung wurden gestern die zwölfte Novelle zum Arbe i ts lo s en verst ch e r u n g s g e s e tz und die 21. Novelle zum Krankenversichernngsgesetz angenommen. Darm die diesbezügliche Regierungsvorlage sollte die Notstandsunterstützung nach der. dreißigsten Woche der Arbeitslosigkeit allen ledigen Arbeitslosen, allen verheirate-en Frauen und allen Arbeitslosen, die mit anderen unterstützten ArteMo'm -nn FamMliverbande kleben, entzogen w-uden. Tie Srzi-aldcmrkratrn drohten daraufhin mit der O.bstrnktion ans der ganzen Linie. Unter den' Drucke dieser Drohung mußte Minister Sch-aiv zustimmen, drß die geltenden Bestimmungen über dc llrbeitslosenunierstützung weiter in Kraft blei'bcn. WWWBWIgMWWMWBWMWWIUliai weiterlebte. Bittner will als Dichter tiefer schürfen: Er stellt die naive, erdennahe, in ihrem. Triebleben wurzelnde feurige Araberin Fatime der kühlen Mondlichtschöuheit, der deutschen, sentimentalen, in ihre Wachträume und in Wagners Erlösunasae danken eingesponncne Witha gegenüber, und möchte in Hadamar den Typus „Mann mit dem eisernen Nacken und der eisernen Fau.st" Prägen, dessen Stärke an dem Widerstand eines schwachen, aber reinen Weibes zerschellen muß. Leider erhalten die Charaktere keine rechte Schärfe, ihr Inhalt wird erzählt, statt entwickelt: Wir sehen wohl Hadamar bei Mein und Weibern, doch seine Teufeleien und sein Raubrittertnm müssen wir ebenso auf Treu und Glauben hinnehmen, ohne sie zu erleben, wie die Sinnenglnt Fatimes, die sich selbst mit einem Kelch doll Syrakuser Weins vergleicht. Wie wenig unterscheidet sich doch im Grunde das Sinnenweib Fatime, das „schwarze Pantcrchen", von Witha, „der weißen Hirschkuh", mit ihrer „gleich'Herbstmorgenluft leuchtenden Unschuld", und was für blumige, umständliche Gespräche über Liebe führen sie beide, die verschleppte Orientalin und das deutsche Bauernmädchen, im fernen Mittelalter! Auch die „musikalische" Charakteristik will nicht recht in Fluß kommen: Wohl erhalten die Personen ihre Leitmotive — Witha wurzelt im deutschen Volkstum, Fatime in einer exoiisierrnden Rhythmik «sw. —, doch abgesehen von diesen Motiven reden Naive und Sentimentale, der trotzige Ritter und seine Frauen, die Burginsassen und die Bauern, die gleiche Tonsprache, welche die verschiedensten Stilelemente in sich vereinigt. Neben der Leitmotivik herrschen die Fornren der alten Oper, arioser Stil wechselt mit Sprechgesana,' in die einfach-anmutige Instrumentation drängen sich Plötzlich übermäßig scharfe, ja schneidende Orchcsterfarben ein, der fast primitiven satztechnischen und harmonischen Struktur find gelegentlich grellste Akkorde aufgepfropft, neben echtestem, volkstümlichem Bittner nehmen Wagner, Mahler, Strauß, Puccini, Verdi usw. einen breiten Raum ein. Und doch birgt die Musik den kostbarsten Saft des Theaterblutcs, der immer seltener wird: Eine gelungene, etwas zu lang geratene, parodistische Episodengestalt ist der Burgkavlan, der gleichmütig seine Litanei plärrt, und wie warme, innige, ja visionär^ Töne findet Witha, wenn sie im ersten Akte von ihrem Ritter träuntt, und im zweiten Akte für sein Heil in den Tod geht. An diesen zwei Höhepunkten weitet sich die melodische Linie, die Musik gewinnt Schwung und Leben und deutet in zarter, intimer Seelenschilderung Withas Machtränme. Auch sonst fühlt man oft genug den feinen Tonpoeten Bittner, 28. Juni 1024 Seit«-» Ter Ausschuß änderte in diesem Sinne gestern die Reg»« rungsverläge ab. BnrgeniiiiidWer Landtag. ■ Sauerbrunn, 27. Juni. Tcr burgenländ'.sctn- L.indta^ verhandelte in seiner gestrigen Sitzung den Wurf über die Abänderung der Ge-neindeordnung, worauf ein Gesetz angenommen .wurde, auf Grund dessen der burgenläud i'chen E l e k t r i z i t ä t s« g e s e l 1 schaft für ein Darlehen von 35 Milliorden Kronen die Landesgarantie gewährleistet wird. Nach: der Annahme eines weiteren Gesetzes bett'effeild d.' Bekämpfung von Pslanzenschädlingen wurde das .s.g ncmntc S e kre tä rsge s e tz angenommen. Dieses G-seh. das Landesrat Hoffenreich ausführlich begründet, niacht dre Gcmeindesekretäre zu Landesbeamten. Ain Schluß der Schung wurden dringliche Anfragen bezüglich der Burgen!,:ird;'U« läge der Beamten und betreffend Elkinen-arschäden erledigt. I Ire Siurriserrleichterrnse». 'In der anläßlich der zweiten ordentlichen Tagung Ausschusses für Fremdenverkehrsanaelegenhe'iten am 25. d ae- Hältenen Begrüßungsansprache hob Minister Tr. Schür's hervor, daß eine Reihe weser.tlicher E i it r c i sie erleich t erun gen in Aussicht gcnomrnen seien, die auf die V?r mheitlichung der Sichtvermerk?r-böbren und aul die Einnch^nng der Paßvisamarken .hinziesen. Dos Bundeskanzleramt bade alles vorgesorgt, um sogleich nach der por'gmentari-schcn T^.rabschiedung der bezüglichen G-rsetzcsvorlage die neuen Erleichierungenin Kraft treten zu. lan'-'u und damit ihre Wirkung noch in der honrigen Saison zu sichern. Wiener Auf der Tagesordnung der gestrig/"' Sißung, die lein sachlichen Berattmgen diente, stanken eine Reibe von Geschästsstücken, meist Zuschuß- und Sachkredite. Subventionen urw Hansankäuse betrefsenv, die meist debattelos genehmigt wurden. So unter aiwerem der Bierteljahresbericht der W. A. G. vom 1. Februar bis 30. Apnl d. I., zahlreiche Grundankäufe in Wien und Umgebung, eine Subvention für Propagauda.'-wec.e der Wiener Messe im. Betrage von 400 Millionen. Gei'.cbmigt wurden, ferner mehrere Anträge der Straßenbahudirektion, betreffend Gleiskautcn mit einem Kostenaufwand von rund 2 Atilliarden. Schließlich erteilt« der Gnueinderat auch seine Zustimmung zur Ansgestältung der Kinderübrnahmsstelle in der Ayrenhessgass^ im Betrage von 5.2 Milliarden Kro.nen. Zu lauten Szenen kam es, als Stadtrat Speiser das Referat über Aenderung der Mit glich erzähl der gemeinderätlichen Personatkommijsian erstattet hatte. Tie Minorität griff hierbei durch ihr Mitglied Gemcindcrat Hollaubek in heftigster Weise die Gemeindeverwaltung an, was natürlich auf den sozialldemc-kratischrn Banken stÜNnische Entrüstung hervorrief. Der Referentenantrag wurde schließlich angenommen. so gleich zu Beginn, wenn der neblige Herbstmorgen mit Kukuksrnf erwacht, wenn die liebe, fast kindliche Wtise „vom Rosengärtlcin . . . kam . . . ein Schrei" anhebt, oder wenn Hadamar in einem alten, trauten V lkslich vom treuen Hasse Abschied nimmt. Merkwürdig überhaupt,, wie dieser dritte Akt noch stärkst» Theaterwirlung zeitigt, obwohl das dramatische Geschehen mit Withas Todessprnng im zweiten Akt abgelausm ist: Da schlägt, noch die mit Tanzrhythmen im Dreivierteltrkt durchsetzte' Sauf- und Raufszene der Massenknechte — frei nach dem „lieben. Augustin" — richtig ein, mit aller Wucht dröhnt der Stürm der erbitterten Bauern auf die verlassene Burg, und das Duett zwischen Hadamar und Fatime bringt noch einmal eine Peripetie der Oper — freilich, „drei" Höhepunkte in einem Drama sind weniger als ein einziger! Gleichwohl ist auch diesmal die thcatermäßige Faktur stärker als die musikali'che, und der Wortd'chter siegt wiederum über den Tondichter. Im übrigen scheint uns das „Nosengärtlein" weniger ursprünglich als der ihm verwandte „Bevgsee". Auch dort ein Bauernaufstand gegen Willkürherrschaft, auch dort ein in heimatlicher Erde und Art wurzelndes LaAdmädchen; doch im Bergsee erschien uns Bittner noch als der urwüchsige, hemdärmlige. polternde Naturbursch, dessen markige, nicht durchwegs gebildete, aber stets un-verbildete Wort- und Tonsprache in ihrer bäuerlichen Derbheit an einen alten kräftigen Holzschnitt gemahnte. Inzwischen hat er sich geschickter den' Zeitverhältnissen und dem PnbliknmSgcschmack angepaßt als dem musikalischen Zeitgeist und den Ansprüchen der modernen Technik, und sein Natnrbnrscheninm scheint sich von der kräftvgen Holzschnitimanier weg immer Mehr Defreggers Salontirolertnm zu nähern, welches im „Rosen-gärtlein" aus dem Tirolerischen in die Wachau verpflanzt .ist. Die von Kapellmeister Alwin mit Umsicht geleitete Aufführung verriet in den stimntungSvollen Bildern Rollers Meisterhand, auf der Bühne waltete Regiss'ur T u r n a u und bot name»ülich im dritten Akt wild bewegtes Volksleben. Dunkel und unlviderstehlich, nur im Gesang nicht wuchtig genug, Herr I e r g e r als Kuenring,iFräulein Anday als Araberin überzeugend in der Orgelpracht ihrer mächig aufblühcnden Altstimme und im Glanz ihrer orientalischen Kostüme, schlicht und innig Herr Hofer als Jägersmann, angenehm Herr Norbert als alter Fährmann, gar zu verschüchtert und blutleer Frau Bor.n als opsermutige Witha. Ein sehr starker Erfolg blieb dem allgemein beliebten Opernkomponisten Julius Bittner auch diesmal treu. Erwin F e l b e t.

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