Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1925 (25.6.1924)
- Date
- 1924-06-25
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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IITERATURBEILAGE DER „WIENER MORGENZEUUNG' N ummer 15 ERSCHEINT JEDEN MITTWOCH 25. Juni im ADMINISTRATION. „WIENER MORGENZEITUNG", VIEN, II., TABORSTRASSE 1-? Walter Rathenau Von Gebummelten Roden WAlter Rathe- VLUK liegt nunmehr* der vierte B&hd vor, den 4er Verlag §. F i> eh e r in, Berlin In einem hübschen, mit dem Monogramm des Antors geschmückten Band hßfwbnmffti Di« publlLtertsn Reden umfassen einen WtraUM von; acht Jahren und 4üe Anlässe, Aus denen M Pysyrochen wurden, gehen ©in freilich' sehr sÄMAtzhHK . Bild von der rastlosen Tätigkeit des Mannes/von seiner tiefen Kenntnis de^ weltwirtschaftlichen Zusammenhänge und von der njeiste^Ättzn Beherrsohung (der SmMe. .KW M Qedanhen sind atJfe ^sargfältigste aiisgefeilt ünd ällö« zusammen weckt Mrfurcht vor dem umfassenden Schaffen diese« Mannes, vor seiner Unermüdliclikeit, tausendmal Gesagtes und Geschriebenes immer wieder in neuer schöner Form zu wiederholen und sich Gefolgschaft m erzwangen. Trotz der Verschiedenheit der'Zeit» Mfbs. m denen die Roden gehalten wurden, lesen sie Sich doch wie ein zusammenhängendes Werk und der Ton, der überall durchdringt, ist immer der gleiche; Freude an der Arbeit, an Wirken und Werken, Vertrauen zu den Menschen und sine alles verzeihende Güte, Die erst© Red© wurde gehalten, als Rathemu die KrJe-gsrohstoffabteilung im Kriegsministerium verließ. Ä war die? am 31. März 1§15. Damals stand Deutsch lafid. auf der Höhe des kriegerischen Ruhms und nichts deutet© darauf, daß der Krieg m jener Zeit bereits verloren war und daß alles, was naehfolgte, nur mehr ein sinnloses ffinmorderi der Menschen war. Die Rohstoff" abteihing war die vielbewunderte Schöpfung, die Ra» thenan mit einer ans Unglaubliche grenzenden Orga« nisationskraft der leitenden Behörde binnen wenigen Stunden zur Verfügung gestellt fiatte. Man weiß heute, daß dies© Abteilung stark angefeindet wurde und man kennt heute auch den Grund hieftir; Es war das Werk eines Juden. Von dieser Bmleitungspe-de bis .zu dem WluSwyrt, in welchem Rathenau Als Mitunter des A^ußern d<er N^utjaMerung der Rheinland© entgegen» tritt, Hegt der Krieg, die Kriegsnot, die Revolution und 4fr Frieden^vqji VMMÄes Geschehnisse von emyh W>chOsMn"W'ueh't, von slnsr Kraft, che MrM-tsHek iw da« Vermögen ednes Menschen geht, | interessant, daß auch RaMenau es unters IW. tilfp Phrasen. m schmieden. Er bleibt unsentRf niehtal, sieht alle Problem© sachlich an, ohne sich mit' ti Woher und Warum lange zu befassen, Aber 4 t d|n M^tand Deutschlands mit den scharfen mM bWüEaren Augen des Tatsachenmenschen: „Wir |fjea geträumt’“ *»* -sagt er in einem Vortrag über' ' sch© Hodfechui© für Politik am 27.. April 1931 nicht, wfe Dch gescühp ist. Die mMWn. sagen; Wi©<. vW sWMtz^M'WWTWshr. .AW ßl©. vßrgeMy, däS W dA.MNd Wr Mtzg-q verloreuMbtzn. Wir' treten ©ln in Ms DbrnbkxM im dem Augenblick, wo die wosMoiW Mtz MWn Zustand Ast' überwunden hißt} wir treten 6% in die Schülerklasse des Jahres IM M dG Jahres 1849 und haben tiaehzuholen, wa§ jene Völker In der Zeit Dickens und Balzacs lernten,“ Wohl kaum jemals ist die geistig© und intellektuell© Verkümmerung der technisch so hochentwickelten Zeit des deutschen Kaisertum« so scharf gesehen und definiert worden. Das Reich, der Reichtum, der Glanz des Hofes und des Adels waren Selbstzweck. Alles, Erziehung, Arbeit, Forschung war in seinem Mühen unfrei; nicht dal man Deutschland acht©, sondern daß man es fürchte, war der Sinn der Wilhelminischen Monarchie. Und da sagt nun Rathenau; Selbstzweck aller Wirtschaft ißt der Mensch, nur er. Wir sind nicht Wächter' von Gütern, die verrosten Und verfaulen, sondern verantwortlich für Geister, Die Wirtschaft kann nicht ein Wettkampf und ©hi Wettiauf bleiben, nicht Kampf ist ihre Aufgabe, sondern Produktion. Die Generation, dl© Rathenau beschimpft, gelästert und schließlich -ermordet hat, weiß dies alles nicht. Für sie ist wieder die Konkurrenz das Ziel der Politik, wieder der Kampf, der letzten Endes immer wieder zum Konflikt wird. Noch bitterer klingen die Worte, die Rathenau über Demokratie und demokratisches Wesen im Oktober desselben Jahres auspricht. „Wer wird populär ip Deutschland? Derjenige, gegen den nichts einzuwenden ist. Wer ist aber der Mann, gegen den nichts einzuwenden ist? Der Mann, der keine Eigenschaften hat und der sagt, was jeder hören will," Ist das nicht die schärfste Charakteristik der Schichten, unter deren Kontrolle Leutsshland geraten ist? Welche besonderen gelstJKi Qualitäten hat etwa Ludcudorff entwickelt? Er ist populär,, well er den Krieg und den Haß predigt j und weil er MM dem Empfinden des Demos zu schmeicheln jederzeit sicher ist. Rathenau ist ©in Sucher der Wahrheit. In keiner seiner Redensteht auch nur ein Wort, das nicht der strengsten Prüfung ‘stand hielte. Nirgends aber gibt er den unpersönlichen Ton auf, niemals spricht er von siich, auch picht bei der Gelegenheit, bei der Oes berechtigt wäre, alt er Oy Rohstoffabteilung sWem Nachfolger - übergibt. Er stellt immer hinter seinem Werk und Sy ist er eigentlich wenig gekannt und nur verkannt durchras Leben gegangen, durch sein Amt, das ihm nur einmal einen stolzen Augenblick bescherte, als er in. Genua vpr den europäischen Staatsmännern |m Namen Deutschlands das Wort nahm, Dies© Stunde hat er nicht m©hr lange überlebt Er hat für den Frieden gewirkt und für die Versöhnung, Darum ist er gestorben, denn beides ist in Deutschland ein Verbrechen, auf das Todesstrafe steht i.l. verlangen §i« von HELLER (BU&UJVU J. Bauernmarkt kostenlos! Aus Walther Rathenau9 Notizbüchern*) ' Prüfstein des Dramas: ob beide, Spieler und Gegenspieler, Recht haben. Bösewichter und Märtyrer sind gleich uiTdramatiseh * „Di© reinste Freude ist die Schadenfreude." Ihr lachet über, dies verruchte Wort? Ihr solltet alle Tränen eytrer Seele weinen, daß es ausgesprochen werden konnte, * Gewiß, die Weit und das Leben lassen sich ohne Transsepdenz'betrachten, Es gibt auch Leute, -die Beethovens Symphonien pfeifen. - . .. ■ Kurze Fprmeli Eleganz ist gemeisterte Verschwendung. * Schreibe so, wie du redest: eine unküiis tierische Forderung, Renn das geschriebene Wort trägt nicht die Färbung' des Ausdrucks, der Stimme und der Bewegung. Schreibe so, daß man glaubt, dich reden zu hören: das ist die Rückkehr zur Natur, die aber Kunst geboten ©ein soll, * . Wer mir etwas sagen will, muß stärker sein als Ich. *) £um Andenken für seine Freund© wurden unter dpm Titel „Aus Walter Rathenaus Notizbüchern" Aphorismen Rathenaus, als p r i v a t d r u § k herausgegeben: dgnk der Freundlichkeit der Mutter Ratpenaus bringen wir aus diesem, der Qeffentiichkeit nicht zugänglichen Buch ejpe Anzahl vop Aphorismen, die vornehmlich das Gebiet dfr Kunst betreffen, Humor gehört zu den höchsten Formen der Betraeh» ttmg und Darstellung, solange er souverän bleibt: Teilnahme am Menschlichen ohne Parteilichkeit und Bekümmernis. Mischt sich Sentimentalität hinein nach de? Formel von der lächelnden Träne, so wird er, wie das berühmte Bild, zur larmoyanten Grimasse. * Der professorale Verstand kann sich unter Erziehung und Veredlung dp? unteren Klassen nichts denken, als die Anwendung der alten Kinder mittel: Bilder, Theater, Musik, Literatur, Geistpswissensehaft. Diese Dinge sind für einen intelligenten Proletarier ohne jede Bedeutung. Ein Automobil ist ihm wichtiger als das Parthenon und eine Ruder* Partie interessanter als die Jungfrau von Orleans. Belehrungsbedürftiger ist er, der Kathedermann, der Hum auf stik als ein Absolutes ansieht. * Nicht Pazifismus, sondern Weltprganlsrnus, * In dem deutschen Wort „Geschichte" Hegt eine divl* natorische Bedeutung. Alle Historie ist ein Schichtung^« Phänomen; eine herrschende und eine beherrschte Volksschicht müssen übereinander getigert sein, wenn die Phänomene der Entwicklung, der Expansion, der Kultur und des Niederganges sich, ereignen sollen. Denn diese ir* seheinungen sind Mischung?- und Absorptionsvorgänge. Völker mit homogener Bevölkerung sind gesehichtslss. Die Erlebnisse, die dem Menschen des Altertums 'und der Mittelzeit begegneten, waren periodische. Der Wechsel der Tages- und Jahreszeiten, der fruchtbare» , und kargen Jahre, des Krieges. und Friedens; der Kreislauf des Lebens von Tie? und Mensch; dies war der le* zirk der Erfahrung. Die getagten waren weise, nicht um des Denkens willen, sondern, weil sie diese Perioden ’ mehrfach erlebt hatten. Den Ring zu überschreiten, war Sehern und Enthusiasten beschieden; eine Handlung des ■ Götterzwanges oder: 4©S Wahnsinns, Heute ist das Denken entwurzelt. Jedes Ereignis vernichtet Erfahrung; Ueberlfeferurig scheint wertlos. Daher die Turbulenz und nüchterne Ekstase unserer Meinungen; der Pöbel weissagt Wer scheut sich nicht, ein Menschenleben wn-eine Stunde zu verkürzen! Aber eine Stunde ihm zu verderben — wer hätte das Schlimmere nicht schon verschuldet? * Ein Teü unsere? ideellen Verarmung liegt darin, daß die Denkformen unserer Zeit nur den Vorposten gehören* Das Gros arbeitet mit Formeln früherer Saecula. Keine Führerschaft mehr: denn das Denken ist homogen geworden. Was früher dem Genie oblag, besorgen heute dir Massen. is wird alles gedacht. \ * 1 Mißverständnis des modernen Geistes in Architektur und Dekoration; Man hat zwar das Aussehen vom Technischen verstanden und versucht zu konstruieren, aber man hat das Ausgehen von der technischen Arbeit nicht verstanden und vergißt, zu spezialisieren. Eine neue technische Kunst entsteht erst, wenn einer sein ganzes Leben lang Teller oder Stühle macht und nach einer Methode. * Die Gefahr der neuen »Tragödie; Bilder statt Hand* lung,. Ekstase statt Leidenschaft. * Nur die Liebe ist stark, die mit Haß gemengt ist LEBEN IM BUCH „Kanitverstan.’* Herbstliche Reise eines MdancholN ■ kers. Briefe aiuis > Holland. Herausgögeben von Wilhelm Hausenstein. 19S4. Deutsche Verla'gsajnstalt, Stuttgart, BerHin und Leipzig. — Die Entdeckung Hollands durch elmen Forscher und. Dichter, diese seltene Vereinigung in einem kunMriMsch reifen Menschen! Ate literarische Einkleidung Einige eines Unbekannten, eines Melancholikers, an elinen Unbekannten, dier Widerschein der E r$ Qih ednun.* Holland, eines Enthusiasten wnd feinfühligen Kunstbesessenen, und doch ein kräftiges Element holländischeT Wesenheit; darauf kommt es dem Kunsrtsöhriftisrteier Wilhelm Hausenstedn am. Pas Erlebnis Remforandt und Verrpeer wird kAargesfceiat, nicht durch eine klassizistische Kunst anschaimmg, Gs" mit fertigen Gesetzen und Dogmen an diese malerischen Wunder heran tritt, sondern durch den Willen und die Kraft, es von Neuem m\ erleben, empfangchereit. wfg am ersten Schönfunsstaig; Augenblickes des Sehens, Natur- Phänomene. Die Begegnungen M hotiändlscfoem' Boden zeigen eine Entflammung, wie sie nur einem von Erl&bnUbereiteehaift Besessenen suW wenden können. Das Buch ist halb Forschung, halb Dichtung, es bringt <Sa$ Wunder Holland. Die Abbildungen von Werken der großen Holländer irradhen e$ auch bibliophil wertvoll,'’ ' y,"f^ ■ww BSPfWPS sswjg ir«um(iller ft Sohn Abteilung: Antiquariat > 1% die : Rii*$l84lächw! BRAUCHST WIEN PU BÜCHER, GEH zu LÖWlT 465423