Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1925 (25.6.1924)
- Date
- 1924-06-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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N' ■ , .: V-; .• '“’wfc » t^.y— MOSoH M ihrer Finanzpolitik gekommen ist. Me hat mit hem Zulastm des Zusammenbruches der Depositenbank di« schwere stvn Schäde» dem Wiener Finautzmarkt zugefugt, die er seit dveHig Jähwett erlitten hat. Der Finanzstaudal ist da. " An den Trümmern der Depositenbank möge die Regieinmg die Folgen ihrer verfehlten Finanzpolitik ersehen. An Warnungenhat es nicht gefehlt. Geradeso wie die früheren Leiter der Bank, gehören auch die Leiter der österreichischen Finan^erwaltung auf die moralische Anklagebank. Sir Ursachen de« zufammmbruches. Weitgehende Immobilisierung. — Ungeheure Verluste. Bon-informierter Seite wird uns mitgeteilt: ' Vor etwa sechs Äochen hat der Vorstand der Allgemeinen Depositenbank einer Gruppe der. Wiener Großbanken eröffnet, daß die genannte Bank infolge starker ititlb fortgesetzter Entziehung von -Einlagen genötigt sein werde, ihre Schalter sofort zu schließen, falls ihr nicht neue Geldmittel Angeführt werden. Da die Situation eine sofortige Entscheidung erforderte, konnte seitens der Bankengruppe nur eine summarische Prüfung des Status der Bank auf Grund der vom Vorstände.der Depositenbank in aller Elle zusammengestellterr Belege und der von ihm erteilten Auskünfte und Aufklärungen borgenommen werden; diese erste Prüfung-ergab, — alb-gesehen von der erwähnten JmmMlffierung — die Wah rscheinli chkeit namhafter Verluste an seitens der Bank gewährten Krediten und übernommene n -B e te i ligung en, doch schien nach Abschreibung dieser Verluste der größere Teil der Reserven vorhanden zu sein. Um im allgemeinen öffentlichen Interesse die sofortige -Schließung der Schalter der Allgemeinen Depositenbank zu vermeiden, die insbesondere im damaligen Zeitpunkte Konsequenzen von nicht übersehbarem Umfange hätte nach sich ziehen können, entschloß sich die Bankengruppe zu einem Uebereinkommen mit dem MajoritätssyndiLat auf Grund dessen sie sich verpflichtete, der Allgemeinen -Depositenbank Kredite in jenem Ausmaße zur Verfügung zu stellen, das vom Vorstände dieser Bank sowie auch von den Mitgliedern des MasoritätssyndKates zur.Flottmachung der Bank als erforderlich bezeichnet wurde. Die Bankengiuppe entsandte . sohin ihre Vertrauensmänner in den Verwaltungsrat der Bank. Die Balckengru-^e hat im Zuge dieser.-Stützungsaktion'wesentlich größere Mittel zur Verfügung gestellt als ursprünglich von den Funktionären der -Depositenbank als erforderlich bezeichnet wurden. r/ Die Aufstellung der Bilang wurde sofort durch Delegierte der Bankengruppe in Angriff genommen. Das Ergebnis, soweit es nunmehr fesfftcht, -zeigt, daß nicht nur die Mittel der Bank in noch wesentlich größerem Maße als ursprünglich angenommen wurde, immobilisiert -sind, sondern daß die Berlustmöglichkeiten zufolge der zahlreichen Differenzen und Prozesse derzeit nicht zuverlässig eingeschätzt -werden können. Ihre Klärung und Austragung fordert längere Zeit, welche nur durch die - Einleitung des Geschäftsanffichtsverfahrens gewonnen -werden kann. Diese Derluistmög-lichkeiten sind auch auf industrielle Kredite, Haftungen und Beteiligungen zuruckzuführen, die weit über das im Rahmen der Mittel der Bank zu rechtfertigende Ausnvkß hinausgehen und bei welchen mehrfach -auch die gebotene fachmännische Vorsicht nicht entsprechend - 'beobachtet worden ist. Dazu kommt, daß die Allgemeine Depositenbank, welche zirka 1500 Angestellte und außer -dem Vorstande mehr als 80 Direktoren urld Direktoren-Stellvertreter hat, mit einem übermäßig höhen Gtat an Gehalten und Spesen belastet ist. Bemerkt-sei, daß die Bankengruppe es im Sinne der von ihr unternommenen Aktion streng vermieden hat, der Allgemeinen DePositenIbanN industrielle und kommerzielle Verbindungen zu entziehen. K Das Ausgleichsverfahren. Wir erfahren noch folgendes: Es besteht die Befürchtung, daß es zur Insolvenz kommen wird. Es besteht ein Beschluß, daß bei Banken keine Geschäftsausicht mehr bewilligt wird, sondern ein gerichtlicher AnSgleichSverwalter bestellt werde. Cs ist fraglich, ob bei der Depositenbank von der Durchführung dieses Beschlusses Abstand genommen wird. Im Falle der ausnckhmswersen Bewilligung der Geschäftsaufficht würden entweder private Abkommen mit den Gläubigern getroffen werden oder, wenn diese nicht gelingen, die Insolvenz erklärt werden. Da die Forderung der Großbanken allein 380 Milliarden betragt, ist die Lage der Depositenbank trostlos, zumal die Aktiven schwer eindringlich sind. ,, Das weitere Schicksal der Bank. Nunmehr, da das Ausgleichsverfahren endgültig beschlossen ist, ist es wahrscheinlich, daß auch die Liquidierung der Bank, welche zu vermeiden versucht wurde, durchgeführt -werden wird. Die Beamten dürften dann sukzessive entlassen werden, es handelt sich um 1500 Angestellte, welche brotlos werden. Es 'ist wahrscheinlich, daß nun. weiter versucht. werden wird, ein ausländisches Konsortium für die Bank zu interessieren. Es ist möglich, daß sich ein solches doch wird finden lassen. Sollte dies nicht der Fall sein, dann wird der Abbau allmählich begonnen werden. Die Verhandlungen werden ergeben, wie groß die Ausgleichsquote der Einleger sein wich. Mener MoegenzÄkkMS« '#$«»‘1988 .'7 r*!tv Hebung der des Völkerbundes. London, 24. Jürn. Me das Reuteifche Bureau mÄ-‘ det, kann bezüglich der geplan-ttzn Londoner Konferenz noch nicht mitgeteilt werden, welche Mächte vertreten sein oder wann die Einladungen werden versandt werden. Der 'Hauptzweck des Genfer Besuches Mae Donalds und. H«rr iots sei, zu zeigen, daß das gesamte GetoiHt Fra-nkreichS und Großbritanniens für die Vermehrung der'Wirksamkeit und des Ansehens deS Volke r b-u n d e 'S eingesetzt werden soll. Mn weiterer Punkt sei die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund und die Frage, wie weit es für Frankreich möglich sei, sich -mit der Behandlung von deutsch-französischen Fragen durch den'Völkerbund zu begnügen. Nach einer Havas-Meldung aus Brüssel werde Frankreich bezüglich des Sachvevstäudigenplanes ^Sicherheiten für die Durchführung fordern. Mac Donald habe Herriot versichert, England werde Frankreich Beistand leisten, falls neuerliche Verfehlungen Deutschlands festgeftellt würden. Im Hinblick aus die Unerläßlichkeit finanzieller Garantien müsse man die Möglichkeit einer Aufgabe der Ruhrbesetzung an die Bedingung bedeutender finanzieller Apports knüpfen. Es scheint, W Herriot und Mae Donald darüber übereingekommen seien, daß?s mehr opportun fei, finanzielle und wirtschaftliche al's militärisch« Garantien zu erhalten. Frankreich glaubt, die Kontrollkommission werde, bis Deutschland feine Zustimmung gebe, ein genaues RüstungsVerzeichnis fordern. Mae Donald werde handeln, wenn die deutsche Regierung der neuen französisch-englischen Note nicht Rechnung tragen sollte. Herriot soll die Absicht haben, zwischen Frankreich, England, Italien und Belgien Pakte vhne Angrisfscharakier abzuschließen, die durch einen Pakt gegenseitigen Beistandes, der auch Deutschland umfassen würde, unter der Führung des Völkerbundes erweitert werden könnten. Zuziehung Sowjetrustlands? „New Dort Herald" will wissen, daß vermutlich auch andre Sowjetr eg i erung die Aufforderung ergehen 'werde, Vertreter zu der interalliierten Konferenz in London zu entsenden. Die Abrüstung Deutschlands. Paris, 28. Ium. (Havas.) Premierminister Mae Donald und Minffterprätsident Herriot haben in Ehequers 'den Text einer Kollektiv note feftgestellt,' die fit unveHüglich nach der. von Belgien einzuholenden Zustimmung an daS Deutfch« Rei ch richten werden. Die Note wird in aller Form davayf bestehen, daß die Leitenden Stellen im Deutschen Reich ihren guten Willen und ihren guten Glauben materiell dafürverpfänden, wenn sie die Wiederherstellung der normalen Beziehungen mit den Verbündeten wollen. Sie wird das Deutschsche Reich dringend/auffochern, die Note der Botschafterkonserenzbezüglich der En twäffÄüug noch vor. d e H 30. I u n i, so wie dies in der Note festgesetzt ist, zu beantworten. .. . .7 . -r , Die Note überreicht. Berlin, 24. Juni. Heute nachmittags überreich t e> der englische Botschafter und der sra nzö T t f ch e. Geschäftsträger in Berlin dem Außenminister Dr, Stvesemann die gestern angekündigte Rote ihrer Regierungen in der Frage der M i l i t L t! o nt roll e. Die Note, die anläßlich der Begegnung zwischen M a c D o n a l d und Herriot sestgelegt wurde, unterstreicht nochmals die Notwendigkeit einer abschließenden GeneMinfpektion durch Organe der Kontrolle, bevor die Kontrolle vertragsgemäß an di« Organe des Völkerbundes übergeben - wiä>. Di« EnteMnote wird von der deutschen Regierung als außerordentlich ernst aufgefaßt. Man verkennt nicht die außenpolitischen Gründe, die für di« Forderung' vorliegen, schätzt aber auch die innerPoMsche Wirkung der Durchführung der Note als außerordentlich bedeutsam ein- Deutschland gibt Erklärungen. Berlin, St. Juni. An hiesigen parlamentarische» Kreisen verlautet, -daß sowohl der deutsche Botschafterin London als auch -der deutsche Botschafter in Paris den Auftrag erhalten haben, über die von den Alliierten gewünschte neu« Militärkontrolle best immte Erklärungen abzugeben, die sich vor allem auf die F o r m d e r K o -n t r ö l l e zur Vermeidung etwaiger Zwischenfälle beziehen sollen. Ein amerikanischer Beobachter Lei der intern aMierten Ministerkonferenz. ' (Gtgendienst der „Mener Morgeitzei-tung") ' Wachington, 24. Juni. ÄuÄ dem Weitzen Hause wird gemeldet, daß me Vereinigte« Staat.««. Mf.der für den 16. Auli angesetzten stauser«uz der ierte« Ministerpräsident«« ' durch einen o.ffi ziellen Be ob ach te r bertveten sein werden. Krawalle im Reichstag. (Gegendienst der ,Miener Morgenzeitung".) Berlin, 24. Juni. Der Reichstag begann heute seine Beratungen wieder. Als der nationalsozialistische Abgeordnete Dr. Roth di« Anträge seiner Fraktion aus Amnestie der wegen des Kapp-Putsches, der Küstriner Unru-hen unddes Münchener NovemberPutscheS Verurteilten begründete und auf Zwischenrufe mit Beschimpfungen reagierte, kam es zu großen L ä r m s z e n e n. Als Abg. Roch seine Rede fortsetzen will, erneuert sich der Lärm bei den Kommunisten. T«r Vizepräsident erteilt mehrere Ordnungsruf«, während die Kommunisten und Nationalsozialisten sich vor der Rednertribüne Beschimpfungen zurufen. Unter andauerndem allgemeinen Lärm unterbricht der Vizepräsident die Sitzung., Nach Wiedereröffnung der Sitzung verließen die kommunistischen Abgeordneten zum Zeichen des Protestes gegen die ungerügt gebliebenen Beschimpfungen des Roth den Sitzungssaal. Der Hitlerianer provoziert dann im weiteren Verlauf seiner Rede einen Krawall mit dm Sozialdemokraten. Vor den Tischen des HauseS stürzen die Parteien in dicht gedrängtem Knäuel aufeinander. Der sozialdemokratische Abgeordnete Eggerstedt (Kiel) wird dabei von dem Deutschnationalen Lawerenz gestoßen. Nun stürmen verschiedene Sozialdemokraten auf diesen und seine Freunde ein. Der sozialdemokratische Abgeordnete Simon (Franken) würgt dabei Dr. Roth an der Kehle. Die Sitzung mußte noch einmal unterbrochen werden. Nach Wiederöffnung der Sitzung 26 teilt der Vizepräsident zunächst die Stellungnahme des -Aelt-estenrates zu dm Vorgängen mit, der ein Mißverständnis als Grund hierfür anfche. Darauf fährt der-Abg. Roth in -Abwesenheit der Mehrzahl der Kommunisten in seinen -AusMvungen fort. .Nach einer Eowidemng des.Vertreters des ReichssuIstiKMinifteviums, der sich gegen eine allgemeine Amnestie auspricht, werden sämtliche Amnelstieanträge hem Geschäfts-ordnungZäuZlschuß überwiesen und di« Sitzung aus morgen nachmittags vertagt. Jas Befinden des Bundeskanzlers. Anhaltend günstig. Me die amtliche Nachrichtenstelle gestern um 8 Uhr abends meldete, ist das Beflnderr des Bundeskanzlers Dr. Seipel anhaltend günstig. Ae Walter Nachemm«!Mmg. Berlin, 24. Juni. Wolff.) Im Walter Rathenau- Haus« trat heute das Kuratorium der Walter R athenau-Stiftung $it seiner ersten Sitzung zusammen, di« vom Reichspräsidenten Eberl mit einer Ansprache eröffnet, wurde, worin er unter anderem sagte: Dem Andenken^ dieses Mannes soll die Stiftung dienen, deren Kuratorium wir heute gründen. In hochherziger Weise haben die Verwandten des Verewigten das Haus mit seinen reichen Schätzen an Kunst- und Schrifttum dem Deutschen Reiche als ein dam allgemeinen Besten dienendes Erinnerungszeichen zur Verfügung gestellt. Die Reichsregievung hat die Stiftung dankbar endgegengenommtn und wird eS als Ehrenpflicht empfinden, dar Haus und seinen wertvollen Inhalt zu Pflegen und zu erhalten. ES soll aber auch: einen praktischen Zweck haben, nämlich für geistige unkulturelle Bereinigungen als Raum für Zusamm'eMnft« und Sitzungen zu dienen. Es soll seine Sammlungen und seine Bibliothek den geistigen Arbeitern öffnen. Der Reichspräsident gedachte dankbar all dessen, was Rathenau für das deutsche Volk getan, und in herben Schmerz« dessen, was Deutschland an ihnr vorzeitig verloren habe. Aut« «nd Loeb. Berlin, 23. Juni. (I. T. A.) Aus W e i m a r wird berichtet: Im Thüringer Landtag wurde am Freitag die Besprechung des Etats zu Eme geführt. Dr. Dinier, der Redner der nationalsozialistischen Freiheitspartei hielt eine Hetzrede schärffter Art gegen die Juden. Cr erklärte, daß seine Fraktion 'dem Etat nicht zustimmen würde, wenn die darin aufgenommenen Mttel für jüdische Kultuseinrichtu'Ng«n. nicht sofort gestrichen würden. .Er könne nicht anerkennen, daß die Juden im Staate Beamtenstellen bekleiden könnten und müßte verlangen, daß auch der Staatsbaukpräsident L o e b entfernt würde. Jeder Jude, auch wenn er noch so anständig und ehrlich sei, bilde ein« Gefahr für den Staat. Hier verließ die'sozialdemokratisch« Fraktion unter Prötest für die Dauer der Rede de's Mgeovdneien Dinter -den Sitzungssaal. In der Erwiderung erklärte -der Finanzminister, daß «r jeden Angriff auf die Staatsbank und ihren Leiter m i.t Bedauern und unter allem Umst ä nden zurückweisen. müsse,