Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1924 (24.6.1924)
- Date
- 1924-06-24
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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mti r:mar. Mm, DlenNag Wiener Morgenzeitung. Ae klniskit in der Entente. Herriots Reffen. (Gbgendienst der „Wiener Movgenzeiiung".) Paris, 2ß. Juni. Herriot verließ heute morgens um 8 Uhr 30 Minuten London, um sich nach Brüssel zu ddbey. Herriot wiederholte Pressevertretern gegenüber uduer-ing's seine Befriedigung über die Zusammenkunft mit Mac Donald und erklärte, daß er dem offiziellen CmNmunique nichts hinzuzufügen habe. Herriot gab seiner festen Hoffnung Ausdruck, daß die Unterredungen die Entente zwischen Frankreich und England wesentlich versinken werden. Um 8 Uhr 90 Mnuten traf er in Brüssel ein. Der ftaiWöstsche Botschafter in Brüssel, Herbette, war Herriot bis Ostende entgegengereist und informierte ihn während der Fahrt über die Lage in Belgien. An gut unterrichteten Kreisen verlautet, daß in kurzer Zeit eine Mantfestation der frankobritisch.en Einigkeit Deutschland gegenüber erfolgen werde. Diese Manifestation werde beweisen, daß die Einigkeit zwischen Frankreich und Großbritannien nicht nur auf leeren und ungenauen Formeln beruhe. Insbesondere was die Anwendung des Expertenberichtes anlangt, hat sich die französische Regierung alle Freiheiten Vorbehalten. Die Absicht Herriots ist, eine Art von Synchronismus zwischen der militärischen Räumung der Ruhr und der Regelung der deutschen Schulden gemäß dem Expertenplane herzustellen. , ' . Besonders bemerkenswert ist eine Begegnung Herriots mit dem bekannten Pazifisten Normann Angel, mit dem er Sonntag abends eine mehr als einstündige Unterredung hatte.; Die Konferenz der Alliierten dürfte am 16. Juli in London, beginnen. ______ Hoesch' Bericht an Stresemrnm. (Eigendjenst der „Wiener Morgenzeitung".) - Berlin, 23. Juni. Der deutsche Botschafter in Paris, Herr v. Hoesch, ist gestern in Berlin eingetrvffen, um Reichsanßemninister Dr. Stresemann seine Eindrücke Wer den neuen Pariser Kurs zu übermitteln. Die Unterhaltung zwischen dem Reichsaußenminister und dem Botschafter ist heute fortgesetzt worden. A-eber das bisherige Ergebnis dieser Unterredungen Höhen wir, daß der Gesamteindruck der Berichterstattung der ist, daß itt bezug auf DeutschlarÄ mit einer vollständigen Wendung in der französisch en Politik zum Besseren gerechnet werden kann. Nach.dem Bericht des Botschafters werde Herriot ohne Zweifel eme iPolitikdes Ausgleiches und der Versöhnlichkeit gegenüber Deutschland Einschlägen. Es dürste ngih all dem möglich sein, die Rückkehr der Ausgewiejenen und Rhein- und Ruhrgefangenen in naher ZMÜst zu bewerkstelligen. Bereits in der nächsten Zeit Wich voraussichtlich die Welt einen neuen Beweis für die entscheidende Richtüngsänderung der französischen Politik gegenüber Deutschland erhalten. Herriot selbst wirbei den . kommenden internationalen Verhandlungen über die Durchführung des' Sachverständigengutachtens den Antrag stellen, ba| Deutschland zu den Beratungen zugezogen wird. Hin Traktat vom bösen Gewissen. Von Walter Rathenau. *) Auf der vergoldeten Armlehne des Präftdentensessels saß der erste Konsul, Napoleon Bonaparte, und zerstach mit semsm Federmesser in ärgerlichem Spiel die Tischdecke, die wie ein grüner See mit zwei langen Buchten sich vor ihm ausbreitew. „Ich bitte, meine Herren," sagte.er mit. -dem fremdartig harten Tonfall, den feine Umgebung fürchtete, „bleiben wir bei der Aufgabe.- Sie.haben vor. zwei Jahren für die Beratungen des Code Civil einige Arbeitslust mitgebracht; vielleicht, weil die Begriffe ihnen mehr Schwierigkeiten machten. Hier, beim Strafgesetz, wird zu viel philosophiert. Für sechstausend Franken im Jahre halte ich Ihnen, wenn Sie wollen, einen Professor, der zweimal wöchentlich alle Systeme widerlegt und noch Zeit findet, seinem Verleger jede- Jahr ein Buch zu -machen. Wir arbeiten nicht genug. Es ist zwei Uhr und wir haben noch nicht zehn Paragraphen erledigt." Die sechzehn Herren, -die in neuen Uniformen um den Hufeisentisch saßen, fingen an, müde zu werden. Seit acht Uhr früh dauerte die Sitzung. Alle Glastüren des Saales lwaren' geöffnet, die Iulisonue brannte auf die gelben Warkiftn und die Lust roch nach Papier und Leder, „Auf Ihre Distinktionen von Schuld und Sühne lasse ich mich nicht ein", fuhr der Konsul fort. „Die Strafe ist dazu da, die Zahl der Verbrechen zu mindern. Deshalb muß sie richtig abgewogenund qualifiziert sein. Das, was Sie das Schu-ldbewußffem -des Verbrechers oder gar sein Sühnebedürfnis nennen, ist mir gleichgültig. Genug, wenn er weiß, daß ein Rückfall ihm ernste Verlegenheiten bringen kann. Maleville kennt meine. Ansichten über Schuld und Schuldbewußtsein. Er mag Ihnen, wenn Sie wollen, ein paar Gedanken entwickeln, während ich Sie auf zwei Minuten verlasse. Äe hörten, paß Augeveau sich um Zwölf melden lieft Mir ist, als hielte er sich noch immer im Nebenzimmer auf; dieser Mensch hat die Leidenschaft des Wartens." *) Geschrieben im Jahre I993, veröffentlich: in dem im Jahr« 1912 evschienenen, heute hall-rerschollcnen Buch ^Reflexionen".. Die größten - Schwierigkeiten macht in diesem Augenblick die Frage der Mi li t ärko n t t o 11e.^krch den Eindrücken Hoesch' muß Deutschland in dieser Frage eine Haltung einnehmen, die es Herrrot als ausgeschlossen erscheinen läßt/ daß der Sicherheit Frankreichs von Deutschland irgend eine Gefahr drohe. Erwartet wird von Deutschland eine nochmalige Genevalkontrolle seiner mMärischen Einrichtungen. Bon ihrem Ergebniste wird der neue fvanzäsrsche Ministerpräsident alle weiteren Schritte abhängig -machen. Voraussichtlich wird der Botschafter mit neuen Instruktionen am Ende dieser oder anfangs nächster Woche nach Paris zurückreisen. Sie politische Mordassiire in Bulgarien. (Ei-gendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Sofia, 23. Juni. Die Erregung über die Ermordung des Abgeordneten der Agrarpartei P etk o w wächst von Dag zn Tag und äußert sich in heftigen Angriffen gegen die Regierung Zank ow. Minister des Innern General R u s s e w hat den Leiter der Staatspolizei seiner Stelle enthoben und verfügte die Entlassung aller Polizisten und Detektivs mazedonischer Herkunft, die mit dem revolutionären mazedonischen Komitee in Verbindung standen. Der Geheimpolizist Karkalas ch ew, der unter dem Verdachte der Ermordung des Abgeordneten Pettow verhaftet wurde, leugnet die Tat, doch haben fünf Augenzeugen des Mordes in ihm mit der größten Bestimmtheit den Täter erkannt. Auch der Wachmann Tschorbadschieff, der von dem Mordplan Kenntnis hatte, befindet sich in Haft. In den letzten Sitzungen der Sobrauje riefen die Abgeordneten der kommunistischen und der Agrarpartei stürmische Szenen hervor. Der kommunistische Abgeordnete Strachimirow -erklärte in einer Interpellation, daß ex Beweise habe, wonach die Regierung an der Ermordung Petkows beteiligt sei. Die Regierungspartei protestierte stürmisch gegen diese Beschuldigung, während die Opposition der Regierung zurief: „Verbrecher! Politische Mörder! Ihr gehört alle in das Gefängnis!" Zwischen den borden Abgeordnetengruppen kam es zu einem Zusammenstoß und auch auf den Galerien brach sine Schlägerei zwischen den Zuschauern aus. Der Skandal währte über eine halbe Stunde. Nach Wiedereröffnung der Sitzung beschloß die Mehrheit den Ausschluß StrachimiräyK für drei Sitzungen, worauf die Opposition den Sitzungssaal demonstrativ verließ. Den nächsten Dag kam es anläßlich der Beeidigung des Abgeordneten D im ow, deren die Stelle des ermordeten Petkow trat, abermals zu großen Skandalen. Dimow griff wegen der Ermordung Petköws den Ministerpräsidenten Zankow heftig an. Ministerpräsident Zankow gab die Erklärung ab, daß die Regierung alles aufbieten werde, um diesen Mord vollständig qufzMären. Die IonaukommWon. (Eigendienst -der „Diener Morigenzeiiung".) Belgrad, 23. Juni. Die hier tagende Danaukymmission hielt heute ihre dritte Sitzung ab, in der die Frage des fre i e n T ransrttze rkeh rs auf der Donau behandelt wurde. Der S'tzung wohnte der Unterstaatssekretär im südslawischen Vsrkehrsminffterimn bei. Alsbald erhob sich am Eiche der rechten Tischbucht die hohe Gestalt des Herrn von. Maleville in dunkler Ziviluniform, deren goldgestickter Kragen Hals und Kinn Wie eine Bandage einzwängte. Er verneigte sich MH nach dem Platz des Konsuls hin, dann nach dem linken Flügel; dabei führte er mit einer abgerundeten Bewegung den Arm zur halben Höhe des Oberkörpers. „Der Befehl des Konsuls," sagte er, ^seinen Gedanken als.Dolmetsch zu dienen, setzt mich in Verlegenheit. Selbst unter der Deckung seiner Autorität fühle ich mich beunruhigt, ja„ eingeschüchtert in. einer Versammlung, die an die Meisterschaft seiner' Erklärungen und Beweise gewöhnt ist." Diese Worte konnte Napoleon noch vernehmen; ex hatte mit hastigen Schritten den Saal durchmesten und verschwand nun hinter einer grüngoldenen Flügeltür, deren Füllungen mit Fackeln, Leiern und Lorbeerzweigsn . geschmückt waren. . „Unterstützen Sie mich, meine Herren," fuhr der Redner fort, „durch die Erlaubnis, aller Theorie zu entsagen und ein Erlebnis zu erzählen, daspdem Konsul einiges Interesse erweckt und, wie er zu versichern di« Huld hatte, ihm seine eigene Anschauung vom Truge des Schuldbewußtseins versinnlicht hat. Wenige Jahre vor der Umwähung, der »wir unseren politischen Zustand verdanken, starb mein Vater. Mir, als dem älteren Sohne, hinterlietz er, nach damaliger Sitte, seinen Landsitz/ -der leider stark verschuldet war, meinem , Bruder eine kleine Rente und uns beiden einen Narndn, der in jener Zeit große Rechte und Wichten in sich trug. Herkommen mehr als Neigung wies meinen Bruder auf das Waffenhandwevk; und so dient« er in Versailles, in naher Umgebung des Königs. . Der Anblick des zur Statistentruppe fürstlicher Unterhaltungen degradierten Heeres verdroß ihn, und er träumte 'davon, der jungen RömerrepnbM, die jenseits des Meeres sich erhob, seinen Arm zu leihen. Inzwischen fämpste ich. für mein Eigentum. Alte Ppzesse wurden beglichen, -das System gewissenloser Pächter und diebischer Intendanten verworfen, Besserungen und Reformen eingeführt; und nach Jahren harter Arbeit sah ich das Erbe entlastet, ja schließlich, durch meine Vermäh- _84. Imri lM 77, MidendeneMnmgrn In Her Tschechoslowakei. (GigeNdienst der „Wiener Movgenzeitung".) Prag, 23. Juni. Die heutige GemralversarmMng der vereinigten Fabriken landwirtschaftlicher Maschinen Fr. Melichar, Unrath und Co. A.-G. genehmigte den Vorschlag des BerwaltungSvates, nach der Abschreibung des -restlichen Reservefonds pro 800.000 Kronen und eines ReserveemissionDfonds von 4,ßM.86S Kronen den verbleibenden Vertust von 223.917 Kronen auf neue Rechnung vorzutragen. In her heutigen GenerBversammlung der Zuckerfabriks-AM in Be lim wurde -beschlossen, vom Reingewinne pro 85.709 Kronen eine Dividende von 12 Prozent ist gleich 72 Kronen wie im Vorjahre zu verteilen. - Unter dem Vorsitze des Präsidenten Franz Ringh off er fand -heute die Generalversammlung der R i ng- Hoffer-Werke-A.-G. statt, in der beschlossen wurde, vom Reingewinn pro 7,079.652 eine Dividende von 9 Prozent ist gleich 36 K., ebenso wie im Vorjahre, also insgesamt 3,780.000 zu verteilen, ferner 400.000 Kronen für ArbeitenversorgungSzwecke zu verwenden. Für <diese Tantiemen des Verwaltungsrates entfällt ein Betrag von 347.065 Kronen. Im laufenden Jahre machte sich ein« Besserung insoferne bemeEbar, als die. vor kurzem eingelauftnen Bestellungen den Werken für di« zweste Jahreshälfte eine starke Beschäftigung sichern. Der Besitz an Effekten der Gesellschaft hat sich durch den Erwerb von Aktien der NessMdorfer Mggonbau-Fabriks-A.-G. und von rumänischer Konsolidationsrente erhöht, welch ^letztere die Wert« an Zahlungsstatt erhalten habe. Unter dem Vorsitze des Präsidenten Franz Ringhoffer fand heute die Generaliversammlung der Nesselsdorfer WaggonbauDabriks-A.-G. statt. Die vorgelegte Bilanz weist einen BerW von. 1,711-244 Kronen aus welcher auf neue Rechnung vorgetvagm wich. KIneAnsliindrrdebattelmMlWenUnterhan». London, 28. Juni. (I. T. Ä.) Ueber die verschiedenartige Behandlung von englischen Staatsangehörigen und Ausländern vor Gericht wurde in der letzten Sitzung der Unterhauses eine ausführliche Debatte durchgeführt. Vom Oberhause waren Vorschläge gemacht worden, daß Personen britischer tztaatsangchöri^eit sowie solche Ausländer, die während des Krieges Heeresdienste gelefftet hatten, bei gewissen gerichtlichen Entscheidungen vorgezogen werden sollen. Dieser Auffassung trat der Parlamentssekvetär' des Gesundheitsamtes Mr. Greewood energisch entgegen und hob hervor, daß in ©nglcmb bisher allen Menschen gleiche Behandlung vor -Gericht zuteil geworden ist. Sir KingSleh Wood wandte ein, dyß in keinem anderen Lande die Ausländer die gleichen Privilegien wie die eigenen Bürger genießen und daß die Engländer in dringen, den Fällen her WchnunMät vorgezogm werden müßten. Captain Wedgwood Benn wandte sich heftig gegen eine solche Gesetzgebung, während sich Mr. Ronall) MeNeill, früher UnterstaatssÄretär für auswärtige Angelegenheiten, den Aus. führungen Sft Kifigsley Woods anschloß.. Dr, S P e r o bedauerte es außerordentlich, daß man sich nicht nach dem „Fairplay" und der britischen Mentalität richten will, sondern nach ausländische« Muster«. Sir lung mit einer Hemchbarftn Gvunblbesitzerin, zu einem Um« fang abgerundet, her in der Familie, so weit die Ueberliefevmvg reichte, nicht erhört war. In dieser Zeit der TäbiMt Md des Gedeihens besuchte mich mein Bruder, um Abschich zu nehmen? Nicht ohne Unruhe hatte ich die BegegMUg erwartet, denn ich erwog, daß der Kontmst zwischen dem heimatlichen Behagen und seinem eigenen Wanderschicksal geeignet sein müsse, neuen Zwiespalt in seiner Brust entstehen zu lasten. Auch HM meine Frau mir pertraut, er habe in ihrer frühen MdchenzM sie viel gesehen und mit allen Zeichen schüch. tewer Iügerchneigung sich u-m sie bemüht. Ich fand ihn äußerlich gealtert, innerlich zwar nicht stiller, -doch durch Selbstbeherrschung gehändigt. Mich begrüßte er mit' rück-« haWosex Herrlichkeit, meine Frau freundschaftlich und ohne MMngen eines Gefühles, das ich befürchtet hatte;- und -sv war in geschwisterlichem Zusammensein bald alle Besorgnis aufgelöst und geschwunden." Bei diesen Worten vernahm man im Nebengemach' Stühlerücken und lautes Sprechen. Wie unter einem Windhauch' erschauerte .das Kollegium, als in -er aufgeristenen Tür her Konsul erschien, schnaufend, mit geröteter'Skivn,- auf der die dünne, vom Scheitel herabgestrichene Haar, strähne klebte. . ^Belehren Sie diesen General, meine Herren, wie viele Batterien wir auf den Fort^ von Wimereux haben! Er weist' .mir nach, daß es nicht mehr als sechs sind . . . Bitte, -äußern Sie sich, PeMWn- MMe^gls'Statistiker gelten wollen; oder, wenn Me-nichts, wissen, so laufen Sie und schaffen Sie die Zahlen!" . Pernichon, ein schwächlicher, gwuer Ingenieur des PoM et Chaustees, - der sich einiger Kenusniste auf dem Gebiete des Verkehrswesens rühmte, zurzeit aber mit der Regelung ded Gefängniswesens betraut war, erwog eine Sekunde, oh er daran erinnern solle, daßer mit-Artillerie - nicht-das'miMste zu tun habe. Aber uNt-er dem Banne der Gewissensangst schmolz ihm die Rede zu einer murmelnden ^Lautfolge zusammen und er beeilte sich, mit einer Verbeugung den nächsten Ausgang zu erreichen, während die goldbeschlagene Degenscheide in großen Schwillgungen ihm an -die Absätze sckllug.