Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1924 (24.6.1924)
- Date
- 1924-06-24
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1921 Zie letzten Kurse. - Radiodienst der „Wiener Morgenzritung".' London, 23. Juni. Wechsel,kürst: Prag 147,—. New^Zork 4,33V„, Pari» 79, Brüssel 91,80, Rom 100,26, Mich 24,40'/,, Madrid 32,2O'/„ Amsterdam 11,58!/,^ Kopenhagen 27,6!)l/s, Christiania 32.07*/,, Stockholm 16,84‘/„ HelsingforS 173 V«, Berlin 18,12*/,, Wien 307,600. . WaS Rumänien durch Entfremdung britischen Kapitals zu erreichen hofft, kann selbst die blühendste Phantasie nicht erraten. Die Folge davon ist, daß die Phönix-Oil weiter um einen Schilling gefallen sind. Die Konferenz von Chequers beeinflußte den Ausstieg der französischen Renten günstig, während deutsche Renten zurückgingen,. und zwar drekprozentige um 15,6 Schilling. Der M e t a l l m a r k t war durch starke Sterlinawechsel ungünstig beeinflußt. Die Weltvorräte an Kupfer steigrn. Deutsche Verkäufe in Elektrolyt zeige» Schwierigkeiten, die Vorräte zu finanzieren. O e st e r r e i ch i f ch e Anleihe 95, tschechische 99, neue tschechische 0,87‘/„ Agio Prag 90, Skoda 98,■ Bankverein 8, Bodenkredit 19,6, Central Mining 10,62‘/„ Rio Tinto 32,62 V*. . Die DebeerS, Preferew Shares, bezahlten nach mehrjähriger Ertragslosigkeit wieder eine Dividende von 10 Schilling pro Aktie. Paris, das 12 V, Schilling erwartet hatte, trat als Käufer auf und drückte den Kurs. Dew-Dork» 23. Juni. (Radio.) D e v i s e n s ch l u ß k.u r s er Laggeld 2%, Wechsel auf London 4,32,62, 60 Tage-Wechsel 4,29,62, Paris 5,32*/,,' Amsterdam 37,45, Berliner Schlußkurs 23*/. bis 24, Prag 2.96*/«. Silber 66-/«. Die weiteren Kursberichte sind infolge Gewitterstörungen auSgeblieben. zerzaSeks Klage. Die Chvistlichsozralerr haben, da sie doch nach ihrer eigenen Behauptung eine Partei des gesamten christlichdeutschen Volles sind, für alle Spielarten'ihrer Wählerschaft besondere Spezialisten. Kunschakund Spalowsky markieren in dem vielstimmigen Chorus das Werktätige Volk, Stockler, Parrer und Konsorten tragen das Banner derer von Halm und Ar voran, das deutsche Wesen, an dem die Welt genesen soll, vertreten die Herren Dostal, O r e l' und Volker (nicht zu verwechseln mit Volker von Alzey, denn der hat früher n'.'ht Vseticka geheißen und war übrigens auch nicht aus Floridsdorf!); das Kleingewerbe rettet berufsmäßig der Dachdeckermeister Heigl, Dr. Gürtler versucht sich mitunter als Börsen- und Bankenschreck und so hat eben jeder der wackeren Männer im Rat seine Funktion. Mil gang - besonderen Spczialausgaben ist jedoch der Dr. Jerze bek betraut. Er ist sozusagen die noch lebende Tradition an. die große Hepp-Heppvergangenheit der Partei, Seit den letzten Wahlen allerdings mußte er oftmals — es gibt da gewisse Parteirücksichten — seine Luft verkaufen, den Juden an die Beine zu fahren. Kein Wunder, daß sich nun seine verhaltenen Leidenschaften anderswo ' Luft machten. Er bekam das Hochpolitische und ließ dieser Tage in Hernals in einer Rede seinem Ingrimm über den Mißerfolg von Genf freien Laus. Und also lautete seine Klage: , „Nach alldem, was 'bisher über die Genfer Verhandlungen veröffentlicht wurde, ist uns in Genf eine große Enttäuschung widerfahren. Wir haben -wieder einmal sehen -nmssen, daß die Sympathien, mit denen das Ausland gegenüber Oesterreich seit dem Beginn der Sanierungsepoche nicht zu geizen Pflegt, sich doch immer nur in mehr oder weniger schön klingenden Phrasen erschöpfen und eines reellen Hintergrundes vollständig entbehren und daß bei den Vertretern des Völkerbundes die Liebe und Freundschaft dort auMrt, wo sie sie materiell betätigen sollen. Genevalkormnissär Dr. Zimmerman scheint der würdige Exponent dieser Leute zu sein. Denn wie soll -man das Verlangen -des Völkerbundvates nach einer an Ort und Stelle borzunehmenden Uebechrüfung der Berechtigung der österreichischen Wünsche verstehen, wenn wir doch seit mehr als Jahresfrist einen Mann aus ihrer Mitte als Kontrollorgan unter uns sitzen haben. Unverständlich ist uns nur, warum die Sozialdemokraten dem Generalkommifsär so gram sind, zumal er doch in Wirklichkeit ihr bester Agitator ist; denn wenn er uns mit der Freundschaft, die er in Genf uns gegenüber an den Tag legte, noch lange -erhalten bleibt, dann werden wir uns die Wähler, so wie einstens Diogenes die Menschen, am hellichten Tage mit der Laterne suchen können. Eine solche Behandlung haben wir Oesterreicher wahrlich nicht verdient. So beiläufig hat es der Abg. Kunschak auch vor ein Paar Tagen gesagt. Die Enttäuschung über Genf scheint übrigens in den Reihen der Christlichsozialen nicht auf die Herren Jerzabek und Kunschak beschränkt M sein. Man wird jetzt gewiß einen Schuldigen für die Schlappe von Genf suchen. Der ohnmächtige Grimm gegen Dr. Zimmerman wird sich wohl ein anderes Opfer suchen müssen. Es sind welche, die meinen, das Üngewitter werde sich über den FiMchmimster Doktor Kienböck entladen. Man wird ja sehen, ob er, der heute im Ha-uptausschuß seinen Rechenschaftsbericht über die Genfer Verhandlungen erstattet, dort bestehen wird. LiezMarisenquck. f ^rlsetzung der Enquete Mer die Agrarzölle wurden gcsie \i iVe Zollpositionen für Leben-Vieh, Fleisch p?* v c f t erörtert. Die Agrarier waren mit den vovge- I-"l ' v.m Zollsätzen einverstanden, die Margarinesabrik i.'^LU traten für einen Schutzzoll auf Fetiimporte ein, währzr,l> die Konsumententpertreter die Vovgefchlagenen Zölle runoiveg ablehnten. . ' Heute, wird die Enquete über Textilwaren, morgen die Expertise iu... <.-a u Materialien fortgesetzt. WM V.- m €■ & <Lette 8 MschNa i» Wien. - kiue Eine bekannte Wiener jüdische Persönlichkeit, deren Name über ihren Wunsch nicht genannt wird, hat unter dem Eindrücke der Wiener Vorträge Ussischkins zu Händen des Oberbaurates Stricker eine Spende von 26Ü Millionen Kronen erlegt mit dem Aufträge, Me« Betrag dem Keren Kajemeth l'Jsrael (Jüdischer Nationalfonds) zu übermitteln. Herr Stricker hat diesem Wunsche ent-prochenund den Betrag iw Wege der „Wiener Morgenzeitung" an Herrn Ussischkin weitergeleitet. Mit innigem Danke an den Spender und dem Wunsche, daß dieses Beispiel in Men und anderwärts reiche Nachahmung finden möge, registrieren wir diese Zuwendung an den Jüdischen Nationalfonds. - Ussischkin an die LhoraLreuen Juden. . Kopf an Kopf drängte sich Sonntag vormittags die Wiener Judenschaft im Ferdinands-Kino, um Ussischk i n zu hören. Wiederum mußte man sich dem großen Eindruck der logisch ausgebauten und begeisternd wirkenden Argumentation des unermüdlichen Vorkämpfers für die jüdische Sache beugen. „Drei Heiligtümer sind es", sagte Ussischkin, „die wir Hochhalten: Die Religion, das Land und die Sprache. Wir haben leider noch sehr wenig Elemente in unserem Volke, die alle drei ehren. Es ist zu bedauern, daß die -Jugend, die nach Erez Israel kommt, nicht gleich alle drei Heiligtümer verbinden kann. Daran ist aber nicht die Jugend schuld, und das kann man bessern; jedoch nicht durch Streit, auch nicht durch Resolutionen, sondern durch positive Arbeit. Das Schulwesen des Misrachi in Palästina hat in den letzten drei Jahren glänzende Erfolge gezeitigt. Sogar die nichtfrommen Eltern schicken ihre Kinder dorthin. Wenn Sie eine Jugend hinausschicken werden, die auflauen soll, wird auch die Religiosität zunehmen; denn es wird alles getan werden, um die Erziehung im guten Geiste zu leiten. Ich werde der erste sein, der auch Ihre Institutionen achten wird, wenn Sie Ihren Anteil am Aufbaue von Erez Israel beitragen werden. In der heutigen Welt kann man die Schwierigkeiten nur mit Arbeit besiegen und nicht mit Streit. Glauben Sie, daß Ihre Kinder in der Galuth die Religiosität besser behüte n a ls i n E r e z I sr a e l? Wir haben keinen Führer mehr, wie es Moses war, klingt der schmerzliche Ruf. Moses war wie sechshunderttausend andere Menschen. Wenn dem so ist, dann sind sechshunderttausend so stark wie Moses. Und wenn wir 600.000 Menschen hinüberbringen werden nach Erez Israel, dann werden wir einen Moses haben. Die Schwierigkeiten sind groß und die Arbeit ist schwer. Wir müssen die Wahrheit sagen, wie einst unsere Kundschafter,- die auszogen,-das Land zu erforschen. Aber darauf gibt es nur eine Antwort, wie sie damals unsere Kundschafter I o s u a und Kalep gaben: „Wir wollen hingehen und das Land erkämpfen!" Die Ausführungen Ussischkins wurden begeistert ausgenommen. * Ussischkin bei den Studenten. Samstag abends war Ussischkin Gast der zionistischen Studentenschaft. Der Z. A. V. Hechawer veranstaltete ihm zu Ehren einen Festkomnwrs, der zahlreiche Gäste vereinigte. . ' ‘ Der Kommers verlief äußerst angeregt. Ussischkin wurde von den Rednern als Vorkämpfer für die Renaissance des jüdischen Volkes und der jüdischen Jugend gefeiert. Der Z. A. V. Hechawer ernannte den Gast zum Ehrenmitglied. In seiner Antwortrede mahnte Ussischkin die akademische Jugend zu echter natiou.rl'er Arbeit und rief Wrmischen Beifall hervor. ..; von 200 Millionen Kronen. Ussischkin vor den jüdischen Frauen. In einer Frauenversammlu-ng sprach Ussi s chki r gestern im Saale des Cafe Rerch'shof, der sich für dev Massenandrang als v'.-ll zu klein erwies. Nach der Begrüßungsansprache der Frau Pa tat gab Frau Anitta Müller eine Würdigumg der Persönlichkeit Ussisch k i n s, der dann das Wort ergriff und ausjAhrte: ,/Als wir im Altertum in unserem Lande ein freies Dasein führten, lvar die Frau nicht nur Mutter und Gattin sondern eine gleichberechtigte Bürgerin der Landes. Die Nanren großer Frauen jener Zeiten beweisen e$. Dann wurden wir. zerstreut in alle Länder der Welt und wir konnten uns von deren Einfluß nicht befreien. - Das hat zunächst die jüdische Frau gebüßt. Ihre Gestalt verblaßt« -und sie wurde m enge Verhältnisse gesperrt. Die Rache war schrecklich. Denn als die Emanzipation lockte mit Freiheit, Schönheit, Kunst und Wissenschaft, da flogen ihr die jüdischen Frauen aus der Küche und den kleinen Verhältnissen zu und wurden die Führerinnen der Assimilation. Jetzt g^ibt es zwei Typen jüdischer -Frauen: die eine steckt in der alten Tradition und unserer Vergangenheit, kennt aber keine reale Mivität, die zweite will loskommen von der Last der Vergangenheit. Und jetzt muß der dritte Typus kommen, er ist schon unterwegs, die neue Rachel, die 'm Herzen ihrer Kinder unsere große Vergangenheit und die Forderungen der Gegenwart niederschreiben muß. Dort lebt sie in Erez Israel und ist die Weggenofftn des Mannes bei fernen Mühsalen, Leiden und Rechten. Dort zieht sie die Kinder heran, die Zukunft unseres Volkes, und lehrt sie unsere' alte und ewig junge Sprache. Die bedeutenden Männer aller Zeiten haben immer große Mütter gehabt, Frauen von Herz und Charakter. ' Vor vierzig Jahren hat man in Aegypten Banken und Denkmäler ausgegraben, Gold und Silber und in die Museen geschickt. Aber in einer Büchse fanden sich auch Weizenkörner, die man aussäte. Sie wuchsen und gediehen und geben heute den besten Weizen..Zur gleichen Zeit Hat man auch in verschiedenen Ghettoländern alte, welke, zerbrochene Juden ausgegraben; aber es haben'sich auch einzelne Weizenkörner darunter befunden, das waren junge, die noch Verständnis hatten für den Herzschlag unseres Volkes. Man hat sie in unser heiliges Land geschickt und dort eingesetzt, und siehe da, das Resultat war herrlich und hoffnungsvoll. Helsen Sie uns, diese Jugend heranzuziehen. Es gibt Momente, die man ausnützen muß, um sich die Zukunft zu sichern. Wenn man sie versäumt, verschwindet man für immer. Geben Sie uns Ihre Hand und bauen Sie mit uns das Land auf!" Ussischkins Worte fanden lebhaften Widerhall bei den Anwesenden, die ihm lauten Beifall spendeten. Die Mische Kultur: in Erez Israel. Im Saale des Ingenieur- und Archi'üektenverernes in der Eschenbachgasse hielt Ussischkin Sonntag abends einen Vortrag in hebräischer Sprache. Er beklagte die Reduzierung de's Schulbndgets in PalMna, das leider , noch größeren Einschränkungen entgegengehe. Der hebräischen Drache drohten immerhin gewisse Affimilationsgesahren, namentlich durch die Emigrationsspvachen, vor allem durch das Jüdische. Auch das englische Assimilationsmvment müsse beobachtet werden. Um so mehr sei die Kürzung der Ausgaben für Schulwesen zu beklagen, da es sich doch um hervorragend produktive Zweck« handle. Di«' schwungvoll« Rede Ussischkins, in der die hebräisch« Sprache lebendig erklang, wurde von den zahlreich erschienenen Zuhörern mit großem Beifall ausgenommen. Ussischkins Abreise. Ing. Ussischkin verläßt heute Wien. Er fahrt um 13 Uhr'30 Min. mit der Franz Josefsbahn nach Prag. Die antiftmNische Weltverschwörung. Ser Ku-Klux-Klan in Wim. Aus New-Iork wird uns berichtet: Bor einigen Tagen -ist der bekannte amerikanische Dramendichter E. Hopwood von einer Reise durch Europa und PalMna zurückgekehrt. Hopwood erzählt in einem Gespräch mit dem Vertreter des „Morning-Journal" über seine Beobachtungen in Europa hinsichtlich der antisemitischen Umtriebe in den einzelnen Ländern. Hopwood verschaffte sich in Wien, wo er auch längere Zeit verweilte, die Gewißheit darüber, daß die amerikanische iGeheimyerbindung Ku-Klux-Klan, die in Amerika die Verfolgung der Juden und Katholiken zum Ziele hat, auch in Wien nnd Warschau ihre Abgesandten und Vertrauensmänner sitzen hat und die antisemitische Hakenkreüzlerbewegung in Oesterreich sowie den Antisemitenbund „Razwoj" in Polen aus den Geldfonds der amerikanischen Ku-Klux-Klan unterstützt. Diese authentische Feststellung hat Hopwood, wie er erklärt, von ein em Mitglied der Ku-Klux-Kla n i » Wien selbst^ erhalten. Die Hakenkrenzler in Wien, wie auch die Leitung des „Rozwoj" erhalten große Summen Geldes sowie sehr viel fertiges Flugschriften material aus Amerika zugeschickt. Hopwood habe feine Verwunderung darüber ausgesprochen, daß der Ku-Klux-Klan in Oesterreich und in Polen die anüsemitische Bewegung und dadurch mittelbar auch den Katholizismus fördere. Sein Gewährsmann habe jedoch darauf hingewiesen, daß die Haken- Gegen Juden und Katholiken. kreuzler zum großen Teile innerlich auch antikatholisch gesinnt seien -und der „Rozwoj" des^halb unterstützt wurde, weil die Juden in Polen, wo sie in größeren Massen beisamen sind, am besten durch den „Rozwoj" bekänipst werden können. Dies schließe jedoch nicht aus, daß der Kampf gegen-den Katholizismus m den protestantischen Ländern mit den schärfsten Mitteln fortgeführt werde. „Ich glaube nun" — schloß Hopwood seine Ausführungen — „daß die Juden in -Amerika von diesen Tatsachen Notiz nehmen und sich dessen bewußt werden müssen, daß -ihre Brüder und Schwestern in den meisten europäischen Ländern durch -nnsichtbare> unterirdische Kräfte verfolgt werden, was schließlich $u. ihrer Vernichtung führen muß." „Die Sachlage ist viel zu ernst, als daß die a m e r ikanischenJuden an ihr achtlosvorübergehenkönnten. Meine Erfahrungen in Europa haben mir gezeigt, mit welch teuflischen Mitteln die vereinigten Geheimbünde der Welt gegen die Juden kämpfen. Andererseits Ha-M mick meine Beobachtungen in Palästina -davon überzeugt, daß die Juden willig sind, schwer zu arbeiten und der ganzen Welt nützliche Kulturarbeit zu leifteu, wenn sie nicht verfolgt und ihre Arbeit durch Boykott 'gehemmt werde.