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Wiener Morgenzeitung · 1924-06-18 · Heft 1918 (18.6.1924) · p. [Seite]

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1918 (18.6.1924)
Date
1924-06-18
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Das der Zeit LITERATÜRBEILAGE DER .'WIENER MORGENZEITUNG“ Nummer 14 18. Juni 1924 Administration - „wiener morgenzeitung“, vien, ii.. taborstrasse 1-3 UNSER BUCH DER WOCHE Die Seele der Kreatur John Galsworthy gilt bisher dem Kontinentaleuropäer als der kritische Spötter über jene Schichte des Durchschndttsengländers, für die er selbst den Ausdruck „Moralhelden“ gebraucht. Man kennt bei uns — und auch das nur flüchtig — den Galsworthy, welcher nM einem ein wenig wie Staub in der Kehle kratzenden Humor die englische Gesellschaft in Momentphotographien satirisch aufnimmt, keineswegs so blendend wie sein irischer Vetter G. B. Shaw, viel weniger überrumpelnd als dieser, auch weit weniger ätzend. Davon aber, daß in dem als . „Gesellsohaftskritiker“ etikettierten Galsworthy eine starke dichterische Kraft steckt, weit stärker als die Shaws, dessen dichterischer Impuls seit je ein schwacher ist, davon Weiß man hierzulande sehr, sehr wenig. Die Bekanntschaft mit dem Dichter Galsworthy dem deutschlesenden Publikum vermittelt zu haben, ist das Verdienst seines deutschen lieber* setzers S. Leonhard (Leon Schalit), der schon seit langem in Zeitschriften und Revuen für den englischen Dichter eintritt. Es ist nun doppelt erfreulich, daß die Bereicherung um das wesentliche Werk eines Dichters nicht nur von einem in Wien lebenden Nachbildner, sondern auch von Wiener Verlegern ausgeht. Im Rikola Verlag ist Galsworthys Roman „Die dunkle Blume“ erschienen. Das Werk versucht den Ablauf des Lie'beslebetis eines Mannes episch zu gestalten. Selbstverständlich des englischen Mannes, des Mannes, der, wenn er auch in einem gewissen, schon beruflich ausgedrückten Widerspruch zum Durchschnitt der englischen Gesellschaft stellt, doch mit ihr und ihrer Tradition verbunden ist: Mark Lennan hat in seiner Jugend die Luft Oxfords geatmet, ist aber dann Bildhauer geworden. Die erste Freuden- und Leidensstation seiner Frauenliebe ist die Leidenschaft des Neunzehnjährigen zu einer reifen Frau. Folgt die „große Passion“, dann die Heirat mit einem Wesen, das nur Gattin sein kann, und schließlich die dunkle, aufwühlende Flamme der Liebe, die den Fünfundvierzigjährigen zu einem jungen Geschöpf reißt und die — zum Verzicht führt. Dieses „L i e b e s 1 e b e n eines Mannes“ (der Roman führt auch diesen Untertitel) wird sicher diejenigen enttäuschen, welche sich aus dem Titel Sensationen versprechen. Aber es ist nun einmal so mit den Dichtern: sie gestalten um so Selbstverständlicheres, je mehr sie Dichter sind. Galsworthys Roman hat vielleicht in seiner sozusagen insularen Beschränkung des Problems Schwächen, aber es liegt eines darin, das diesem Werk Glanz und manchmal geradezu. den schweren Duft dunkelroter Nelken verleiht: das Verweben des menschlichen Liebeslebens mit dei Liebe zu aller Kreatur, zu Tieren, Blumen. Bäumen, Steinen, das aus diesem Buch spricht, das Empfinden der Seele der Schöpfung zeigt dichterisches Ingenium. Noch stärker tritt dieses Erfassen der Seele der Kreatur in dem soeben erschienenen Novell enbuch Galsworthys zutage, das der Verlag Paul Zs01 nay herausgebracht hat. In diesem Buch gibt es sicher drei Dutzend Novellen und Skizzen, vielleicht, zu viel für e i n Buch, nicht zu viel für den, der von der Eigenartigkeit des Dichters, die sich hinter einer gewissen scheuen, geradezu zugeknöpften Art der Schilderung verbirgt, angezogen ist. Es geht einem mit Galsworthy genau so, wie mit den Engländern, die man auf Reisen.trifft: es ist schwer, durch den Reisenden hindurch bis zum Menschen vorzudringen; gelingt es aber, so enthüllt sich zumeist ein ausgezeichnetes Exemplar der Gattung Mensch. Das Novellen buch hat seinen Titel „Der Menschenfischer“ von der ersten Novelle, die darin steh fl Die kurze Geschichte ist eigentlich Satire. Und doch hat die Gestaltung des Priesters, der Menschen gewinnen will und nicht kann, weil er zu viel Machtbewußtsein hat, einen meisterhaft gefaßten, geradezu dramatischen Zug. Dann führt uns Galsworthy durch Höhen und Tiefen: Zu den Menschen, deren Schicksal es ist, entweder gesund zu sein und zu arbeiten oder zu sterben; zu den Tieren, deren Tragik es ist, daß ihnen der Humor fehlt, zu der Linde, deren Blütendufthauch ihre Seele hervorzäubert. Eine seiner Figuren läßt Galsworthy sprechen: „Beobachten Sie nur stumme Tiere, sogar die allerkleinsten, und Sie werden sehen, daß die viel mehr wissen als wir, und sie tun Dinge, die sich ein Mensch oft gar nicht einfallen ließe. Aber sie machen kein Wesen davon.“ Der Satz richtet sich anscheinend gegen die Menschen. Aber man fühlt darin, wie in allem, was Galsworthy schreibt, weit mehr als das, was man gewöhnlich „Verständnis für das Elend der Kreatur“ oder „Herz für die soziale Not“ nennt; aus dem Werk Galsworthys spricht die Beseeltheit des Seins zu uns, ohne die es tot wäre. „Und ich hab’ Christen gesehen“ — läßt Galsworthy an einer anderen Stelle eine seiner Personen.sprechen —- ,,na, wenn die nicht für ewig tot sind, dann sind es stumme Tiere auch nicht.“ Daß der Mensch sich selbst in gewissem Sinne tötet — das ist die Anklage, die in Galsworthys Satire liegt Es ist die K1 a g e dessen, der die Seele der Kreatur empfindet und hervorzuzaubern weiß, die Klage, die seinem Schaffen Melodie gibt. Deshalb ist Galsworthy Dichter und sein Werk verdient mehr als die Beachtung des Tages, die ihm die Etikette „Satiriker“ verschafft hat. E. G. Fried. as lebendiie.BncEi verlangen Sie von HELLER (BUKUAU I. Bauernmarkt kostenlos! LEBEN IM BUCH Walther EidlÜz: „Der Bergs ln der Wüste.“ Drama. Verlag E. P.TIal&Co., Wien.— Der junge Wiener Dichter Walther Eidftitz hlat hier den Versuch unternommen, die Berufung Mosis dramatisch zu gestalten. Der junge Moses erscheint im ersten Akt als stolzer, vornehmer Aegyipter, dessen Brust unbestimmter Tatendrang schwellt. Alber die Enthüllungen Aharans, des Sklaven unter den Sklaven, über seine wahre Abkunft, erschüttern seine Ruhe, und Me Geliebte, die Aegypterin Liane, verläßt ihn, den Mörder des 'Aufsehers, der sich ihr als „Hund“, als „eb rätsch er Sklave” enthüllt. So muß Moses den Weg in die Wüste allein gehen. „Gott hat mich gesegnet. Gott hat mich verflucht. Welcher Gott ist mein Gott?“ Moses in dier Wüste bei Miidian. Er stöhnt unter dem Fluch, der auf ihm lastet. 'Aber „der Dämon“ treibt ihn an, Gatt zu suchen, und malt das Kainszeichen auf seine Stirne, um ihn aus jeder Ruhe aufzusdheuchen, bis er sein Ziel gefunden hat. So bleibt auch das Zipora-IdyM nur Episode und Moses stürmt den Berg hinan, seinem Gott entgegen. Noch flieht er vor dem Volk, um Gott zu finden, der ihn von jenem befreien soll, Gott, dessen Schlaf die Wächter behüten, die als Mauer dastehen, um die unreine Klage abzuhalten, und den nur wauire Inbrunst eines Mensahen Glut erwecken kann. Moses gelingt dies. Aber dem Gehetzten, der Erlösung sucht, tönt die Stimme Gattes entgegen: Erwecke mich in meinem Volk!“ So findet Moses in Gott seine Berufung und vallfü'hrt .das ägyptische Befreiungswerk. So kann er die Sünde des Volkes auf sich nehmen, denn auch das goldene Bild war Verlangen nach Gatt. Die Mosestragödie ist mehr amgebeutet als erschöpft, und die Elnfülhriuinig eines mystischen Apparates van Dämonen, Wächtern und Engels- Stimmen vermag nicht völlig zu ersetzen, was an rein menschlicher Entwicklung in allzustarker Verkürzung durchgiefiü.brt erscheint. Jedenfalls ist aber die Dichtung, die gedankliche Tiefe und starker Stimmungsgehallt kennzeichnen, die Probe einer beachtenswerten Begabung. A. F.' C. Arriens: „Mosaik des Völkerlebens." Gebunden mit farbigem Schutzumsdhlag. Thüringer Verlagsallst alt lind Druckerei G. m. b. H-, Jena. Der Autor war vor dem Kriege lange Zeit in aller Herren Ländern und weilte besonders als künstlerischer Mitarbeiter und später als Abteilungsleiter der deutschen innerafrikanischen Forschungsexpeidition in den ehemaligen deutschen Kolonien. Er hatte so Gelegenheit, die Sitten und Gebräuche der verschiedenartigsten Völker, vorn den Zeithediuinen und den hochkultivierten Bewohnern der Haussa-Länder bis zu den noch in paradiesischer Nacktheit . ei übergehenden und als Kannibalen geltenden Muntschinegern, zu beobachten. Er berührte auf seinen Reisen die an den großen Strömen Niger und Binue gelegenen Länder sowie die nördliche Sahara mit Süd- Orain, Algerien und Tunesien.. Was da von den Sitten und Gebräuchen in diesem wertvollen Geschenkbuch alles zu lesen ist. wird viele überraschen. Das Buch berichtet vom Essen und Trinken in Afrika ebenso wie über die Urformen des Handels, über die Wiege im Brauch der Völker, über die Heildengräiber und seltsame Bestattungswelse, üben die Schiffahrt der Naturvölker, über die Mimik und Gebärdensprache der Afrikaner, über das Leben in den Gasen und der Sahara, über merkwürdige Frisiermoden und Brautsitten usw. „Li ebesgeschicihten des Orients.“ Milt einem Vorwort * von Franz Blei. Verlag, Paul Steegemann, Hannover. Dieses sehr schön ausgestattete kleine Büchlein enthält eine Perle reinster Liefoespoesie („Andjunes Himmelfahrt“, aus dem Javanischen, wahrscheinlich einer größeren epischen Dichtung entnommen). Die übrigen zwei Dutzend . Geschichten, dem Schriftkreis aller orientalischen Völker entnommen, sind, abgesehen von einigen teils spottenden, teils lehrhaften Betrachtungen der Liebesphilosophie — eine aus dem jüdisch-aggiadischen Geschichtenkreis nimmt das Motiv der Weiber von Weinsperg vorweg —. natürliche und primitive Aeußenungen unverdorbener erotischer Empfindung. Die Motive, ebenso wie das Liebesieben allen Völkern gemeinsam, ähneln natürlich denen aus dem reichen Gebiet europäischer erotischer Literatur in jenen Zelten, da sie noch nicht ins Unnatürliche verzerrt war, Das Hauptmotiv, die Frauenlist in Lidbesdingen, die den Mann immer zum Gepreilten macht, spielt auch hier eine dominierende Rolle. Einige dieser orientalischen Geschichten zeigen kunstvolle dichterische Webe (so die persische Erzählung „Die unbesiegbare Prinzessin“). Die Titelgebung, wohl vom Uebersetzer herrüihrend, ist nicht immer glücklich. Zu dem Büchlein hat Franz Blei, ins Fach „Erotik“ klassifiziert, eine Vorrede geschrieben, die zwar kein „Evangelium des Apollonios“ ist, aber Bekanntes, das nicht oft genug gesagt werden kann, unauffällig wiederholt.- VON BÜCHERN, DICHTERN u. VERLEGERN Armin T. Wagner: „Die Straße mit den tausend Zielen.“ 1934. Sibyllen-VerHag. Dresden. Verse. Solche, die sprechen und solche, die fragen' Etwa: M „Bin ich nicht selbst die heiß gelaufene Achse, An der die Welt wie eine Spindel tanzt?“ Alle aber grübelnd, alle der Straße nach denkend«, d's -K tausend Zielen, immer zu dir und nie zu dir, führt: .Aus den Ulfern, Straße, trittst du breit, Strom, vor dem entsetzt die Völker welchen, Und besäet mit Bosheit, Brunst und Leichen Fährst du heulend nieder in die Zeit.“ Wegner hat eine wunderschöne Geschichte „Der Knabe Hussein“ geschrieben und manches Wesentliche über :den Orient gesagt, Ehrliches und wahr Empfundenes, Er hat, als einer der wenigen, seine Stimme gegen die Greuel ’ des Armeniermordes erhoben. Er spricht, wie er muß (ein großer Wert). Auch sein Gedichtband, der jetzt varliegt, läßt den Atem des echten Empfindens spüren, Ruf nach dem Ziel, aus dem Schwanken der tausend Ziele, das •ihm die Verse formt: „Der Wanderer bin ich, der niemals zur Fremde zog, Der Fremdling bin ich. der ewig zur Heimat findet.“ und doch wieder.:' , „Der Wianderer bin ich, der eiwig zur Fremde zieht, Der Fremdling bin ich, der niemals zur Heimat findet.“. Dieses Growidgefüihl der Polarität mag dem Dichtet - auch den Zwang zu programmatischer Formel geben (ich erinnere mich an Aufrufe gegen die. Gewalt und für die Revolution). Dieser Zwang kehrt auch in manchen Dichtungen dieses Buches wieder; stört manchmal die Geschlossenheit (so i.n dem wertvollen Zyklus „Zu den erdgefalteten Bergen schreit’ ich hinaus“). In der Gesamtheit aber volles Empfinden, ohne Künstelei in reiche-Form, ergossen. Nichts von Dutizeudlyrik, Sparsamkeit des Wortes, das nur zu Wesentlichem gebraucht wird. Es gilbt Gedichte in diesem Buch, die wahrhaft schwingen (ein sei teuer, köstlicher Wert); denn: , wDie Worte, die durch viele Lippen gingen. Sind traurig und wie eine Münze blind.“ In solchen Kostbarkeiten«, deren viele für geduldig# Leser von Lyrik (gibt es solche?) zu finden sind, liegt ein Anspruch dieses Büches auf ernste Beachtung; ein anderer aber in seiner Wahrhaftigkeit. 8. 8. Felix Braun: „Wund er stunden.“ (Drei Erzählungen.) Literarische Anstalt Riitten & Loening, Frankfurt a, M* Man kann es als ein Unglück ansehert, daß viele schlechte Bücher geschrieben werden; weit mehr zu beklagen aber ist, daß soviele unbedeutende Bücher herauskommen. Bücher, mit Fleiß und Reinlichkeit gemacht und völlig nichtssagend. Es gibt heute bereits einen terrfiinius technicus für derlei .Werke und ihre Autoren: „Kultiviert.“ Und der Schöpfer der Welt und ihrer Dichter sei gepriesen, daß er uns Schriftsteller, wie Dostojewski,, Verlaine, Zola, Liliencrotn. Wedekind usiw., geschenkt hat, auf die das Wort „kultiviert“ bestimmt nicht paßt. Für Felix Braun aber könnte es geradezu erfunden sein. Ob er nun Gedichte,. Dramen oder Erzählungen schreibt, immer ist die Ohnmacht der Schaffenskraft und des Temperaments in die Hülle „kultiviert“ gekleidet. Made in Vienna. Seit mehr als. 30 Jahren ist diese „kultivierte“ Schreibweise der Ausdruck der flachen Unbedeutendheit Wiens in der Kunst. Eine Zeitlang verblüffte die Form, wen«! man Anmut zu spüren glaubte (deren Mangel dem Deutschen so oft vorgeworfen wurde, bis er selbst daran glaubte, vergessend, daß Anmut ln jedem wahrhaft schöpferischen Tun liegt), Jetzt freilich ist dieser zweifelhafte Wiener Wert längst erkannt und erweckt höchstens angenehme Langeweile; nicht einmal Entrüstung über ' die Wertlosigkeit dieser Dinge möge sich einstellen; man sage sich „kultiviert" und gehe zur Tagesordnung über. E. G. F. Ausstellung „Das hebräische Buch“. Die Ausstellung „Das hebräische Buch“, die, wie wir berichteten, in Warschau eröffnet wurde, mußte, wie uns gemeldet wird, vorzeitig geschlossen wenden, weil, das Ausstellungslakal früher, als ursprünglich geplant war, geräumt werden mußte, Trotz der kurzen zur Verfügung gestandenen Zeit wurde die Ausstellung, wie der Vorsitzende des Ausstellunigskomiitees, Moses Gor«d 0 n, in seinem Schlußberjoht an die Pressevertreter feststeilte, von 3000 zahlenden Personen besucht. Außerdem war ein eigener Tag für den freien Besuch der Ausstellung durch Mittelschüler und Universilätshörer bestimmt. Wilhelm Braumüller & Sohn Abteilung; Antiquariat Wien, I. Bei., Bauernmark« Nr. 8a ------ Bäche» BRAUCHST DU BÜCHER, GEH ZU LÖWlT WIEN, 1. ROTENTURMSTRASSE S2 mt 1

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