Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1915 (15.6.1924)
- Date
- 1924-06-15
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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um- MW «WM, W^.W'AoW 'Am Sette 13 >- Wien, Sonntag Minderung um 164 iüiillinrbcn und beträgt nunmehr 7-390 Milliarden. Der Barschah hat ebenfalls cme Verminderung um 171 Milliarden anszuwcisen und beträgt derzeit 3280 Milliarden. Das W-echselportefeuille weist eine Vermehrung um 49 Milliarden auf und beträgt nunmehr 2706 Milliarden. Umwandlung der Südbahnwerke in eine Aktiengesellschaft. Der 'Berwaltungsrai der Donau-Savc-Mria-Eksonbahngesellschaft '(vormals Südbahn-Gesellschaft) hat beschlossen, die der Gesellschaft gehörigen Südbahnwerke, das sind die Fabrik für Sicherungsaulagcn und Winden in Wien sowie das Schienenwalzwerk in Graz — wie dies im Akkord von Rom vorgesehen ist —, in eine Aktiengesellschaft zu Vertvandeln. Aufgabe der neuen Gesellschaft wird es sein, eine Umstellung der derzeit mit Verlust arbeitenden Betriebe auf eine lohnende Erzeugung, bezw. anslohnende Fabrikations-Zweige durchzuführen. Hierzu hat'sich die Verwaltung die Mitwirkung der Metallum-A.-G. in Berlin und der übrigen dem Metallum- . Konzern angchörigen Unternehmungen gesichert. Demgemäß toivd der genannte Konzern eine entsprechende Ingerenz aus die Geschäftsführung der Südbahnwcrkc erhalten und im Bertvaltungsrat sowie im Exekutivkomitee der neuen Aktiengesellschaft vertreten sein. ■ Remboursgeschäfte mit dem Ausland. Angesichts der großen und fortgesetzt wachsenden Geldknappheit ist, wie der .Mfetien-Wegweiser" meldet, in industriellen Kreisen der Plan in Erwägung gezogen worden, durch Begebung von soliden erstklassigen Warenwechseln int Ausland — namentlich in -London — flüssige Mittel zur Aufrechierhaliung des iBstriebcs zu beschaffen. Es sind auch-schon, wie uns von hervorragender finanzieller Seite mitgeteilt wird, mehrfache Anträge nach London weitergegeben worden, ohne daß jedoch leider bisher ein positiver Erfolg' erzielt werden konnte. Die englische Hochfinanz stellt sich geradezu prinzipiell auf den Standpunkt, daß sie den Warenverkehr ausschließlich zwischen Staatsbürgern des großbritannischett Reiches finanzieren dürfe, und die Förderung des Handels etwa zwischen Oesterreich und Rumänien oder Jugoslawien abtchnen müsse. Diese Haltung ist um so auffallender, als in England eine direkte Geldabsnndanz herrscht, während bei uns bei erstklassigen Firmen nnd mit absoluter Sicherheit 10 bis 12 Prozent und mehr lukriert wenden können. Diese starke Lockung scheint schon jetzt wirksam zu ^ein, da uns von einzelnen Banken mitgeteilt wird, daß ihnen in den allerletzten Tagen s-ekhr billige Geldofferte aus London Vovliegen. ' Die Versendung von Zahlungsmitteln und Wertpapieren ins Ausland. Um denk wiederholt geäußerten Wunsche des Publikums nach einem Ueberblick über die von den Ausgebern zu. erfüllenden Bedingungen für die Versendung von Zahlungsmitteln und Wertpapieren in -das Ausland zu entsprechen, werden sie nachstehend kurz zusammengesaßt wiedergegeben: 1. Inländische (das sind auf inländische Währung lautende Bartknoten, Schecks, Wechsel, Zahlungs- -mweffungen, .Gutscheine (Bons), Kassenscheine und Einlagebücher). Die Versendung von österreichischen Kronennoten bis zum Betrage von 500.000 Kronen/ in Wertbriefen ist ohne _Wiener MoraenzeltrmK._ Ausfuhrbewilligung zugelassen; bei Versendung von österreichischen Kronennoten im Betrage von mehr als 500.000 K. und aller übrigen inländischen Zahlungsmittel ist eine Ausfichrbewillignug erforderlich, die.von' dm Aufgebern bei einem Steueramt, in Wien beim Zolloberamt einzuholen ist und durch Versiegelung der Sendung durch diese Stellen erbracht wird. Kassen oder Aemter des Bundes und Parteien mit einem von der Bankabteilung der Oesterreichischen Nationalbank abgestempelten Postaufgabebuch bedürfen keiner Ausfuhrbewilligung. 2. Ausländische ^as sind alle auf eine ausländische Währung lautenden Staats- und Banknoten, Auszahlungen, Wechsel, Schecks, Zahlungsanweisungen, Gutscheine (Bons). Kassenscheine und Einlageibücher). Bei diesen ist ohne Rücksicht auf den Betrag eine Ausfuhrbewilligung nicht erforderlich. 3. Für Wertpapiere (die nicht unter den obigen Begriff „Zahlungsmittels, und zwar inländische und ausländische ist ohne Rücksicht auf den Betrag eine Ausftchrbewilligung erforderlich, die wie unter 1. zu erbringen ist. Für Kassen oder Aemter des Bundes und Parteien mit einem von der Bankabteilung der Oesterreichischen Nationalbank abgestempelten Postaufgabebuch ist eine Ausfuhrbewilligung nicht erforderlich. Das erforderliche Uvbereinkommen über die Ablieferung der Exportvaluta für die Ausfuhr von Wertpapieren im Werte von mehr als 500.000 K. gilt durch die Versiegelung der Sendung durch ein Steueramt, in Wien durch das Zolloberamt als getroffen; eine weitere Ueb'erprüfung durch die Postämter in dieser Richtung ist daher nicht erforderlich. Milliardeninsolveui eines ungarischen Landwirtschaftsbetriebes. Die Sittfc- Landwirtschaftliche A.-G. hat sich, wie aus Budapest gemeldet wird, insolvent erklärt und um die Einleitung des Zwangsausgleichsvcrfahren^ angesuchi. Die Aktiva des Unternehmens belaufen sich auf 563 Millionen Kronen, denen gegenüber stehen Passiva iu der Höhe von zwei Milliarden Kronen. Die Gesellschaft ist infolge mißglückter Getreide- und Mehlspekulationen insolvem geworden. Der Hauptaktionär will die Bezahlung der angebotenen Quote garantieren. Ansteigen des jugoslawischen Exportes. In den ersten drei Monaten des Jahres 1924 wurden aus Jugoslawien 715.264 Tonnen Waren im Werte von 2.061,378.454 Dinar ausgeführt. Im ersten Viertljahr des Jahres 1923 wurden bloß 537.478 ' Tonnen Waren im Werte von 1.512,544.070 Dinar ausgesichrt, so daß in diesem Jahre eine Steigerung der Ausfuhr um 177.786 Tonnen im Werte von 558,834.384 Dinar zu verzeichnen . ist. Der größte Teil der Waren wurde nach Oesterreich, Italien, der Tschecho-Slowakei und Deutschland ausgesührt. Aenderung der holländischen Zelle. Aus dem Haag.wird uns gemeldet: Der Finanzminister unterbreitete der holländischen Kammer ein neues Zolltarifgesetz. Die gegenwärtig in Geltung befindlichen fünfproMtigen Wertzölle sollen aus 18 Prozent erhöht werden und 13 Goldmillionen embringen. Sendungen nach Batum. Laut Originalberichten sind bis auf weiteres nur jene Sendungen nach Datum von der Beibringung von Beglaitdoknmenten befr-eit, welche für staat- - 15. Juni 192L_ M. M8 i.che Anstalten bestimmt sind; für Sendungen an Kaufleutt oder Handelsgesellschaften ist eine Einfuhxbewilligwng mv bedingt notwendig. __ 9Brfe für landwirtschaftliche PmdMe. Trotzdem von den überseeischen Plätzen sehr feste Bericht! vdrliegen, bleibt das Geschäft auf dem Wiener Plätze anhaltend unbefriedigend, zumal die Mühlen ihre Zurückhaltung im Ein. kaufe nicht aufgegeben haben. Die Ursachen-der abwartenden Haltung sind recht klar. Die Ernteaussichten 'finden eine ausgezeichnete Beurteilung, in neuer Ware liegen zimnlich billige Offerte vor und in letzter Reihe ist der Mehlabsatz deyart unbefriedigend, daß Neukäufe fast ganz erübrigt werden können. Unter mesen Umständen hielt sich das Geschäft-in'Weiten-und Roggen in ziemlich engen Grenzen, trotzdem her. Abbröckelungs« Prozeß weitere Fortschritte gemacht hat.. Mais' wies einige- Geschäft nach der Tschecho-Slowakei auf, Hafer ist in guten Qualitäten gesucht und finden solche schlanke Aufnahme, dagegen sind die reichlich offerierten rumänischen, in den meisten Fällen verstaubten Qualitäten vernachlässigt. Der- Mehlabsatz ist weiter unbefriedigend, was in der Hauptsache auf die billigen Offerte der zweiten Hand zurückzuführen ist, welche die ohnehin bestehende Kaufunlust noch weiter verschärft. Weizen, Roggen. Futtermehle, ebenso Kleie wurden heute' neuerdings amtuch im Preise ermäßigt. ES notieren pro Kilogramm ab Wieninklusive de, Marenumsatzsteuerr Weizen inländischer 3075 Bis 3128 K., ungarischer oder jugoslawischer 3250 bis 3300 K., Manitoba 890(1 bis 3950 K, Roggen inländischer 2900 bis 2950 K,, ungarischer 2775 bis 2825 K., rumänischer 2850 bis 2700 K., Gerste inlän« dische 2900 bis 3100 K.. tschecho-llowakische 3200 bis 3400 K., Futtergerste 2600 bis 2700 K., Mais 2550 bis 2850 ft.. Hafei ungarischer ober inländischer 2700 bis 2800 K.. rumän. 2550 bis '2650 K., Weizengrieß inländischer 5900 Bis 6M0K., ungarischer 5700 bis 5800 K., Maisgrieß 3800 btS -3900 K., Weizenmehl Nuller inländisches 5500 bis 5600 K., ungarisches ' doppelgriffio 5300 bis 5400 K., griffig 5100 bis 5200 K.. amerikanisches Voll, patent 5700 LiS 6100 K., Kochmehl Ha inländisches 4900 bi» 5000 K., Brotmehl In inländisches 3900 bis 4000 K., Futtermehl Ia 2600 bis 2700 K., Noggenmehl la inländisches 44Ä bis 4600 K. Kleie >1850 bis 1900 K. rie Sevlsenkurse. Zürich» 14. Juni. (Devisenkurse von 11^-— Uhr. 85 Sn der Schweizerischen Kreditanstalt mitgeteilte Mtttelkurse.) Berlin pro Milliarde Holland 211.76 (212.25), Retv-Aorl 566.62 (566.75), London 24.46 (24.47), Paris 30.25 (30,05). Mailand 24.67 (24.70), Brüssel 26.10 (26.—), Kopenhagen 96.- (95.76), Stockholm 150.75 (150.76), Chriftimia 76.25 t 76.75), Madrid 76.50 (76.25), Buenos Aires — Prag 16.62*/* (16.62V»), Budapest 0.0065 (0.0062), Bukarest 2.50 (2.50), Belgrad 6.60 (6.75), Sofia 4.— (4.05), Warschau -.-), Men 0.007975 (0.0080). Berlin. 14. Juni. Heute keine Devisen- und Notenkurse. Budapest« 14. Juni. (Kurse der Devisenzentrale.) — Amsterdam 33.320 bis 34.020, Bukarest 390.— bis 406s—, Kopenhagen 15.100 bis 15.420,Christiania12.000 bis 12.260, London 385.000 bis 893.000, Berlin -.- bis —Italien 3880— bis 3960.—. Paris 4760.- bis 4870.-, Prag 2615.- bis 2670.-, Stockholm 23.720 bis 24.220, ZÜM15.740 bis 16.060, Men 1,2550 bis 1,2810, Sofia 625.— bis 640.—, Agram 1057.— bis 1075.—. New-Aork 89.200 bis 91.000, Warschau —bis , Brüssel 4100.- biS 4190.-. Warschau» 14. Juni. (Devisen.) Berlin —. Lou. do» 22.29 biS 22.51. New-Aork 6.16 bis 5.21, Prag 15.17 bis 15.81, Wien 7.28 US 7.35. Allgemeine Depositen-Bank * Gegründet 1871 s: Aktienkapital u. Reserven: Rund ISO Milliarden Kronen «eMe/irske^Ä Lll»-U»A»Lse«»sdiL»AÄ: 'Wien« *.«, S§daott«MUMn aase fl n! Taborstraße 7 Telephon Nr.: „Serie 62520“. an Sonnnnd Feiertagen nur 63476 HI. Hauptstraße 10 Basic- B- Wesliaeltiaua, Schwanenbergplaii, Wien, l. Kolowratrlng U - ZmtraMselaiu&t >.. Freisng 6 Ivl wBguftei 10 V.Relnprechtsdorierstr.62 XM. BreltenBeerstraße 6 Filialen i Bad Aussee, Bad-Ischl, Baden dU VII. Mariahilferstr. 74b XIV. MarlahlHerstr. 196 Wien, Bleiburg, Bregen*, Czerhowitr, Eitet* VII. Kirchengasse 1 , XIV. Sparkasseplatz I Stadt, Qraz, Innsbruck, fadenburg, Knlttelleld, VH. Neubaugasse 44 XVII. Ottakrlngerstr. 84 Kufstein, Lambach, Leoben, Liezen, Linz,Mistel« VIII. Josefstädterstraße 64 XVII. Hauptstraße 155 bach,Mödlg.NeunkIrchenOberhollabr,Ried Sali X. Favoritenstraße 103 XVIII. Währingerstraß? 84 bürg, St.Oflgen.St.PBlten;st Veit a.d.01., Steyr. XI. Hauptstraße 50 XXI. Hauptstraße 45 Tulln, Villach, Vöcklabruck,Wels, Wr.-Neaatadt XII. Koppreitergassc 2 Expositurens Badgastein, Rottenmano, St. lohana im Pongau XIII. Hauptstraße 3 ’ Besergt slmtl. Bsnkgsschlfte u. Industrielle Transaktion«« Copyright , Nachdruck verboten. JLdischer Verlag, Berlin. 17. Fortsetzung. Hawdoloh «nd Zapfenstreich. Von Samt Gronnemann. In der Synagoge des Ostens gibt es freilich auch Reden, aber ganzanderer Art. Die sogenannte Drösche — der Lehrdortrag — hat nichts von Salbung, nichts von Pathos, Rührung und Sentimentalität und von anderen Zutaten westlicher HomileE an sich, sie sucht auch nicht zu „erlbauen" (das gräßlichste. Wort, das ich kenne), sondern zu belehren. Es gibt keine Apostrophe der „Andächtig in Gott Versammelten" zu Beginn und keine pathetische Anrufung des ,Herrn der Heerscharen" zum Schluß, mit der bei uns das Signal zum Ausstehen und damit zur Erweckung der andächtig im Herrn Eingeschlafenen erteilt - wird. Der Redner'beginnt einfach mit,Meine Herren!" und 'benimmt sich auch sonst wie ein normaler Mensch, er spricht wie im gewöhnlichen Leben, während unsere Geistlichen oft von dem gespreizten Wesen, das sie auf der Kanzel anzunehmen LÄieben, sich auch in ihrem gewöhnlichen Leben beeinflussen ilassen und auch da gern in Ewigkeitsworten ihre Meinung über das Wetter oder die Güte des Mittagstisches von sich geben. Es gibt zweierlei Reden, einmal den halachischen Vortrag, der gewöhnlich am Sabbatnachmittag stattftndet, und bei dem irgendwelche schwere Stellen des Talmud erörtert werden; ungeniert wird der Redner aus der Mitte der Anwesenden heraus unterbrochen und es setzt oft eine lebhafte Diskussion ein. Diese Borträge aber setzen ein sehr kundiges und geleihrtes Publikum voraus. Beliebter ist die andere Art der Rede, die des Maggid, die in gswissvm Sinne -unserer Predigt ähnelt, weil auch da ethische Grundsätze gelehrt werden. Zu solchen Vorträgen, die bisweilen nach der Thoravorlesung im Gottesdienst, zuweilen auch außerhalb des Gottesdienstes stattfinden, ist der Andrang in den Synagogen oft gewaltig groß, zumal wenn einer der berülhmten Wanderredner, der Maggidim, spricht. Die Grundpmmung einer solchen Veranstaltung aber ist nicht Feier- Nchkeit!und Andacht, sondern — fortgesetzte HeiteMt! Ich gestehe, daß ich ja auch bei- Pvedigten M Westen »ft mich in erheblichem Maße amäfiert habe, ä^er leider konnte ich meinen Gefühlen nicht so frei Ausdruck geben wG 'm Osts», wo toll* Lachsalven nach jedem Sah die Rede unterbrechen; denn im Westen handelt es-sich gewöhnlich um ungewollte komische Effekte. Es ist da8 übrigens wohl kein übles Rezept, um sich das Leben mit allen Menschen erträglich zu machen, daß man sich entweder mit ihnen oder über ste amüsiert. Ich möchüe, um: wenigstens eine Probe des Stils solcher Reden zu geben, etwa ein Wort des berühmten Warschauer Maggid Nissenbaum zitieren, den ich oft und gern gehört habe. Das Wort fällt mir im Moment ein, ohne daß ich es als besonders glänzend wiedergeben will;'es illustriert aber, glaube ich, die Art jener Redem Er sagte in emer Rede, die er gegen die Politik der fanatischen Orthodoxie hielt, wie sie damals durch die /Massidim" unter Führung eines jener Westeuropäer betrieben wurde, die die Orthodoxie als Sport betreiben: „Ein Ehossid stand einst am Ufer,des. Meeres . Da geschah ihm ein Wunder. Die Wolken teilten sich und er sah. . „Meine Herren," so unterbrach er sich, ' ,,-wozu soll ich Ihnen weiter erzählen; wenn ein Ehossid überhaupt xsteht, ist das schon ein Wunders Man sie'ht, .es geht in den Synagogen des Ostens durchwegs lüstig .und fröhlich zu und von Feierlichkeit ist nichts zu spüren. Män ist auch, au westlichen Begriffengemessen, viel laxer in der Beobachtung religionsgesetz-. licher Vorschriften und ich glaube, daß gerade manchem orthodoxen Juden aus dem Frankfurter-Kreise sich bei vielem, wa's er sah, sich unter -dem Helm die Haare, ge-' -sträubt haben werden. So erlebte ich beispielsweise gleich KU Beginn meines Aufenthaltes in Kowno in der hübschen /Hausmann-S-chul" folgendes: Das Schlußgebet.war., gesprochen, da drängten sich zwei Backfische von 14 und 16 Jahren etwa nach vorn an die Lade und sprachen das Kaddischgebet. Kaddisch ist das bekanntes.77mindestens aus Heinrich Herne bekannte — . Gebet, welches im Trauerjahr zum Andenken an den Verstorbenen dessen Söhne sprechen. Es ist ein großer Schmerz für einen Iu-: v<n, ohne einen Sohn zu hinterlassen, als. ein „Kaddis^ wie man ihn geradezu nennt,' dahinzugehen. Von weiblichen Personen wird dies Gebet nicht gesprochen. Hier war nun ein Handwerker gestorben und hätte keinen Sohn hinterlassm. Seine beiden Töchter, ohne sich viel um die Vorschriften zu kümmern, lernten das Kaddischgebet und, sprachen es im Gotteshause. Natürlich wußte jeder einzelne im Tempel, daß däß gch-u ßinz'wAdeutige Gesetzesvorschriften verstieß, aber keiner nahm daran Anstoß, sondern alle sielen in die üblichen Responsen ein. Solcher Vorfall wäve im Westen ganz und gar unmöglich. Ein Kenner der Verhältnisse wird sich unschwer vovstellen, was alles geschehen wäre, wenn etwa in Berlin etwas Aehnliches vorgefallen wäre. Zunächst wären die Pedellen und die Shuagogenvovsteher' eingeschritten, ' daun hätte es Inter- ' pellattonen in der Repräsentantenversammlung gegeben, rabbmatliche Gutachten wären eingefordert worden, d'e Konservativen hätten über eine Verletzung vitalster Interessen des gesetzestreuen Judentums Zeter geschrien, die Liberalen hätten gegen die Rückständigkeit der OrthodoM geeifert, es wären Spezialkommisironen eingesetzt worden und es wären Bände von Men entstanden. Dort in Kowno machte kein Mensch aus btt harmlosen Sache ettvas her und kein Mensch machte daraus eine Prrngiprenfvage. Dort im Osten fühlt mau sich, seiner Sache nnd seines Besitzstandes sicher, während man im Westen an der dünnen Front immerfort einen Durchbruch fürchtet. Nun ist diese Synagoge, in der eS so lusttg-zügeht, in -der so gar keine Ordnung herrscht, bei alledem mit einer ungeheuren Autorität aüsgestattet. Sie ist das Zentrum Mischen Willens und Wischer Kraft geblieben. Auch dafür möchte ich ans meinen Erlebnissen ein Beispiel anführen: Wie überall in Heimat und Etappe, hatte die deutsche Verwaltung auch in Kojvnö Höchstpreise für Mehl und Brot festgesetzt, und wie überall wurden diese Verordnungen ständig umgangen, die Preise sttegen von Tag zu Tag und die Not wuchs. Alle drakonischen Maßregeln der Verwaltung vermochten 'kleine Abhilfe zü schaffen; -mit-all ihren Gendarmen, ihren Militär- und Zivilgerichten, ihren Gefängnissen ungewaltigen Geldstrafen vermochte sie nichts zu erreichen. Aber eines Tages bestiegen'die Rabbrnen von Kowno im alten Beth Hamidräsch. die Gesetzesrollen im Arm, die Bimah und sprachen feierlich den Chevem, 'das heißt wörtlich den Bann, das strenge Verbot aus gegen alle diejenigen, die. über den gesetzlichen Höchstpreis zahlen oder nehmen würden, üttd das wirkte augenblicklich! Noch am selben Tage fielen, die.Preise und. es gab keinen in der Stadt, der sich über dieses'Verbot hinwegsetzte, keinen einzigen auch unter.denen, ...welche die Synagoge nie betreten und welche sich sonst von jüdischen oder relig ösen Dingen fernhielten; auch Atheisten etwa, deren es' im Osten genügend gibt, beugten sich, absolut der rabbinischen Hd da liegt vielleicht' das Seltsamste und Geistigste, was wir im Osten lernen konnten. (Fortsetzung folgt.)