Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1915 (15.6.1924)
- Date
- 1924-06-15
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2979076-2980834-2980998--19336-3006474- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6 Wien, Gomtatz Jeder hat ein anderes. Der eine zieht hinaus mit Ruck- . fad und Nagelschuhen, trinkt ein paar Krügel Bier, ergibt sich , daun der wohlverdienten Ruhe .auf einer Wiese, reißt der- 1 schiedene Blumen heraus und wirft sie später auf der Elektrischen ' weg. Der andere geht zum Fußballmatch und holt sich einen Sonnen- oder Gelsenstich. Wieder andere lasten sich irgendwo abbr-ennen, wie wenn wir alle Heuer nicht schon genug abgebrannt wären. Mancher, der Bergsteigen nicht liebt, verschläft den Nachmittag zu Hause,, träumt vielleicht vom Steigen der Kurse und ist glücklich. Das Erwachen allerdings ist dann unangenehm. Der Elou des Sonntags aber ist, auf der eleganten : Kaffeehausterrasse zu sitzen, dort, wo das Leben pulsiert, wo alles zusammenkommt, was dazu gehört, was sehen und gesehen werden will. Hand aufs Herz, Prüfen Sie sich selbst, fragen Sie ^91 Innerstes, ob es nicht Zu den schönsten Vergnügungen des Daseins gehört, dort neben der Gattin, der teuren, beim Eiskaffee, dem teuren, zu sitzen; ausgesorgt, weniigstens zu erscheinen, und über die Leute zu reden! Das ist nämlich das größte Vergnügen, der Zweck und das Ziel des Aufenthaltes. Munter fließen die Gespräche und das Wort perlt von den Lippen: ,-Schau dir die dort an, mit dem Papogeihut! Aufgedonnert, schrecklich! Die Gräfin Maritza ist ein Hund dagegen. M schaut sie aus! Die mit dem Bubenkopf und kurzen Kleidern neben ihr ist die Mutter..." „Von was die leben, möcht ich wissen . . „Jede Woche geht sie mit einem andern." „Von was die sich so kleiden? Zu Mittag essen sie zu zweit «in Menu.. „Wie alt kann sie sein ...?"- „Ja, aber auf einer Seite..." „Die Palatschinken drücken mich, Kellner! , . „Noch ein Eis gefällig?" „Später, bringen Sie ein Mas Wasser!" Siehst du die dort? Vorigen Sonntag hat sie noch ein Perlenkollier getragen." „No, soll sie sich vielleicht den Versatzzettel um den Hals hängen?" „Wie schön die Musik spielt! Das sind die Bananen von Beethoven!" „Geh', Papa, blamier dich doch nicht!" „Aber geh', alle Operetten sind von Beethoven. „ . . Siehstdu, der kleine Dick« dort mit dem Buldoggengesicht ist.. auch im Konkurs!" „Wie gefällt dir die Blonde dort? Gestern hat sie noch schwarze Haare gehabt!" „Die geht schon das vierte Jahr mit dem Alten." „So lange wird sie Mit ihm gehen, bis sie sitzen bleiben wird." ' „Da schau her! Die feine. Familie vom dritten Stock. Noch ein Eis bestellt er für alle, der Hochstapler! Beim Do«.- mino neulich hat er mir nicht ausgezahlt!" „Sei ruhig, er schaut her!" „Habe die Ehre, küß' die Hand, gnädige Frau"... „Wie . bie Bagage angezogen ist. Für mein Geld!" „Der mit der Glatzen vom 9er Haus sitzt auch dort drüben!" „Wo? Ja, der? So ein alter Vagabund. Ich Hab' rhu noch gekannt, wie er nur einen alten Kragen gehabt hat und setzt hat er Millionen! , . , Was werden wir zum Nachtmahl esten?" „Von Mittag ist etwas geblieben!" „Ins Gasthaus können wir nicht gehen. Die -Zeche hier wird doch ein Vermögen ansmachen.-Na, ja, man muß sich doch zeigen!" Und über die Leute reden, nicht wahr? Aber machen Sie sich nichts daraus, meine Herrschaften! Die -Leute reden auch über Sie, genau so und noch ärger. Deshalb gcht man ja dorthin auf die Terrasse, denn das ist doch das richtige Sonntagsvergnügen! \ TepMschmuggel zwischen Wien und Budapest. Wie ,M z E.st" berichtet, sind, die Budapester Zollbehörden einem groß angelegten Schmuggel von o r i e n t al i-s ch « n Teppichen zwischen Wien und B ud ap est auf die Spur gekommen. Vor etwa zwei Wochen kamen-auf dem Budapester Ostbahnhof sieben versiegelte Leisten an, welche an das Budapester türkische Konsulat adressiert waren. Die. sieben Kisten trugen das d i p I o.ma tisch c S i e gel her - türkischen Gesandtschaft in Budapest. Einige Tage später meldete sich auf dem Oftbahnhof ein Herr, der-sich als Sekretär.Hes türkischen Konsulats in Budapest ausgab und die Kisten abholen wollte. Bei der Zollexposidur wurde der Herr aufgefovdert, seine diplomatische Legitimation vorzuweisen. Der angebliche Sekretär konnte sich jedoch nicht legitimieren, und gab lediglich an, daß die Kisten Einrichtungsgegenstände, .für die AMsräume des Konsulates enthalten. Auf die Aufforderung,' die Kisten zu öffnen, erklärte der angebliche.Sekretärdaß er dazu nicht befugt sei und entfernte sich. Als die Zollbehörden nunmehr die 'Kisten öffneten, zeigte es sich, daß sie Leine Einrichtungsgegenstände, sondern 85 wertvolle orientalische Teppich« im Wert von mehr als 1,6 Milliarden Kronen enthielten. Der türkische Kons ul gab au, von der Sendung nichts zu wissen, und hat selbst eine Untersuchung ein-geleitet, wieso in Wien die Kisten mit den türkischen.diPloMtfschen Siegel versehen werden konnten. Nach den EcheLunMrcker Zollbehörden dauert der Teppichschmuggel zwis^n W testend Budapest scholl seit geraumer Zeit an. Bisher sind 60 bis 65 Kisten mir urientalisHen Teppichen unter Mißbrauch des türkischen vchl-M« tischen Siegels nach -Ungarn geschmuggelt würdest. '. . Wienei! MörgettzeitÄttg. mm Unseren Freunden, die sich während der verflossenen ö st e r r e i ch i s ch e n Palästina-Woche mit großer Hingabe für Erez Israel betätigt haben, teilen wir die markanten Stellen aus dem Rundschreiben mit, welches soeben die Londoner Keren Hajessod-Zentiale an die Landestomitees versendet. Bekanntlich hatte die Aufbauarbeit infolge all zu schwacher Eingänge des Keren Hajessod unter bedauerlichen materiellen .Hemmungen zu leiden. Dem Opfermut der Pioniere entsprach wahrlich nicht die Gebefreudigkeit der Jilden, insbesondere in den europäischen Ländern. Nun heißt es in diesen vom Direktor Berthold F e i w e l gezeichneten Rundschreiben des Hanptbureaus: „Zum ersten Male erhallen wir aus Erez Israel die Nachricht, daß sich die finanzielle Lage auf Grund der i erhöhten Ueberweisungen durch den Keren Hajessod entscheidend gebessert hat. Da die Arbeit für die 'Erschließung des Landes unter jeder Verzögerung in der. Uebevlveisung der nötigen Gelder leidet, ist es. von größter Wichtigi k e i t, daß in den kommenden Monaten in den U e b e rweisungen nach Erez Israel keine Verringer u n g u n.d V e rz^ö ger u n g, ein tr ii t. Jeder einzelne Keren Hajessod-ArLeiter halte sich vor Augen, daß in der nächsten Zeit keine Rückschläge eintreten dürfen, .soll der erfreuliche Aufschwung in Palästina anhalten." Unsere Freunde wird diese Mitteilung und Aufmunterung gewiß veranlassen, alle Kräfte anzuspannen, um in den bevorstehenden Wochen und Monaten der „toten Saison" keinen Ausfall an österreichischen Keren Hajessod-Eingängen zuzülassen. In der Arbeit für Erez Israel können natürlich keine „Sommerferien" eintreten. Das monatliche Budget des Aufbaues mutz gedeckt sein — unabhängig von „Saison" und Jahreszeit. Wir erinnern auch an den Brief des Führers der Zionistischen Weltorganisation, Ghaim Weidmann, der nach monatelanger aufopfernder- Wevbear'beit in Amerika darauf hinwies, daß endlich w u ch die Jude n sch a f t W i e ns u n d O e st e r-, Deichs unausgesetzt und in vollem Maße 'ihrer Pflicht Palästina gegenüber Nachkommen müsse, weil'die Arbeit in Zlmeriika außerordentlich leidet, wenn die Lässigkeit in großen Mischen Zentren Europas anhält. Der erfreuliche Aufschwung in Oesterreich' blieb nicht ohne Rückwirkung auf Amerika. In dem.erwähnten' Rundschreiben wird bekanntgegeben, daß MonatMberweisungen aus Amerika im Betrage von 100,000 Dollar pro Monat bis zum Frühjahr 1925 gesichert sind. Diese Quote wird sich bestimmt noch steigern, wenn auch aus Oesterreich regelmäßige Monatsbeträge im Wege des Keren Hajessod dem Aufbanlverk zufließen. Wir wenden uns an alle Juden mit der Auffovderung, durch Opferlerstungen diese günstige Entwicklung zu fordern und wir wenden uns insbesondere an unsere bewährten Freunde in allen Teilen Wiens, in ihrer Werbearbeit währender Sommermonate nicht zu erlahmen. Die Adresse unseres Wiener Bureaus lautet: Wien, 1. Bez., Bauernmarkt 24. Das Präsidium Oesterreichischen Keren Hajeffod-Kommlssion. 15, Juni 1924' v. m6 Bademd Kurorte Von Oesterrcichern wuchetr früher sehr stark die Bädej an der Nordsee und Ostsee ausgesucht, wenn auch, besonder^ die ersteren nicht gerade billig sind. - m* ' : - Nordseebadern werden anr nreisten besucht: O st e « de, Schev e uingech Norder n e h Md H e l g o l a n d. VMM hat den Ruk einer antisemitischest Gegend. - Die Badeverwaltung vost ' Helgoland hat uns als Hotel- und Pensionspreise 7 bis -10 Goldmavk pro Person und Tag angegeben. Die Preise für Lebensmittel sind zirka 30 Prozent höher als auf dem-Fest-, lande. Chronische katharchalifche Affektiouen der Atmustgöorgane, Schwächezustände, geistige und körperliche lieber^ anstrengung finden hier rasch Heilung. Bäder auf der Düne, int Warmbadehaus, Jagd, Fischfang, Ruder- und Segelsport, Rundfahrten um die Insel/Den Helgoländern ist, wie die Badeberilva'Itung schreibt, jeder Badegast, gleichviel, welcher Konfession, willkommen. $8' besteht kein Beschluß^ - der Gemeindevertretung gegen die Aufnahme jüdischer Gäste. Dasselbe wird uns aus - , " - Schevenittgen geschrieben. Dieses Bad ist noch beliebter als. Helgoland/ und wohl das großstädtischeste unter allen, allerdings auch, das teuerste. In ibcu sechs größten Hotels dieses holländischen Badeortes kosten die Mahlzeiten samt Zimmer in der Vorsaison 6 bis 8 holländische Gülden (im Speisesaal) 9 bis 12 timt Restaurant,, in der Hochsaison dom 15. Juli bis 31. August um ein bis zwei Gulden teurer. (Ein Gülden gleich über 26.000 K.) Die Hotels sind entzückend eingerichtet. Unterhaltungen,. Konzerte, Kabarett, Palais de Danse, Kuchausbar, Bälle, Neun i o ns, Zirkus usw. Die Bäder werden <rtu 15. Juni -eröffnet, der Kursaal am 19. Juni. Für Mitte,Mudler unerreichbar, da zu teuer Etwas billiger sind die Orte an der Ostsee, wie Saßnitz und Binz auf Rügen, teurer ist Heringsdorst Swmemünde und Züppot. Saßnitz .hat die Wunder- ,, barsten Partien und Spaziergänge, Motorboote und Lokal-, dampser vermitteln >den Verkehr mit den Nachbarorten. -Der Preis der vollen Pension beträgt durchschnittsich . 9 Gold mark, in Binz 16 Gold mark. Früher galt Ahlbeck - als antisemitisches Bad, jetzt sind G öh ren Und vor allem ' Ba n s -i n, hiefür bekannt. Im Führer heißt es: Die Ge-. fellschaft, die hier zusamenkommt, besteht nur aus -Christen. - Bei den teuren Preisen. ist der Besuch von Oesterrcichern -an der Ost- und Nordsee gering E.-Ue Kv'tels,heykm.jetz^; daran, die Preise ein wenig herabzusetzen, um NüWntztt," heranzulocken. Billiger -ist es i m . itattenischsu Tirol. ' Die Pensionspreise sind im Durchschnitt von 30 Lin aufwärts. Beliebt sind vor allem: Cortina -d'AmPezzo, ' St. Ulrich. Misur'mo, Toblach, Gulden, . Trafoi ’ und * Meran. Goss-en saß, das jetzt Colle Jsarco 'heißt, 'hat ' keine Preise angegeben, wahrscheinlich, wteik die Hotest' hoffen, die bisherigen Leibehalten -zu können. - Meran fügt den Angaben hinzu: Fleisch kösiet 6,80, 9M, 10 bü 14 Live pro Kilogramm, ein Ei 55 Cent., Milch 1,10 pro Liter, Butter 18 bis 20 Lire, Es gibt keinen Unterschied bei der Aufnahme von Juden oder Andersgläubigen. In Meran besteht ein Tempel, ein'-Gmesungshernr für jüdische Herzkranke. Die besondere Heilkraft Merans infolge seines , Klimas, die ausgezeichnete Eirrrichtung seiner Sanatorien / Hotels und Pensionen sind allgemein begannt, ü ' Von den Bädern an der; ' istrischen und italienischest Küste werden Grad o und B r -i on. i am meistest bevorzugt - Ersteres ist teurer, wird aber von Familien der Kinder - wegen stark besucht. Brioni ■ ' . ist billiger. Im Hotel Brioni (350 Zimmer) sind die Pensionspreise 30 bis 36 Lire. Frühstück: Kaffee (Tee. oder Schokolade), Butter, Honig oder Marmelade. Mittag: Vor- ' speise, Fleischspeise, Beilage, Käse, Obst. Abends: Suppe, Vorspeise oder Fisch, Fleisch abwechselnd mit Geflügel,- Beilagen, Mehlspeise, Obst. Zimmerpreise 15 bis 20 Lire, - Kweibettig mit Loggia 25 bis 35, mit Bad 40 bis 60 Lire. Die Bsvölkerung, wie überhaupt in ganz Italien, nracht, wie uns die Hotelverwaltung schreibt, keinen Unterschied- •: zwischen den einzelnen Religionen. Es ist nicht notwendig, ' für die Behörden die Religion der Fremden 'auzugebeu wie aus dem uns vorliegenden Meldezettel für Brioni er- -- sichtlich ist. - An der italienischen Küste wird Riwini stark besücht tvegen des schönen Strandes Und der vieler Unterhaltungen. Die Ö)eMindevertretung gibt die Zi.m^ mevpreise mit 30 bis 50 Lire an, in demselben Berhältiti's"' stehen die Pensionspreise. Fleisch 9 bis 11 Lire, ein E'; 50 Cent., PUlch 1,40 pro Liter. ' Bon den oberitalienischen Seen steht der ' Gardasee jetzt in her Saison morse, G o r d 0 n e und' S a l o lv.erdcn im Juni und Juli wenig besucht. Die Schwefelthermclt . von Sirmiöne bringen auch in dm Sommermonaten Kurgäste hin, jedoch zumeist Italiener. M i b a wird auch jetzt verhältnismäßig stark frequentiert. Die Pensionspreis«;