Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1914 (14.6.1924)
- Date
- 1924-06-14
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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m. mh Mett, ME« MsVßMMkMA m gasnm > - NeA S KrrM, der alle «anderen Baulichkeiten Chicagos überragt. LLoch schöner -ist das ebenfalls vor kurzem fertiggestellie Wrigley-BuWing, gleichfalls in Chicago, an dev North Michigan Avenue; ihm schräg gegenüber ist das nagelneue shaus der „Chicago Tribüne", dessen Eigentümer es sich allein für die Baupläne eine Million Dollar Hai kosten llassen, um seinem Hause den Ruhm des „schönsten Gebäudes der WM" zu sichern. In Röw-Dork sind gegenwärtig nicht weniger als vierzig neue Hochgebäude im Bau —' allerdings werden sie die neuen, bescheideneren Ausmaße einhalten müssen. Alte Häuser verschwinden massenhaft, um den neuen „UPstarts" Platz zu machen. Cim ähnliche Baulichkeit ist in vielen anderen amerikanischen Großstädten wahrzunehmen; selbst das verhältnismäßig kleine Memphis, die Hauptstadt von Tennessee, hat seit Anfang 1923 sechzehn Gebäude von 12 bis 22 Stock Köhe gebaut. Amerikanische Blätter berichten, daß nie zubor eine so rege Bantätigkeit in den Vereinigten Staaten zu verzeichnen gewesen sei. Safiktmangli Lel-Alvitv. Del-Awiw, diese jüdisch-europäische Enklave in einem /ri-entülischen Lande, ist eine recht lebhafte Stadt. Die Leute taufen geschäftig hm und her, als ob es Gott weiß wie viel lGefchäfte gäbe, und sogar die Häuser gleichen ihren Bewohnern, jedes hat seine eigene Physiognomie, keines ähnelt dem anderen und mit den vielen Erkern und Vorsprüngen scheinen sie gewissermaßen zu gestikulieren. Nur am Sabbat ist alles ruhig, die Straßen sind fast leer, und wenn zufällig ein arabischer Wagen durchfährt, wirkt er störend. Vor dem Krieg, als noch die Macht des russischen KoichüS groß und er der wahre Beherrscher von Tel-Awiw war, wurde an diesem Tage überhaupt kein Wagen in die Stadt gelassen, unid sogar der türkische KaimakaM mußte absteigen und zu Fuß in die jüdische Stadt gehen. Heute aber nimmt man dies weniger genau. Am Nachmittag beginnt die Stadt zu erwachen, die Straßen füllen sich. Die Schatten werden länger, die Sonnenkugel glüht am Rande des Meeres und bestrahlt zum Abschied die weiße Stadt. Dies ist die Zeit der eleganten Promenade am Meeresstrand; man sieht einander und man wird gesehen, die neuesten Toiletten werden ausgeführt, betrachtet und kritisiert. Die Farben am Westhimmel verändern sich schnell: Strahlend rot, gelbrot, gelb, violett, dunkelblau, und überraschend schnell kömmt die Dunkelheit. Die Bogenlampen blitzen auf — Sabbat ist vorüber. Die Zeitungsverkäufer stürzen ans dm Straßen und übevbieten sich mit grellen Schreien: „Haarez", „Doar Hajom", „Palestiue Weekly". Auf der Herzl-Straße beginnt die Lichtreklame: Kinoartige Bilder auf einer großen Leinwand, die Kinder sichen vor einem Spielwarengeschäft, und schauen den Bewegungen der „lebenden" Puppen zu, das Opernenfemble hält eine Probe, der Gesang dringt auf die Straße und das Volk hat einen billigen musikalischen Genuß. Zn einer Ausführung zu gehen ist nämlich gar nicht billig. Dafür ist es auch eine hebräische Oper. Jemeniten erscheinen und tragen große Platten auf ihren Köpfen und ein Gestell in der Hcind. Sie verteilen sich an den Straßenecken und verkaufen, je Nach der Jahreszeit, Kastanien, Obst nsw., und stets Burnüsse, die Lieblings- Näscherei der Schulkinder. Das Kasino a>y Meeresstrand öffnet sich für di« vornehme Welt und die reichen Araber, die sich dann in ihren Zeitungen bitter beklagen, daß sie an den jüdischen -Vergnügungsorten doppelte Preise zahlen müssen. Am Sabbatausgang ist das Kasino bis 1 Uhr nachts geöffnet und das Gedränge so groß, daß nicht einmal getanzt werden kann. Das Kasino ist ein „Pfahlbau" über dem Meere und bei stürmischem Wetter schlagen die Wetten in den unteren Stock. Infolge dieser Lage ist es natürlich auch im heißesten Sommer angenehm kühl. Die Tänze in der Stadt sind, vollkommen modern und die Tanzlchrer Machen gute Geschäfte. Hausbälle, sind nichts Seltenes und das Grammophon spielt die neuesten Modetänze. Am Sabbatausgang versammelt > sich -auch die Stadtvertretung, und berät sorgenvoll die schwierigen Fragen: Steuevverteilung und Erhöhung, Wasserversorgung, politische Fragen und anderes Mehr. Die sdinos haben natürlich Neue Programme, in allen Klubs und Vereinen gibt es Vorträge, Diskussionen. Dieser Abend wird gut ansgenützt und es scheint, als ob «8 alle diese unruhigen Juden di« Ruhe eines ganzen Täges kaum aushalten konnten, und sich darum jetzt, -wenn die Schranken fallen, um so eifriger in verschiedene Beschäftigungen stürzen und die Unterhaltungen auskosten. Prinzessin Sabbüt entflieht und die Bewegtheit der Woche beginnt Mit aller Macht. Ae ersten Schillinge. Gestern würde das an gekündigte Hartgeld, besten offizielle Ausgabe für Montag vorgesehen ist, zum ersten Male in den Verkehr gebracht. Die Schillinge, welche bekanntlich einen Wert von 10.0 0 0 Kronen darstellen, sind etwas größer als die Silberkronen. Sie bildeten gestern vielfach den Gesprächsstoff und das Publikum riß sich um sie. Man war sogar bereit, Agio zu zahlen, um die Münzen erstehen zu können. Cs gelangt Hartgeld in einer Summe von 6 0.0 0 0 Kronen pro Kopf der Bevölkerung zur Allsgabe. HABEN SIE SCtiGN ML GRAETZ PRÄMIE BBR Sie Lassend von Lira««. Von Moritz Müller. Wir lesen von Bürgerkrieg und Revolution in Albanien und es fehlt nicht an spannenden Schilderungen, wie die Armeen der Aufständischen vom Norden und vom Süden gegen die Hauptstadt Tirana heranrücken, um die Armee der Negierung, die mit Heldenmut diese albanische Metropole verteidigt, einzuschließen. Mehrmals in der Woche werden entscheidende Schlachten geschlagen, in denen die kämpfenden Armeen dezimiert werden und deren strategisches Ergebnis es ist, daß die feindlichen Heere einander bis zur nächsten entscheidenderen Entscheidung wohlverschanzt gegenüberliegen. Ab und zu wird die Eroberung von Tirana gemeldet, und am nächsten Tage erfährt man schon mit einem gewissen Gleichmut, daß diese Eroberung unmittelbar bevorsteht. Es ist auf alle, Falle ein höchst eiMtümlicher Krieg. Das Gemüt des europäischen Zeitungslesers, der doch immerhin an eine gewisse Wahrheit von Kriegsberichten glaubt, obwohl er selbst ja auch auf diesem Gvbiete über einige schlimme Erfahrungen verfügt, würde durch diese albanischen Widersprüche weniger erschüttert werden, «wenn es nur ein wenig Land und Leute auf dem neuesten Kriegsschauplätze kennen würde. Es gibt nämlich kein Land und es gibt keine Leute, bei denen die Wahrheit ein relativerer Begriff wäre als bei den Albanern. Sie haben eine grausame, eine vernichtende,- eine massenmordende Phantasie. Iw Leben der Wirklichkeit sind sie gar nicht so schlimm, und schon die Achtung vor der gegenseitigen Tapferkeit ist so groß, daß sie e's vorziehen, sich dem gegenseitigen unbezähmbaren Mute nicht auszusetzen. Dafür halten sie sich schadlos, indem sie in der Schilderung von entsetzenerregenden Blutbädern schwelgen, die angerichtet zu haben oder denen entronnen zu sein, den tapferen Mann ehrt. In Albanien haben die Menschen nämlich schon erkannt, was dem öden Wir'klichkeitsstnn der sonstigen Europäer Verborgen geblieben ist. Daß es nämlich.die Gesinnung ist, die den Helden macht, und nicht die Tat. Dieser westeuropäische Wirklichkeitssinn, der jetzt durch die Meldungen vom albanischen Kriegsschauplatz wieder auf eine harte Probe gestellt wird, hat auch schon in früheren Zeiten empfindliche Abfuhren in Albanien erlitten. So geschah es, daß im Herbst 1913 in Wien ein Hilferuf der albanischen Regierung entlief, die damals in Balom saß. In dem Telegramm hieß es, daß die Serben die albanische Gren«zbevolkerung bei Dibra überfallen und ein Blutbad unter ihnen angerichtet hätten. „Tausende von Verwundeten" — hieß es weiter -r- „schleppen sich in das Innere des Landes. Tirana und Elbassan sind von schwerverletzten Flüchtlingen, die ohne Aerzte und Heilmittel sind, überfüllt. Wir protestieren vor Europa gegen diese Unmenschliche Grausamkeit." Jtt Oesterreich-Uungarn erhob sich ein Schrei der Entrüstung und des tiefsten Mitgefühls über die serbische Grausamkeit Und die albanischen Leiden. Das österreichisch: Rote Kreuz rüstete alsbald unter Führung Mehrerer Militärärzte eine Rettungsexpedition aus, die eiligst mit dem größten. Apparat eines Feldspitals, zahlreichen Krankenschwestern und Bedienungsmannschaften nach Albanien aufbrach. In - Tirana begegnete ich zufällig dieser Expedition. In einem der vielen Häuser der Familie Toptani hatte sie sich «häuslich, eingerichtet, und ich erinnere mich, daß ich dort eines Abends ein von einer ungarischen Schwester zubereitetes echt magyarisches Gulasch aß, dessen paprizierte Herrlichkeit Tote hatte zum Leben erwecken können. Auch die Getränke waren von einer in Albanien sonst uttbeikanW ten Güte. Trotzdem war die Stimmung der Cxpedition'steilnehmer seltsam gedrückt. Auf meine Krage, öh sie viel zu tun hätten, sahen sie sich stumm an, um da»« in ei« unauslöschliches Gelächter auszubrechen. ,-Sehen Sie," sagte dann der Chefarzt, „so was erlebt man nur einmal. Da kommt ein Telegramm, das spricht von „Tausenden von Verwundeten". Tausende, na wie viel können das sein? Doch mindestens zweitausend: ES könne« auch drei-, ja viertausend sein. Packen wir halt eine Gpi-' talseinrichtung für tausend ein. Das ist jedenfalls zu wenig,' aber im Krieg muß man sich in solchen Fallen ja auch zu helfen wissen. Wie wir in Durazzo ankommen, frag' irifj gleich: „Also, wo sind die Verwundeten?" — „Hier sind noch keine," sagte man uns, „aber in Tirana, da wimmelt's' davon. Und erst hinter Tirana, in Elbassan, schauderhaft. Da gibsis tausende." Wir nahmen also Pferd;, Esel, was eben in dieser Verkehrswüste zu haben war. und gehen Nach Tirana. Weit und breit kein Verwundeter zu scheu. „Wo sind die tausende?" frag' ich den netten Bei, der unS empfangt. „Sie kommen Noch", sagte er. „Ehe sich dieser Strom hierherwälztz das dauert eine Zeit." Wir Warten also aus den Strom und richten, weil die Ströme in. Albanien offenbar langsam fließen, ein Spital vorläufig Mit hundert Betten ein. Sie können mich morgen dort besuchen." „Wieviel Betten haben Sie denn besetzt?" fragte ich teilnehmend. „Na, schätzen Sie. Aber Sie werden es auf keinen Fäll erraten. Also drei Patienten haben wir da: einen alten Ziegenhirten. den ein Bock gestoßen hat, einen Buben, der von einem Baum gefallen ist und sich!>as Bein gebrochen hat, und einen Schneider mit Malaria." „Und die Verwundeten?" „Die sind in Elbassan. Ich geh' morgen mit dem Feld« webel und einer Schwester hin rekognoszieren. Ich weiß gar nicht, wie ich mit dem ganzen Spital über das vet« fluchte Gebirge kommen soll." Vier Tage später traf ich den Chefarzt wieder. Er war wütend. „Alles Schwindel!" schrie er. „Dreizehn Stunden sind wir über's Gebirge geritten, ein Esel mit Medikamente« ist abgestürzt und ein anderer Esel hat mich gefragt, ob ich nicht ein Mittel gegen böse Träume hätte. Von Verwundeten keine Spur, denn der alte apoplektische Pascha, der mich wegen Nasenbluten konsultierte, ist sonst ganz gesund. In Elbassan hatte ich nur einen Patienten, die Krankenschwester, die vom Pferd gefallen und sich den Fuß verstaucht hat." „Und die Verwundeten?" „Ich kann ihnen doch nicht bi's nach «Serbien nach» lausen. Unter uns, den Menschen wäre Wähler, wenn sich alle Kviegsnachrichten so beivahrheiten würden, wie die albanischen." ' An einem der nächsten Tage, als der alte Ziegenhirj. kuriert war, und der kleine Junge wieder halbwegs Bäume besteigen konnte, der malariakranke Schneider aber nachts vorher, da er sich in dem Spital der Tausend zu einsam fühlte, heimlich ausgerückt war, schiffte sich die. große Expedition des österreichischen Roten Kreuzes in. Durazzo wieder ein und «überließ die Tausende von Verwundeten, die sie trotz alles «Suchens nicht hatten finden können, ihrem. Schicksal. - - Ich selbst aber erschrecke nicht so leicht, wenn ich aus Albanien schauderhafte Sachen höre. _ „Bosiische Zeitung." m Ratschläge. Eine Legende vom Rabbi von Berdyezew. Diese wundersame Geschichte handelt von einem armer. Juden, der seinem Gutsherrn, dessen Arrendator er war,' den Pachtzins für ein Jahr schuldete, aus Angst aus feiftdit Heimatsort flüchtete und in weiter Ferne durch Unterricht sich ein kümmerliches Brot erarbeitete. Zwölf Jahre lang legte er Groschen zu Groschen und als er so neunhundert Rubel erspart hatte, zog er heimwärts, um seine in Not zurückgelassene Familie wiederzusehen. In Berdyezew nahm ihn eine Predigt des berühmten Levi Jizchak gefangen. Er war ganz glücklich, als der große Rabbi ihn zu sich' einlud, bewirtete und, ehe er ihn entließ, zu ihm sprach:' „Ich erzähle dir drei Geschichten, wenn du mir dafür vorher bezahlst. Du mußt mir vorher für jede Geschichte dreihundert Rubel erlegen." Der arme Mann war wühl sehr verwundert, dachte jedoch bei sich, er wolle den Wunsch des Rabbi erfüllen und zählte ihm die neunhundert Rubel auf. Der Rabbi erzählte ihm hierauf die erste Geschichte, die recht kurz und komisch klang und ungefähr lautete: „Paß' auf! Wenn man zwischen zwei Wegen zu wählen Hatz so wähle man den rechtsliegenden Weg." Der Fremde wußte nicht, was diese Geschichte zu bedeuten habe und dachte, die zweite würde interessanter sei«. Und der Rabbi sprach: * „Merk' dir wohl: Ein alter Mann und ein jünger Weib sind wie der halbe Tod." Ter Gast war jetzt noch mehr erstaunt und empfand bereits Gewissensbisse darüber, daß er das viele Geld hinansgeworfen hatte und ihm nunmehr nichts für seine Frau und für die Verheiratung seiner Tochter übrig blieb. Aber schließlich fügte er sich in sein Schicksal und wartete begierigaus Mode-Krevv .c für Sommerkleider “'IIN.LaÖLERGASSE * T.lefo^ Nf 752.6**