Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1914 (14.6.1924)
- Date
- 1924-06-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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3 Nr. 1914 Wien, ©cmtSfofl Wiener Morgenzeitung. Die deutschen Sozialdemokraten siir eine Koalition. Berlin, 13. Juni. (Wolfs.) In der Nachmittagssitzung des sozialdemokratischen Parteitages wurde vom Vorsitzenden D i t t m a n n zunächst mitgeteilt, daß der Parteiausschuß die Neichsratsadgeordneten Müller-Franken, Wels, v. Crispien zu Vorsitzenden Vorschläge. Die Wahl erfolgt morgen. Wie weiter bekanntgegeben wird, ist der Antrag Müller-Franken bezüglich der Möglichkeit einer Koalitionspolitik mit 362 gegen 10b Stimmen angenommen worden. Ueber den Antrag, die Reichstagsfraktion zur Ablehnung des Reichswehretats aufznfordern, wird namentlich abgestimmt. Die Abstimmung ergibt die Ablehnung des Antrages mit 249 gegen 99 Stimmen. Wahlresorm in Deutschland. (Gigendienst -der „Wiener Morgenzeitung".) Berlin, 13. Juni. Das Reichskabinett hat gestern in einer Sitzung den Entwurf einer Abänderung de 8 Reichs Wahlgesetzes genehmigt. Dieses Reichs- Wahlgesetz sieht die Bildung kleinerer Wahlkreise und außerdem vor, daß die Parteien sich an den Kosten d es Stimmzettels beteiligen, um so mißbräuchliche Ausnützung des amtlichen Ernheitsstimmzettels bei künftigen Wahlen auszuschalten. Die russischen Borlriegsschulden. (Eigendienst -der „Wiener Morgenzeitung".) London, 13. Juni. Im Foreign Office fand eine Zusämmmku-nft der Vertreter der britischen Beisitzer russischer Anteile mit Vertretern der Sowgetdölegation statt. Die Formel, aus die man sich vorläufig einigte, daß die russischen Vorkriegsschuilden nur teilweise beUchlt werden könnerr und daß dies ohne britische Fmanzuntevstützung für die Besitzer von Obligationen nicht geschehen könne, bedeutet ein Aufgeben des bisher russischen StanÄPmÄtes. Die Russen sind weiter' bereit, ihre augenblicklichen- Forderungen auf verhältnismäßig kleine Kredite zu beschränken. Sie betonen, daß Rußland, das das Budget auifzubalaucieren versuche und den Rubel stabalisi-ert, auch ohne äußere Fina-nzlhiffe sich erholen würde, daß aber Hilfe von außen den Prozeß beschleunigen würde. Es -ist daher geplant, Rußland Exportkredite zu gewähren. Die Anleihe wird von der City und von den Bankiers noch immer bekämpft. Man hofft, bald zu einer Einigung zu gelangen. England vrSgt russisches Sklbergeld. London, 14. Juni. Die britische Münze wich vierzig Millionen Silberr übel Kr die So wje tregierung Herstellen. Da's Schatzamt hat seine Genehmigung unter der Bedingung erteilt, daß die Lieferung des Metalls sowie die Erstattung der Herstellungskosten im voraus erfolgt. Der russich-deutsche Notenwechsel beendet. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Berlin, 13. Juni. In den letzten Tagen haben außer kn Moskau auch in Berlin zur Beilegung des deutsch-russischen Konfliktes mündliche Verhandlungen stattgefunden. Rußland und Deutschland sind übereingekommen, den zeitraubenden Notenaustausch über den Konflikt als g e s ch l o sse n zu betrachten und die Beilegung des Streites in mündlicher Verhandlung herbeizuführen. Die Krawalle im Berliner Scheunenviertel. Berlin, 12, Juni. (I T. A.) Am Montag den 16. i>. findet vor dem Amtsgericht Berlin-Mitte die Hauptverhandlung gegen die Schutzpolizeibeamten Demoi und Genossen wegen Mißhandlung und Beleidigung statt. Es handelt sich um jene Schutzpolizeibeamten, die bei den pogromartigen Ausschreitungen am 5. November 1923 im Scheunenviertel in Berlin jüdische Frontsoldaten festgenommen und mißhandelt haben. Dem Prozeß wird mit großem Interesse entgegengesehen. ' Die Leiden der Sude« in Rußland. Riga, 12. Juni. (I. T. A.) Die Sowjetbehörden haben die Untersuchung über dm vor kurzem in der Buti rkasestung zu Moskau vorgekommenen Äufstand d e r 5000 Gefangener! abgeschlossen und unter..anderem verfügt, daß die damals in der Festung gefangen gewesenen 38 Zionisten, die an dem Aufruhr teilgenommenhaben sollen, in die Verbannung geschickt werden. Sie sollen in drei geschlossenen Gruppen teils nach dem Ural, teils nach dem Solowez-ki-Kloster am Weißen Meer, teils nach dem N a r i m - Distrikt verschickt werd. Unter ihnen befindet sich auch der bekannte zionistische Politiker Dr. Isaak Goldberg. Wenn bis zum 10. Juni die Erlaubnis eintrifft, daß die Gefangenen nach Palästina eingelassen werden, wird der Verbannung's« befehl zurückgezogen werden und die Gefangenen sollen die Erlaubnis erhalten, nach Palästina zu gehen. Wie bereits gemeldet. hat die Palästinenisisch-zionistische Exekutive 38 Palästina-Visa für die Gefangenen nach Moskau gesandt. Mnberromantil ln Queretaro. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) . Mexiko, 13. Juni. In der Stadt Quere taro wurde <^in Eisenbahnzug überfallen. AuS dem Ueüersall entwickelte sich ein Str aß enkains) s, bei dem 24 Personen gerötet und ' Ü2 ^u&x&T ia-mkvutaW 1»o.v£au jj]^. | Eföfffnungs-Angeige | Die Firma STEINMETZ Wäsche-Pyjamas nach Mass und Herrenmode Wien, 1. Bez., Lilieiigasse 2 Tel. 89-3* (Zugang Singtrstrasse) Tel. 89-29 fuuu Bad Gastein,Villa Dr.HissüüE! Re letzten Kurse. Radiodienst der „Wiener Morgenzeitung"? Paris, 13 Juni. Die heutige Börse hat die allgemeine Tendenz geändert. Französische Renten waren anfänglich schwächer, besserten sich aber gegen Ende -der Börse, ebenso ist -in französischen Bahnen eine leichte Besserung zu verzeichnen. In der Kulisse waren fast alle Werte gebessert. Wechselkurse. London 80,56, New-Aork 18,37,5, Prag 55,40, Bukarest 8,20, Wien 27. Paris, 13. Juni. (Radio.) Effektenschlußkurse: Banqur de France —.—, Pragobanka 405,—, Credit Lyonais 1510, Suez 13,560, Platine 760, Dabrowa - 742, Banque Ottomane 746, Central Mining 898, Rio Tinto 25,96. Le Nayhta Russe 420, Suceerie d'Egypte 986, Bakou 2586, Cantchoues sin 153,50, Chartered 46,50, Debeers ordin. 1000, Goldfields 77,25, Huanchakas 336, Jägers Fontain 237,—, Malaceaordin. 136,50, Maltzoff 455, Mexican Eagle 69,—, Padanq 336,—, Rand Fontain 84,—, Randmine 245,50, Silva plana 144. Tanganyika 147,-, Tubice soie 601.-, Utah Copper 1351, Shell 347,-. Royal Dutch —,—, Burmah —. London, 18. Juni. Devisenschlußkurs er Wien 307,600, Prag 147.25, New-York 4.31»/„. Paris 82.05, Brüssel 95,375, Rom 99,25, Zürich 24,455, Madrid 32,045, Amsterdam 11,5276, Kopenhagen 25,646. Chrtstiania 81,868, Stockholm 16,225, HelsingforS 172,25, Berlin 18 Billionen. New-Bork, 13.Juni. (Radio.) Devisenschlußkurse Taggeld 2"/o, Wechsel auf London 4,31,60, 60 Tage-Wechsel 4,28,50, Paris 5,25, Amsterdam 87,34, Berliner Schlußkurs 23V, vis 24, Prag 2,93, Silber 66'/,.___ Der Prager Benzinprozeß. (Gegendienst der .Wiener Morgenzeitu-ng".) Prag, 13. Juni. Heute begann im Benzinprozesse die Einvernahme der Zeugen, die nichts wesentlich Neues brachte. Aus den.verschiedenen Zeugenaussagen, darunter auch der des Generals N o s a l, geht hervor, daß man versucht hatte, die Beamten mehrmals zw bestechen. Nach dem jetzigen Stande des Pvozess-eS ist es wahrscheinlich, daß der Direktor der Legio-Banca, Beck, und Frcm S w a t e k freigesprochen werden. In drei Tagen findet vor dem Militärgerichte der Prozeß gegen di-e angeiklagten Militärpersonen statt. Malbert Steruber». Pr«tg, 13. Juni. Adalbert Sternberg schreibt dem „Prager Tagblatt" aus dem Hotel „Moskau" in Karlsbad, daß ein Offizierschvengevicht seine vollständige Korrekcheit ffftgeftellt habe. Der Brief schließt mit den Worten: „A ruhig Blut, di« Sache wird'cktzrkwürdige Dinge ans Tageslicht bringen." Amerika »ad die Abrüstung. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) New-Aork, 13. Juni. Nach Meldungen aus Washington plant das Marinedeprrtement die g e f a m t e a m e r ikanische Flotte im nächsten Frühjahr im Stillen Ozean für Marmewanöver zu sammeln. Es ist wahrscheinlich, daß die Flotte Australien einen Besuch abstatten wird. In amtlichen Kreisen dementiert man, daß ein Vertrag mit Japan geplant sei, durch den das Einwanderung sverbot des Kongresses außer Wirkung gesetzt wird. Der Londoner Untergrnadbahnftreik beiselegt. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) London, 13. Juni. Das Ende des Untergrundbahnstreikes hat starke politische Bedeutung. Für den Londoner Verkehr war der Streik niemals ein besonderes Hindernis, aber -er bereitete einen Sieg der Gewerkschast gegen die Hetzer innerhalb der Arbeiterschaft vor und beweist, daß es nur des energischen Auftretens des Gewerkschaftssekretärs der Eisenbahner bedurfte, um diese Kreise ihres Einflusses zu berauben. Dies bedeutet aber eine starke Erleichterung für dks Kabinett selbst. Die Erschießung des Adolf Linsler. Der Täter freigesprochen. (Gegendienst der „Wiener Morgenzeitung") Lemberg, 12. Juni. Wie erinnerlich, hat vor mehreren Wochen der Polnische Offizier Waclaw Hanika im Schnellzug Lemberg—^Zloezow dem Zloczower jüdischen Fabrikanten Adolf Linsker, als dieser an ihm vorbeiging, eine Beleidigung zugerusen, ihm dann, als Linsker sich dies energisch verbat, eine Ohrfeige versetzt, und als der Beleidigte diese Tätlichkeit mit gleicher Münze quittierte, aus seinem Dienstrevolver Schüsse gegen ihn abgegeben. Linsker erlag nach dreitägigem qualvollen Leiden im Lemberger Spital seinen Schußverletzungen; er hmterließ fünf unmündige Kinder. Nun hatte sich Hanika wegen seiner Tat, die ungeheures Auflehen erregt hatte, vor dem Lemberger militärischen Kreisgericht zu verantworten. Er verteidigte sich dahin, daß er sich nicht an alle Vorgänge erinnern, könne, da er in der Aufregung die Herrschaft über sich selbst verloren habe. Das Militärgericht sprach H a n i k a f r e i. Eine Gruppe nationaldemokratischer Studenten, welche der Verhandlung beiwohnte, nahm das Urteil mit Bravorufen auf und bereitete dem fom'if/, <iui dar Strobe Ovation c n. , 14. Juni 1924__ Seite S. Wfkiigerrieur Tolnai gegen Kaution enthaftet. Budapest, 14. Juni. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".)' Der Chefingenieur -der Wasserwerke von Jerusalem, Arpad Tolnai, -der, wie seinerzeit berichtet wurde, vor einigen Wochen in Budapest wegen angeblicher Beleidigung des Reichsvevwesers Horthy verhaftet wurde, ist gegen eine Kaution von zwanzig Millionen Kronen heute enthaftet worden. Chefingenieur Tolnai kam vor einigen Wochen aus Jerusalem zum Besuche seiner Angehörigen nach Budapest. Er war kaum 'angekommen, als Polizeidetektivs in seiner Wohnung erschienen und ihn unter -der Beschuldigung -der Beleidigung des Reichsverwesers verhafteten. Ein Oberleutnant S z a b o, der im Laufe des vorigen Jahres in Palästina eine Anstellung gesucht hatte, hatte bei der lizei die Anzeige erstattet, -daß Tolnai, als er ihn in Jerusalem auffuchte und mit chm über die ungarischen Verhältnisse sprach, gegen den Reichsverweser beleidigende Ausdrücke gebraucht habe. Tolnai wurde der Staatsanwaltschaft eingeliefert. Vor dem Untersuchungsrichter bestritt er die ihm zur Last gelegten Aeußerungen. Es sei nur so viel wahr, daß ihn der Oberleutnant in Jerusalem ausgesucht und gebeten habe, ihm bei -den Wasserwerken eine Anstellung zu geben. Der Untersuchungsrichter verhängte über Tolnai die Präventivhaft, -die auch vom Anklagesenat ans« rechterhalten wurde. Im Rekurswege kam die Angelegenheit an die königliche Tafel, die heute die Enthaftung Tolnais gegen eine Kaution von 20 Millionen Kronen anordnete. Die■ christlichnatianalen Blätter benützen die unbegründete Beschuldigung gegen Tolnai und seine Verhaftung zu den niederträchtigsten Angriffen auf den Zionismus und die Juden im allgemeinen. Die Affäre Tolnai hat übrigens eine verfluchte Aehnlichkeit mit der seinerzeitigen Verleumdungskampagne gegen den Szegediner Oberrabbmer Dr. Immanuel Löw. Horthtzs Geheimverbande. Budapest, 13. Juni. Der I u st i z a u s s ch u tz setz'ft gestern nachmittags die Verhandlungen der Strafnovelle fort. Ueber den Paragraphen 41, der von den geheimen Verbänden und Gesellschaften handelt, entspann sich eine lebhafte Debatte. Der demokratische Abgeordnete Rudolf Rnppert bemängelte an dem Gesetzentwurf, daß er Strafen nur für nicht konzessionierte Bereinigungen vorsehe. Die Gerichte sollten auch Handhaben besitzen, um die Tätigkeit erlaubter Verbände, wie zum Beispiel des Vereines der „Erwachende« Ungarn", Hu -kontrollieren. Auch die ,>Tieslanbbrigade" gefährde die öffentliche Ordnung und Sicherheit, aber das Gesetz in seiner gegenwärtigen Form würde jedes Einschreiten der Behörden gegen diese Formation ausschlichen. Karl Rassay fordert, daß die Tätigkeit aller geheim men Verbände gesetzlich eingeschränkt >werde, zumal gerade diejenigen Verbände, die ihre patriotische Gesinnung am stärksten betonen, in letzter Zeit den PatriotismÜs aufs ärgste kompromittiert haken. Man dürfe nicht zugeben, daß in Ungarn eine ,Dchwarze Hand" nach balkanischem Muster exfftteren könne. Der Paragraph 41 lasse aber dce iglichkeit der Organisierung behördlich erlaubter Ge« heimverbände zu. Der „BlutverbanddesDoPPe.lkreuzes" scheine nach Ansicht der Regierung die öffentliche Ordnung nicht zu gefährden, obwohl jede Schurkerei der letzten Jahve bei diesem Verband ihren Ausgang genommen hat. Der Sozialdemokrat Hebelt wendet sich gegen die Gerichtsurteile, durch welche jugendliche Kommunisten zu 10 bis 14 Jahren Kerker verurteilt wurden. Kommunistische Organisationen seien sicherlich für die öffentliche Ordnung gefährlich, doch könne aus dem Bestehen einer kommunistischen Organisation noch lange nicht auf einen beabsichtigten gewaltsamen Umsturz geschlossen werden. Der Demokrat Dr. Wilhelm V a z s o n y i kritisiertie die juristischen Grundlagen der Strafnovelle bezüglich der Behandlung der Geheimorganisationen und kommt znm Schluß, daß das Gesetz in der Textierung tzsss Justizmmisters nichts anderes darstelle als einen Scherz. ' Der Ausschuß verwarf sodann sämtliche Mvdffikationsanträge der Opposition und nahm den Ministerialentwurf mit Stimmenmehrheit in unveränderter Form an. _____ Nadir in Moskau. . (Gegendienst -der „Wiener Mongenzeitu-ng".) Moskau, 13. Juni. Heute feierte Radic seinen 53. Geburtstag in Moskau. Sein Porträt wurde in der ,>Jswestia" abgedruckt. Sobald er das Studium -der russischen landwirtschaftlichen Mnoritätenfrage vollendet haben wird, wird er für seine Partei ein Buch über Sowjetrußland schreiben. Sein Ziel sei, sagte er,, letzten Endes eine große Balkan-D-onau-Föderatron zu begründen. Er beäibsichtige auch alle Borkchrungen zu treffen, um seine Partei in die Rote Bauerninternativnale au^ nehmen zu lassen. 8m LSer-Ansschuß wird weiter verßandell. Der Verhandlungsausschnß der Bundesangestelltenorganisationen setzte gestern seine Beratungen ohne die Vertreter der -drei Organisationen, die am Vortage demonstrativ den Sitzungssaal verlaffen hatten, fort. Mttags erschienen die R-egierungsvertreter im Sitzungssaal. Die Beamtenvertreter der Mehrheit führten ihnen den Ernst d e r S i t -u a t i o n vor Augen und betonten auf da's nachdrücklichste, daß in der kurzen Spanne Zeit, die noch zur Verfügung stehe, die strittigen Fragen einer Lösung zugcsü'hrt werden müssen. Bor allem müsse die Frage der am