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Wiener Morgenzeitung · 1924-06-12 · Heft 1912 (12.6.1924) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
6 (1924)
Issue
Heft 1912 (12.6.1924)
Date
1924-06-12
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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ED? f _*> " Mell, VöMerMg" , Lagesbericht. Jüdische Weltteisende. DaS Reisen Hai die Geschichte dom Juden öattf feinem klingen Leide nÄveg in die Digfpora mitgegeben. Nach der ZerstÜMNlg des Tempels wurden die Juden in alle Windrichtungen zerstreut umb sie kamen 'denn auch im Norden bis zmn Schwarzen Meer und im Westen. bis nach Spanien und auf beiden Veukchnsstvaßen finden sich aus jener Zeit Spuiven Mischer Reisender. Auch zwischen Palästina und Ro>m hatten die Jud-en einen starten Verkehr aufrecht- «chalten. U Nachdem der Islam an Ausdehnung gewonnen hatte, erfüllten die Juden die wichtige Nolle des Handclsmitllers zwischen den mohammedanischeil und christlichen Ländern. Die unter dem Namen ,Mldamten" bekannten Mischen Händler wickelten, wie Jbn Kordadbeh in seinem etwa 817 geschriebenen Werk „Das Buch der Reisen" erwähnt, ihre - Handelsreisen Zwischen Spanien und China auf Zwei verschiedenen Routen ab. Andere ausgesprochen Mische Handelsstraßen bestanden zwischen Byzanz und Prag. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß die Inden auch noch weiter nach Norden gelangten. Ein IM namens Jsaac nahm an der Gesandtschaft Karls des Großen teil, die im Jahre 802 die große Reise von Aix la Chapelle zu Harum al Raschid unternommen hatte. Erwähnenswert ist auch Jakob ihn Ta rik, ^der im neunten Jahchundevt von Bagdad nach Ceylon reiste, um sich von den Hindus astronomische Bücher zu beschaffen, und Abraham ilb n Esra stellt in einem seiner Werte fest, daß die sogenannten arabischen Ziffern von einem Mischen Reisenden aus Indien nach Europa gebracht wurden. Wer auch Abraham i'bn Esra selbst hat berühmte Reisen unternommen. So unter anderem seine Reise zwischen Palästina und England in der Zeit von 1140 bis 1168. Im selben Jahrhundert hat B e njamin von Dud ela eine Reise von Saragossa nach Bagdad und zurück gemacht und hierzu elf Jahre gebraucht. In diestWe Zeit fällt die große Weltreise des P e ta chja h aus Regensbura, der, von Prag cmsreisend, über Polen, Südrußland nach Bagdad stchr, dann nach Jerufallem kam und aus seiner Mckreise den Weg Mer Griechenland nahm.. Im Jahre 1210 haben mehr als 300 französische und englische Rabbiner, dem Beispiel Juda Halevis sagend, eine Pilgerreise in das Heilige Land unternommen, und der von Hnen dovgezeichnete Weg diente nachher einer ganzen Reihe von Pilgerfahrten als Wegrichtrmg. Im fün^ehnten Jahrhundert gab es eine ganze Anzahl Mischer Reisender, die sich auf dem Gebiet der Verbreitung weltgeogoaphische r Kenntnisse einen Weltruf erwarben und auch sonst zu hohen Stellungen gelangten. So Alfonfo de Bayba, Abraham'de Bega und ganz besonders Joseph de Lame io, welch letzterer an der koNtinental-sn Expedition des Pedro de CovRham teiitnahm, welche sich die Entdeckung Ostindiens zum Ziele gesetzt hatte. Bekannt ist, daß sich unter den Teilnehmern der ersten Reise Kolumbus' gleichfalls Inden befanden. Unter den späteren jüdischen Weltreiseuden war.garrz besonders ein marokkanischerJude namens Jehonadab berühmt, der nach den Aufzeichnungen de-r Chronik hauptsächlich die nord-afrikanischen Gegenden bereiste und sich die Sprachen der dort lebenden Stämme — es werden deren 28 angegeben — angeeignet hatte. Der Jude Antonio de Mvntesinos bereiste Südamerika und behauptete 'die Aufgabe obliegt, alle amtlichen Uhren des Städtchens -u kontrollieren. Während er seine tägliche Wanderung durch di« Straßen antritt, empfängt seine liebesbedürstige Gattin ihre Verehrer. Heute stellen sich ein junger Dichter und ein Bankier ein, zufällig aber auch ein Maultiertreiber, der aus die Rückkehr des Uhrmacherwartet. Die klug« Gattin macht sich erst die Kraft des Bauevnburschen zunutze, indem sie nacheinander in einer großen Pendeluhr den lyrischen Dichter und dann den Bankier zu sich ins Schlafzimmer bringen läßt. Da aber beide ihre Aufgabe schlechdstehen, ist der Treiber nun selbst an der Reihe, die junge Marc zu trösten. Mit dem zurückkehrenden Gatten vereinigen sich die vier Personen der erlebnisreichen Stunde zu einem nachdenklichen Quintett. -Maurice Ravel hat eine geniale Mn stk geschrieben, die die große Tradition -der französischen komischen Oper fortsetzt. Aus dem Geräusch der Uhren im Laden, aus Kuckuckruf und Peitschenhieben des Postillions, aus dem Klang der Spieldose hat der französische Meister die Grundstimmung für seine Partitur gesunden, die durch ihre klare, dem Geiste des französischen Dialogs angepaßte Homophonie, durch instrumentalen Witz, durch raffinierte klangliche Untermalung eine beglückende Stunde schafft. Ns Meisterstück -des ganzen Werkes ist uns das Schlußquintett beschert worden, im formalen Aufbau, in der rhythmischen Lebendigkeit und in der lmrsikalischen Ironie eine Pevle der ganzen Literatur. Erich Stekel, ein junger Wiener MusAer, bemühte sich am Pulte, die Leichtflüssigkeit dieser Tonsprache nicht zu vergröbern. Der Opernregie Louis L a.b r r s merkte man an, das; sie sich nicht mit der .Kenntnis des Textbuches begnügt hat, sondern die besten Müschen Anregungen aus dem Geiste der Partitur empsangen hat. Die Schwerfälligkeit der Opernsänger war in der Darstellung überwunden, nicht ganz ihr Hang, neckisch zu sojnwenn Heiterkeit gefordert wird'. Der Beifall war, wie bereits gemeldet, .sehr stark. Alfred Sandt. Msener Movgenzeitungs. 12. Juni IM stt. lau <*^»9» nHWWVt!«tMHVH»IVH Ml «V’ftMWWt* Sie FreWgigkeit sSr AuMnder aufgehoben. - Administrative Verschiituag. - Politischt Kritik verboten. (Eigendtenst-er „Wiener MorgeMtung".) Budapest, 11. Juni. „Az Ujsag" veröffentlicht Einzelheiten über die vom M i n i st e r i u m d e s I n n e r n ausgearbeitete Vollzugsverordmiug zu dem Gesetzesartikel vom Jahre 1903 über die Behandlung der Ausländer in Ungarn. Die Vollzugsverordnung enthält eine ganze Reihe vor: Verschärfungen und Einschränkungen für den Aufenthalt und die Niederlassung von Ausländern in Ungarn. Die Vollzugsv-erordnung bestimmt, daß jeder Ausländer ausgewiesen werden kann, sobald eine polizeiliche Untersuchung den Nachweis erbringt, daß der ständige Aufenthalt des Ausländers vom Standpunkt der Staatsinteressen oder der öffentlichen Ordnung bedenklich sei. Der Minister des Innern kann dem Ausländer jederzeit das WohnunMertifikat entziehen, wenn der Ausländer eine für gewisse Schichten der Bevölkerung nachteilige wirtschaftliche Tätigkeit entfaltet. § 13 der neuen Verordnung hebt die Freizügigkeit für Ausländer in Ungarn vollständig auf. Ein WohnungKzer-tifikal soll in Zukunft nur das Wohnrecht in jener Gemeinde sichern, welche dem Ausländer das Zertifikat ausgestellt hat. § 21 enthält die Maßregeln bezüglich der Praxis der Ausweisungen. Die Polizeibehörden sind danach ermächtigt, im administrativen Wege jeden Ausländer auszuweisen und gegebenenfalls mit Gewalt über die Grenze zu schaffen, der sich üBet seine Identität, Staatsbürgerschaft und sein Vorleben nicht genügend auszu-weisen .vermag oder dessen Aufenthalt ans dem Staatsgebiet aus allgemein politischen Rücksichten als bedenklich erscheint. Sehr wichtig ist die Bestimmung, daß alle diejenigen Ausländer ohneweiters als bedenklich achusehen find, welche nach dem 1. Jänner 1914 in das gegenwärtige ungarische Staatsgebiet im Zusammenhang mit einer Jmmigrationsbewegung eingewandert sind, welche vom Standpunkt des Staates unerwünscht ist. Die Verordnung erklärt ferner jeden Ausländer für bedenklich, der sich über den ungarischen Staat, die nationale Armee, di« Person des Staatsoberhauptes oder die ungarische Raffe geringschätzig äußert. Im Falle der Ausweisung eines Ausländers werden dessen Familienangehörigen bis zur Abschiebung ebenso wie der Ausländer s e l b st i n S ch u tz h a f t genommen. 8 28 der Verordnung setzt weiter di« Gebühr für ein Wohnungszertifikat.mit 20 Goldkronen, die Gebühr für die Ansenthaltsbewilligung mit 2 Goldkronen pro Woche fest. * Die ungarische Delegation ist gleichzeitig mit dem Gene rälkommiffär Smith nach Genf gefahren, um beim in seinem Reisebericht, daß er i,m Jahre IE die verlorenen zehn Stämme Israels entdeckt habe. Aeußerst interessant sind die Berichte Texeiras Wer seine Reifen nach den Philippinischen Inseln, in China und Amerika. Aus dem achtzehnten Jahrhundert sind uns wenige Namen jüdischer Reisender bekannt. Bon 'Wert ist die Arbeit Samuel Romcmellis, der in Berlin lelbte, Wer seine Reisen in Gibraltar, Algier und Marokko. Im neunzehnten Jahchunidert haben Juden an der Entdeckung nnlbekannter Weltteile namhaften Anteil genommen. Joseph Wolf bereiste mit wisieufchaMchem Erfolg die Bucharer, Nathamell Jfaaes war Mitglied der ersten Expedition nach Natal und in das ZMrland, C. S. Pollack gab im Jchre 1831 sine Beschreibung über seine Erlebnisse in Neuseeland heraus. W. G. Pal-- g r a d e bereiste im vorigen Jahrhundert Mttelarabien, Armin Vamiberh Mittelasien, Kapitän Binder entdeckte den bis dahin unbekannten Nillauf, Kapitän Foa zog auf seiner Forschungsreise von Südafrika bis h'ma-rff nach Nordafvika und auch Emin Pascha Mit Louis A. Lueas trugen zur Erforschung des dunkelsten Teiles von Afrika bei. An den Polarexpeditionen im vorigen Jahrhundert erwarben sich die Juden Israel Bessels und Angelo H e ilP rin bedeutende Verdienste. Schwer« SlsrnbahnunglstS in Karlsbad. Mehrere Verletzte, bedeutender Sachschaden. Aus Karlsbad wird uns gemeldet: Gestern abends ereignete sich hier ein s ch w e r e r Z u g s z u s a m m e nst o ß. Eine Berschublokomvtive, die die Strecke noch vor Einfahrt des Prager Zuges passieren wollte, stieß mit dem einfahrenden Personenzug, der aus Georgienstadt kam, zusammen. Durch den Anprall wurden beide L-okornb-. t i v e n fast vo l l st än d i g zertrümmert Md vier Wagen des Personenzuges entgleisten. Eine'Frau, Rachil A b r a h a m o v i c aus Chemnitz, und der bekannte Tenor Erich (Franz) Wierl wurden schwer verletzt. Der Sachschaden i ft bedeutend Das Geleise konnte erst nach langwierigen Räumungsarbciteil freigemacht werden. -. Völkerbund für di« ungarische Anleihe und di« unge rischen wirtschaftlichen Erfordernisse eine günstige Stimmung zu schaffen. Offenbar zur Unterstützung der Bemühungen der Unterhändler bei den ausländischen Finanziers bringen dies« sozusagen für dieselben ausländischen Kapitalisten di« Aus w ei sung svero rdnung des ungarifchen Ministers des Innern mit.. Niw asiatische Denkungsart vermag mit so brutalem Eigen'äünkel! di« demokratif-che Orientierung der Westmächte, von deren Wohlwollen das künftige Schicksal Ungarns noch immer abhängt, zu brüskieren. Die Mldung des „Wag" bringt übrigens nicht's Neues, wir waren vor nicht langer Zeit in der Lag«, zu berichten, daß der berüchtigte Minister des Innern/ R akov Szkh, dem selbst die liberal schillerM Taktik Be thl e n s ein Dorn im Aug« ist, den untergeordneten Behörden die Geheimverordnung Nr. 20.000 strenge in Erinnerung gebracht habe. Dieser Geheimerlatz befaßt sich eben mit .der Behandlung der Ausländer nach den Gesichtspunkten der oben zitierten BollzugSverordnung. In jenem Geheimerlaß wird den Behörden die rücksichtslose Behandlung der I u d e n u n d A r b e i t« r besonders ans Herz gelegt. Daß unter solchen UmständendaSauSlandische, nnd besonders-daS jüdische Kapital auch nicht einen Augenblick daran denken kann und darf, diesem unverbesserlichen verrotteten, dev Reaktion verfallenen Regime ikn Ungarn auch nur einen Heller anzuvertrauen, liegt außer Zweifel. Nach diesem niederträchtigen Fremdengesetz kann es ja jedem ausländischen Kapitalisten oder seinem Vertreter, wenn er nach Ungarn kommt, nm di« Verhältnisse zu studieren, passieren, daß er bei der geringsten abfälligen Kritik verhaftet und, wenn er GNck hat, an die Grenze abgeschoben wird. Es karm> aber auch geschehen, daß ihm vorerst in Zalaegerszeg Gelegenheit geboten -wird, -darüber machzudenken, wie dumm es ist, diesem Horchh-Ungarn Vertrauen entgegenzubringen. Eine amtliche Gekläeurrs. Das Ungarische Telegraphen-Korvespondenzburear -meldet: Der Gesetzartikel 5 vom Jahre 1903 enthält die Bestimmungen betreffend die Evidenz Haltung der A u S l ä n d e r. Auf Grund dieses Gesetzartike-ls wurde fei- , nerzeit keine Durchführungsverordnung au'stzegeben. Dagegen wurden nach dem Kriege. unter Berufung auf diesen Gesetzartikel verschiedene Verordnungen «rlaffen. Seitens des Miniftermms des Innern wird zurzeit «die Außerkraftsetzung dieser sämtlichen Verordnungen sowie die Ausgabe einer Durchführungsverordnung unter Berücksichtigung des oben genannten Gesetzartikels erwogen. Diese Durchführungsverordmrng soll die diesbezüglichen VerwaltungS-maßnahmen .vereinheitlichen. Die auf die Tnrchführungsvewrdmtng bezügjlichm Arbeiten befinden sich jedoch erst im AnfangSstadimm. Re Richard Strauß-Feier i« München. Aus München, 11. d., wird gemeldet: Zum heutig» 60. Geburtstage von Dr. Richard Strauß veranstalteten di« Stadtgemeinde München, die Akademie der Tonkunst und die bayrischen StaatSchealer gemeinsam «inen Festabend im Odeon, zu dem die Spitzen des künstlerischen, wissenschaift-- lichen, politischen und kommunalen Lebens der Landeshauptstcckt als Ehrengäste erschienen Waren. Richard Strauß wurde, als er «mit feiner Gemahlin den Saal betrat, mit minutenlangem, begeistertem Jubel empfangen. Das Orchester, der bayrischen Staatscheater unter Hans KnappertsbUfch leitete den Festabend mit „Till EnlenspiegelS luftige Streiche" von Richard Strauß ein. Sodann richtete der erste Bürgermeister der Stadt München, Schmied, «in« Ansprache an den Gefeierten und überreichte ihm die LchrenbÜrgerurkunde der Stadt München. Mit seiner symphonischen Tondichtung „Don Juan", Richard Strauß selbst dirigiert, schloß der Festabend. Zer Sefuö in Mügkeit. Aus R o m wird gemeldet: Seit einigen Tagen weist der Vesuv wieder eine erhöhte Tätigkeit auf. Gestern öffneten sich zwei neue Krater. Kavabinieri verhindern angesichts der Gefahr seit gestern den Z nt r i t t d e r T o n r i st e n zum -Krater. Ein Raubmord in Budapest. Aus Budapest wird uns gemeldet: Heute mittags wurde in dem Hause Verböezygasse 12 e-in gtäßlicher Raubmord erttdeckt. Die Bewohner des Hauses hatten die Anzeige erstattet, daß der Hausbesorger Ignaz Pol la k seit einigen T a tz e -n n i ch t g e s e h e -u worden sei und daß aus der HansbefortzerwohMng entsetzlicher V e r w e- -j ungSg er n ch dringe. Als die Polizei die Türe zür Wohnung sprertgte, fand man ans dem Boden die 2 e i che d e 8 Ha u s b e s ö rtz e r s Pollak schon im Zustande der V er we sn ng ff egen. Sämtliche Schränke waren erbrochen. Die Untersuchung hat bisher keitte Anhaltspunkte für die Eruierüntz der Täter ergehen. Der Naubmopd dürste vor dLei biS v iet Tagen högangeü worden feiw '

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