Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1909 (8.6.1924)
- Date
- 1924-06-08
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Leite 8 Wien, Go-mckdg faßten Stffter. einer rdligiöisen Geme-mde dn der Wüste, den Vermittler und Künder eines sittlichen Gottesglaubens und GotteSwiillens, der sich weit Aber alle Volks- und PrresterreLgwn erhebt. Mit der Nteligidn des Moses hat dann das VE bei. seinem Einzug in Kanaan ganz bewußt gebrochen;' der Gemeindestöfter selbst ist, ein Opfer ssines Berufes, von seinem Voll getötet worden, um so als erster unter dielen Nachfolgern den Märtyrert «od M ertlieiden. Seine Ideen aber leiben nur in ci'mVin engen Kreise weiter, brechen zMveise etwa in Deiborah, Samuel, hervor, dis Hosea sie in einem grandiosen ZnAniftM-lld/ zu tätigem Leben erweckt, indem er mit eherner Unerbittlichkeit die Wkeihr. von Kanaan und Rückkehr in die Wüste, der eigentlichen Heimat Israels, fordert. Nach mancherlei Wandlungen nimmt besonders der zweite Jesaia dieses' Znkunstsgemalde aus, .wobei er unter dem Bilde des leidenden GptteskmchteZ die TradMon des Märtyrers Moses aussührt, der, vom Volke selb st g et ö t e t, durch seinen Opsertod die Sünde eiben dieses Volkes sühnt, um ’ als Heiland wicherzukommen. Nach dieser Hypochese des christlichen Theologen Sellin «wäre somit Moses das eigentliche Urbild des IesuZ. Von Osfip Dymow. Eine Stimme rief meinen Namen» Ich ivandte mich um; zwei Personen standen vor mir, ein Ehepaar. Die! Frau, deren Arm in dem des Mannes lagwar schlank und schön: kluge Augen lachten mir-entgegen. Der Mann hatte graues Haar: doch sein Gesicht war jung: auch ev lächelte. „Erkennen Sie mich nicht?", fragte er. „Nein — nein . .. doch... einen Augenblick... ich glaube .. . wir sahen uns in. . . in . . ." „In der Schweiz, in Zürich", half der Mann meinem Gedächtnis nach. . - - „Sie. waren ja bei unserer Hochzeit", ergänzte die schöne Frau mit hellem Lachen. - Ich lachte mit; denn jetzt erinnerte ich mich der Hochzeit, bei., der ich Zeuge gewesen war. Eine solch« Hochzeit habe ich-weder vorher noch nachher je gesehen. . Damals lebte in der Schweiz eine Menge jünger Männer und Mädchen aus Rußland; es war die Zeit, da die russische Regierung der jüdischen Jugend das Stu-! dium an den russischen Hochschulen immer mehr" erschwerte» Hunderte 'und aber hunderte junger Menschen^ die. keine Möglichkeit hatten, in Rußland zu studieren, gingen damals nach' Frankreich- Deutschland und der ' Schweiz. Dort studierten sie und existierten; die Zeit kommt nie mehr wieder. -w -; '; Eine große Reise führte mich damals zufällig in die Schweiz; das schöne,'stille Zürich gefiel mir so gut,'- daß ich beschloß,-den Sommer dort zu verbringen: So geriet ich in die-jüdische Kolonie aus Rußland und lernte ihr eigenartiges Leben kennem Eine Kolonie junger Studenten, Jünglinge und Mädchen;'! mm sieben oder acht. Uhr morgens eine Lektion; Studium bis in den späten Abendsein bescheidenes Zimmer, magere Mahlzeiten, , in denen Brot, Wurst und Tee dis Hauptrolle spielen; und am nächsten Morgen wieder eine Lektion . . .. neuer Kreislauf. . . Die Uhr ist versetzt, wenri es eine zum Versetzen gegeben hat i. ."Nicht von denen,' die sich mit der Politik befaßten, ist hier die Rede, sondern nur von' der großen Schar der künftigen Aerzte, Ingenieure ünd Chemiker. ' Auch in dieser Atmosphäre von Wissenschaft und Arbeit blühte wie immer und überall die Liebe. Man liebte und heiratete, träumte und baute da? Leben. Dort lernteich Boris Barasch kennen. . „Wer.ist.'der junge Mann.?", fragte ich. Die, Antwort lautete: . . „Er ist aus Minsk und in Lisa Fink verliebt." „Wer ist Lisa Fink?" ‘ . „Sie. ist aus Dwinsk und in Boris Barasch verliebt." „Und weiter?"! „Was weiter?" . ' Das „Weiter" kam erst später, im Sommer. Die Examina waren vorüber; in.Zürich wurde es heiß; die , Kolonie schmolz zusammen; denn alles ging in die Berge,- die wundervollen Schweizer Berge. . . Eines Abends kam. der junge Boris zu mir: „Möchten Sie'so gut sein und zu Lisa gehen und/. Ihr zu sagen, daß morgen unsere Hochzeit stattfindSt. Ich habe alles dazu vorbereitet." - „Warum sollich ihr das eigentlich sagen? Weiß sie es denn nicht selbst?" ' „Wie soll sie es denn wissen?" . „Dann sagen Sie es ihr gefälligst selber!" „Ich spreche nicht mit ihr; wir sind zerstritten. Kragen Sie sieob sie bereit ist; ich warte hier." '; Er wartete in meinem Zimmer und ich ging zu Lisa. „Boris läßt Ihnen sagen, daß Sie morgen heiraten", begann ich, „sind Sie bereit?" „Was gibt es da viel „bereit sein? Sagen Sie ihm", antwortete .sie, ,„td> bin einverstanden. Sagen Sie ihm aber auch, daß rch nie wieder mit ihm gut werde, nie." „Gut, ich werde es chm ausrichten." Boris lgg auf meinem Bett. ,-Sie ist einverstanden/// . richtete ich aus, „sie -aßt Ihnen sagen, daß sie nie wieder mtt Ihnen gut werden wird." •. „Wer' ßragf pack, ihrem Gutyerdep?", war die Ant- . Word „Vergessen Sie nicht, morgen' um W'i Uhr zur'' Trauung zu kommen. Sie ist bei Schwaezberg." s Damit ging er. ' ' Am nächsten Vormittag fand ich mich bei. Schwarzberg.ein — ein kleines Gasthaus mit einem kleinen' Extrazimmer für - Versammlungen. - , - Lisa stand in einem Winkel des Zimmers, Boris/ '»n gcgcnü^etlteaen^en; . betbc waren erregt; sie sahen einander nicht an. Um sie und um ihn hatten sich Freunde gesammelt. Von Zeit zu Zeit kam einer von Lisas Freunden hastig zu Poris - mit - einer Frage, gelaufen.. . „Lisa läßt fragen/ wo - du nach der Trauung Mittagessen wirst." < .„Was für eine dumme Fraget Natürlich bei Lidko >wie gewöhnlich; .warum soll es denn heute eine Ausnahme geben?" . . ' - „Noch, immer böse?"/ fragte ich behutsam bei her. .Braut an. ' ' - ' „Er wird es noch fühlen!", fuhr sie auf. „Ich will ihm zeigen . . ." ' - - . , „Gott, Sie strafen-ihn doch hinreichend -damit, haß Sic, ihn heiraten!"- Der geschmacklose Witz fuhr mir Heraus. : Doch Lisa nahm es ernst. . . „Das ist noch nicht genug; er soll noch fühlen . . ." Eine halbe Stunde nach der festgesetzten Zeit kam der Rabbiner und die einfache Zeremonie begann. Boris, und Lisa-standen unter dem Baldachin und blickten übereinander hinweg, als hätte die Sache mit ihnen nichjts - zu tun. - - ' '; Als der Augenblick kam, da Boris die schicksalsschweren Worte zu sprechen' und Lisa den TratiritzH siüf den Finger zu streifen hatte, machte er dabei ein so grimmiges Gesicht, daß wir nicht mehr an uns halten. konnten und hell auflachten. ' ' Das geschniegelte, selbstgefällige deutsche Männlein, das/ bei seinem gottgefälligen Geschäft vor allem auf Würde und Manierlichkeit hielt, sah uns verwundert an. und' trippelte sofort nach der Zeremonie degoittiert von jdannen. - Lisa stand beim Fenster und winkle mich'heran. In ihren Augen standen Tränen: „Sagen Sie Boris",, sprach .sie leise, mit unterdrücktem Schluchzen, „ich wünsche ihm Glück, obwohl! lich. sehr böse auf ihn bin." . , , Ich lief zu dem jungen Ehemann und überbrachte' .ihm die Botschaft. . „Das weiß ich eh'", antwortete Boris grimmig und ' trotzig. „Wenn Sie sie sehen, so sagen Sie ihr, daß. sch ihr.Glück wstnsche.. Frechheit!" . ,;v .; In dem ärmlichen Mästhaus Lidko,. /.tvo zvir. alle tzü Mittag, speisten, saß Boris an .einem Erchtz des Tischks,.. .Lisa ach/ändern. ES würde-*fo'wenig''.Min'getrüüken und.. Mn kam in Stimmungj^aber die beiden sprachen nichtj miteinander, BoM,MWGs gingen Mir. spazieren-- hany/ h ein' MfteWM' M-'W Nacht, M. M jungt Pgar, - .noch imm.er böst, HMgmtz. . ' ' 7'...,'.'/ "7; r. Wenn ich. mich recht, erinnere,, waren sie. noch zwei oder Hrei. . Tage böse-imd dann gingen sie mitsammen Mdie Berge.. ..! .. . : . Und. jetzt, nach-füu.fzchn Jahren, habe ich . sie wieder - getroffen .-^ als. liebendes, fest verbundenes.Paar.. - ... ': '' . Die-sonderbare Hochzeit .hat eine, glückliche! Ehe. er-! geben. ' / /. (Uebertragen von.S. S.) - Eine Legende. Von Friedrich Karinthh. - / JMl 'IW . Nkr,1M ,+,y,....-.•"» - —-;-—... Jedoch am erstenerhielt er pünktlich die - avisierte! Summe. ES erfaßte ihn zunächst ein Freudenrausch; lerkaufte sich eirien Rock und Wäsche, mietete ein weiches, kleine- Nest,/kaufte Kohle und chegamr zu leben. ’ Nach Ablauf einer Woche meldeten sich Gewissensbisse. Die-Zeit war da, dein vortrefflichen Jahn Devil «etwazu liefern. Am Abend gürg er daher auS dein Klub, in welchen er sich hätte edittagen lassen, zeilltcher nach Hause, ließ den Ofen Hchtieiuheizen, verzehrte sein Abendbrot und zog seinen Pyjama än. Er setzte sich sodann zu seinem Schreibtisch, schob eine seüde Mokkaschale vor sich hin, tat einen Würfel Zucker hinein, blickte zum Plafond empor und ging an die Arbeit. / > Er wartete auf die Tränen, da sich jedoch nach fünf Minuten keine einzige zeigen wollte, begann , er unruhig seine Augen zu reihen. „Nun, was ist denn paS?" sagte er verstört. Es kam. aber noch immer nichts.! „Alsolos", rief. der Dichter nervös und gekränkt, „wird es endlich?" Er krümmte den Mund nach abwärts und begann laut zu jammern. „O, ich armer, unglücklicher,-vatev- und mutterloser, verlassener, armseliger Wurm", sprach der Dichter immer lauter, „o, ich armer -Bettler Vergebens, es kam nichts. Schrecken erfaßte den Dichter. Sa kann er doch -John Devil gar nichts liefern und mit dem guten Leben ist es zu Ende. Wild und verzweifelt - begann.er seine Augen zu drücken und zu massieren, von oberv hinunter, und er keuchte dabei. „So gehles nicht", sagte er schließlich, '„der Herrgott läßt sich nicht betrügen, er sieht jadaß «ich kein .PMer bin- Ich muß etwas anderes ersinnen." - - ' .Nach einer kurzen Pause begann er aufs neue: „O, du arme, unglückliche Menschheit/ was mußt du leiden, wenn ich bedenke . . / Meine armen,, armen Mitmenschen . . . '. Er wartete aufmerksam, doch mit immer steigeudter Bestürzung nahm er wahr, daß seine Augen trocken-bliieben. Das Herz krumpfte sich vor Schrecken zusammen, denn »er fühlte, daß sein Magen verdächtig zu knurren begann. „Meine armen . . . armen Mitmenschen . . Kalter Schweiß tritt ihm auf die Stirn, da 'er fühlt, daß sich; sein: Mund immer mehr in die Brette Erzieht und er ihm gleich bis zu .den Ohren reichen -.wird. Wenn. das. noch eilten Augenblick anhält, muß er m ein lautes Lacheir ausbrechelt .. . . - .> . Er erbleicht. Nun ist doch alles zu Ende! Jetzt sott; er dem gilten Leben entsaglen, woer bereits davon kostet hat? - . . - - . Er zögerte einen Moment dann stand er auf, schüttete Wasser in den Teekocher, erwärmte das Wasser ein wenig und' goß es in die Schale, mengde etwas Salz- und einige Gramm Asche hinzu, rührte die Mischung fleißig, tcll. sie in eine .Flasche und versieg,este sie. ' ., Die Masche .sandte - er an die - Adresse der Fabäik^dx -Manchester und tvautew mit Herzklopfen auf die.-Antwort..- -Bis zum ersten ‘lieferte er pünktlich büe bestellten drei Liter.. Am ersten kam das Geld ohne jede besondere .Bemerkung'. ' > - . ' - Der Dichter atm-cke ans. Sr nahär sith> sofort einen Sekretär, richtete sich ein Laboratoriium ein und "machte sich an die Arbeit. Nach zweji Monaten verlangte er unter» Hinweis auf die starke! Verteuerung, hier Rohprodukte, «ine Gehaltserhöhung,. Es wurde, ein neuer Mrtvag abgeschlossen und der Dichter eirweiterte seinen 'Betrieb. >. Später kaufte eir von John Devil büe MaÜrik ist Manchester und. nun liefert er selbst en gaoS an PolÄiker pnd Lan-beSfürsten das Mateiriäl zu den Aeußerung^n über die friedliche Entwicklung unddas Wohlergehen der Menschheit. (Autoristorte' Mbers-etznng aus dem Ungarischen von Maurus Megei.) Der Dichter nahm an dem KafseehauStisch Platz, schob , die Schale näher, warf einen Würfel Zucker hinein und; begann, zu. weinen. Er 'weinte schön, gleichmäßig,.'erst Mit" -dem rechten, dann mit dem linken Auge, die Schäle HM er . geschickt, darunter. Als die Schale, voll war, wischte, er sich. mtt der Serviette, die. 'Augen äb, rührte die Schale um und begann den Inhalt mit Behagen zu schlürfen, An dem Nachbartisch saß ein großer baumlanger Herr, der den Dichter aufmerksam betrachtete. Plötzlich-stand-er auf und trat zu dessen Tisch. - - i„Jch heiße John Devil", sprach er kurz. ' „Der Teufel?" fragt« der Dichter n-rugierig. „Meine Familienangelegenheiten gehören biell^cht dcht hieher",. bemerkte der baumlange Herr kühl. „Im Übrigen bin ich Geschäftsmann und ich habe in Budapest geschäftlich zü tmi. Was machen Sie hier?" "„Sie sehen ja. Ich trinke meine Jause, ich könnte sogar sagen, ich esse zu Mittag." 1 „v . „Und ist das hier alles Original?"^ Der Dichter zuckte die Achseln. Mr. Devil nahm die Dchale, roch daran, tauchte einen -Finger ein und kostete. Er nickte, dann schaute er auf die -Uhr. / /; „In einer halben. Stunde reifc! ich nach Manchester. Ich bin kein Freund länger Verhandlungen, ich mache Ihnen daher ganz kurz mein Angebot. Sie liefern miv von dieser Flüssigkeit monatlich zwei bis drei Liter, den Liter um ^sechs- ' hundert Dollar. Den Betrag wird Ihnen die Bankabteilung. Meiner Fabrik, auf laufendfi-Rechnung« monatlich, im voraus ' anweisen. Die erste Rate erhalten Sie bereits anfangs dieses , Monats. Ihre Sendung 'erwarte ich spätestens bis 'zum fünfzehnten nächsten Monats. 'Ich Hab«; die Ehre." ' ., , John Devil verschwand, der Dichter rieb sich die Augen, i ,,Blödsinn", sägte er nervös»/ ' - ' Der Arnfteinsche Salon*). Don Ludwig Vato. Als das 18. Jahrhundert durch die Pforte der Zeit emtritt, findet, es in der glanzvollen. kaiserlichen Residenz eine Judenschast von nur geringer Anzchl. vor. ES sei jedoch, gleich vorweggenommen: gering an Zahl, aber beuldeutend an Ein- Auß und Ansehen. Um die Wende des Jahrhunderts beginnlt der Untergang des hohen und höchsten AdÄS und daS Emporsteigen, der bürgerlichen Gesellschaft und damit der Judenheit, die in den deutschen Landen das Mckgrat dieses «Standes bildet. Die offiziell in Wien anwesende Judenheit besteht au» durchaus reichen Familien, ist doch die Toleranz", das ist die ständige Ättsenlthaltsbewilllgung, vor allem an den' Nachweis eines namhaften Vermögens gebunden. 1821 gibt es bereits neun adelige jüdische Familien in Wien: Arnsteist, EskeleS, Herz, Hönigsberg, Lämel, Liebenberg, Neuwev, Wertheimfteltt und Rothschild. Die Wiener Juden «bilden daher um diese Zeit in ihrer Mehrheit' eine soziale Mte. '/' 7'. Eine besonders hervorragende Rolle spielt unter.ihnen, Naithan Adam Freiherr von A r nstei n, per einem , reichen- Wiener jüdischen Hause entstammt, das sein Vermögen nicht erst der Entwertung der österreichischen Währung zu verdanken. hat. Arnstein, der mich die Würde eines schwedischen Generallonsnls bekleidet,, .ist ein ruhiger, tüchtiger Kaufmann, .persönlich eher zurückgezogen und nicht von besonderer Charakterstärke. Und es stand ihm ein« Frau von blendender Schönheit und außerordentlicher Gerlstesblldlwg zur Seite. . *) Aus dem demnächst erscheinenden Buche . des Verfassers „Das jüdische Altwien",