Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 6 (1924)
- Issue
- Heft 1906 (5.6.1924)
- Date
- 1924-06-05
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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""7 "" t >7 ' ’—.l’H!'«,t " 7°/» >"7 <■ (• f" > - T. ' ■> SLr. 1900 Wien, Donnerstag Wieneir Morgenzeitung. 8. J^twi «M« Ae Beamtenforderongen. Vor dem Abschluß der Verhandlungen. rr Die Verhandlungen Mer die. neue Besolduugsovdnirng sind nunmehr in 'das er^scheidende Stadium getreten. Gestern fand eine Besprechung der Beämtenvertveter mit den Führern der Parteien statt. Die Bundesangestellten Mehrten ^stch gegen.die Wiedereinführung der Aktiviiätszulagen, weil 'dadurch eine Verkürzung bei der Penlsionsbemessung ein» tritt. Die Familienzulage wird von den Gundesangejstellten gleichfalls abgelehnt und verlangt, daß die bestehenden Kinder- und Haushaltuwgszuschüsse weiter ansbezahlt werden. Die Organisationen halben eine neueverbesserte Gehaltsskala ausgearbeitet, die den Parteiführern heute übermittelt wird. Heute werden die gemeinsamen Beratungen derPart ei führ er mit den Vertretern der Regierung und,-der Bundesangöstellten zur endgültigen Beseitigung der Diffevenzpunkte geführt werden. In den Kreisen der Beamtenschaft ist mau der Meinung, daß diese Verhandlungen sehr «bald zum «Abschluß gebracht -werden. __'_ Äe Tozlaüietkcherttng. In der gestrigen Sitzung des Ausschusies für soziale Verwaltung wurde das H e b a m m e n g e s e tz angenommen. Hierauf referierte Abgeordneter S m i t k a über seinen Antrag betreffend «die Indalidi 4 äts-, Al te r su n d Hinterbliebenenversicherung. Nach längerer -De'batte wurde unter Ablehnung eines Antrages F'o r sine r aus Einsetzung eines siebengliedrigen Unterausschusses zur Vorberatung des Antrages Smitta beschlossen, den Antrag Smitta dem bereits zur Vorberatung des AngestelltenvevsicheMNgsgesetzes bestehenden U n t e r aü sschusse zuzuweisen. kl» Aufmarsch der Arbeiter. Aus Anlaß des internationalen Gewerkschaftskongresses kuft der sozialdemokratische Parteivorstand die Wiener Arbeiter zu einer Massenkundgebung auf. Der Aufmarsch soll heute nachmittags stattfinden. Der Arbeitsschluß in den Betrieben soll um 3 Uhr nachmittags erfolgen. An der Kundgebung nehmen alle Arbeiter mit Ausnahme jener der lebenswichtigen und der Verkehrsbetriebe teil. Jas Wachsen der Großstädte. Gegenwärtig gibt es 409 Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern, und ihre Bevölkerung beziffert sich aus 137 Millionen. Um eiue Vorstellung von der Größe dieser- Ziffer zu gewinnen, müssen wir sie in ein Verhältnis zur ganzen -Bevölkerung setzen: es ergibt sich, daß 13 Prozent aller Menschen Großstädter sind. Allerdings kennen wir die GchamtibevAkerung der Erde keineswegs genau; sie wird um das Fahr 1980 mit 1819 Millionen angegeben, doch die Zahlen für China beruhen aus Schätzungen und dieise schwanken zwischen 446 und 320 Millionen. Die zahlreichsten Großstädte finden sich in Europa, das deren 202 mit einer Bevölkerung von 65 Millionen aufznweissn hat, bei einer Gesaimtbevölkerung von 451 Millionen. Wann sind diese großen Bevölkerungsanhäusungen entstanden? Dergleichen wir, um -diese Frage zu beantworten, die Bevövkerungszcchlen jener Städte, für die mn das Fahr 1800 schon zuverlässige Zahlen vorliegen, mit ihren DevMemngszchlen von 1850 und von 1920. In Europa sind es 108 Städte, die im Jahre 1600 8,264.000 Einlwchner hatten. Heute besitzen dieselben 108 Städte eine Bevölkerung von 49,937.000, während sie 1860 erst 17,937.000 Einwohner anfwielsen. Die größte EntlwiälMg fällt also erst in die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Auch die folgenden Jahrzehnte zeigen ein Anschwellen der Ziffern. Im Jahre 1900 hatten die 198 Großstadt« Europas 49,972.000 Einwohner. In Manzig Jahren ist ihre Zahl nur um 4, ihre Einwohnerzahl aber um 15 Millionen gewachsen und zweifellos wäre ohne den Weltkrieg die Entwicklung der Städte noch viel rascher vor sich gegangen. Seit 1M4 beobachten wir einen Rückschlag. Zwar gibt e8 auch Großstädte, dir durch die neue Verteilung der Erde gewonnen: haben. Die Bevölkerung Prags ist von 226.000 im Jahre 1910 auf 676.000 im Jahre 1920, Brünns von 126.000 aitff 921.000, Budapests von 880.000 auf 926.000, Athens von 167.000 ans 293.000 angestiegen. Aber das sind seltene AusnahnM; meist schen wir ein Stillstehen oder einen Rückschritt. In Dauüschland weisen 12. von den 46 Großstädten seit 1910 eine Abnahme ans. Berlin und Wien, die vor einem Jahrzehnt zwei Millionen gerade überschritten hatten, sind aus 1,903.000 und 1,841.000 zurückgegangen. Für Wien ist allerdings unlängst eine kleine Zunahme gemeldet worden. Geradezu nnglaMich ist die Vernichtung von Menschen in' Rußland feit 1914. Damals hatte das europäische Rußland (ohne die Krim) 72 -Millionen, nach der Zählung von 1920 nur noch 66,6 Millionen. Verhältnismäßig am stärksten aber wurden die großen Städte Rußlands entvölkert. Das Großstadtproblem hat -eine Unmenge Literatur gezeitigt, und in dem.bekannten vielbändigen Werk von Rooth über London besitzen wir eine vorbildliche Anatomie und Physiologie der Großstadt. Doch -ntiii ihrer Biologie hat sich noch niemand beschäftigt. AchUlich den Ri-csonbämnen Kaliforniens, die'.in den Hiinmel. zu wachsen scheinen uud, wenn, ihre Lebenskraft erschöpft ist, ohne sichtbare Ursache verfallen, sind die großen Siedlungen der Menschen einem Werden und An Raubmordversuch in Belgrad. Ser Geschäftsführer einer Wechselstube überfalle» und schwer verletzt. — -er Mer Wechselstube überfalle» verhaftet. Belgrad wird uns gemeldet: Gestern srüh wurde iim Zentrum Belgrads sin R a u b m o r d v «e r s u ch an einem Geldwechsler verübt. Als der Geschäftsführer der Wechselstube Ehasim M ed i n a, Gerson M u s ch i t s ch, die Wechselstube öffnete, wurde er von einem jungen Manne überfallen und mit einer EisenstangeamKoPfeschwerverl e tz t. Der Angreifer raffte aus der offenstehenden Kasse Vergehen unterworfen, das sich durch äußere Ursachen nicht restlos erklären läßt. Man braucht nur au Brügge zu denken, das „tote Brügge", einst ,/das Herz Europas", oder an Lueca, das oberitalieniische Landstädtchm, im Mittelalter das hochberühmte Zentrum der Seideninduistrie, oder Florenz, früher eine der größten Städte der Well. Für die Entstchung, das Wachsen, den Niedergang dieser und anderer Städte kann man Gründe genug auijizählen; aber die verschiedenen Einflüsse lassen sich nicht isolieren und daher auch nicht in ihrer Stärke Messen. Hat man eine bestimmte Großstadt im Auge, so läßt sich sehr schön beweisen, daß diese und jene Ursache, das Vorhandensein eines Hofes, der Sitz zentraler Aemter, eines Marktes, günstige ProduktionAb-eidingungen gewisser Jndustri-en, günstige Verkehtslage, Kunstschätze usw. die Menschenanhäufung Ve-vanl-aßt und gefördert habe. Mer dabei vergißt man, daß für eine große Zähl von Landstädtchen das zu sagen wäre, die es wie auf mehr als einige zehntausend Einwohner brachten, und es gibt andere Städte, die sich einer ausgesprochenen Ungunst der eben angeführten Verhältnisse erfreuen, die wie Se'bdwyla, „eine gute halbe Stunde von einem schiffbaren Fluß angepfl-anzt sind, zum sichtbaren Zeichen, daß nichts daraus werden solle". Und doch wachsen manche von ihnen an Uim-fang und Ansehen, ohne daß sie an den Zugstraßen der Welt liegen; sie lenken vielmehr, wie jede Großstadt, den Verkehr zu sich ab, von ihnen strahlen die Verkehrslinien aus, denn ihre* Bevölkerung muß ernährt werden. Oft ist darauf hingetviefen worden, daß unsere modernen Großstädte ohne die Entwicklung der. Verkehrstechnik gar nicht möglich wären. Mer es wäre einseitig, zu sagen, der moderne Verkehr habe die Großstädte geschaffen. Sie sind es vielmehr gewesen, die sich notgedrungen ihre Verkehrsmittel schufen; das sieht man -am antiken Rom der Kaisevzeit. Vom Internationalen Frauenkongreß. Aus N e w - 2) o r k wivd uns geschrieben: Vor einigen Tagen ging in Washington nach siebentägiger Arbeit der Kongreß des Internationalen Frauenverbandes für Frieden und Freiheit zu Ende. Delegierte aus vierzig Ländern, Frauen, die in den verschiedensten Sprachen ihre Referate hielten, berieten über die Mittel und Wege, wie die neue Weltordnung in Bahnen gelenkt werden könnte, die zur Versöhnung der Völker und zur Ausschaltung des Krieges führen. Alle Referate behandelten die Möglichkeiten für die Frau, aus die p a z i f i st i s ch e Richtung in dieser neuen Weltordnung mit Erfolg einzuwirken. Diese Frage wurde von allen Gesichtspunkten aus beleuchtet. So behandelte die Engländerin Miß Gladhs Rinder die erforderlichen wirtschaftlichen Aenderungen zur Verhütung der Kriegsvoraüssetzungen. Die ungarische Frauenrechtlerin Rozvka Schwimmer verlangte in ihrem Referat eine allweltliche Organisation d e r P r e s s e zur Propaganda des Pazifismus. Fvau Dr. Anita Augsburg aus Deutschland sprach über den Plan der Vereinigten Staaten von Europa. Dr. Gertrud e Wacker aus der Schweiz behandelte in dem Referat die psychologischen und wissenschaftlichen Aussichten der neuen Weltordnung. Di-e berühmte japanische Pädagogin Tana Jodai sprach «über die Pflichten des Lehrers zur psychologischen Entwicklung der Kinder gegen die Kriegsgreuel. Diese und viele ändere Referate wurden mit anerkennenswertem Ernst und viele>m Sachverständnis -diskutiert. An dem Kongreß nahm eine verhältnismäßig ansehnliche Zahl jüdischer Frauen teil, die alle in ihren Referaten und in bett Diskussionsreden darauf hinwiesen, daß die Juden schon von Natur aus und auf Grund -ihrer Geschichte mit ganzem Herzen jede dem Frieden dienende Arbeit unterstützen. Auf dem Washingtoner Kongreß wurde von einer amerikanischen Delegierten, der Schriftstellerin H. Jasfe, eine Resolution gegen den» Anti s e m i t i ’§ m u §, gegen die Judenpogrom e und 'den Numerus clausus eingebracht, von der Schweizer Gelehrten, Frau Dr. Margaret Gobart, verlesen Und begründet, von der Präsidentin des Internationalen Frauenvevbandes, Jane I d a m, und drei anderen Delegierten aufs wärmste unterstützt. Interessant ist, daß diese drei Frauen, die mit besonderem Eifer für die Annahme der Resolution eintraten, selbst aus Ländern stammen, in denen der Antisemitismus in den letzten Jahren zur höchsten Blüte gedieh. So schilderte F-rau Dr. Nadja S u r oz o w a aus der Ukraine die blutigen Judenpogrome der letzten Jahre, in welchen so viele taufende Juden ihr Leben ließen oder ihre Existnz verloren. Tausende von Pogromwaisen feien , eine schwere Anklage gegen die antisemitische Hetze. Im gleichen Sinn sprach Frau Auguste Ki r s cha u f aus Deutschland, die da's Anwachsen des Antisemitismus im Deutschen Reich und feine schweren Auswirkungen auf das öffentliche Leben schilderte. Frau Dr. 100.000 Dinar zusammen -und wollte flüchten. Durch die Rufe des UÄe». sallenen aufmerksam gemacht, setzten die Passanten' dem Flüchtenden nach, der -nach kurzer Verfolgung eingchM Ä verhaftet wurde. ' Er gab an, daß er die Tat verübt habe, weil er schon seit drei Tagen Hunger leide. Der Täter ist der twfifV f che Flüchtling Wassil Kurefch-ij, ein gewesener Zögling der russischen Militärakade mie.' ' mm Gobart wies darauf hin, daß der europäische Antis-emitismus nicht jene Macht hätte erlangen könne, die er heute besitzt, wenn -er nicht von Henry Ford reiche materielle Unterstützung erhielte. Eine interessante Einrichtung dieser 'internationalen Frauenkongresse ist die sogenannte ,-Sommerschule", die im Anschluß -an die Kongresse abgehalten wird. ^Jn -diesen Sommevschulen werden Propagandakurse über die während des Kongresses ausgetauchten Pläne zur'Förderung des Friedensgedankens abgehalten, in denen die Frage eingehender Wissenschaftlich behandelt wird als dies auf dem Kongreß möglich ist. In diesem Jahr finden /die Sommerschulkurse in Ehikago statt und -Präsidentin Jane Adams veranlaßte, daß diesmal auch ein Kurs über „Rassenhaß" und ,^Judenfrage" atbgchalten >wevde und daß!die in Betracht kommenden Delegierten für diese Kurse die antisemitische Literatur zur Verfügung stellen. Lestmeichifche Sommerfrischen.*) Kärnten. Gut besucht werden in diesem Jahve nur die Orte an den Seen, vor allem am W-örcher- und Millstättevsee, sein. Die Kurkommission von Millstatt schreibt: „Somncerwohnungen mit oder ohne Küche sind noch vorhanden. Der Zimrnerpreis stellt sich von 16.000 K. aufwärts. Fremdenwohnabgabe 30 Prozent. Preise in den Hotels: Pension von 50.000 bis 60.000 K. in der Vorsaison (Zimmer mit einem ' Bott 10.000, zwei Betten 20.000 K.); in der Hauptsaison: Pension von 70.000 bis 100.000 K., Zimmer mit . einem Bett 20.000 K., mit zwei Betten 50.000 K. Prospekt wird nur geigen 5000 K., bezichungsweise 3000 K. samt Portoauslagen übermittelt." Wir haben daher auf das Wohnungsverzeichms und -den Prospekt verzichtet, zumal im vorigen Jahre verlautLie/- daß wenig Juden in Millstatt sind. In diesem Jahre hieß es in der Antwort: „Bei uns ist kein Unterschied, ob Christ, Jude oder Mohammedaner." . .. Sehr b-eliabt ist Pörtschach am Wörtherseie, doch für den Mittelstand viel zu teuer: Pension in der HMptsaison vom 1. Juli bis 31. August 70.000 bis 160.000 K., Zimmer mit einem Bett 15.000 bis 50.000 K>, mit zwsi Betten 30.000 bis 100.000 K. Bor- und Nachsaison 25 Prozent Cvmäßigun-g. Die Mischeu Gäste werden gleich allen -Wrigen' stets zuvorkommend behandelt und ausgenom-mern Reifn-itz am Wörthersee ist billiger, dort beträgt der Zimmerpreis „n u r" 40.000 pro Tag, Pension mit Zimmer - 80.000 bis 100.000 K., Fleisch 35.000 K., Milch. 6000 K. pro Liter. .. V elden am Wörthersee ist unter den drei genannten Orten der sympathischeste, da eS, wenigstens bisher, nicht den über-mäßigeu Luxus und das Pwtzentum der Pörtschrchrr Gäste a-üstwies u-nd mit den Preisen u-wter denen von Pörtschach sieht. Rindfleisch kostet 28.000 K., Kalbfleisch 30.000 Kronen, Eier 1400 K. pro Stück. ,^Die jüdischen Gäste werden mit größter Zuvovkomanenheit empfangen, alle Bestrebungen sind aus ein gutes Saison-geschäft eingerichtet, -demenitfprechend die Haltung des G-e-meinderates und der Hoteliers." Velden^ ist als Svch-adeort, durch ssim Sportfeste und Regatten genügend bekannt. . Steiermark. Wir wollen noch berichten, daß aus Sleiermark die- Kurkommission von Baid Aussee folgendes bekanntgibt: „Pension mit Zimmer von 70.000 K. aufwärts, in Gasthöfen von 60.000 K. auswärts, in der Hochsaison Steigerung von mindestens 26 Prozent. Ein Teil unserer Kurgäste ist bereits mosaischer Konfession. Die B-evMerung benimmt sick> denselben gegenüber sehr zuvorkommend." Aus dem Burgenland hat uns das Gemeindeamt des Bades Tatzmannsdorf geairtwortet: „Pension der KurbaÄdirektion 80.000 bis 100.000 Kronen ohne Bäder. Es gibt hier e i n j ü d i s ch e 8 Hotel und eine jüdisch-rituelle Auskocherei. Das Kurpublikum besteht aus zirka 80 Prozent Juden. Die BevöllerunL ill schr zuvorkommend. * Eines ergibt sich deutlich aus allen Mitteilungen: Dir österreichischen Sonlmerfrischen haben auch in diesem Jahre einen Raubzug auf unsere Taschen vorbereitet. Aber diesmal wich er mißlingen, schon deshalb, weil der Smmnergast nicht mehr so kapitalskräftig ist wie früher wnd nicht daran denkt, sich von nnscbiederen Landlenten-Wurzen zu lassen, die sich plötzlich c. 1 ' sie unsere Landsleutie sind. , *) Vergleiche „Wiener Moraenzeitm'?" vom 24. und 27. 4. Juni.